Die nächste langwellige Weltwirtschaftskrise kommt



11.01.08
TopNewsTopNews, Theorie 

 

Von Wolfgang Hoss       

Die seit Mitte der 70-iger Jahre des 20.Jahrhunderts eingetretene Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums im Vergleich zu den 50-iger und 60-iger Jahren hat der Theorie der langen Wellen neuen Auftrieb gegeben. Lange Wellen der Konjunktur lassen sich meines Erachtens auf der Grundlage der Marx'schen Lehre vom Umschlag des fixen Kapitals erstaunlich gut erklären. Marx hatte zwar 10-jährige Zyklen des Umschlags des fixen Kapitals (Bauten und Ausrüstungen) im Auge, aber auch gesamtwirtschaftlich über- und unterdurchschnittliche Häufungen der Investitionen in Zyklen von mehr als 50 Jahren widersprechen Marxens Lehre vom Umschlag des fixen Kapitals nicht. Der größte Wertanteil des fixen Kapitals entfällt auf die die Produktionsbauten, und Umschlagzyklen bzw. Zyklen der Grunderneuerungen der Produktionsbauten von mehr als 50 Jahren liegen durchaus im Bereich der Realität. Auf Grund theoretischer Schlußfolgerungen habe ich zunächst vermutet, daß es erstens, lange Wellen der gesamtwirtschaftlichen Investitionsquoten, also lange Welle der Käufe von fixem Kapital (Bauten und Ausrüstungen) bezogen auf  das gesellschaftliche Gesamtprodukt gibt, und daß es zweitens, spiegelbildlich zu den Investitionsquoten verlaufende lange Wellen der Konsumquoten, d.h. der Konsumtionsmittelkäufe der privaten und öffentlichen Haushalte bezogen auf das gesellschaftliche Gesamtprodukt gibt. Diese Vermutungen wurden für Deutschland in der Zeit von 1850 bis zur Gegenwart voll und ganz bestätigt. Siehe Diagramme DG1 und DG2. Mindestens zwei lange Wellen der Investitions- und Konsumquoten in dieser Zeit in Deutschland sind damit keine Vermutung, sondern eine Tatsache.
 
Nach der im folgenden im Überblick erläuterten Hypothese werden lange Wellen der Konjunktur durch überdurchschnittliche und unterdurchschnittliche Häufungen von Investitionen (Käufe von Produktionsbauten und Ausrüstungen) verursacht. Auf überdurchschnittliche Häufungen der Investitionen im Weltmaßstab folgen langfristig unvermeidlich unterdurchschnittliche Häufungen. Sinken die Investitionen unter den Verbrauch an fixem Kapital, dann entsteht in diesem Wertteil ein Überangebot. Der Wert der verbrauchten Produktionsbauten und Ausrüstungen wird durch die Abschreibungen erfaßt und als Kostenteil auf den Wert des Produkts und damit auf das Warenangebot übertragen. Betrachtet man zunächst noch nicht die Häufungen aller Investitionen in der Gesamtwirtschaft, sondern ein einzelnes Unternehmen mit zugehörigen Haushalten der Arbeitnehmer und Unternehmen, dann ist es z.B. möglich, daß durch das Unternehmen in der Jahresperiode Investitionsgüter (Bauten und Ausrüstungen) im Wert von Ka=8 Geldeinheiten gekauft werden, und daß andererseits der Wert der im Zuge der Produktion verbrauchten Investitionsgüter Ca=10 Geldeinheiten beträgt. Dieser verbrauchte Wert Ca als Kostenteil wird, wie gesagt, auf den Wert des Produkts übertragen und stellte damit einen Teil des Werts des Warenprodukts und damit einen Teil des Angebots dar, während der Wert der gekauften Investitionsgüter dem komplementären Nachfrageteil entspricht. Im Beispiel entsteht damit in diesem Wertteil ein Überangebot von 2 Geldeinheiten. Die Investitionen sind in diesem Fall im Wertbetrag kleiner als die Abschreibungen und liegen unter dem langfristigen Durchschnitt. Wenn ferner die Käufe von Umlaufproduktionsmitteln (Vorleistungen) und die Käufe von Konsumgütern nicht über den Durchschnitt steigen, dann liegt die Gesamtnachfrage des Systems Unternehmens mit zugehörigen Haushalten (Basissystem) unter dem Durchschnitt.

Bei entsprechenden Häufungen solcher Überangebotsperioden in den Basissystemen entsteht zunächst ein langfristig wirkendes gesamtwirtschaftliches Überangebot im Wertteil a (Ca und Ka), und bei durchschnittlichen oder unterdurchschnittlichen Beträgen der restlichen Nachfragekomponenten, d.h. der Käufe an Vorleistungsgütern Ku und der Konsumgüterkäufe Kn stellt sich dann auch insgesamt ein langwelliges Warenüberangebot ein, das über mehre Jahrzehnte das Produktionswachstum langsam aber unaufhaltsam drückt (im Trend sinkende Wachstumsraten des BIP real, so wie es z.B. zwischen 1975 bis zur Gegenwart (2007) in Deutschland zu beobachten war). Infolge des Überangebots wird das weltwirtschaftliche Wachstum der Produktion und des Welteinkommens immer weiter gedrückt, bis es zu einer globalen Massenbankrottwelle kommt. Da durch jeden echten Bankrott das Warenangebot auf Null gesetzt wird, andererseits aber die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln weiter gehen muß, erzeugt jeder Bankrott eine dauerhafte Übernachfrage. Bei einem bestimmten Umfang der Massenbankrotte in der Welt entsteht schließlich eine dauerhafte gesamtwirtschaftliche Übernachfrage, durch welche der nächste langwellige Aufschwung in Gang gesetzt wird.

Die Analysen während meiner Erforschungsarbeit haben gezeigt, daß in einer langwelligen Abschwungsphase einerseits die Investition und Investitionsquoten sinken, daß aber andererseits in dieser Phase die Konsumquoten tendenziell steigen, daß also bei langwellig sinkenden Investitionen der Konsum relativ oder absolut gestärkt wird.

Wenn die gesamtwirtschaftlichen Investitionen Ka (Anlageproduktionsmittelkäufe) nach einer Phase weit überdurchschnittlicher Investitionen im Gesamtsystem unter den Anlageproduktionsmittelverbrauch Ca gesunken sind, dann stellt sich in diesem Wertteil, wie gesagt, ein gesamtwirtschaftliches Überangebot ein. Wir wissen aber, daß rückläufige Produktionsmittelkäufe zu relativen oder absoluten Stärkungen der Konsumtionsmittelkäufe führen können, und daß dies nach unseren empirischen Befunden im langwelligen Krisenzyklus auch der Fall ist. Es stellt sich damit die Frage, ob gesamtwirtschaftlich rückläufige Investitionen (Anlageproduktionsmittelkäufe) durch steigende Konsumtionsmittelkäufe ausgeglichen oder sogar überkompensiert werden können.

Marx hat diese Frage nicht beantwortet. Die offizielle bürgerliche Volkswirtschaftslehre hingegen vernachlässigt in ihren gesamtwirtschaftlichen Betrachtungen sträflich die Produktionsmittelnachfrage - nur ein Teil der Anlageproduktionsmittelkäufe (die "Nettoinvestition") wird erfaßt - die Umlaufproduktionsmittelnachfrage (Vorleistung) fällt in der Gesamtbetrachtung der bürgerlichen Volkswirtschaftlehre sogar ganz unter den Tisch.

Nehmen wir an, daß nach einer langwelligen Aufschwungphase mit überdurchschnittlichem gesamtwirtschaftlichem Wachstum der Produktion sowie überdurchschnittlichen Investitionen, die Anlageproduktionsmittelkäufe (Investitionen) mit Ka1=8 unter den Durchschnitt Ka0=10 gesunken sind, und daß die Umlaufproduktionsmittelkäufe mit Ku1=50 zufällig einen Durchschnittsbetrag angenommen haben. Damit sind die Produktionsmittelkäufe (und damit auch die Produktionsmittelnachfrage) mit Kc1=Ka1+Ku1=8+50=58 unter den Durchschnitt Kc0=60 gesunken. [Zwar ist hier mit Hinsicht auf die Umlaufproduktionsmittelkäufe in der Theorie noch ein Zufall im Spiel, aber es hat sich im Verlauf unserer statistischen Analysen gezeigt, daß langwellig deutlich sinkende Investitionsquoten auch mit im Trend sinkenden Umlaufproduktionsmittelquoten (Vorleistungsquoten) einher gehen.] . Im theoretischen Beispiel gehen damit, einerseits bedingt durch unterdurchschnittliche Investitionen und anderseits durch durchschnittliche Umlaufproduktionsmittelkäufe, die Produktionsmittelkäufe im Vergleich zur Vorperiode um dKc1=Kc1-Kc0=58-60= -2 zurück, und demzufolge werden in der neuen Periode 2 Geldeinheiten weniger zum Kauf von Produktionsmitteln benötigt, es werden also 2 Werteinheiten in Geldform in der Hand der Unternehmen freigesetzt. Einen Teil des freigesetzten Geldkapitals legen die Unternehmer als Leihkapital und einen anderen Teil als spekulatives Kapital an. Das in der Warenzirkulation freigesetzte Geld geht also zum Teil oder auch ganz in die Nichtwarenzirkulation, d.h. in die spekulative und die Leihgeldzirkulation. Und da mindestens ein Teil des freigesetzten Geldes in der Nichtwarensphäre angelegt wird, geht auch mindestens ein Teil des Werts und des Geldes der Warenzirkulation und Warennachfrage verloren.

Der Vorgang der Abwanderung von freigesetztem Geldkapital in die Nichtwarenzirkulation infolge rückläufiger Investitionen ist daher für die Entwicklung der Produktion nominal und real in der langen Welle von entscheidender Bedeutung. Um so mehr die Profitraten in der Warensphäre sinken und in der Leihgeld- und Spekulationssphäre steigen, um so mehr Geldkapital wandert von der Warensphäre in die Nichtwarensphäre ab, und um so mehr wird das Wachstum der Warenproduktion gedrückt. Wenn z.B. nach einem Übergang vom Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zum Abschwung die Produktionsmittelkäufe von Kc0=60 auf  Kc1=58 und demnach um 2 Geldeinheiten zurückgehen und damit 2 Geldeinheiten für andere Zwecke als für Produktionsmittelkäufe freigesetzt werden, dann wird zwar der Konsum absolut oder relativ gestärkt, aber mindestens ein Teil des freigesetzten Geldes wird in einer solchen Abschwungphase nicht für zusätzliche Konsumtionsmittelkäufe verwendet, sondern wandert in die Nichtwarenzirkulation ab, so daß die Stärkung des Konsums auf jeden Fall kleiner bleibt als der Rückgang der Produktionsmittelkäufe (mittel- und kurzfristige Störungen sind in diesem Fall natürlich von der Betrachtung ausgeschlossen). Die Gesamtnachfrage K setzt sich aus den Produktionsmittelkäufen Kc und den Konsumgüterkäufen der privaten und öffentlichen Haushalte Kn zusammen, so daß K=Kc+Kn gilt, und wenn die Produktionsmittelkäufe zurückgehen und die Konsumgüterkäufe um weniger als diesen Betrag des Rückgangs der Produktionsmittelkäufe gestärkt werden, dann drücken die rückläufigen Investitionen und rückläufigen Produktionsmittelkäufe die Gesamt-Warennachfrage unter die Nachfrage der Vorperiode.

Eine Funktion, die diesen Zusammenhang zwischen den Änderungen der Produktionsmittelkäufe und der Konsumgüterkäufe beschreibt, ist die folgende:

dKn=?*dKc

Der Störfaktor ? ist größer als -1 falls sich in der Gesamtwirtschaft Überangebote oder Übernachfragen eingestellt haben. Zum Beispiel eine Änderung der Produktionsmittelkäufe um dKc=-2 führt beim Störfaktor von ?=-0,2 zu einer Änderung der Konsumgüterkäufe um dKn=-0,2*(-2)=0,4. Dem Rückgang der Produktionsmittelkäufe um 2GE (GE gleich Geldeinheit) steht damit ein Zuwachs der Konsumgüterkäufe von 0,4 GE, so daß die Gesamtkäufe und damit die Gesamtnachfrage um dK=-2+0,4= -1,6GE sinkt.

Stilisiert man die Investitions- und Konsumquoten nach den Statistiken DG1 und DG2 zu einfachen spiegelbildlich verlaufenden Sinusfunktionen, dann kann der Verlauf dieser Quoten in Abhängigkeit von der Zeit mathematisch einfach dargestellt werden.

Ausgehend von den oben kurz erläuterten Grundannahmen wurde in einer mehr als 10-jährigen Forschungsarbeit eine Theorie des langwelligen Wachstums des gesellschaftlichen Gesamtprodukts entwickelt. Eine Vielzahl von Grundvoraussetzungen und von wesentlichen Zusammenhängen und Tatsachen mußte analysiert werden. Sie wurden in eine mathematische Form gebracht, in der Kurven des langwellig gestörten Produktionswachstums generiert werden können. Parameter dieser Wachstumsfunktionen, die im Bereich der Realität liegen könnten, wurde in großer Zahl variiert und auf dieser Basis Szenarien entworfen, die im Excel-Programm getestet wurden. Ein Szenario, welches (in der Modellwelt ab dem Jahr 1870) den zur Verfügung stehenden statistischen Daten für Deutschland am nächsten kommt, ist im Diagramm DG-17b dargestellt.

Die Grundlagen dieser marxistischen Theorie der langwelligen Konjunkturzyklen sowie die wichtigsten Teilaspekte und Zusammenhänge aus mikroökonomischer und makroökonomischer Sicht wurden in den Büchern "Das kapitalistische System", Band 1.1 und Band 1.2 von W. Hoss dargelegt. Auf der Web-Site http://www.wolfgang-hoss.com, Rubrik "Lange Wellen" findet man eine Kurzfassung der Theorie (70 Seiten).

In der Modellwelt werden die Schwingungen bzw. die langwelligen Wachstumseinbrüche im absoluten Betrag immer größer. Und unter Berücksichtigung der sich in den Statistiken in der historischen Tendenz abzeichnenden Aufschaukelung der Angebot-Nachfragequoten werden die Wachstumseinbrüche in jeder nächsten langen Welle auch prozentual immer größer. Dieses Verhalten der Modellwelt stimmt mit der Vorhersage Marxens überein, nach welcher die Krisen im kapitalistischen System immer heftiger werden.

"In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschilderte Bewegung gezwungen werden, schon vorhandene riesenhafte Produktionsmittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu diesem Zwecke alle Springfedern des Kredits in Bewegung zusetzen, in demselben Maße vermehren sich die Erdbeben, worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktionskräfte den Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die Krisen zu. Sie werden häufiger und heftiger ....  " (MEW Bd. 6, S.423) 

Marx hat also vorausgesagt, daß die Produktion auf größerer Stufenleiter, mit anderen Worten, das exponentielle Wachstum der Warenproduktion (einschließlich Ausdehnung des Welthandels), zu heftiger werdenden Krisen führen wird. In unserer Modellwelt hat sich herausgestellt, daß die Störungswellen bei prozentual gleichen und mehr noch bei sich aufschaukelnden gesamtwirtschaftlichen Angebot-Nachfrage-Schwankungen immer größer werden.

Nach dem Augenschein des Diagramms DG-1 sind die Investitionsquoten-Schwankungen in der neuen langen Welle nach 1932 bis zur Gegenwart größer geworden. Es stellt sich damit die spannende Frage, ob der langwellige Abschwung seit etwa Mitte der 70-iger Jahre des 20. Jahrhunderts am Anfang des 21.Jahrhunderts tatsächlich zum größten Produktionsrückgang und damit zur heftigsten Krise in der kapitalistischen Wirtschaftsgeschichte führen wird.

 




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