Kein Aufhebens wegen eines Massakers - Dieter Schenk legt ein Buch über den Lemberger Professorenmord vor

30.01.08
TopNewsTopNews, Kultur, Antifaschismus 

 

Eine Buchbesprechung von Stefan Gleser

Die Mörder sitzen in der Oper: „Von Ida Wüst strömte derartig viel Fröhlichkeit aus, dass jeden Abend das Opernhaus füllenden Besuchern das Herz warm wurde und sie beglückt und beschwingt nach Hause gingen." Auch sonst wurde Geschmack bewiesen. Der Schriftsteller und Zeichner Bruno Schulz malte die Kinderzimmer einer Wohnung mit Märchenbilder aus und verzierte Büros mit Fresken.

Es müssen zwei Seelen in ihnen gewohnt haben. Sie konnten auch anders. „Danach führte man ungefähr 30 Personen in Vierergruppen an die Grube heran, stellte sie an deren Rand auf. Der Exekutionstrupp stand auf der anderen Seite des Massengrabes. Nach der Salve fielen fast alle in das Grab."

Jedes polnische Geschichtsbuch verzeichnet die Ermordung der Professoren und ihrer Angehörigen im Sommer 1941 im galizischen Lemberg (polnisch: Lwów, ukrainisch Lviv) als Prolog zum Völkermord.

In der Bundesrepublik wurde weniger Federlesens um die Erschossenen gemacht.

Dieter Schenk weist in seinem Buch „Der Lemberger Professorenmord und der Holocaust in Ostgalizien.", solide gestützt auf zahlreiche Belege, eine konsequente „Nichtverfolgung" nach. Die Hamburger Staatsanwalt tat in den Jahren 1964 bis 1994 ihr bestes, damit die Mörder unter uns blieben: Aus Beschuldigte wurden Zeugen und der Mord zum Totschlag erklärt; Ermittlungen mehrfach beendet und erst auf Drängen des Auslands wieder aufgenommen, kein Haftbefehl wurde beantragt, die Zusammenarbeit mit den Behörden aus der DDR und Österreich bewusst nachlässig geführt. Das einzige kriminalistische Hilfsmittel, was die Hamburger Staatsanwälte offensichtlich kannten, war die „biologische Karte". Solange verzögern, bis Tod oder Verhandlungsunfähigkeit jede Bestrafung verhindern. Dass eine dem Rechtsstaat angemessene Ermittlung möglich war, führt Schenk am Beispiel des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer vor. Bauer forderte nur eins: „Eine Tötung, die nicht vom Kriegsrecht gedeckt ist, ist Mord und muss dem gemäß geahndet werden." Allein schon deshalb isolierte die braun gefärbte Justiz ihn: „Ausserhalb meines Büros beginnt das feindliche Ausland.".

Galizien war mehrsprachig und religiös bunt gescheckt. Die Grenze zwischen katholischen Polen, die auf Latein schreiben und unierten Ukrainer mit kyrillischer Schrift muss zwischen den Häuser und Straßen von Lemberg verlaufen sein, dazwischen Einsprengsel von Juden und Deutschen. Manche ukrainische Nationalisten vergaßen in ihrer Abneigung gegen den polnischen Staat, dass die einrückenden Deutschen auch sie als „slawische Untermenschen „ behandeln würden. Eine Fahndungsliste mit den Namen der zu ermordenden Professoren stammte von ukrainischen Studenten

Die Hinrichtung brannte sich wohl so in den Köpfen der Lemberger Bürger ein: Wenn selbst weltweit geachtete Fachleute mit kriegswichtigen Kenntnissen in Medizin, Ingenieurswissenschaften oder Erdölförderung massenweise erschossen werden, wie werden sie dann erst mit uns umgehen? . Ihre Befürchtungen sollten sich bestätigen.

Sofort nach dem Überfall auf die Sowjetunion begannen Sicherheitspolizei und SD hinter der Front Pogrome anzustiften. Dr. Otto Rasch, Brigadeführer der SS ließ in kürzester Zeit 7000 Menschen jüdischer Abkunft ermorden. Die Polen sollten zu Heloten werden. Schon 1939 wurden Professoren der Krakauer Jagiellonen Universität ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Internationale Proteste retteten sie. In Lemberg wollte man die Tat nachher unbedingt vertuschen. Die Leichen der Professoren wurden zwei Jahre später ausgegraben und verbrannt. Für einen Polen konnte es schon ein Todesurteil sein, Chorleiter gewesen zu sein. Als die Rote Armee näherrückte, brachte sie auch Erkenntnis für den SS-Mann Eberhard Schöngarth. Der schloß von sich, auf andere und meinte, die Polen würden die Morde so schnell vergessen wie er: „Eine Verschärfung der Lage wird zwangsläufig eintreten, wenn man nicht erkennt, dass die bisherige Behandlung des polnischen Volkes in vielen Punkten falsch gewesen ist. Man muss den Mut aufbringen, endlich den deutschen Kurs zu ändern." Den Ukrainer erging es nicht viel besser. Es wurden schon mal wegen dreier Pferde 46 Dorfbewohner hingerichtet.

Als ehemaliger Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes kann Schenk seine Leser in unbekanntes Gelände führen.. Unter der Oberfläche seiner Bücher spürt Schenk einer Frage nach. Wieso können die Rechten Sekundärtugenden für sich monopolisieren? Kaum hatten sie Deutschland in Schutt und Asche gelegt, besetzten sie, wie Schenk an zahlreichen Lebensläufen darlegt, sofort wieder Begriffe wie Fleiß und Disziplin, Sicherheit und Pflichterfüllung, Ordnung und Ruhe für sich.

Dieter Schenk bevorzugt Namen statt Zahlenreihen. Und so werden abstrakte Dinge wie Holocaust oder Völkermord zu: „Stanislaw Ruff, erschossen, - Roman Longchamps de Bérer mit seinen Söhnen Bronislaw, Zygmunt und Kazimierz erschossen, - Wlodzimierz Stozèk mit seinen Söhnen Eustachy und Emanuel erschossen, - und... und .... Das Schicksal eines Einzelnen überzeugt mehr als jede Statistik. So gewinnt Schenks verdienstvolle Erinnerung aufklärerischen Elan. Schenk unterstützt wirksam die Hoffnung seines polnischen Kollegen Zygmunt Albert, dass sich dergleichen nicht wiederholen möge.

 

Dieter Schenk: Der Lemberger Professorenmord und der Holocaust in Ostgalizien.

ISBN: 978-3-8012-5033-1

Dietz Verlag J.H.W. Nachf

2007 - gebunden -

308 Seiten, 22 Euro







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz