Studie belegt: Rhein-Sieg-Kreis kann sich mit eigener Energie versorgen


12.02.08
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Ziel: Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit für eine zeitgemäße Klimapolitik

Rhein-Sieg-Kreis (tw) – Der Rhein-Sieg-Kreis und Bonn verfügen über ein Potenzial an erneuerbaren Energien, das den Strom- und Wärmebedarf dieser Region zu 123 Prozent decken könnte. Das ist ein Ergebnis der neuen Studie EnergieRegion Rhein-Sieg.

Der Rhein-Sieg-Kreis stellte heute im Siegburger Kreishaus diese Ergebnisse einer wissenschaftlich-systematischen und flächendeckenden Untersuchung vor, die sich mit der Frage einer möglichen potentiellen energetischen Selbstversorgung des Rhein-Sieg-Kreises mit regionalen Erneuerbaren Energien (EE) befasst hat. Danach könnte der Rhein-Sieg-Kreis bei optimaler Nutzung aller EE energetisch autark sein.

„Die Erstellung dieser Studie ist eine Investition in die Zukunft, weil damit die Potenziale für eine künftige Versorgungssicherheit und für eine Nachhaltigkeit im Sinne einer zeitgemäßen Klimapolitik ermittelt worden sind", sagte Landrat Frithjof Kühn bei der Präsentation.

„Die Studie zeigt auf, dass eine potenzielle energetische Selbstversorgung im Rhein-Sieg-Kreis möglich ist, wenn man die Zusammenführung der Potenziale der einzelnen erneuerbaren Energien und die verschiedenen Energiebedarfe in der Gesamtbilanz betrachtet", ergänzt Kreiswirtschaftsförderer Dr. Hermann Tengler, der diese in Deutschland bislang einzigartige Studie initiierte. Die Studie wurde von der Kreissparkasse Köln gefördert.

Hintergrund der Studie

Das Thema Energie ist ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die Themen Klimawandel, Importabhängigkeit, Versorgungssicherheit und Preissteigerungen veranlassen ein Umdenken in unserer traditionellen Energieversorgung. Erneuerbare Energien werden dabei – auch nach dem Willen der Politik - in den kommenden Jahren für die Energieversorgung eine weitaus größere Rolle spielen.

Deutschland hat sich im Kyoto-Protokoll zur Reduktion von Treibhausgasen um 21 Prozent im Zeitraum 2008-2012 verglichen mit den Werten im Jahr 1990 verpflichtet.

Das Ziel des im April 2000 in Kraft getretenen Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) ist die Erhöhung des Anteils der EE im Stromsektor auf 20 Prozent bis 2020.

In den jüngsten Zielvorgaben vom Januar 2008 der EU-Kommission für den Anteil der EE im Energiemix ist für Deutschland bis 2020 ein Wert von 18 Prozent bindend.

Diese ambitionierte Vorgabe erfordert eine erhebliche Intensivierung in der Nutzung EE. Hierzu gilt es - neben Einsparungs- und Effizienzsteigerungsmaßnahmen - auch nachhaltige Ausbaustrategien zu entwerfen, damit die verfügbaren Ressourcen an EE in der Region identifiziert und bestmöglich genutzt werden können.

Der Rhein-Sieg-Kreis bereitet sich auf diese Entwicklung vor und hat die jetzt vorliegende Pilotstudie mit Unterstützung der Kreissparkasse Köln bei dem Salzburger Austrian Research Center iSPACE erarbeiten lassen.

Zielsetzungen der Studie

Durch die Gegenüberstellung einerseits von verfügbaren Energieressourcen an Solarenergie, Geothermie, Biomasse und Windkraft sowie andererseits des entsprechenden Energiebedarfs von Haushalten und Gewerbe lassen sich Regionen bilden, die bei Ausnutzung der Potenziale an EE energetisch autark sein könnten.

Spätestens bei der künftigen Umsetzung von entsprechenden Projekten ist dann die Frage nach dem WO? von Bedeutung.

- WO ist welcher Bedarf an elektrischer und thermischer Energie vorhanden?

- WO ist welches Erzeugungspotenzial aus EE verfügbar?

- WO sind Regionen, die unter Ausnützung der verfügbaren Potenziale energetisch autark sein könnten?

Antworten auf diese Fragestellungen dienen der Entwicklung energiepolitischer Planungen und Strategien mit dem Ziel, den regionalen Bedarf an Wärme- und Stromversorgung soweit wie möglich durch lokal verfügbare Energieträger zu decken. Mit diesem Projekt sollen die Optionen einer regional organisierten Energieversorgung mit EE illustriert werden, um ein unterstützendes Instrument zur Entscheidungsfindung zu bieten.

Die Studie liefert keinen Ersatz für eine dezidierte Einzelstandortanalyse im Sinne einer individuellen Investitionsentscheidung. Ihr Schwerpunkt ist hingegen das Aufzeigen eines Lösungsraums für den Ausbau eines regionalen Energiesystems. In diesem Sinne ist der Anspruch der Studie im Wesentlichen auf eine Sensibilisierung und Versachlichung einer zum Teil sehr emotional geführten Diskussion in Bezug auf die regionale Inwertsetzung erneuerbarer Energieträger ausgerichtet.

Diese Studie kann auch als Grundlage für eine Vielzahl weitergehender Überlegungen herangezogen werden. Mögliche weitere Fragestellungen können sein, wie zukünftige Bauvorhaben im Wohnbau energetisch versorgt werden, wie regionale Energiekonzepte optimiert werden können, welche Möglichkeiten sich für Kommunen, Unternehmen oder Haushalte hinsichtlich einer Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energieträgern im Rahmen des EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) ergeben könnten oder in welchen Regionen welche Energieträger bevorzugt werden sollten, um eine optimierte Energieversorgung zu gewährleisten.

Unterstützt wird durch die vorliegende Studie im Wesentlichen ein Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozess im Sinne einer nachhaltigen und regionalen Energiepolitik.

Methodik

Unter Berücksichtigung von topographischen, klimatischen und naturräumlichen Faktoren werden die energetischen Potenziale der EE Biomasse aus der Land- und Forstwirtschaft, die Windkraft, Solarkraft und Geothermie abgeschätzt.

Die zugrunde liegenden Daten sind amtliche Daten staatlicher Stellen, die von verschiedenen Einrichtungen des Landes NRW - wie zum Beispiel dem Landesvermessungsamt, dem Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik, dem Geologischen Dienst NRW, dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW und weiteren Landeseinrichtungen – sowie von den Kommunen zur Verfügung gestellt wurden. Ergänzend wurden von der Wirtschaftsförderung die größten Industrieunternehmen im Rhein-Sieg-Kreis nach Firmendaten über ihre Energieverbräuche befragt.

Zur Ermittlung der EE-Potenziale wird in einem Top-Down-Verfahren das mögliche theoretische Potenzial durch naturräumliche Faktoren auf ein technisch realisierbares Potenzial eingeschränkt. In einem weiteren Schritt wird dieses Potenzial auf ein - unter bestimmten Voraussetzungen - realisierbares Potenzial weiter reduziert und in einem einheitlichen 250x250 Meter Raster dargestellt.

Die Modellierung des Energiebedarfs von Haushalten und Betrieben – ebenfalls basierend auf einem 250x250 Meter Raster – stellt neben den energetischen Potenzialen die zweite Grundlage zur Ermittlung des lokalen und regionalen Selbstversorgungsgrads dar.

Zur Erstellung des Bilanzrasters werden zwei Rasterdatensätze mit einer Rastergröße von 250 Metern generiert, die zum einen die Potenziale der Solarkraft, Windkraft, Geothermie und Biomasse sowie zum anderen den in der Region vorhandene Strom- und Wärmebedarf aus Privathaushalten und Arbeitsstätten kumuliert erfassen.

Aus der Differenz von energetischen Potenzialen und Bedarf wird ein Bilanzraster mit energetischem Überschuss oder Mangel für die Region und ihre Teilräume abgeleitet. Durch die Ermittlung des geographischen Bilanzrasters kann die potenziell mögliche Energieautarkie – bei einer angenommenen 100 prozentigen Ausnutzung des erneuerbaren Potenzials – auch auf Gemeindebasis abgeleitet werden.

Ergebnisse

Die Resultate werden in der Studie einerseits für den gesamten Rhein-Sieg-Kreis und Bonn, sowie auch für die einzelnen Kommunen dargestellt. Dazu wird eine Gegenüberstellung von energetischem Angebot und Nachfrage vorgenommen, aus der ein potenziell möglicher energetischer Selbstversorgungsgrad abgeleitet wird.

Mit den in der vorliegenden Studie getroffenen Annahmen weisen der Rhein-Sieg Kreis und Bonn ein kumuliertes Potenzial an erneuerbaren Energieträgern auf, welches in der Lage wäre, den Strom- und Wärmebedarf zu 123 Prozent zu decken. Innerhalb der erneuerbaren Energieträger weist in der Region die Geothermie mit einem Potenzial von rund 12.773 GWh/a den höchsten Wert aus. Auch das Solarkraftpotenzial liegt mit 8.484 GWh/a in einem hohen Bereich. Im Vergleich zu den beiden vorher genannten Energieträgern weisen die Windkraft mit 1.004 GWh/a und die Biomasse mit 541 GWh/a ein geringeres Potenzial zur Deckung des energetischen Bedarfs in der Region auf.

Für den Rhein-Sieg-Kreis allein ergibt sich ein potenziell möglicher Selbstversorgungsgrad von 147 Prozent.

Dieser mögliche Autarkiegrad wird ebenso hauptsächlich durch die beiden erneuerbaren Energieträger Geothermie und Solarkraft gestützt. Das Geothermiepotenzial beträgt 10.232 GWh/a, das Solarkraftpotenzial 6.082 GWh/a. Sowohl die Windkraft als auch die Biomasse sind diesen beiden Energieträgern mit einem Potenzial von 990 GWh/a und 492 GWh/a unterlegen.

Basierend auf den ermittelten regionalen energetischen Potenzial- und Bedarfswerten sowie den ermittelten potenziellen Selbstversorgungsgraden lässt sich eine Rankingliste bezüglich einer möglichen energetischen Autarkie für die Kommunen ableiten. Dieser Selbstversorgungsgrad wird in Prozent der energetischen Nachfrage angegeben. 100 Prozent entsprechen somit einer möglichen vollständigen Autarkie.

Ausblick

Die in dieser Studie ausgewiesenen Ergebnisse erlauben eine sachliche und quantitative Diskussion zu einer potenziellen energetischen Selbstversorgung im Rhein-Sieg-Kreis sowie eine systematische und flächendeckende (Erst-)Information über Potenziale erneuerbarer Energien für Kommunen, Unternehmen und Privathaushalte. Dies dient den Zielen der Versorgungssicherheit ebenso wie der Nachhaltigkeit im Sinne einer zeitgemäßen Klimapolitik. Die Studie zeigt auf, dass eine potenzielle energetische Selbstversorgung im Rhein-Sieg-Kreis im Rahmen der Möglichkeiten liegt, wenn man die Zusammenführung der Potenziale der einzelnen erneuerbaren Energieträger und die verschiedenen Energiebedarfe in der Gesamtbilanz betrachtet.

Hierzu bedarf es künftiger weiterer Umsetzungsschritte zum konkreten Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien. Dies können z.B. konkrete Informations- und Beratungsinitiativen zu den Potenzialen und Nutzungsmöglichkeiten der erneuerbaren Energien sein ebenso wie konkrete Einzelprojekte in Kooperation z.B. von Land- und Forstwirtschaft, Unternehmen, Investoren und Kommunen. Gleichzeitig sollten auch Initiativen und Projekte zur Energieeinsparung und Steigerung der Energieeffizienz als wesentliche Bestandteile einer Verbesserung der nachhaltigen energetischen Selbstversorgung im Rhein-Sieg-Kreis entwickelt werden. Hierzu werden dann auch die Entwicklung konkreter lokaler Machbarkeitsstudien, die Prüfung der jeweils einzusetzenden Einzeltechnologien, die Berechnung der Kosten- und Beschäftigungseffekte sowie der regionalen Wertschöpfung wichtige Folgeschritte sein.

Neben der Bereitstellung der Ergebnisse in der vorliegenden Studie, werden die Daten und Ergebnisse in Kürze auch in Form digitaler Kartenwerke auf der Basis eines Geographischen Informations-System (GIS) als interaktive Version im Internet mit freiem Zugang für jeden Interessenten zur Verfügung gestellt. Hierüber wird noch gesondert informiert werden.

Die Studie ist als Download abrufbar unter:

www.rhein-sieg-kreis.de , dort unter Wirtschaft/Wirtschaftsmeldungen







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