Interview mit der Chefredakteurin des Hisbollah-Senders 'Al Manar', Leila Mazboudi, zur Lage im Libanon


Leila Mazboudi

18.12.07
TopNewsTopNews, Internationales 

 

Von Geraldina Colotti, eingeleitet und übersetzt von Rosso*

Die Präsidentschaftswahlen im Libanon wurden bislang mindestens acht Mal verschoben, da auch nach der Einigung auf den bisherigen Generalstabschef Michel Suleiman als neuen Präsidenten noch wesentliche Fragen zu klären sind. Überdies hat das tödliche Bombenattentat auf seinen wahrscheinlichen Nachfolger an der Armeespitze, den christlich-maronitischen Brigadegeneral Francois el-Hajj, am 12.Dezember 2007 im Beiruter Vorort Baabda, bei dem noch drei weitere Menschen getötet wurden, die Lage weiter verschärft. El-Hajj hatte die mehrwöchigen, blutigen Kämpfe gegen die Milizionäre der islamistischen Fatah al-Islam im palästinensischen Flüchtlingslager Nahr-el-Bared angeführt.

In einem Interview für die unabhängige linke italienische Tageszeitung "il manifesto" vom 13.12.2007 äußert sich die Chefredakteurin des Fernsehsenders der Hisbollah "Al Manar", Leila Mazboudi, zur Situation in der ehemaligen "Schweiz des Mittleren Ostens".

Interview:

Es spricht Leila Mazboudi vom Fernsehsender der Hisbollah

Für die Chefredakteurin von Al Manar, die sich wegen der Medlink-Konferenz in Rom aufhält, ist der Anschlag das Werk dunkler Kräfte, die von Israel und den USA angeführt werden - ein Angriff auf die nationale Einheit und auf die Opposition.

Geraldina Colotti

Die Chefredakteurin des Hisbollah-Fernsehsenders "Al Manar", Leila Mazboudi, ist in Rom, um vom 14.-16. Dezember an der von der <linken Kulturdachorganisation> ARCI, der <Metallarbeitergewerkschaft> FIOM-CGIL und der <Friedens- und internationalen Solidaritätsorganisation> Un Ponte per... organisierten Medlink-Konferenz teilzunehmen. Wir sprachen mit ihr über die dramatischen Ereignisse im Libanon.

Fünf Tage vor der Wahl des neuen Präsidenten ein weiteres Attentat. Wem nützt das?

"General Francois el-Hajj stand General Aoun vom Block für Reform und Veränderung nahe und war ein Freund von General Michel Suleiman, dem Kandidaten für das Präsidentenamt des Libanon sowie sein wahrscheinlicher Nachfolger als Armeechef. Seit einem Jahr lehnt die Parlamentsmehrheit jeden Vorschlag ab, der vom Oppositionsblock gemacht wird. Es gibt einen Konsens über die Kandidatur für das Präsidentenamt, aber nicht über die Bildung einer neuen Regierung. Dieser Mord ist daher zuallererst einmal ein Schlag gegen Suleiman und ein Angriff auf die Einheit der Opposition, die eine Regierung der nationalen Einheit fordert. Wenn bei der letzten ordentlichen Sitzung des Parlaments am 17.Dezember keine Übereinkunft erzielt wird, muss man auf die für März vorgesehene außerordentliche Sitzung warten und es wird weiterhin Unsicherheit herrschen. Bei uns gibt es immer ein Attentat im rechten Moment.

Eine andere Hypothese nennt Al Qaida als Urheber, weil Hajj die militärischen Operationen gegen die fundamentalistischen Milizen der Fatah al-Islam im palästinensischen Flüchtlingslager Nahr el-Bared geleitet hat. Was dazu allerdings nicht passt ist, dass bei 18 Attentaten, die seit 2005 im Libanon stattfanden, hier zum ersten Mal eine militärische Persönlichkeit in einem stark vom Militär überwachten Gebiet angegriffen wurde. Ist es möglich, dass eine ausländische Kraft im Land über eine solche Feuerkraft und solche logistischen Mittel verfügt und es ihr gelingt, trotz der Präsenz sehr vieler Geheimdienste und der UNIFIL so etwas ganz ungestört durchzuführen? Wir sehen uns mehr zu der Annahme veranlasst, dass es sich hier um bösartige Kräfte handelt, die die Destabilisierung des Libanon wollen - vielleicht sogar um eine Allianz zwischen Israel und den USA. Dieses Mal hat auch die Parlamentsmehrheit nicht Syrien ohne Vorbehalte ans Kreuz geschlagen, weil die Interessen der Opposition angegriffen wurden."

Al Qaida hat sich zu den Anschlägen in Algerien bekannt und schwingt sich zur Verteidigerin des arabisch-islamischen Stolzes gegen den Westen auf. Wie ist die Position der Hisbollah dazu?

"Die Hisbollah ist für militärische Aktionen gegen den Besatzer, gegen militärische Ziele im Irak, in Afghanistan und in Palästina, betrachtet aber jedes Attentat gegen Zivilisten als Abweichung / Abartigkeit. Und dann stellt sich die Frage: Wer sind diese Gruppen, um andere islamische Kräfte der Abtrünnigkeit zu beschuldigen? Es gibt den starken Verdacht, dass sie von den US-Geheimdiensten infiltriert sind, vor allem in Afghanistan. Der Islam der Hisbollah tritt für die kulturelle und politische Unterschiedlichkeit ein. ‚Al Manar' unterstützt den Widerstand aller Unterdrückten der Welt. Wir sind Anhänger der Dritten Welt und einer alternativen Globalisierung. Der ‚schiitische Halbmond' ist ein von Bush bemühtes Schreckgespenst, das nicht der Realität entspricht. Für uns stehen keine ethnischen Fragen auf dem Spiel (Schiiten gegen Sunniten, Christen gegen Moslems und so weiter), sondern die Notwendigkeit einen ausländischen Zugriff auf unsere Reichtümer und auf unsere Region zu verhindern. Die USA haben den Golf-Staaten soeben Waffen im Wert von 10 Milliarden Dollar verkauft, indem sie die Angst vor dem Iran und seiner angeblichen militärischen Nutzung der Atomenergie ausnutzten. Und das trotz der Berichte ihrer eigenen Geheimdienste, denen zufolge der Iran sein atomares Forschungsprogramm beendet hat. Die Angst zu schüren, dient Bush dazu, zusammen mit der Erhöhung des Ölpreises auch das Wachstum der Kriegsindustrie zu fördern."

Welchen Raum gibt es für die Frauen in der Hisbollah?

"Wir haben eine Änderung des internen Statuts vorgeschlagen, das traditionalistische Normen beinhaltete, die die weibliche Beteiligung an einigen Teilen des politischen Lebens verboten. Vorher war das nicht möglich gewesen, weil der Vorrang notwendigerweise auf dem Kampf gegen die militärische Besatzung lag. In Afghanistan hat der Vormarsch des Islam die Frauen eingesperrt und erstickt. In anderen Ländern, wie dem Iran, den ich gut kenne, ist das heute nicht so. Im Libanon unterhalten wir heute ausgezeichnete Beziehungen zu den Frauen der Kommunistischen Partei und haben gemeinsame Ziele: die Interessen der unteren Klassen zu vertreten und vor allem den Widerstand in seiner logistischen, militärischen und organisatorischen Form zu bewahren. Die Hisbollah ist keine Miliz, sondern eine Bewegung des Volkswiderstandes, die es dem Land ermöglichte, sich zu verteidigen und dann aufhören wird zu existieren, wenn die israelische Aggression beendet wird. Ein Sprichwort besagt: Die Stärke des Libanon liegt in seiner Schwäche! Wir sagen: Die Stärke des Libanon liegt in seiner Stärke!"

 

Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:   * Rosso

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat (siehe: http://www.freewebtown.com/antifauni/ Rubrik "Aktuelles" bzw. die regelmäßig erneuerten Artikel, Übersetzungen und Interviews dort).
Hinweise, Kritik, Lob oder Anfragen per Mail an: negroamaro@mymail.ch

 







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