Interview zur zur aktuellen Hisbollah-Position im Libanon mit Abd el Halim Fadlallah:


18.01.08
TopNewsTopNews, Internationales 

 

Interview von Geraldina Colotti, eingeleitet und übersetzt von Rosso*.

Die Lage im Libanon bleibt angespannt, wie zuletzt der Al Qaida zugeschriebene Bombenanschlag auf einen Autokonvoi der US-Botschaft am 15.Januar 2008 in Beirut zeigte, bei dem drei Passanten getötet und 10 Personen verletzt wurden (darunter ein US-Staatsbürger). Kurz zuvor brachte die linke italienische Tageszeitung "il manifesto" am 13.1.2008 das folgende Interview mit einem der Vordenker der Hisbollah, Abd el Halim Fadlallah:


"Einheit des Landes gegen ausländische Aggressionen. Hisbollah ändert ihre Linie nicht"

Der Vizepräsident des Zentrums für Strategische Studien der Partei Gottes, Abd el Halim Fadlallah: Wir wollen einen starken und eigenständigen Staat

Geraldina Colotti

Auf der von <der linken Kulturdachorganisation> ARCI, der <größten Metallarbeitergewerkschaft Italiens> FIOM-CGIL sowie <der internationalen Solidaritäts-NGO> "Un ponte per..." in Rom organisierten Medlink-Konferenz, wo der Libanon im Zentrum der Reflektion über Kultur, Politik und Religionen sowie über die "Schaffung von Alternativen im Mittelmeerraum" stand, trafen wir Abd el Halim Fadlallah, den Vizepräsidenten des Consultative Center For Studies and Documentation (CCSD), dem Zentrum der Hisbollah für Strategische Studien.

Welches sind die strategischen Linien der Hisbollah?

"Die Verteidigung des libanesischen Territoriums gegen die israelische Aggression und die Befreiung von jeglichem ausländischen Einfluss sowie die Beteiligung auf breiter Basis an einem starken und eigenständigen Staat."

Was für einen Staat will die Hisbollah?

"Die Hisbollah wird für jede Staatsform sein, die vor allem anderen die Zustimmung der Mehrheit des Volkes genießt und dann erst diejenige der regionalen und ethnischen Gemeinschaften, die Bestandteil des Libanon sind. Ein starker und gerechter Staat, der vor allem auf der wirtschaftlich-sozialen Ebene gleiche Rechte garantiert. Der nationale Reichtum muss umverteilt werden. Wir dürfen uns keine konfessionellen Ziele setzen, sondern nationale. Dazu gehört ein Wahlrecht, das von allen geteilt wird und auch für andere Konfessionen beruhigend ist. Wir wollen den Libanon einen und einen starken Staat daraus machen."

Zum Oppositionsblock gehört auch die Kommunistische Partei, die die sofortige Schaffung eines laizistischen Staates vorschlägt. Ist das nicht ein Reibungspunkt?

"In der Opposition herrscht der Wille vor, an einer gemeinsamen Übereinkunft zu arbeiten, die wir in Bezug auf den Präsidentschaftskandidaten <den bisherigen Generalstabschef Suleiman> erreicht haben. Heute geht es weniger darum Theorien aufzustellen, sondern darum nach dem Rahmen einer Übereinkunft über die Minimalgrundlage und ein gerechtes Zusammenleben zu suchen. Es gibt 18 verschiedene Gemeinschaften und kleine Gleichgewichte, die zu erreichen wichtig, aber auch kompliziert ist."

Könnte die Hisbollah auch von einer Frau geführt werden?

"In den parteiinternen Gesetzen gibt es nichts, was das verhindern würde. Auf der theoretischen und theologischen Ebene geht die Hisbollah von dem Prinzip aus, dass Gleichberechtigung existiert und der Koran das theologische Fundament liefert. Die Frauen spielen eine aktive Rolle, sind in der Partei aktiv engagiert und die Partei entwickelt sich, auf ihre Anregung hin, in Richtung eines Gleichheitskonzeptes, von dem es kein Zurück geben wird."

Einige Analysen stellen in den islamischen Parteien Elemente von Faschismus fest.

"Jede historische Situation ist anders. Jedes Land hat seine Eigentümlichkeiten und seinen Kontext. Aber wenn man wirklich einen Vergleich zur Geschichte der politischen Parteien in Europa ziehen will, denke ich, dass die Hisbollah mehr den Erfahrungen der Massenparteien des 20.Jahrhunderts ähnelt. Die Orientierungen der Partei, die politische Ausarbeitung werden von unten aus beschlossen. Auch auf der militärischen Ebene sind wir sehr weit von einer hierarchischen Vorstellung entfernt. Und das scheint mir dem Faschismus wirklich nicht ähnlich zu sehen."

Welche Rolle spielt Syrien gegenwärtig in den libanesischen Fragen?

"Syriens Rückzug hätte der Beginn eines freundschaftlichen Nachbarschaftsverhältnisses zwischen zwei Ländern sein sollen, das auf den geographischen und kulturellen Verbindungen und einigen gemeinsamen Interessen beruht, wie dem Widerstand gegen die Besatzung und der Ablehnung eines arabischen Orients unter US-Hegemonie. Syrien erklärt, dass es nicht wieder in den Libanon zurückkehren will, aber manch einem würde es gefallen, wenn er Syrien dazu bringen könnte, weiterhin eine Rolle zu spielen. Wir sind damit nicht einverstanden. Unser Ziel ist es einen starken Staat zu haben, der in autonomer Weise freundschaftliche Beziehungen unterhält."


Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:   * Rosso

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat (siehe: http://www.freewebtown.com/antifauni/ Rubrik "Aktuelles" bzw. die regelmäßig erneuerten Artikel, Übersetzungen und Interviews dort).
Hinweise, Kritik, Lob oder Anfragen per Mail an: negroamaro@mymail.ch

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz