"Der radikale Islamismus sucht die Zustimmung der Armen"


Mohammed Harbi

17.12.07
TopNewsTopNews, Internationales 

 

Interview mit Mohammed Harbi zu den Al Quaida Anschlägen in Algerien

von Geraldina Colotti, eingeleitet und übersetzt von Rosso*

Bei zwei schweren Autobombenanschlägen in der algerischen Hauptstadt Algier wurden am Dienstag, den 11.Dezember 2007, nach offiziellen Angaben 34 Menschen getötet und ca. 170 verletzt. Zu den Attentaten bekannte sich auf einer islamistischen Website der nordafrikanische Flügel der Al Qaida.  Zwei Märtyrer von Al Qaida in Nordafrika hätten Autobomben mit jeweils 800 Kilogramm Sprengstoff gezündet. Die algerische Sektion der "Al Qaida im islamischen Maghreb" entstand im Januar 2007 durch die Umbenennung der salafistischen "Gruppe für Predigt und Kampf" (GSPC) und ihre Vereinigung mit Al Qaida-Zellen in Marokko, Tunesien und Libyen. Am 11.April 2007 verübte sie Autobombenanschläge auf den Regierungssitz und ein Polizeikommissariat in Algier, bei dem 33 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt wurden. Am 11.Juli 2007 tötete ein Mitglied der Gruppe 10 Soldaten als er einen Kühllaster auf eine Kaserne in der Bergregion Lakhadaria 120 Kilometer südöstlich von Algier zusteuerte und sich kurz vor der Einfahrt in voller Fahrt in die Luft sprengte. Dabei wurden 35 weitere Personen verletzt.
Dieses Mal waren UNO-Büros und der Sitz des Obersten Gerichtshofs die Angriffsziele. Im Stadtteil Hydra explodierte die Autobombe zwischen dem Komplex des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR und einem weiteren Gebäude, in dem sich das UNO-Entwicklungsprogramm (UNDP) sowie weitere UNO-Vertretungen befinden. Unter den dortigen Todesopfern sind auch elf Mitarbeiter der Vereinten Nationen. Die zweite Autobombe ging fast zeitgleich in Ben Aknoun vor dem Obersten Gerichtshof hoch und zerfetzte einen Bus, der gerade vorbeifuhr. Nach Angaben aus Polizeikreisen war die Mehrzahl der Toten und Verletzten in Ben Aknoun Studenten. Sie seien mit dem Bus auf dem Weg zur Juristischen Fakultät gewesen. Die folgenden Ermittlungen ergaben, dass beide Attentäter amnestierte islamistische Untergrundkämpfer waren. Einer von beiden soll den Behörden zufolge Krebs im fortgeschrittenen Stadium gehabt haben (NZZ 14.12.2007).
In dem durch die Annullierung des Wahlsiegs der Islamischen Heilsfront (FIS) 1992 und die Installierung einer faktischen Militärdiktatur ausgelösten Bürgerkrieg sollen bislang rund 200.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Nach zwei großen Amnestien der staatlichen Schlächter und Folterer einerseits sowie der ihnen in Brutalität und Menschenverachtung gegenüber der Zivilbevölkerung oftmals in nichts nachstehenden ehemaligen Kämpfer des bewaffneten Arms der FIS (der Islamischen Armee des Heils - AIS) und der kleineren GIA 1999 und im Februar 2006 sowie der teilweisen Integration politischer Gruppen des algerischen Islamismus ins Establishment hat die Intensität der militärischen Auseinandersetzung zwar deutlich abgenommen. In jüngster Zeit profitiert die algerische Al Qaida-Sektion allerdings wieder von der wachsenden Frustration größerer Teile der Bevölkerung und gewinnt an Stärke.
In einem Interview für die kommunistische italienische Tageszeitung "il manifesto" vom 12.12.2007 erläutert der linke algerische Historiker und Politologe Mohammed Harbi die Hintergründe der Al Qaida-Aktionen in Algerien.
Der 1933 geborene Mohammed Harbi war als hochrangiges Mitglied der Nationalen Befreiungsbewegung (FLN) aktiv am algerischen Unabhängigkeitskampf beteiligt, der mit dem Abkommen von Evian am 18.März 1962 seinen erfolgreichen Abschluss fand. Als Berater des in Ungnade gefallenen FLN-Führers Ben Bella saß er nach dem Militärputsch von Houari Boumédiène von 1965 bis 1968 im Gefängnis. Danach ging er nach Frankreich ins Exil, wo er von 1975-80 und von 1985-89 an verschiedenen Pariser Universitäten Soziologie lehrte. Aktuell ist er Maitre de Conférences (d.h. verbeamteter Lehrbeauftragter im Range eines akademischen Rates, allerdings mit deutlich geringeren Bezügen als in der BRD) an der Universität Paris VIII. Harbi ist Autor mehrerer Bücher und zahlreicher Essays über den algerischen Befreiungskampf, die weitere algerische Geschichte und den mittlerweile zur Staatspartei gewordenen FLN. Er schreibt unter anderem für "Le Monde Diplomatique". Wie das folgende Interview zeigt, hat er zur FLN-Elite ein sehr widersprüchliches Verhältnis, das zwischen systemimmanentem Denken und Fundamentalopposition schwankt.

"Der radikale Islamismus sucht die Zustimmung der Armen"

Für den algerischen Historiker Mohammed Harbi sind die Anschläge Teil der großen Krise der benachteiligten Klassen, in die der radikale Islam eine Bresche schlagen will.

Geraldina Colotti

Wir erreichen den 1933 geborenen Historiker Mohammed Harbi in Paris. Er ist Experte für die algerische Revolution, an der er selbst beteiligt war und dafür mit fünf Jahren im Militärgefängnis bezahlte.

Wie interpretierst Du die Anschläge in Algier?

"Die erste Frage ist symbolischer Natur. Der 11.Dezember ruft de großen Massendemonstrationen für die Unabhängigkeit im Jahr 1960 in Erinnerung. Damals wiesen die Algerier De Gaulles Vorschlag zurück. Heute bestehen diese Gruppen darauf, sich, trotz ihres fremdenfeindlichen, antisemitischen und frauenfeindlichen Nationalismus, als die wahren Champions einer neuen Unabhängigkeit von den ausländischen Mächten zu präsentieren. Eine offensichtliche Symbolik gibt es auch bei der Auswahl der Ziele: Dem Verfassungspalast nahe dem Hochkommissariat der Vereinten Nationen im Stadtteil Hydra, einer sehr reichen und stark geschützten Zone von Algier. Der radikale Islamismus versucht bei den benachteiligten Klassen (vor allem unter den Jugendlichen) Anklang zu finden und dabei die Perspektivlosigkeit auszunutzen, die im Land herrscht."

Eines der explodierten Autos, das auch einen mit Studenten besetzten Bus traf, wurde im Stadtteil Ben Aknoun, in der Nähe des Obersten Gerichtshofs in die Luft gesprengt. Eine Antwort auf die Verurteilungen wegen Terrorismus, die es in den letzten Monaten gab?

"Der Verlauf der Prozesse hängt vom politischen Prozess ab. Algerien hat sich allerdings dem Moratorium in punkto Todesstrafe angeschlossen, sodass die Verurteilungen zum Tode nicht vollstreckt werden. Vonseiten des Präsidenten Bouteflika gibt es einen politischen Willen zur nationalen Versöhnung, auch weil die Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam nicht gewonnen werden kann, indem man auf Sicherheitslogiken setzt. Es gibt allerdings kein gesellschaftliches Projekt, das das durch den Bürgerkrieg zerrissene soziale Gefüge wiederherstellt. Inzwischen wächst die Verzweifelung der benachteiligten Teile der Jugendlichen und die Krise nimmt einen immer brutaleren Verlauf."

Was sind die Ursachen?

"Die Anschläge sind Teil eines Kontextes großer Schwierigkeiten für die unteren Klassen, die mit Preissteigerungen und mit einer politischen Klasse konfrontiert sind, die kein wirkliches Regierungsprogramm besitzt, während sich eine dritte Amtszeit des Präsidenten Bouteflika abzeichnet. Eine Wahl, die wirklich nur die verschiedenen Fraktionen der Macht interessiert. Unterdessen nimmt die Marginalisierung der Jugend zu. Sie ist für die gegen den Westen gerichtete ‚Unabhängigkeits'-Demagogie des islamischen Radikalismus am stärksten empfänglich. In der <Berberregion> Kabylei gibt es neben der Verschlimmerung der Anschläge Situationen eines regelrechten Banditentums. Und bestimmte Teile der Jugendlichen flüchten sich in ihre Ghettoisierung, genauso wie es in Frankreich in den Banlieues geschieht. Wo der islamische Radikalismus nichts mit den Revolten zu tun hat, da hat er jedoch etwas mit dem Fehlen von Perspektiven und umfassender Antworten auf die konkreten Probleme zu tun. In Algerien ist die Regierung nicht einmal mehr in der Lage ein Programm vorzulegen, das auf der Ebene der Bildung und der Kultur wirksam ist. Wir sind zu den Zeiten zurückgekehrt, wo wir sagten: Es gibt keine wirkliche Regierung und auch keine wirkliche Opposition."

Was bleibt von den laizistischen und sozialistischen Idealen der algerischen Revolution 50 Jahre nach der Schlacht von Algier?

"Leider sind die Opfer von gestern die Privilegierten von heute und tragen die Hauptverantwortung für das was geschieht. Gegenwärtig gibt es eine sehr große Fragmentierung der Gesellschaft, viele Teilkämpfe, aber keine Kraft, die in der Lage ist, sie in ihrer Gesamtheit zusammenzufassen. Jedes Mal, wenn es irgendeinen interessanten Gärstoff gab, hat die Macht ihn kooptiert oder vernichtet. Ich glaube nicht, dass diese Gruppen, die mehr einer internationalen Dynamik des Phänomens angehören, wieder einen solchen Einfluss ausüben können wie früher. Wir haben zuviel gelitten. Aber wir zahlen noch immer für die Fehler der Vergangenheit. Wir hätten die Wahlen von 1992 nicht annullieren sollen. Damals war die Macht zugunsten der Militärs aus dem Gleichgewicht geraten. Heute werden wir weitere Dramen nicht verhindern können, wenn es der politischen Klasse nicht gelingt, zu begreifen, dass es dabei auch um ihre Existenz geht."

Wie wird Bushs Kampf gegen den Terrorismus in Algerien wahrgenommen? Diesen Sommer kam eine nordamerikanische Beraterin, um Euch konkrete Forderungen zu stellen.

"Algerien, dass das erste Land war, das den Kampf gegen den islamischen Terrorismus im Innern begann, hat sich darüber beklagt, dass es seinerzeit allein gelassen wurde. Heute besteht mehr als alles andere die weit verbreitete Befürchtung, dass das Streben der Völker nach Unabhängigkeit im großen Kessel des Kampfes gegen den Terrorismus landet."

 

Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:   * Rosso

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat (siehe: http://www.freewebtown.com/antifauni/ Rubrik "Aktuelles" bzw. die regelmäßig erneuerten Artikel, Übersetzungen und Interviews dort).
Hinweise, Kritik, Lob oder Anfragen per Mail an: negroamaro@mymail.ch







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