Freiheit und Gerechtigkeit sind keine Gegensätze


06.01.08
TopNewsTopNews, Theorie 

 

Von Bernhard Gestermann

Zur Aktualität Albert Camus

Wer von den unter 50jährigen weiss mit dem Namen Camus etwas anzufangen? Täusche ich mich, wenn ich vermute, dass es nur wenige sind? Wer weiß, dass er der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1957 und einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war? Gewiss noch weniger!

Manche zählen ihn zu den Existenzialisten. Er selbst verstand sich nicht als solcher. Mit Sartre war er befreundet, bis sie sich überwarfen, weil Sartre ihm vorwarf, mit seiner Essay-Sammlung „L'Homme revolté" linke Ideale zu verraten. Mitte der 30iger Jahre, also in der Zeit der Volksfront, war er Mitglied der KP Frankreichs, verliess sie jedoch, als die KP auf Weisung Moskaus jede antikolonialistische Propaganda unterliess.

Man muss seine „Philosophie des Absurden" (1) nicht teilen, um seine politischen Auffassungen ernst zu nehmen. Eine seiner prägnanten und provokanten Aussagen: „Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

1913 in Algerien geboren kam er im Januar 1960 in Frankreich bei einem Autounfall ums Leben.   

Von seinen vielen Texten möchte ich hier einen vorstellen, der in seinen Grundaussagen über die Zusammenhänge von Gerechtigkeit, Freiheit und Kultur so aktuell und seiner sprachlichen Eindringlichkeit so überzeugend ist, dass er auch nach mehr als 50 Jahren für alle, die auf der Suche nach einer humanen, fortschrittlichen politisch-ethischen Grundhaltung sind, mit Gewinn gelesen werden kann.

Ich wünsche dazu viel Vergnügen und würde mich über Rückmeldungen freuen.

Bernhard Gestermann

Email: begemo@t-online.de  

BROT UND FREIHEIT(2)

Ansprache vom 10. Mai 1953 an der Arbeitsbörse von St-Etienne

   Wenn wir die Rechtsbrüche und die vielfältigen Miß­bräuche zusammenzählen, von denen heute die Rede war, können wir den Tag voraussehen, da sich in einem Konzentrationslager-Europa nur noch Gefängniswärter auf freiem Fuß befinden. Auch sie werden sich gegensei­tig ins Gefängnis stecken müssen, bis nur noch einer üb­rig bleibt, der zum Oberaufseher ernannt wird, und so gelangen wir zur vollkommenen Gesellschaft, in der die Probleme der Opposition, dieser Nachtmahr aller Regie­rungen des 20. Jahrhunderts, endlich und endgültig er­ledigt sein werden.

Freilich handelt es sich dabei nur um eine Prophe­zeiung, und obwohl in allen Ländern der Welt die Re­gierungen und ihre Polizei mit viel gutem Willen be­müht sind, zu diesem glücklichen Ergebnis zu gelangen, ist es noch nicht so weit. Bei uns in Westeuropa, zum Bei­spiel, steht die Freiheit offiziell hoch im Kurs. Nur ge­mahnt sie mich unwillkürlich an jene arme Verwandte, der wir in gewissen bürgerlichen Familien begegnen. Die Verwandte ist verwitwet, sie hat ihren naturgegebe­nen Beschützer verloren. Also hat man sie aufgenom­men, ihr ein Dachstübchen zugewiesen und ihr Zutritt zur Küche gewährt. Zuweilen zeigt man sie sonntags in Gesellschaft vor, um zu beweisen, daß man der Tugendhaftigkeit nicht entbehrt und kein Unmensch ist. Aber im übrigen, und insbesondere bei feierlichen Gelegen­heiten, ist sie gehalten, die Klappe zu halten. Und wenn ein zerstreuter Polizist sie auch ein biß-chen in dunklen Ecken vergewaltigt, macht man kein Aufhebens davon; sie ist noch ganz andere Dinge, gewöhnt, vor allem vom Hausherrn, und schließlich lohnt es sich nicht, deswegen Scherereien mit der Obrigkeit zu kriegen. Im Osten ist man da allerdings offener vorge-gangen. Man hat ein für allemal mit der armen Verwand-ten abgerechnet und sie in einen Wandschrank hinter Schloß und Riegel gesetzt. Es heißt, in ungefähr einem halben Jahrhundert werde man sie wieder hervorholen, sobald die ideale Gesell­schaft endgültig eingerichtet sei. Dann sollen ihr zu Eh­ren Feste gefeiert werden. Aber meiner Ansicht nach wird sie dann ein bißchen von Motten zerfressen sein, und ich fürchte sehr, daß man sie nicht mehr wird ver­wenden können, Wenn wir noch hinzufügen, daß diese beiden Auffassungen der Freiheit - Wandschrank und Küche - beschlossen haben, sich gegeneinander durchzu­setzen, so daß sie gezwungen sind, in all dem Trubel die arme Verwandte noch straffer an der Kandare zu halten, dann verstehen wir mühelos, warum unsere Geschichte viel eher die Geschichte der Sklaverei ist als die der Frei­heit und warum die Welt, in der wir leben, so aussieht, wie sie uns dargestellt wurde, wie sie uns jeden Morgen aus der Zeitung in die Augen springt und somit unsere Tage und Wochen zu einem einzigen Tag der Empörung und des Ekels macht.

   Am einfachsten und demzufolge verlockendsten ist es, die Regierungen oder irgendwelche dunklen Mächte für diese häßlichen Manieren verantwortlich zu machen. Es stimmt freilich, daß sie schuldig sind, und zwar auf eine so undurchdringliche und altvererbte Weise schuldig, daß die Ursprünge nicht mehr entwirrt werden können. Aber sie sind nicht allein verantwortlich. Denn nicht wahr, wenn die Freiheit immer nur die Regierungen als Zieheltern gehabt hätte, steckte sie. aller Wahrschein­lichkeit nach heute noch in den Kinderschuhen oder wäre unwiderruflich unter einem Grabstein mit der Inschrift „Ein Engel im Himmel" begraben. Die Gesellschaft des Kapitals und der Ausbeutung wurde meines Wissens nie beauftragt, für Freiheit und Gerechtigkeit zu sorgen. Die. Polizeistaaten sind nie in den Verdacht gekommen, in den Kellern, wo sie ihre Kunden befragen, rechtswissen­schaftliche Hochschulkurse abzuhalten. Wenn sie also unterdrücken oder ausbeuten, gehorchen sie nur ihrem Da­seinszweck, und wer immer ihnen unkontrolliertes Ver­fügungsrecht über die Freiheit einräumt, darf sich nicht wundern, sie alsogleich entehrt zu sehen. Wenn die Frei­heit heute erniedrigt oder in Fesseln gelegt wird, dann nicht, weil ihre Feinde Verrat geübt hätten, sondern ge­rade eben weil sie ihren naturgegebenen Beschützer ver­loren hat. Ja, die Freiheit ist Witwe; aber wir müssen der Wahrheit zuliebe hinzufügen: sie ist unser aller Witwe.

Die Freiheit ist Sache der Unterdrückten, und ihre Be­schützer stammten zu allen Zeiten aus unterdrückten Völkern. Im Europa der Feudalherren haben die Gemeinden das Salz der Freiheit bewahrt; die Bewohner von Dörfern und Städten haben ihr 1789 zu einem flüch­tigen Sieg verholfen; vom 19. Jahrhundert an haben die Arbeiterbewegungen die ehrenvolle doppelte Verantwortung für Freiheit und Gerechtigkeit übernommen, und es wäre ihnen im Traum nicht eingefallen, sie als unvereinbar zu bezeichnen. Die Hand- und die Kopfarbei­ter haben der Freiheit einen Körper verliehen und ihr Wachstum auf Erden gefördert, bis sie zum eigentlichen Prinzip unseres Denkens wurde, zur unentbehrlichen Luft, die wir selbstverständlich atmen, bis zum Augen­blick, da wir uns auf den Tod krank fühlen, weil sie uns fehlt. Und wenn sie heute in so weiten Teilen der Welt ins Hintertreffen gerät, erklärt sich dies zweifellos aus dem Umstand, daß die Bestrebungen der Versklavung nie zynischer und besser gerüstet waren, daß aber ande­rerseits ihre eigentlichen Verteidiger sich aus Müdigkeit, aus Verzweiflung oder aus einer falschen Vorstellung von Strategie und Zweckdienlichkeit von ihr abgekehrt haben. Ja, das entscheidende Ereignis des 20. Jahrhun­derts bestand darin, daß die revolutionäre Bewegung die Werte der Freiheit aufgab, daß der Sozialismus der Freiheit immer weiter vor dem Sozialismus des Cäsarentums und des Militärs zurückwich. Im gleichen Au­genblick verschwand eine gewisse Hoffnung aus der Welt, und für jeden freien Menschen begann Einsam­keit.

   Als sich im Anschluß an Marx das Gerücht zu ver­breiten begann, die Freiheit sei eine bürgerliche Schau­kel, war in dieser Formulierung nur ein Wort falsch gestellt, aber diese falsche Wortstellung müssen wir noch heute in den Umwälzungen des Jahrhunderts teuer bezahlen. Denn es hätte einfach heißen müssen, die bür­gerliche Freiheit sei eine Schaukel, nicht aber jede Frei­heit. Man hätte im Gegenteil sagen müssen, die bürger­liche Freiheit sei keine Freiheit oder bestenfalls noch keine Freiheit, aber es gebe Freiheiten zu erobern und auf immer zu bewahren. Es stimmt allerdings, daß es für einen Mann, der den ganzen Tag an die Drehbank gefesselt ist und sich abends mit seiner Familie in einen einzigen Raum zusammengepfercht lebt, keine mögliche Freiheit gibt. Aber das bricht den Stab über einer Klas­se, einer Gesellschaft und der Knechtschaft, auf der sie gründet, nicht über der Freiheit selbst, der auch der Ärmste unter uns nicht entraten kann. Denn selbst wenn die Gesellschaft sich mit einem Schlag verwandeln und jedermann anständige, behagliche Lebensbedingungen bieten sollte, aber der Freiheit ermangelte, wäre sie noch immer eine Barbarei. Und wenn die bürgerliche Gesell­schaft von der Freiheit redet, ohne sie in die Tat umzu­setzen, heißt das dann, daß auch die Arbeitergesellschaft darauf verzichten soll, sie zu üben, um sich lediglich zu rühmen, sie nicht im Munde zu führen? Indessen griff die Verwirrung um sich, und innerhalb der revolutionä­ren Bewegung wurde die Freiheit allmählich verurteilt, weil die bürgerliche Gesellschaft einen betrügerischen Gebrauch von ihr machte. Ausgehend von einem guten, gesunden Mißtrauen gegenüber aller Art Prostitution, zu der die Freiheit von der bürgerlichen Gesellschaft ge­zwungen wurde, ist man schließlich der Frei-heit selbst gegenüber mißtrauisch geworden. Im besten Fall hat man sie ans Ende der Zeiten verwiesen und alle Welt gebeten, bis dahin nicht mehr von ihr zu sprechen. Man versicherte, zunächst müsse Gerechtigkeit geschaffen wer­den, als könnten Sklaven jemals hoffen, Gerechtigkeit zu erlangen. Wortkräftige Intellektuelle verkündeten dem Arbeiter, sein einziges Problem sei das Brot und nicht die Freiheit, als wüßte der Arbeiter nicht, daß sein Brot auch von der Freiheit abhängt. Und gewiß war angesichts der beharrlichen Ungerechtigkeit der bürgerlichen Gesellschaft die Versuchung groß, eine so überspitzte Haltung einzunnehmen. Genau besehen findet sich viel­leicht kein  einziger unter uns, der ihr nicht  in Tat oder Gedanken einmal nachgegeben hätte. Aber die Ge­schichte ist weitergegangen, und was wir gesehen haben, muß uns jetzt zum Nachdenken bewegen. Die Revolu­tion der Arbeiter hat 1917 gesiegt, und damals erhob sich wirklich die Morgenröte der echten Freiheit und die gewaltigste Hoffnung, die diese Welt je gekannt hat. Aber diese eingekreiste, von innen wie von außen be­drohte Revolution schuf sich Waffen, eine Polizei. Sie trat das Erbe einer Formel und einer Doktrin an, die ihr die Freiheit unseligerweise verdächtig erscheinen ließen, und so erschöpfte sich ihr Schwung nach und nach, wäh­rend die Polizei immer stärker wurde, bis die gewaltig­ste Hoffnung der Welt in der tüchtigsten Diktatur der Welt verknöcherte. Die falsche Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft fühlt sich dabei kein bißchen weniger wohl. Was in den Prozessen von Moskau und anderswo, was in den Lagern der Revolution getötet wurde, was er­mordet wird, wenn zum Beispiel ein Eisenbahner in Un­garn wegen beruflicher Fahrlässigkeit erschossen wird, ist nicht etwa die bürgerliche Freiheit, sondern die Frei­heit von 1917. Die bürgerliche Freiheit kann ihrerseits zur selben Zeit mit ihrer ganzen Bauernfängerei weiter­machen. Die Prozesse, die Entartungen der revolutionä­ren Gesellschaft liefern ihr ein gutes Gewissen und Ar­gumente.   Was schließlich die Welt kennzeichnet, in der wir le­ben, ist gerade diese zynische Dialektik, die der Ver­fechtung die Ungerechtigkeit entgegenhält und die eine durch die andere verschärft. Wenn man Franco, den Freund von Goebbels und Himmler, zur Hochburg der Kultur Zutritt gewährt, Franco, dem wahren Sieger des Zweiten Weltkrieges, und jemand Einspruch erhebt und versichert, daß die in der Charta der Vereinten Natio­nen niedergelegten Menschenrechte tagtäglich in Francos Gefängnissen verhöhnt werden, erhält er die ganz ernsthafte Antwort, auch Polen sei Mitglied der Verein­ten Nationen, und was die Achtung vor den öffentlichen Freiheiten angehe, hätten beide Länder sich gegensei­tig nichts vorzuwerfen. Ein stumpfsinniges Argument, fürwahr! Wenn Ihnen das Unglück zugestoßen ist, Ihre ältere Tochter mit einem Feldwebel des afrikanischen Strafbataillons zu verheiraten, ist das kein Grund, die jüngere mit einem Inspektor der Sittenpolizei zu ver­ehelichen: ein räudiges Schaf in der Familie ist genug. Indessen ist das stumpfsinnige Argument wirksam, das beweist man uns alle Tage. Wenn jemand auf die Ko­lonialsklaven hinweist und nach Gerechtigkeit schreit, hält man ihm die Insassen russischer Konzentrationsla­ger entgegen und umgekehrt. Und wenn jemand gegen die Ermordung des Historikers Kalandra protestiert, der in Prag der Opposition angehörte, so wirft man ihm zwei oder drei amerikanische Neger an den Kopf. In dieser widerlichen gegenseitigen Übersteigerung bleibt nur eines sich immer gleich: das Opfer, stets dasselbe. Ein einziges Gut wird unablässig vergewaltigt oder pro­stituiert: die Freiheit; und dann wird man gewahr, daß zugleich mit ihr überall auch die Gerechtigkeit in den Kot getreten wird. Wie soll man diesen Höllenkreis durchbrechen? Es ist klar, daß dies nur geschehen kann, indem wir von dieser Stunde an, in uns und rings um uns, den Wert der Freiheit erneuern und nie wieder darein willigen, daß sie - und wäre es vorübergehend - geopfert oder von un­serer Forderung nach Gerechtigkeit getrennt wird. Für uns alle kann heute nur eine einzige Parole gelten: in nichts nachgeben, was die Gerechtigkeit betrifft, und auf nichts verzichten, was die Freiheit angeht. Insbesondere sind die paar demokratischen Freiheiten, deren wir noch teilhaftig bleiben, keine leeren Illusionen, die wir uns widerspruchslos rauben lassen dürfen. Sie stellen genau das dar, was uns von den großen revolutionären Erobe­rungen der letzten zwei Jahrhunderte verbleibt. Sie sind keineswegs die Verneinung der echten Freiheit, wie so viele listige Demagogen uns dies aufschwatzen wollen. Es gibt keine Idealfreiheit, die uns eines Tages mit ei­nem Schlag geschenkt würde, so wie man am Ende seines Lebens seine Rente bezieht. Die Freiheiten müssen er­kämpft werden, eine nach der anderen, und die uns ver­bleibenden sind Etappen, unzureichende, gewiß, aber doch Etappen auf dem Weg zu einer greifbaren Befrei­ung. Wenn wir einwilligen, sie abschaffen zu lassen, bringt uns das keinen Schritt vorwärts. Im Gegenteil, es ist ein Rückschritt, ein Rückzug, und eines Tages wer­den wir den Weg von neuem gehen müssen, aber dieser neue Kampf wird wiederum den Schweiß und das Blut der Menschen kosten.

   Nein, die Freiheit wählen, das heißt nicht wie in Krav-schenkos Fall die Vergünstigungen des sowjetischen Re-gimes mit den Vergünstigungen des bürgerlichen Regi­mes vertauschen. Das hieße vielmehr zweimal die Knecht­schaft wählen, und zwar - schlimmstes aller Urteile - beide Male nicht für sich, sondern für die anderen. Die Freiheit wählen heißt nicht, gegen die Gerechtigkeit wäh-len, wie man uns dies weismacht. Im Gegenteil, man wählt die Freiheit heute nur auf der Ebene derer, die allenthalben leiden und kämpfen, dort und nur dort. Man wählt sie zugleich mit der Gerechtigkeit und wahr­haftig, in Zukunft ist es für uns nicht mehr möglich, die eine ohne die andere zu wählen. Wenn jemand euch euer Brot entzieht, beraubt er euch gleichzeitig eurer Freiheit. Aber wenn jemand euch eurer Freiheit beraubt, dann wißt, daß euer Brot bedroht ist, denn es hängt nicht mehr von euch und eurem Kampf ab, sondern von der Eigenmächtigkeit irgend eines Herrn. Je mehr die Frei­heit in der Welt an Boden verliert, desto mehr wächst das Elend und umgekehrt. Und wenn dieses unerbittli­che Jahrhundert uns etwas gelehrt hat, dann die Tat­sache, daß die wirtschaftliche Revolution entweder frei oder aber nicht sein wird, so wie auch die Befreiung entweder wirtschaftlich oder aber überhaupt nicht sein wird. Die Unterdrückten wollen nicht nur von ihrem Hunger befreit sein, sondern auch von ihren Herren. Sie wissen genau, daß sie den Hunger nur dann wirklich los­werden, wenn sie ihre Herren, alle ihre Herren, in Schach halten.

Zum Schluß möchte ich noch hinzufügen, daß eine Trennung von Freiheit und Gerechtigkeit der Trennung von Kultur und Arbeit gleichkommt, die recht eigentlich die soziale Todsünde darstellt. Die Ratlosigkeit der eu­ropäischen Arbeiterbewegung rührt zum Teil daher, daß sie ihre wahre Heimat verloren hat, die ihr nach allen Niederlagen stets neue Kraft spendete, nämlich den Glauben an die Freiheit. Aber in gleicher Weise rührt die Ratlosigkeit der europäischen Intellektuellen daher, daß der doppelte, bürgerliche und pseudo-revolutionäre Betrug sie von ihrer einzigen lauteren Quelle, der Ar­beit und den Leiden aller, und von ihren einzigen na­türlichen Verbündeten, den Arbeitern, abgeschnitten hat. Ich habe meinerseits stets nur zwei Arten von Aristokra­tie anerkannt: die der Arbeit und die des Geistes, und jetzt weiß ich, daß es verrückt und verbrecherisch ist, die eine der anderen unterordnen zu wollen; ich weiß, daß sie beide vereint nur einen einzigen Adel bilden, daß ihre Wahrheit und vor allem ihre Kraft in der Einheit liegt, daß sie sich getrennt von den Mächten der Tyran­nei und der Barbarei unterjochen lassen, daß sie aber vereint im Stande sind, der Welt ihr Gesetz aufzuprä­gen. Deshalb ist jeder Versuch, sie zu entzweien und zu trennen, ein Unterfangen, das gegen den Men-schen und seine erhabensten Hoffnungen gerichtet ist. Jede Dikta­tur ist somit zuallererst bestrebt, gleichzeitig die Arbeit und die Kultur zu versklaven. In der Tat müs-sen sie alle beide geknebelt werden, denn die Tyrannen wissen wohl, daß andernfalls früher oder später die eine für die andere aufstehen wird. Deshalb kann ein Intellek-tueller meiner Ansicht nach heutzutage auf zweierlei Art Ver­rat üben, und zwar in beiden Fällen, weil er sich mit einer einzigen Tatsache abfindet: der Trennung von Ar­beit und Kultur. Die erste ist bezeichnend für die bür­gerlichen Intellektuellen, die es hinnehmen, daß ihre Privilegien mit der Knechtung der Arbeiter bezahlt wer­den. Diese Leute behaupten oft, sie verteidigten die Frei­heit, aber sie verteidigen vor allen Dingen die Privile­gien, die die Freiheit ihnen und nur ihnen verleiht. (Und überdies verteidigen sie meistens nicht einmal die­se Freiheit, sobald die geringste Gefahr damit verbun den ist.) Die zweite ist bezeichnend für die Intellektuel­len, die sich als Linksstehende betrachten und die es aus Mißtrauen gegenüber der Freiheit hinnehmen, daß die Kultur - und die Freiheit, die sie voraussetzt - unter dem eitlen Vorwand, einer zukünftigen Gerechtigkeit zu dienen, von oben gelenkt wird. In beiden Fällen, ob Schmarotzer der Ungerechtigkeit oder Abtrünniger der Freiheit, unterzeichnet und besiegelt man die Trennung zwischen intellektueller und manueller Arbeit, die Ar­beit und Kultur ein und derselben Ohnmacht überant­wortet, und erniedrigt sowohl die Freiheit als auch die Gerechtigkeit!

   Es stimmt, daß die Freiheit der Arbeit Hohn spricht und sie von der Kultur trennt, wenn sie in erster Linie aus Privilegien besteht, Aber die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten. Wenn aber ein jeder von uns sich bemüht, die Pflichten der Freiheit über die Privilegien zu stellen, dann wird die Freiheit von diesem Augenblick an Arbeit und Kul­tur verbinden und die einzige Kraft auf den Plan rufen, die der Gerechtigkeit wirksam dienen kann. Die Richt­schnur unseres Handelns, das Geheimnis unseres Wider­stands, ist dann leicht in Worte zu fassen: alles, was die Arbeit erniedrigt, erniedrigt den Geist, und umgekehrt. Und der revolutionäre Kampf, das jahrhundertealte Streben nach Befreiung, besteht vor allem in einer un­ablässigen Ablehnung der Erniedrigung.

In Tat und Wahrheit sind wir noch nicht aus dieser Erniedrigung herausgetreten. Aber das Rad dreht sich, die Geschichte geht weiter und es naht eine Zeit, dessen bin ich gewiß, da wir nicht mehr allein sein werden. Für mich ist unsere heutige Begegnung bereits ein Zeichen. Wenn Gewerkschaftler sich versammeln und sich um die Freiheiten scharen, um sie zu verteidigen, ja, dann lohnt es sich wirklich, daß von allen Seiten alle herbeiströmen, um ihre Gleichgesinntheit und ihre Hoffnung zu be­kunden. Ein langer Weg liegt vor uns. Und doch, wenn der Krieg nicht alles in seine gräßliche Verwirrung stürzt, werden wir Zeit haben, der Gerechtig-keit und der Freiheit, deren wir bedürfen, endlich Gestalt zu ver­leihen. Aber zu diesem Zweck müssen wir in Zu-kunft eindeutig, ohne Erbitterung, aber unnachgiebig, die Lü­gen von uns weisen, mit denen wir gefüttert wurden. Nein, auf die Konzentrationslager, auf die versklavten Kolonialvölker, auf das Elend der Arbeiter kann die Freiheit nicht aufgebaut werden! Nein, die Friedens­tauben lassen sich nicht auf den Galgen nieder, nein, die Kräfte der Freiheit können die Söhne der Opfer nicht mit den Henkern von Madrid und anderswo vermen­gen! Dessen wenigstens sind wir von nun an völlig ge­wiß, so wie wir auch gewiß sind, daß die Freiheit kein Geschenk ist, das man von einem Staat oder von einem Führer empfängt, sondern ein Gut, das Tag um Tag er­kämpft sein will, durch das Bemühen jedes einzelnen, durch die Einheit aller.


 (1) Das Absurde ist der Ausgangspunkt der gesamten Philosophie Camus'. Das Absurde ist für Camus nicht irgendein Begriff, der isoliert denkbar wäre, sondern es ist die Erkenntnis eines Menschen, dass man all dem Leid und Elend in der Welt doch keinen Sinn geben kann. Der „absurde Mensch" Camus' ist stets atheistisch, da das Leid für ihn unerklärbar bleibt. Hinter Camus' atheistischem Standpunkt steht also letztendlich das [[Theodizee]]-Problem, für das er keinerlei Lösung - eben keinen Sinn - sieht. Der Mensch fühlt, wie „fremd" alles ist, die Außenwelt und ihre Sinnlosigkeit bringen ihn, der stets nach Sinn strebt, in existentielle Konflikte. Dabei macht das Absurde vor niemandem halt: „''Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen''". Für Camus besteht das Gefühl des Absurden also in der Entzweiung des sinnstrebenden Menschen und der sinnleeren Welt. (Siehe „Albert Camus" bei www.wikipedia.de)

 (2) Albert Camus, Fragen der Zeit, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1960, S. 90-101


VON: BERNHARD GESTERMANN






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