Deutsche Geschichte: Die Liquidation russischer Kriegsgefangener

02.09.08
TopNewsTopNews, Antifaschismus 

 

In Erinnerung gebracht von Reinhold Schramm

(Auszug:)
>Im Spätsommer 1941 begannen in allen großen KL Deutschlands die Massenerschießungen ausgesuchter russischer Kriegsgefangener. Die ersten Exekutionen erfolgten in Buchenwald, ehe das 'Kommando 99' geschaffen war, an einem Schießstande seitlich vom Lager, im Gelände der 'Deutschen Ausrüstungs-Werke', gleich hinter der Häftlingsschneiderei. Um das Krachen der Gewehrschüsse zu übertönen, mußte zu jener Zeit das gesamte Lager, oft mitten während der Arbeitszeit, auf dem Appellplatz antreten und Lieder singen. Schon beim zweitenmal wußte jedermann, worum es sich handelte, da ja jeweils bereits eine Stunde später die Leichen in das Krematorium kamen. nach wenigen Wochen ging die Sache ohne diese ziemlich lächerliche Tarnung vor sich, bis der Pferdestall entsprechend eingerichtet war.
 Irgendeine Rettungsmöglichkeit für die Opfer hatte das Lager nicht, da sie sofort bei der Einlieferung von der Politischen Abteilung der 'Sonderbehandlung' zugeführt wurden, ohne daß sie mit dem Lager in Verbindung treten konnten. Die Erschießungen fanden bei Tag und bei Nacht statt. Die Gesamtzahl betrug in Buchenwald mindestens 7.000, wahrscheinlich aber mehr. Begründete Schätzungen gehen bis zu 9.500. Da nach jeder Liquidation die Lastwagen mit den Leichen vom Pferdestall zum Krematorium in das Lager fuhren, war dort eine ungefähre Zählung immerhin möglich. In den KL Sachsenhausen und Dachau lag die Zahl der Liquidierten ebenfalls um je 10.000.
 Die Auswahl erfolgte nach einheitlichen Richtlinien des RSHA.
Zur Liquidation wurden vor allem Offiziere, Politrucks, Komsomolzenführer und russische kommunistische Parteipersönlichkeiten bestimmt. Zu diesem Zweck befanden sich in allen 'Stalag' (Stammlagern der Kriegsgefangenen) und KL, wo Kriegsgefangene eingeliefert wurden , Gestapo-Spitzel. In Buchenwald besorgte diese traurige Arbeit ein früherer angeblich zaristischer General namens Kushnir-Kushnarew, von dem noch in anderem Zusammenhang zu sprechen sein wird. In meiner Hand befindet sich die als 'Geheime Reichssache' bezeichnete Niederschrift eines Vortrags, den zwei Weimarer Gestapo-Beamte vor einem ausgewählten Gremium über ihre Tätigkeit als derartige Spitzel im Stalag-Bezirk IV E Dresden, Altenburg, Halle, Lützen, Merseburg; Naundorf und Weißenfels gehalten haben. Die Niederschrift befand sich im Nachlaß des Gaurichters von Weimar; möglicherweise ist es das einzige Exemplar, das erhalten geblieben ist. Leider enthält es nicht den Namen des Vortragenden; sein Komplize hieß Pause. Die beiden Subjekte heben ausdrücklich hervor, daß die Richtlinien und Erlasse, nach denen sie gehandelt haben, 'im Einvernehmen mit dem Oberkommando der Wehrmacht' herausgegeben worden sind. Einleitend heißt es:

"Die Gefangennahme von bis jetzt 2,5 Millionen sowjetrussischer Soldaten und ihrer Betreuung sowie arbeitsmäßige Verwendung im Reichsgebiet stellt die Staatsführung und die Heeresleitung vor neue Aufgaben. Es werden hierbei die mannigfaltigen Erwägungen mitgesprochen haben. Soweit aus den bisher angefallenen Erlassen und Richtlinien zu ersehen ist, werden wir ein Großteil des von uns bisher eroberten Gebietes einer deutschen Kolonisationstätigkeit dienstbar machen. Wie jedem einleuchten wird, brauchen wir für das eroberte Gebiet Menschen, die 1. für den Wiederaufbau in Frage kommen, 2. die Produktionsstätten und Ländereien wieder in Gang bringen. Zur Zeit verfügen wir über einen Überschuß an deutschen Volksgenossen für diese Aufgaben noch nicht. Wir sind so gezwungen, auf den russischen Menschen selbst zurückzugreifen. Es ist klar, daß aber nicht jeder Sowjetrusse für die Arbeit in Frage kommen kann, ist doch der Russe seit Beginn der Zwanzigerjahre bis jetzt systematisch im bolschewistischen Sinn geschult und verhetzt worden. Es müssen daher alle untragbaren Elemente, die sich unter denjenigen Kriegsgefangenen befinden, welche für die Verwendung im besetzten Gebiet in Frage kommen sollen, herausgesucht und ausgeschieden werden. Als politisch untragbare Elemente gelten insbesondere bedeutende Funktionäre des Staates und der Partei, Berufsrevolutionäre und Funktionäre der Komintern, alle maßgeblichen Parteifunktionäre der KP und SU und ihrer Nebenorganisationen in den Zentralkomitees, den Gau- und Gebietskomitees, alle Volkskommissare und ihre Stellvertreter, alle ehemaligen politischen Kommissare in der Roten Armee, die leitenden Persönlichkeiten der Zentral- und der Mittelinstanzen bei den staatlichen Behörden, die führenden Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens, die sowjetische Intelligenz, alle Juden und alle Personen, die als Aufwiegler und fanatische Kommunisten festgestellt werden. Ferner die Sicherstellung aller Personen, die zum Abschluß weiterer Ermittlungen irgendwelcher Art und zur Klärung allgemein interessierender Fragen gebraucht werden."

 Um die Aufgaben rasch zu lösen, bildete das RSHA im Einvernehmen mit dem Oberkommando der Wehrmacht über die Inspekteure der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes bei fast allen Staatspolizeistellen sogenannte Einsatzkommandos, die in die Kriegsgefangenenlager abgestellt wurden. Wie sie dort vorgingen, ergibt sich aus einem einzigen Absatz des Vortrages:

"Es besteht keinerlei Veranlassung, den Russen gegenüber sentimentale oder sonstige Gefühle walten zu lassen. Deshalb werden die von den Einsatzkommandos als verdächtig ermittelten Sowjetrussen ohne Verzug, entsprechend den vom RSHA erlassenen Richtlinien vom 17. Juli 1941, diesem gemeldet und nach Eingang einer Exekutionsbestätigung erschossen. Voraussetzung hierfür ist, daß die in Frage kommenden Sowjetrussen vom OKW freigestellt und der Sicherheitspolizei übergeben wurden. Nach den zwischen den in Frage kommenden Instanzen getroffenen Vereinbarungen ist diese Voraussetzung in jedem Fall gegeben. Nach der Exekutionsbestätigung wird mit der Durchführung der angeordneten Maßnahmen sofort begonnen. Eine lange Verwahrung in den jeweiligen Lagern für den betreffenden Sowjetrussen wird vermieden. Die Exekution darf nicht im Lager und auch nicht in dessen unmittelbarer Nähe durchgeführt werden, ferner darf sie nicht öffentlich sein, und es dürfen grundsätzlich keinerlei Zuschauer zugelassen werden. Nach den vom Inspekteur in Dresden getroffenen Anordnungen werden die als unzuverlässig ermittelten Sowjetrussen auf dem schnellsten Weg einem KL zugeführt, wo dann die Exekution erfolgt."<


Quellenauszug: Eugen Kogon. Der SS-Staat, Das System der deutschen Konzentrationslager, Wilhelm Heyne Verlag, München 1977. Auszug: Gruppenschicksale und Sonderaktionen, Die Liquidation russischer Kriegsgefangener, S.257-259. (Schreibweise nach dem Original)
  







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