Gesunde Ernährung mit Hartz IV?

11.02.08
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Ausstellung in Krefeld straft Hartz IV-Zyniker Sarrazin Lügen.

Von Edith Bartelmus-Scholich

2007 hat sich die öffentliche Debatte den Hungerregelsätzen von Hartz IV zugewandt. Insbesondere die Kinderarmut rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Vielen Bürgern wurde dabei  bewusst, was Leben in Armut bedeutet - und Forderungen an die Politik wurden laut. Nun rollt die Gegenoffensive des Kapitals und der Regierenden an.

Thilo Sarrazin (SPD), Finanzsenator in Berlin, der Hauptstadt der Armut, rechnet den Betroffenen in der "Welt" vor, wie sie sich  ausreichend und gesund ernähren könnten. In seinem "Speiseplan für ALG II-Betroffene" gibt es mittags eine Bratwurst zu 38 Cent, 150 Gramm Sauerkraut zu 12 Cent  und Kartoffelpürée zu 25 Cent. Auf Öl und Gewürze verwendet er weitere 20 Cent - und fertig ist das Mittagessen zu 95 Cent.

Wo Sarrazin zu diesen Preisen einkaufen will, bleibt sein Geheimnis. Die Explosion der Lebensmittelpreise im vergangenen Jahr ist ihm offensichtlich entgangen. Eine Bratwurst kostet meist nicht 38, sondern 75 Cent. Milchprodukte sind um 30% teurer geworden, Nudeln um 30% - für den wöchentlichen Einkauf der Armen eine Katastrophe. Die Preise für Schokolade, Obst, Gemüse und Fleisch ziehen gerade wieder ein Stück an.

Wie der Einkaufsalltag mit Hartz IV tatsächlich aussieht, hat gerade eine Mitarbeiterin des Erwerbslosenzentrums ALZ in Krefeld über mehrere Wochen erprobt. Sie versuchte von 26,23 Euro wöchentlich zu überleben. Das ist die Summe, die ein ALG II-Empfänger tatsächlich zur Verfügung hat. Ihre Erfahrungen sprach  sie zur Eröffnung einer Ausstellung in den Räumen der VHS Krefeld aus: "Mir war furchtbar elend, als ich sah, wie fremdbestimmt man mit so einer Summe ist. Der eigene Geschmack und Gewohnheiten bleiben völlig auf der Strecke", berichtet sie bei der Ausstellungseröffnung mit zitternder Stimme. Der günstige Camembert wanderte genauso zurück ins Regal wie ein Großteil des Gemüses, die Mettwurst und die Erdbeeren. Übrig blieben zwei Packungen Nudeln, wenige Konserven, Reis, Eier, Joghurt, zwei Liter Milch, das Vierer-Ticket der SWK, ein wenig Tabak. Waren, die nun im VHS-Foyer in Krefeld ausgestellt sind.

Thilo Sarrazin würde es genauso, wenn nicht noch schlimmer gehen. Wenn er leichtsinnigerweise zwei Wochen lang für viel Fahrgeld den Sonderangeboten hinterherfahren, die vorgesehenen 3,71 Euro täglich für seine Ernährung ausgeben und selbst kochen würde, säße er  vermutlich danach wie jedes Jahr 800.000 Haushalte im Dunkeln und die Küche bliebe kalt. Denn seit der Einführung von Hartz IV sind zusätzlich zu den Lebensmittelpreisen die Kosten für Strom und Gas um ca. 30% gestiegen. Die Betroffenen können dies schon lange nicht mehr auffangen. Viele von ihnen kochen nicht mehr, weil sie den Strom nicht bezahlen können und essen wenn sie Glück haben zwei bis drei Mal wöchentlich in einer Suppenküche. Ohne die Tafeln, die derzeit bereits 1 Million Menschen mit Lebensmittelspenden versorgen, würden die Hungerregelsätze in der reichen BRD zu einer unübersehbaren humanitären Katastrophe führen.

Dies bestätigte bei der Eröffnung der Ausstellung in Krefeld auch Jo Greyn vom ALZ. "Legt man als Maßstab die alte Sozialhilfe an, müsste ein Hartz-IV-Empfänger etwa 600 Euro erhalten. Die jetzige Summe ist menschenunwürdig."

Das ALZ in Krefeld hat errechnet, dass ein Hartz-IV-Empfänger theoretisch sechs (!) Jahre für ein gebrauchtes Fahrrad (50 Euro) sparen soll, 13 Wochen braucht, um eine halbwegs angemessene Ausstattung an Kleidung zu haben, Kinder mit wöchentlich 1,63 Euro in der Schule auskommen sollen, oder dass der Satz für Strom nur für 256 der 365 Tage im Jahr reicht. Darüber informieren zusätzliche Tafeln die Ausstellungsbesucher in Krefeld.

 

Ort und Öffnungszeiten der Ausstellung in Krefeld unter: www.krefeld.de/vhs
 

 

 

 







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