Info-Serie Atomenergie, Folge 6: Uran-Ressourcen und die Zukunft der Atomenergie

16.09.08
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Von Netzwerk Regenbogen

Der Treibstoff der Atomkraftwerke, Uran, wird immer teurer, denn - wie irgendwann bei jeder endlichen Ressource auf einem endlichen Planeten - gehen weltweiten Vorräte zur Neige. Den Betreibern geht schon bald das Uran aus.

Der Uranbedarf für die weltweit rund 440 kommerziellen Atomkraftwerke liegt bei 62.000 Tonnen pro Jahr. Allein in der EU werden nach öffentlich verfügbaren Angaben jährlich rund 20.000 Tonnen Uran zur Stromerzeugung in Atomkraftwerken benötigt.

Der Preis für Uran hat sich allein im Zeitraum zwischen April 2004 und April 2006 vervierfacht - von 10 US-Dollar je Pound (454 Gramm) auf 40 US-Dollar je Pound. Im selben Zeitraum verdreifachte sich der Preis für Rohöl.

Bekanntlich bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Während jedoch die Nachfrage ohne einen weiteren Ausbau der Atomenergie konstant bleibt, verkleinert sich das Angebot. Laut Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation'(IAEA) ebenso wie der Nuclear Energy Agency (NEA) in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 1999 lag die Menge des - je nach Höhe der unterstellten Förderkosten - mehr oder weniger "wirtschaftlich"abbaubaren Urans bei insgesamt noch 1,25 bis vier Millionen Tonnen. Dies würde maximal für eine Dauer von 65 Jahren - also bis zum Jahr 2064 reichen.

Die im Verband Schweizer Elektrizitätsunternehmen organisierte Schweizer Atomlobby gab im September 2005 auf ihrer Homepage die Auskunft: "Teilt man die aus heutiger Sicht technisch und wirtschaftlich abbaubaren Reserven durch den jetzigen Verbrauch, erhält man die so genannte statische Reichweite. Diese beträgt (...) für Uran (ohne Brutreaktoren) rund 50 Jahre." Nach deren offensichtlich optimistischer Berechnung, bei denen keine Steigerung des Uran-Verbrauchs angenommen wurde, ergäbe sich also eine maximale Reichweite bis 2055.

Die Umweltorganisation Greenpeace veröffentlichte im Jahr 2006 eine Studie über die Reichweite der Uranvorräte der Welt:

"Unter Berücksichtigung verschiedener Szenarien zur weltweiten Entwicklung des Kraftwerkbestandes, scheinen die Uranvorräte etwa zwischen 2026 und 2070 erschöpft. Geht man davon aus, daß Atomkraft tendenziell rückläufig ist, mit Ausbaubemühungen nur weniger Länder, werden die Vorräte nach realistischen Schätzungen bis circa 2050 reichen."

Die Fachzeitschrift Politische Ökologie schreibt in ihrer Ausgabe vom März 2004: "Bei den Steigerungsraten des Verbrauchs, welche die Internationale Agentur des OECD berechnete, ergibt sich (...) Uran reicht bei der heutigen Förderung nur bis 2040."

Nun lag die Jahresfördermenge 2007 lediglich bei 41.000 Tonnen. Die weltweit benötigten 62.000 Tonnen pro Jahr können daher nur bei gleichzeitiger Reduzierung der Lagerbestände gedeckt werden.

Bei den von der IAEA genannten 1,25 bis vier Millionen Tonnen Uran handelt es sich jedoch nur zum Teil um gesicherte, zum Teil aber auch um lediglich vermutete Uranvorkommen. Aus ökonomischen Gründen werden immer zunächst die am kostengünstigsten anzubauenden Vorkommen eines Rohstoffs abgebaut und erst nach und nach weniger die ergiebige und aufwendiger zu erschließende Ressourcen. Der erhöhte Aufwand und die Verknappung wird daher in den kommenden Jahren zu drastisch ansteigenden Uran-Preisen führen.

Dies ist im Zusammenhang mit den unvermeidlich steigenden Energiepreisen wegen der zunehmenden Verknappung der fossilen Energieträger zu sehen. Bei Erdöl war das weltweite Fördermaximum bereits in den Jahren nach der Jahrtausendwende erreicht und seitdem schrumpft das Angebot. Nur bei den derzeitigen Uranpreisen und unter den gegenwärtigen Bedingungen einer - im Gegensatz zu anderen Energieträgern - fehlenden Besteuerung von Uran und der Befreiung der Atomkraftwerke von einer ernstzunehmenden Haftpflichversicherung können mit einem durchschnittlichen Atomkraftwerk jährlich rund 300 Millionen Euro Gewinn erzielt werden. Schon bei den heute realistisch auf rund fünf Milliarden Euro zu veranschlagenden Baukosten für ein Atomkraftwerk, ergibt sich daraus ein Amortisationszeitraum von über 16 Jahren. Kein Fall für Investoren - erst recht nicht wenn bei steigenden Uran-Preisen mit einer Verringerung des jährlichen Gewinns und eines daraus resultierend noch erheblich längeren Amortisationszeitraums gerechnet werden muß.

Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, wenn der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in einer  Studie aus dem Jahr 2005 mit dem Titel "Ökonomische Auswirkungen alternativer Laufzeiten von Kernkraftwerken in Deutschland" annimmt, die Brennstoffkosten für Atomkraftwerke würden den kommenden 25 Jahren konstant bleiben. Nach wie vor hoffen interessierte Kreis darauf, daß die Investitionskosten bei dem ins Auge gefaßten Neubau von Atomkraftwerken wie in den 1960er und 70er Jahren weitgehend dem Staat aufgebürdet werden können.

Seltsamer Weise bleibt in der BDI-Studie zudem unberücksichtigt, daß die Uran-Ressourcen Westeuropas verschwindend gering und nur unter höchstem Kostenaufwand abzubauen sind. Uran macht also importabhängig. 96 Prozent der globalen Uranreserven finden sich in nur zehn Staaten der Erde. Über die meisten wirtschaftlich nutzbaren Ressourcen verfügen dabei Kanada und Australien, die heute zusammen für rund 45 Prozent der geförderten Mengen stehen, gefolgt von Kasachstan, Süd-Afrika und Brasilien. Außerdem finden sich noch nennenswerte Vorkommen in Brasilien, Namibia, Usbekistan, den USA, Niger und Russland.

Auffällig ist, dass große Produzenten wie Australien, Niger und Namibia selbst über gar keine Atomkraftwerke verfügen.

Gerne wird ansonsten von Seiten der Industrie mit dem Argument für Atomenergie geworben, Deutschland müsse unabhängig von der gefährdeten Energieverorgung durch fossile Energieträger wie Öl und Gas werden. Die Abhängigkeit von Rohstoff-Importen läßt sich jedoch ganz offensichtlich mit Atomenergie nicht lösen.

Würden die immer wieder in die öffentliche Diskussion getragenen Ausbaupläne der Atomindustrie Wirklichkeit, wäre mit einem noch schnelleren Ende der Uranreserven zu rechnen. Nach einem Szenario für 2030, das mit steigendem Stromverbrauch und einem Anstieg des weltweiten Atomstroma-Anteils auf 50 Prozent rechnet, ergibt sich eine drastische Verknappung der Uran-Ressourcen. Wenn die Atomstromerzeugung ab dem Jahr 2010 linear ansteigt und 2030 das fünffache des derzeitigen Niveaus erreicht, würden hierfür bis 2030 etwa 4,5 Millionen Tonnen Uran benötigt - mehr als die von der IAEA angegebene Menge der "gesicherten und vermuteten" Uran-Ressourcen.

Besonders bedenklich ist zudem, daß die Energieschwemme, die in diesem Szenario dargestellt ist, den Ausbau einer energieintensiven Infrastruktur in der Wirtschaft fördern würde. Zugleich würden auf diesem Weg Energie-Effizienz und der Ausbau der erneuerbaren Energien völlig uninteressant. Es ist völlig widersinnig, damit zu argumentieren, ein Ausbau oder ein längeres Festhalten an der Atomenergie für eine "Übergangszeit" gäbe den erneuerbaren Energien eine Chance für deren Ausbau. Der im Szenario beschriebene energieintenive Pfad läßt zudem den dringend nötigen Kampf gegen den Treibhauseffekt außer acht.

Mit der "Wiederaufarbeitung" und dem Schnellen Brüter sollten Konzepte verfolgt werden, um die Uran-Ressourcen zu strecken. Doch diese Konzepte sind bereits vor Jahren gescheitert.

In sogenannten Wiederaufbereitungsanlagen (WAA) - in Frankreich offiziell als Plutonium-Fabriken (usine plutonium) bezeichnet - werden abgebrannte Brennlemente mechanisch und chemisch zerlegt, um Uran und das neu entstandene Plutonium zu separieren. Das Plutonium sollte dann als Brennstoff für "Schnelle Brüter" verwendet werden, um auf diese Weise die begrenzten Uranreserven um den Faktor 60 zu strecken. Von Anfang an wurden WAA wie in La Hague (Frankreich) oder Sellafield (Großbritannien) zur Plutoniumgewinnung für den Bau von Atombomben mittels des gewonnen Plutoniums konzipiert. Die Risiken des Konzepts liegen angesichts der Bedrohung nicht zuletzt durch den internationalen Terrorismus auf der Hand. Die Forderung nach weltweiter Abrüstung der Atomwaffen-Arsenale sprechen klar gegen die Wiederaufbereitung.

Gleichzeitig ist die "Wiederaufarbeitung" aus Umweltsicht der gefährlichste und unfallträchtigste Schritt der nuklearen Brennstoffkette: Die Geschichte der Anlagen von La Hague und Sellafield (früher hieß es Windscale) zeigt, daß schon der "Normalbetrieb" zu radioaktiver Verseuchung fährt. Für La Hague wurde errechnet, daß 20-mal mehr Müll entsteht, als mit den abgebrannten Brennelemente angeliefert wird. Radioaktive Nuklide, die von beiden Anlagen ins Meer gepumpt werden wie Technetium-99 sind noch an der norwegischen und grönländischen Küste nachweisbar. Hochproblematisch ist es auch, daß für die Anlieferung der Brennelemente und den Rücktransport der Reststoffe und Abfälle zahlreiche Transporte von und zu den "Wiederaufarbeitungsanlagen" nötig sind. Und mit jedem Transport steigen die Kosten und vor allem die Risiken einer radioaktiven Verseuchung durch Unfälle oder einen Terrorangriff.

Die immer wieder prognostizierten Energieverbrauchssteigerungen sind nicht unabänderlich. In Deutschland beispielsweise stagniert der Stromverbrauch seit der Jahrtausendwende bei rund 620 Terawattstunden pro Jahr. Es gibt eine Vielzahl von noch wenig eingesetzten Möglichkeiten, Energie effizienter zu nutzen. Erneuerbare Energien aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse sind tatsächlich heimische und damit sichere Energieträger. Verbunden mit Effizienzverbesserung und Stromeinsparung sind sie die umweltfreundliche und wirtschaftliche Lösung für die Energieprobleme der Zukunft.

Angesichts des knappen Urans und der knappen fossilen Energieträger können wir es uns nicht leisten, noch mehr Zeit mit absurden Diskussionen um die Atomenergie zu verschwenden. Alle Kraft muß stattdessen eingesetzt werden für eine drastische Reduktion des Energieverbrauchs, für Effizienzsteigerung und für die zügige Umstellung des Strom-, Wärme- und Verkehrssektors auf erneuerbare Energien. Ein solcher Umbau der Energiewirtschaft ist auch erforderlich, um Kriege um knappe Energierohstoffe wie Öl, Erdgas und Uran zu verhindern.


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Die vorangegangenen Folgen:

1 Grundlagenwissen

2 Der deutsche "Atom-Ausstieg"

3 Die Subventionierung der Atomenergie

4 Der siamesische Zwilling: Atombombe

5 Umweltverbrechen Uran-Abbau

 



Info-Serie Atomenergie - Folge 7: Die Geschichte der Atom-Unfälle - 23-09-08 20:16




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