Protest und Solidarität gegen die Kündigung des antifaschistischen Gewerkschaftssekretärs Angelo Lucifero durch Ver.di


Angelo Lucifero

23.12.07
TopNewsTopNews, Antifaschismus 

 

Offener Brief von Winfried Wolf an den Landesvorsitzenden von Ver.di, Thomas Voß:

Lieber Kollege Voss,

ich protestiere gegen die Kündigung und vorausgegangene Abmahnung des Gewerkschaftsekretärs Angelo Lucifero. Diese ist in der Sache nicht gerechtfertigt. Sie widerspricht zumindest dem Geist des Beschlusses des ver.di-Gewerkschaftstages in Sachen Antirassismus und Solidarität mit A. Lucifero.

Was ich absolut unerträglich und letzten Ende auch für die Gewerkschaften im allge,meinen und für meine Dienstleistunsgewerkschaft ver.di im besonderen selbstmörderisch finde, ist die Tatsache, dass ihr damit dem Druck der Nazis und der Rechten nachgebt, die just dies - eine Distanzierung und Trennung der Gewerkschaft ver.di von dem Kollegen Angelo Lucifero - gefordert haben bzw. weiterhin fordern. Der schändliche Umgang mit dem Kollegen findet just zu dem Zeitpunkt statt, wo Kollege Lucifero vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung zur Verteidigung seiner antirassistischen Arbeit - und bisher: zur Verteidigung der antirassistischen Arbeit von ver.di - steht.

Nein, eine Gleichsetzung 1933 und 2007 ist völlig fehl am Platz. Aber auf Parallelen wird man verweisen müssen. Die Niederlage von SPD und Gewerkschaften (ADGB) gegenüber den Nazis 1932/33 ist im wesentlichen darin begründet, dass es keine GEMEINSAME Aktion der Genannten mit der KPD, der SAP und anderen Kräften der Linken gab, dass der ADGB angesichts der Machtergreifung der Nazis Anfang 1933 kapitulierte, dass er zu den massenhaften Verhaftungen von Kommunisten seit Anfang 1933, zum Verbot der KPD und zur Verhinderung einer Wahlbeteiligung der KPD bei den letzten sogenannen freien Wahlen im Frühjahr 1933 weitghend schwieg, dass die Gewerkschaften noch am 1. Mai 1933 gemeinsam mit den Nazis zum "Tag der Arbeit" aufriefen.

Nur so konnte es passieren, dass die Salamitaktik der Nazis - erste Angriffe gegen die "ganz Linken" wie Anarchisten (Mühsam!) und Kommunisten, später auch Angriffe, Verhaftungen und KZ-Haft für alle, die zur kommunistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bewegung zählten - Erfolg hatte.

Nochmals: KEINE Gleichsetzung. Aber es gibt gerade bei den jüngsten Vorfällen in Thüringen gefährliche Parallelen. Ihr lasst den Kollegen Lucifero nicht nur im Regen stehen! Ihr ladet mit Euerm Vorgehen doch die Faschisten geradezu dazu ein, die Angriffe auf Linke (oder zunächst "ganz Linke", "linke Terroristen") zu verstärken.

Kollege Voss, ich bin fast dreißig Jahre Mitglied bei ver.di bzw. in Gewerkschaften, die später in ver.di aufgingen. Ich habe 2005/2006 zwei Jahre dafür gearbeitet, dass das in starkem Maß von mir mitgeprägte das Bündnis "Bahn für Alle" eine breite Basis erlangt und ich war begeistert, als es Anfang 2007 gelang, ver.di als neuen Partner im Bündnis zu begrüssen.

Gleichzeitig werde ich immer wieder damit konfrontiert, dass meine Gewerkschaft Positionen vertritt, die nicht die meinen sind und die ich beschämend finde - so beim Verhalten gegenüber den Energie- und Atomkonzernen, so im Fall des Streiks der Lokomotivführer.

Das Verhalten meiner Gewerkschaft ver.di in Sachen Angelo Lucifero ist nun allerdings ein neuer Markstein, wenn nicht Meilenstein auf einer Wegstrecke mit dem Titel "So etwas darf meine Gewerkschaft nicht tun! Das tut sie OHNE MEIN MANDAT und GEGEN MEINEN WILLEN!"

Der Verlust der vielen Hunderttausend Mitglieder, den ver.di erleiden musste, hat genau mit dieser Art Politik zu tun. Der Fall Lucifero, der sich, davon bin ich fest überzeugt, dann schnell zu einem bundesweiten "Fall ver.di" entwickeln wird, wenn ihr nicht schnell zur Notbremse greift, muss diesen tragischen Verlust gewerkschaftlicher Kampfkraft  beschleunigen.

Ich appelliere an Dich, Kollege Voss, die gegen den Kollegen Lucifero gerichteten Entscheidungen umgehend zurückzunehmen. Lass uns gemeinsam mit ver.di, mit dem Kollegen Angelo und mit den vielen mutigen Antifaschistinnen und Antifaschisten in Thüringen und anderswo eine Einheitsfront gegen die Faschisten und andere Rechte bilden.

Letzten Endes richten sich deren Angriffe nicht gegen einzelne, mutige und exponierte Individuen. Sie richten sich gegen jeden Demokraten, gegen jede Demokratin, gegen jedes Gewerkschaftsmitglied - gegen die gesamte demokratische und gewerkschaftliche Bewegung.

Siehe eben doch: 1932/33.

 

Dr. Winfried Wolf

Journalist und Buchautor

1994-2002 MdB der PDS

Seit 1999 Mitherausgeber der "Zeitung gegen den Krieg - ZgK"

Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac

Sprecher der Bahnexpertengruppe "Bürgerbahn statt Börsenbahn - BsB" und

aktiv im Bündnis "Bahn für Alle"

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Anmerkung der Redaktion: Thomas Voss ist unter thomas.voss@verdi.de erreichbar!


VON: WINFRIED WOLF






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