Oldenburg: Überflüssige ehren Wirtschaftsvertreter


07.12.07
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Am 6.12.07 besuchten etwa ein Dutzend Überflüssige den Wirtschaftstalk mit Lothar Späth auf der Nordwestmesse ("Business Plus") in Oldenburg. So genannte regionale Wirtschaftsgrößen talkten hier fleißig zur wirtschaftlichen Entwicklung in Nordwestdeutschland. Zugegen waren "Experten" von Unternehmen wie EWE, VW, Bünting, sowie die LzO. Die Rolle des Moderators übernahm der Unternehmensberater und frühere Ministerpräsident Baden-Württembergs Lothar Späth.

Die gesprächige Runde wurde durch das überraschende Auftauchen der Überflüssigen unterbrochen. Diese nahmen sich die Bühne und konnten auch von den sehr engagierten Securities nicht davon abgehalten werden. Während Flyer verteilt, Konfetti geworfen und auf der Bühne ein Transparent ("Kapitalismus ist überflüssig!") ausgerollt wurde, wurde den Anwesenden in einer Rede für ihr kapitalistisches Engagement gedankt. Nachdem die Securities das Megaphon kaputt gemacht hatten, musste die Rede fast am Anfang kurz unterbrochen werden. Der Oberausgrenzer Späth gab sich vor laufenden Kameras diplomatisch und überließ nach einer Aufforderung den Überflüssigen sein Mikro. Als jedoch die rassistischen Äußerungen Späths zur Sprache kamen, die mit einem verwelkten, mit Ketchup verzierten Blumenstrauß honoriert werden sollten, wurde das Mikro abgedreht. Die Überflüssigen ließen sich aber davon nicht abhalten. Nachdem die Rede dann trotzdem weiterging wurden die Securities aggressiv und schubsten und drängten die Überflüssigen von der Bühne. Das Publikum - bestehend aus jung-dynamischen Managertypen - gab durch Applaus und blöde Sprüche ihr Einverständnis mit dem Bestehenden zu erkennen und schlug sich auf die Seite Späths.

Anschließend verließen die Überflüssigen die Veranstaltung des Klassenkampfs von oben genauso plötzlich wie sie erschienen waren.

 

Hier dokumentieren wir den Flyer:

Sehr geehrte Groß- und KleinkapitalistInnen,

wir sind heute hier, um Ihnen die Ehrung zukommen zu lassen, die Sie schon lange verdient haben. Ihnen sei Dank, dass im Nordwesten weiterhin soviel Ausbeutung und Arbeitslosigkeit herrscht. Sie haben durch ihre Leistungsbereitschaft maßgeblich dazu beigetragen, die Profite der Unternehmen zu maximieren und gleichzeitig dafür gesorgt, dass der so erzeugte Kuchen auch entsprechend verteilt wird. Durch Rationalisierungen waren sie nicht nur - im Übrigen erfolgreich - bestrebt, weniger Menschen zumindest minimal durch ihren Lohn an dem Reichtum teilhaben zu lassen. Nein, Sie haben es tatsächlich vermocht, den meisten gar nichts von dem Kuchen abzugeben und ihnen so die Möglichkeit gegeben, ihren individuellen Platz in der Arbeitslosigkeit oder dem Niedriglohnsektor finden zu lassen. Dafür wollen wir Ihnen danken.

Einer von Ihnen, liebe Groß- und KleinkapitalistInnen, hat sich aber immer schon ganz besonders darin hervorgetan, dass der produzierte Reichtum auch gerecht verteilt wird. Herr Lothar Späth, mit Ihrer Weitsicht haben sie schon vor nun mehr 25 Jahren, also 1982 als Sie noch Ministerpräsident Baden-Württembergs waren, mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass „unser" Reichtum auch an deutschen Grenzen gegen die vom Reichtum Ausgeschlossenen verteidigt werden muss. Damals sagten Sie im Wortlaut: „Die Buschtrommeln werden in Afrika signalisieren, kommt nicht nach Baden-Württemberg, da müsst ihr ins Lager." Für ihr besonderes rassistisches Engagement haben wir zusammengeschmissen und diesen Blumenstrauß organisieren können.

Vielleicht haben Sie schon mal einen schöneren in Ihrem Leben gesehen, doch als Überflüssige hat es zu einem prunkvolleren leider nicht gereicht. Dabei hätten Sie es doch so sehr verdient. Immerhin sind Sie mitverantwortlich dafür, dass in dieser Gesellschaft Menschen zu Überflüssigen gemacht werden - so wie wir, einige die hier sitzen und viele die heute nicht kommen konnten.

Überflüssige? Das sind Erwerbslose, deren Rechte weiter beschnitten werden, sie sind Insassen des Abschiebelagers Blankenburg, wo sie Isolation, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit ausgesetzt werden, sie sind Flüchtlinge, die durch Entrechtung, Rassismus und Ausbeutung sozial ausgegrenzt werden, sie sind allein erziehende Frauen, die in Niedrigstlohnjobs gedrängt werden, sie sind die Alten, die ihre Winterschuhe beim Sozialamt erbetteln müssen, sie sind die Kranken, denen 10 Euro Praxisgebühr fehlen.

Aber wenn Sie jetzt mit Ihrer großen Bescheidenheit darauf verweisen, dass nicht Sie sondern Systemzwänge Ihr Handeln bestimmen, haben Sie damit nicht ganz Unrecht. Nur ist es doch so, wenn keine Menschen mehr Funktionen wie die von Ihnen übernehmen, dann wird endlich der Kapitalismus überflüssig und nicht mehr wir.

 

Alles für alle!

Kapitalismus überflüssig machen!

 

Überflüssige Oldenburg

www.ueberfluessig.tk







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