8000 jubeln - 300 streiken für 60

22.02.09
TopNewsTopNews, Wirtschaft, Krisendebatte, Bayern 

 

Zwei Ereignisse um Schaeffler

Von Kai aus der Kiste

Zwei bemerkenswerte Ereignisse im Kontext der Krise und der "Staatsintervention" brachte die letzte Woche:

Da demonstrierten, von den Medien wohl beachtet, ca 8000 Menschen im fränkischen Herzogenaurach für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze beim Schaeffler Konzern. Sie taten es auf merkwürdige Weise: Sie forderten staatliche Beihilfen für ihren wegen der Continental - Spekulation ins Wanken geratenen Arbeitgeber und umjubelten ihre Chefin (1), die Milliardärin Maria Elisabeth Schaeffler. Sie hatte Tränen in den Augen. Gleichzeitig geistern Meldungen durch die Medien, daß diese Dame sich weigert, ihr Privatvermögen einzubringen. Dieses stecke im Unternehmen und sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ...(2)
Von den Medien völlig unbeachtet dagegen ein zeitgleicher Vorgang in Brasilien: "18.02.09: Nach Informationen der brasilianischen Metallarbeitergewerkschaft CNM-CUT haben am 6. Februar 300 Beschäftigte des Schaeffler-Werks in Sorocaba die Arbeit niedergelegt, weil das Unternehmen 60 Kollegen in Sorocaba entlassen hatte. Damit hat Schaeffler einen Vertrag mit der Gewerkschaft CNM-CUT gebrochen.
Nach Aussage von Sidnei Morales (Mitglied der Gewerkschaftskommission) und Ademilson Terto da Silva (Gewerkschaftsvorsitzender) gibt es in Sorocaba ein Abkommen über die Nutzung von Stundenkonten bei Engpässen und Auftragsmangel, um Lohnsenkungen und Entlassungen zu vermeiden. Die Geschäftsführung hat sich nicht an diese Abmachungen gehalten." (3)
Damit sind wir mitten in einer spannenden Kontroverse, die derzeit in sehr vielen Betrieben, bei Vertrauensleuten und Betriebsräten geführt wird, die Menschen an Werkbank und Schreibtisch umtreibt: Kämpfen oder still Halten, Handeln oder Hoffen.
Die Kundgebung in Herzogenaurach bedarf, um sie in ihrer Ausprägung verstehen zu können,  einer genauen Untersuchung. Triebfeder ist sicherlich die Sorge der bei INA - Schaeffler Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze. Ein Verlust des Arbeitsplatzes jetzt, im Abwärtsstrudel einer sich noch immer dynamisierenden Krise, ist nach kurzer Episode eines knappen Arbeitslosengeldes der direkte Gang nach Hartz IV und damit in die offene Armut. Diese Angst treibt die Menschen um und läßt sie nach den gebotenen Strohhalmen greifen.
In einer solchen Situation ist es von großer Bedeutung, welche Erklärungen und Handlungsmöglichkeiten die örtliche Organisation der Arbeiterbewegung konkret gibt (4). Vor Ort hat die IG - Metall offensichtlich die Stützung des Konzerns durch öffentliche Gelder gefordert und zum Mittelpunkt der Aktion gemacht. Dabei ist durchaus bemerkenswert, wie örtlich an sich in der Tendenz richtige Versuche, den Vorgang Schaeffler - Conti durch Gewerkschaftsforderungen zu steuern, örtlich unterlaufen und damit ad absurdum geführt werden (5) Dadurch kam eine Dynamik zustande, die die ganze Stadt ergriff, ein Humus, auf dem die Hoffnung auf die "Chefin" gedeihte, die sich im Jubel bei ihrem Auftritt entlud. Wenige bürgerlich - liberale Akteure haben diese Stimmung benutzt um mit Parolen, wie sie auf dem Bild (1) der Frau mit dem Schild "gemeinsam sind wir stark" - mit Chefin Merkel und Chefin Schaeffler - zum Ausdruck kamen. Die zentrale Losung "auch wir sind Schaeffler" hat zwar versucht, zu beschreiben, daß die Arbeiterinnen und Arbeiter und die anderen Beschäftigten auch Schaeffler, nämlich als arbeitende Klasse und einzig produktiver Faktor, repräsentieren, konnte aber im Kontext der gesamten Kundgebung zum bieder - bittenden "Mitarbeiter" uminterpretiert werden.
Von besonderer Bedeutung ist auch hier die Rolle der Bild - Zeitung (6). Es ist außerordentlich geschickt, wie die politischen Inhalte, nämlich öffentliche Gelder zum weiter Funktionieren des in die Krise gekommenen Kapitals abzugreifen, mit emotionalen Rührgeschichten a la Lore - Roman transportiert werden.
Wie schon der "Kampf um Nokia" (7) haben wir es hier mit einem Musterbeispiel dafür zu tun, wie wenige Akteure Bild und Inhalt einer sozialen Aktion prägen und biegen können. In der Belegschaft von INA - Schaeffler wird sicherlich, wie in allen anderen Unternehmen auch, der in der Krise immer klarer zu Tage tretende Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Kapitalismus, das letzte Wort der Geschichte zu sein, diskutiert. Und sicherlich wird es auch viele geben, die erkennen, daß "die Chefin" selbst und das von ihr repräsentierte Wirtschaftssystem eigentlich die Ursache der Misere ist und ersetzt werden  muß durch eine Gesellschaft die Produktion und Verteilung nach Vernunftsgesichtpunkten organisiert.
Objektive Gründe, daß andere Akteure auf den Plan treten müssen und werden, gibt es reichlich. Auch öffentliche Mittel werden eine neue Kaskade des Arbeitsplatzabbaus bei INA - Schaeffler nicht verhindern, die Betroffenen also selbst ihr zukünftiges Elend finanzieren. Diese anderen Akteure gibt es. Es sind wenige - Vertrauensleute und Betriebsräte, Aktivisten von Attac und von handelnden linken Gruppen. Sie müssen sich mehr vernetzen und müssen lernen, geschickt und zielführend in Konflikte, gemeinsam mit Kernen von Betroffenen, einzugreifen.
Die geplanten Demos am 28. 3. - "wir bezahlen nicht für Eure Krise" - sind ein erster Schritt dazu. Mobilisieren wir kräftig, um ein Zeichen zu setzen, daß nicht die "Chefin", sondern die arbeitende Klasse bestimmender Akteur wird.

(1) siehe Bilder: http://www.welt.de/wirtschaft/article3228179/Demo-fuer-Schaeffler.html
(2) siehe: http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=967402&kat=6
(3) siehe: http://www.rf-news.de/2009/kw08/schaeffler-brasilien-arbeitsniederlegung-wegen-entlassung-von-60-kollegen
(4) siehe: http://www.labournet.de/branchen/auto/allg/boewe.html
(5) siehe: http://www.igmetall.de/cps/rde/xbcr/internet/docs_ig_metall_xcms_142414__2.pdf
(6) siehe: http://www.bild.de/BILD/politik/wirtschaft/2009/02/22/maria-elisabeth-schaeffler/die-frau-zwischen-allem-und-nichts-teil-1.html
(7) siehe: http://scharf-links.de/57.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=418&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=2725bfbdf1
und: http://www.scharf-links.de/57.0.html?&tx_ttnews[year]=2008&tx_ttnews[month]=02&tx_ttnews[tt_news]=510&tx_ttnews[backPid]=79&cHash=510527417c

 







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