Stellungnahme zum Artikel "Für die Wiederaufnahme der Arbeitszeitrechnungsdebatte" von Helmut Dunkhase.


02.02.08
TopNewsTopNews, Theorie, Sozialismusdebatte 

 

Von Wolfgang Hoss        

Vgl. http://www.helmutdunkhase.de/ArbZneu.pdf, überarbeitete Fassung des Vortrags auf der Tagung der Marx-Engels-Stiftung zum Thema "Wertgesetz und Sozialismus" am 5. Oktober 2003.

Dunkhase beginnt diesen Artikel mit folgender Einschätzung:

"Über die Marxsche Arbeitswerttheorie wird auch heute, allem Augenschein zum Trotz, an vielen Ecken der Welt diskutiert. Schlägt man eine Arbeit auf, die sich mit ihr mit grundsätzlich positivem Bezug beschäftigt, geht es darin allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine "kritische Rekonstruktion" der Marxschen Lehre oder um Versuche die Arbeitswerttheorie für die Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus fruchtbar zu machen. Auffallend wenig Bewegung ist dagegen in der Frage, ob oder inwiefern das Wertgesetz im Sozialismus wirksam wird. Vorherrschende Meinung scheint zu sein, dass Warenproduktion auch im Sozialismus auf unabsehbare Zeit unumgänglich ist. Eine Aufhebung der Warenproduktion und damit der Gültigkeit des Wertgesetzes wird allenfalls verknüpft mit nebulösen Andeutungen über notwendig neue Qualitäten sozialistischer Produktion, ohne dass irgendwelche greifbaren Bedingungen für die Qualitäten angegeben werden.
1) [Hier treffen sich Autoren, die den sozialistischen Ländern ablehnend gegenüber standen und stehen wie Michael Heinrich (Heinrich 2001) mit Vertretern, die aus ehemals sozialistischen Ländern kommen]. Faktisch wird damit der Übergang zur Produktionsweise  "frei assoziierter Produzenten" auf den Sankt Nimmerleinstag verlegt." Der Sozialismus, als erste Stufe des Kommunismus, ist im Bewusstsein der meisten Werttheoretiker offenbar in so weite Ferne gerückt, dass selbst Arbeiten, die die Werttheorie in einer Weise thematisieren, die sie ihrer Gebundenheit an eine warenproduzierende Gesellschaft entledigt, nämlich als Arbeitsquantentheorie, keineswegs über den Horizont des real existierenden Kapitalismus hinausweisen.
2) [so Quaas, Georg (2001)]
Es gibt aber auch einen dünnen und löchrigen Diskussionsstrang innerhalb des Marxismus darüber, wie eine geplante sozialistische Ökonomie jenseits der Warenproduktion zu bewerkstelligen sei, der anknüpft an eine interessante Antwort, die Marx in seiner "Kritik des Gothaer Programms" gegeben hat.
3) [Dabei kümmert mich wenig, ob es sich um den "esoterischen" oder" exoterischen Marx" handelt. Es geht um einen Vorschlag, der unabhängig von der dahinterstehenden Autorität  zu prüfen ist.].
Die Owensche Vorstellung eines "Arbeitsgeldes", das die Dauer des von den einzelnen Arbeitern geleisteten Arbeit direkt repräsentiert, bleibt "seichte Utopie", solange die Produkte als Waren produziert werden."

Auch meines Erachtens ist es vollkommen richtig, daß nach der vorherrschende Meinung der heutigen Sozialismustheoretiker Warenproduktion auch im Sozialismus auf unabsehbare Zeit unumgänglich notwendig sein soll. Marx hingegen hat als erste Voraussetzung für die sozialistische Produktionsweise unmißverständlich die Aufhebung der Warenproduktion gefordert. Zur Wertbildung im Sozialismus schrieb er in seiner Kritik des Gothaer Programms:

"Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren. ... Demgemäß erhält der einzelne Produzent - nach den Abzügen - exakt zurück, was er ihr gibt. Was er ihr gegeben hat, ist sein individuelles Arbeitsquantum. Z.B. der gesellschaftliche Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, daß er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der andern zurück. Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehn kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in der andern ausgetauscht."
(MEW, Bd. 19, S.19/20)

Und im Dritten Band des Kapital sagt Marx:

"Zweitens bleibt, nach Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, aber mit Beibehaltung geellschaftlicher Produktion, die Wertbestimmung vorherrschend in dem Sinn, daß die Regelung der Arbeitszeit und die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit unter die verschiednen Produktionsgruppen, endlich die Buchführung hierüber, wesentlicher denn je wird."
 (MEW Bd. 25, S. 859)

Meines Erachtens enthalten die Aussagen Marxens zur Wert- und Preisbildung in der sozialistischen, nicht auf Warenproduktion gegründeten Gesellschaft keine Widersprüche, aber aus heutiger Sicht ist eine Kritik an der esoterischen Darstellung seiner Vorstellungen und Vorschläge in diesen Punkten angebracht. Heute stellt sich für die an Fortschritten interessierten Marxisten die Aufgabe, Marxens Vorgaben zur Wertbildung im Sozialismus klar und unmißverständlich darzustellen. Einen Anlaß zu Mißverständnissen geben insbesondere die beiden Aussage in den obigen Zitaten, erstens, " Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren.", und zweitens, "bleibt, nach Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, aber mit Beibehaltung gesellschaftlicher Produktion, die Wertbestimmung vorherrschend in dem Sinn, daß die Regelung der Arbeitszeit und die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit unter die verschiednen Produktionsgruppen, endlich die Buchführung hierüber, wesentlicher denn je wird."

Nach diesen Aussagen soll also erstens, die aufgewandte Arbeitszeit nicht den Wert der Produkte im Sozialismus bestimmen, und zweitens, soll die Wertbestimmung im Sozialismus durch die Arbeitszeit wichtiger werden denn je. Es handelt sich aber nicht wirklich um einen Widerspruch, was man erkennen kann, wenn man bedenkt, daß Marx den Begriff "Wert" im allgemeinen als "Wert der Ware" definiert hat, der durch die gesellschaftlich durchschnittlich nötige Arbeitszeit bestimmt wird, während er unter dem "Wert" im Sozialismus den "individuellen Wert" versteht, das heißt denjenigen Wert, der durch die individuell durch ein bestimmtes Unternehmen zur Herstellung des Produkts aufgewandte Arbeitszeit bestimmt wird. Bei richtigem Gebrauch der Begriffe liegt hier also kein Widerspruch vor.

Aber Klarheit mit Hinsicht auf die Wert- und Preisbildung im Sozialismus ist damit noch lange nicht hergestellt. Einen Anlaß für Irritationen gibt auch Marxens Vorschlag zur Einführung eines Geldersatzes, d.h. zur Einführung von Arbeitszertifikaten. Der Wert des Produkts soll im Sozialismus nicht in Geldeinheiten, sondern in Zeiteinheiten angegeben werden, was zu vollkommen ungewohnten und schwerverständlichen Gedankengängen führt. Zusätzliche Schwerverständlichkeit entsteht durch die Aussagen, daß der Wert einerseits durch die Arbeitszeit und andererseits durch die durch die Arbeit bestimmt sein soll. Marx gibt sich keine Mühe Unklarheiten in dieser Hinsicht zu beseitigen - im Gegenteil - er pflegt hier die Esoterik. Marx hat die Nachteile der Esoterik wahrscheinlich nicht übersehen, aber ganz ohne Esoterik wäre seine Anerkennung in akademischen Kreisen, sein Weltruf und sein großer Einfluß in der Gesellschaftswissenschaft damals und bis in unsere Zeit kaum möglich gewesen.

Klarstellungen der Marx'schen Aussagen zur Wert- und Preisbildung im Sozialismus sind meines Erachtens durchaus möglich. Es liegen in Marxens Vorgaben zur Wertbildung im Sozialismus, wie gesagt, keine Widersprüche vor, und seine Vorschläge sind durchaus praktikabel, was aber durch seine Esoterik gerade in diesem heiklen Punkt versteckt worden ist. Ein Springpunkt ist hierbei die Klarstellung welche Rolle die Arbeitszeit und die Arbeit bei der Wertbildung im Sozialismus sollen. Der Nebel lichtet sich sobald man die im produzierten Neuwert (produzierten Einkommen) steckende Arbeitszeit tn, die mit der Uhr gemessen wird, und die im Lohn steckende Arbeitszeit tv, die nicht mit der Uhr gemessen werden kann, beständig konsequent unterscheidet. Die Arbeitszeit tn ist eine physikalische Größe, die, wie gesagt, mit der Uhr gemessen werden kann und die objektiv real unabhängig vom menschlichen Bewußtsein existiert. Die "Arbeitszeit" tv  hingegen stellt eine Einschätzung der Leistung des Lohnarbeiters dar, eine Wertschätzung der geleisteten Arbeit des Arbeiters durch andere Menschen, was am besten zum Ausdruck gebracht wird, wenn der Lohn in Geld ausgezahlt wird. Die durch Marx vorgeschlagene Entlohnung in Form von Arbeitszeitzertifikaten erzeugt schnell die Illusion, daß damit physikalische Zeit betrachtet oder "ausgezahlt" wird. Die im Lohn steckende Arbeitszeit ist jedoch keine physikalische Zeit sondern eine Wertgröße bzw. eine Wertvorstellung im menschlichen Bewußtsein. Am besten und verständlichsten lassen sich die hier zu betrachteten werttheoretischen Verhältnisse an Hand eines Beispiels darstellen.

Nehmen wir an, zwei Arbeiter 1 und 2 arbeiten tn1=8h und tn2=8h pro Tag, aber der Arbeiter 1 produziert pro Arbeitstag q1=20Stck des Produkts A, sagen wir 20 Blumenvasen, und der Arbeiter 2 in der gleichen Zeit q2=30 gleiche Vasen. Im volkswirtschaftlichen Durchschnitt soll innerhalb einer Stunde der Neuwert bzw. das Einkommen N/tn=50€/h produziert worden sein. In der letzten Gleichung bezeichnet N das im Jahr produzierte Nationaleinkommen und tn die im gleichen Jahr insgesamt in der Volkswirtschaft neu aufgewandte Arbeitszeit. Den Kehrwert des durchschnittlichen Stundeneinkommens wG=tn/N kann man marxistisch bestimmten Geldwert oder Geldsatz nennen. Bei einem Geldwert von wG=0,02h/€ produziert also eine Stunde Arbeitszeit einen Neuwert von N=1h/0,02h/€=50€. Im Beispiel produziert damit der Arbeiter 1 in 8 Stunden einen Neuwert bzw. ein Einkommen im Geldmaß von N1=tn1/wG=8h/0,02h/€=400€. Der produzierte Neuwert im Zeitmaß hingegen ist N1=8h. Gleiches gilt in dieser Hinsicht für den Arbeiter 2.

Auch Marx geht davon aus, daß der Leistungslohn nicht abgeschafft werden soll, daß also die Arbeiter in Abhängigkeit von ihrer Arbeitsleistung unterschiedliche Löhne erhalten sollen. Da der Arbeiter 2 eine größere Menge gleicher Produkte als der Arbeiter 1 in der gleichen Zeit produziert, liegt eine  unterschiedliche Arbeitsleistung vor. Ein Teil des produzierten Neuwerts muß für die öffentlichen Dienste, für die sozialen Sicherungssysteme und für die erweiterte Reproduktion aufgewandt werden, so daß dem Arbeiter nicht der volle "Ertrag" seiner Arbeit bzw. nicht das durch ihn produzierte Einkommen von N1=8h im Zeitmaß bzw. von N1=400€ im Geldmaß als Lohn ausgezahlt werden kann.

Nehmen wir an, daß der Arbeiter 1, der 20 Vasen in tn1=8 Stunden hergestellt hat, einen Lohn im Zeitmaß von tv1=4 Stunden erhält, der in Form von Arbeitzeitzertifikaten ausgezahlt wird. Beim Geldwert von wG=0,02h/€ entspricht dies einem Lohn im Geldmaß von Cv1=tv1/wG=4h/0,02h/€=200€. Der Stücklohn des Arbeiters 1 beträgt damit Cv'1=Cv1/q1=200€/20Stck=10€/Stck.

Der Lohn des Arbeiters 2, der 30 Vasen in 8 Stunden produziert, betrage im Zeitmaß tv2=6h und damit im Geldmaß Cv2=tv2/wG=6h/0,02h/€=300€. Damit erhält der Arbeiter 2 den gleichen Stücklohn von Cv'2=Cv2/q2=300€/30Stck=10€/Stck und damit wird ein "gerechter" Leistungslohn an beide Arbeiter gezahlt. Da der Arbeiter 2 pro Tag eine größere Stückzahl produziert, erhält er bei gleichem Stücklohn einen höheren Tages- und Stundenlohn als der Arbeiter 1. Aber beide Arbeiter haben den gleichen Neuwert bzw. das gleiche Einkommen von N=400€ im Geldmaß bzw. von N=8h im Zeitmaß produziert.

Da der Arbeiter 2 einen höheren Lohn als der Arbeiter 1 erhält, bleibt nach der Auszahlung seines Lohns Cv=300€ vom produzierten Einkommen N=400€  noch ein Anteil von ST=100€  für die Gemeinschaftsfonds. Der für die Gemeinschaftsfonds verbleibende Teil des durch den Arbeiter 1 produzierten Einkommens ist hingegen ST=N-Cv=400€-200€=200€. Der Arbeiter 2 mit der höheren Arbeitsleistung liefert demnach einen kleineren Teil des produzierten Werts bzw. einen kleineren Überschuß an die Gesellschaft, aber dafür hat er für die Gesellschaft einen höheren Produktenwert in der gleichen Zeit produziert. Beim Preis von p=45€ pro Vase hat der Arbeiter 2 einen Produktenwert von W2=q2*p=30Stck*45€/Stck=1350€ produziert, der Arbeiter 1 hingegen produziert nur einen Produktenwert von W1=q1*p=20Stck*45€/Stck=900€.

Der höhere individuelle Wert von W2=1350€, den der Arbeiter 2 für die Gesellschaft produziert hat, repräsentiert eine größere Stückzahl und damit einen höheren Gebrauchswert als der kleinere individuelle Wert W1=900€. In der gleichen Zeit hat der Arbeiter 2 einen Gebrauchswert von 30 Vasen und der Arbeiter 1 einen Gebrauchswert von 20 Vasen für die Gesellschaft produziert. Also produziert der Arbeiter mit der höheren Arbeitsleistung und dem höheren Lohn in der gleichen Zeit einen größeren Gebrauchswert als der Arbeiter 1, aber beide Arbeiter produzieren den gleichen individuellen Wert pro Arbeitstunde also das gleiche Einkommen pro Stunde, nämlich 50€/h.

Aber der Wert des Tagesprodukts beider Arbeiter ist unterschiedlich, da beide unterschiedliche Mengen von gleichem individuellen Wert pro Mengeneinheit (gleichen Preis) produziert haben. Das Tagesprodukt des Arbeiters 1 besteht aus 20 Vasen beim Preis 45€/Stck, es hat demnach den Wert 900€, das Tagesprodukt des Arbeiters 2 hingegen besteht aus 30 Stück mit dem gleichen Preis und beträgt damit 1350€.

Das Unternehmen verkauft die gleiche Vase zum gleichen Preis, d.h. es rechnet den Kunden weder die Stückzeit des Arbeiters 1 noch die des Arbeiters 2 an, sondern die betriebliche Stückzeit tn'=(tn1+tn2)/(q1+q2)=16h/50Stck=0,32h/Stck. Die in den gekauften und verbrauchten Produktionsmitteln enthaltene Arbeitszeit der Zulieferer betrage tc'=0,58h/Stck, so daß in einer Vase unseres Unternehmens die Gesamtzeit von t'=tc'+tn'=0,58h/Stck+0,58h/Stck=0,9h/Stck steckt. Der Preis, zu welchem die Vase verkauft wird, beträgt demnach, wie dies oben richtig vorausgesetzt wurde, p=t'/wG=0,9h/0,02h/€=45€/Stck.

In der folgenden Übersicht sind die Daten des Beispiels zusammengestellt:

     Arbeiter 1   Arbeiter 2

neu aufgewandte Arbeitszeit  tn1=8h    tn2=8h
=prod. Neuwert im Zeitmaß  

produzierte Neuwert im  N1=tn1/wG=400€  N2=tn2/wG=400€
Geldmaß (Geldwert wG=0,02h/€) 

Lohn im Zeitmaß   tv1=4h    tv2=6,h

Lohn im Geldmaß   Cv1=tv1/wG=200€  Cv2=tv2/wG=300€

produzierte Menge    q1=20Stck   q2=30Stck

Stücklohn im Zeitmaß   tv'1=tv1/q1=0,2h/Stck tv'2=tv2/q2=0,2h/Stck

Stücklohn im Geldmaß  Cv'1=Cv1/q1=10€/Stck Cv'2=Cv2/q2=10€/Stck

Neustückzeit des   tn'=(tn1+tn2)/(q1+q2)=16h/50Stck=0,32h/Stck
des Unternehmens

im Produktionsmittelverbrauch  tc'=0,58h/Stck
pro Stück enthaltene Arbeitzeit    

Preis     p=(tc'+tn')/wG=(0,58h+0,32h)/0,02h/€=45€/Stck

Wert des Produkts der   W1=q1*p=900€  W2=q2*p=1350€
einzelnen Arbeiter

Wert des betrieblichen Produkts W=W1+W2=2250€

Preiskontrolle:   p=W/q=(W1+W2)/(q1+q2)=2250€/50Stck=45€/Stck.


Ein Gewinn fällt in der sozialistischen Wirtschaft prinzipiell nicht an, so daß das produzierte Einkommen N sich aus dem Lohn Cv und den Steuern und Abgaben ST im Geldmaß, bzw. aus dem Lohn im Zeitmaß tv und den Steuern und Abgaben im Zeitmaß tst zusammensetzt. Es gilt demnach für den produzierten Neuwert die Beziehung N=tn/wG=Cv+ST im Geldmaß, bzw. tn=tv+tst im Zeitmaß.

Damit sind meines Erachtens die Unklarheiten mit Hinsicht auf das Prinzip der Wertbildung in der sozialistischen nicht auf Warenproduktion gegründeten Gesellschaft nach Marxens allgemeinen Vorgaben im hauptsächlichen beseitigt, bzw. sie können beseitigt werden, falls man es will, -  falls man an einer praktikablen Lösung interessiert ist und eine sozialgerechte vom Schmarotzertum befreite Gesellschaft haben möchte, was für die Bessergestellten in der kapitalistischen Wirtschaft im bürgerlichen Staat und in der heutigen etablierten Wirtschaftswissenschaft aus verständlichen Gründen keineswegs erstrebenswert ist.

Die Frage, wie im allgemeinen Prinzip die im Produktionsmittelverbrauch enthaltene Arbeitszeit ermittelt werden kann, kann zusätzliche Probleme aufwerfen. Dunkhase glaubt, daß zur Lösung dieser Aufgabe eine volkswirtschaftliche Verflechtungsbilanz bzw. eine Leontief-Matrix erforderlich ist. Bekanntlich müssen bei einer Verflechtung von n=3 Sektoren (n-1)*(n-1)=2*2=4 Koeffizienten in die Martix eingetragen werden. Bei 4 Sektoren sind es 3*3=9 Koeffizienten. Zum Beispiel in der DDR gab es einen zentralen Artikelkatalog mit etwa 100Mill. Erzeugnistypen. Dies würde zu einer Leontief-Matrix mit 100Mill*100Mill=10^16 Koeffizienten führen. Wenn es möglich wäre innerhalb von 10 Sekunden einen einzelnen Koeffizienten zu ermitteln, zu berechnen und in einem Supercomputer einzugeben, dann wäre bei 10^16 Koeffizienten eine Arbeitszeit von 10^17 Sekunden bzw. von 2,77*10^13 Stunden erforderlich. Bei einer Arbeitszeit von 8 Stunden pro Arbeitskraft wären damit 3,47*10^12 Arbeitstage bei Einsatz einer Arbeitskraft nötig. Bei 250 Arbeitstagen pro Jahr wären es etwa 1,4*10^10 Jahre. Bei Einsatz von 1Million Arbeitskräften könnten die Koeffizienten in etwa 14000 Jahren eingegeben werden. Bei Einsatz von 100Mill. Arbeitskräften wären noch etwa 140 Jahre nötig. Wenn also eine einmalige Eingabe der  Koeffizienten innerhalb von Jahrhunderten möglich sein soll, dann müßten Millionen Arbeitskräfte allein für diese Arbeit eingesetzt werden. Dabei ist noch nicht bedacht, daß moderne Volkswirtschaften Millionen Erzeugnistypen exportieren und importieren, und daß daher eine Leontief-Matrix für die Weltwirtschaft erstellt werden müßte, und daß die Zahl der Erzeugnistypen der Weltwirtschaft noch sehr viel größer ist als die Typenzahl in der kleinen DDR-Wirtschaft.

Dunkhase weist in seinem Artikel darauf hin, daß es im Modell mit Hilfe der Leontief-Matrix, bei bekannten Arbeitszeiten im Sektor "Haushalte" (der letzten Zeile der Matrix), möglich ist die in den Erzeugnissen pro Mengeneinheit enthaltene Arbeitszeit zu berechnen. Man benötigt zur Berechnung der Arbeitszeiten in den restlichen Sektoren bei z.B. 100Mill.+1 Sektoren (bzw. Erzeugnistypen) ein System von 100Mill.Gleichungen mit 100Mill. Unbekannten. Zur Lösung der Gleichungen wiederum benötig man 10^16 Koeffizienten (10000 Billionen). Innerhalb von Jahrhunderten oder Jahrtausenden könnten diese Koeffizienten durch Millionen Arbeitskräfte in einen Supercomputer eingegeben werden. Dunkhase schlägt vor, daß sich die Wiederaufnahme der Arbeitszeitrechnungsdebatte auf diese Methode konzentrieren sollte, obwohl er selbst erkannt hat, daß damit die Wert- und Preisbildung im Sozialismus auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden würde. Es verwundert daher auch nicht, daß er den im n-dimensionalen Vektorraum angesiedelten Quaas'schen Quantenquark lobend erwähnt und die in Lichtjahren gemessene Entfernung dieses Raumes von der irdischen Produktionspraxis mit Freude zur Kenntnis genommen hat. (Vgl. Georg Quaas, "Arbeitsquantentheorie. Mathematische Grundlagen der Werttheorie".)

Die betriebliche Neustückzeit kann in der Praxis durchaus mit vertretbarem Aufwand ermittelt werden. Wenn durch einen Betrieb nur ein Erzeugnistyp hergestellt wird, dann kann die Neustückzeit einfach durch die insgesamt durch das Unternehmen aufgewandte Arbeitszeit und durch die hergestellte Menge in der Periode bestimmt werden. Komplizierter wird es, wenn mehrere bzw. viele Erzeugnistypen in der Periode produziert werden. Die richtige Aufteilung der insgesamt neu aufgewandten Arbeitszeit auf die einzelnen Erzeugnistypen kann dann mit erheblichem Aufwand verbunden sein, sie ist aber in der Praxis im Prinzip möglich.

Durch die Statistik z.B. der Bundesrepublik Deutschland wird die im Jahr neu aufgewandte Arbeitszeit tn und natürlich auch das Nationaleinkommen ermittelt, so daß es keine Mühe macht den marxistisch bestimmten Geldwert wG=tn/N zu berechnen. Setzt man voraus, daß in einem sozialistischen Wirtschaftssystem die Warenproduktion nach Marxens Vorgabe konsequent aufgehoben wurde, dann kann der während der Produktion einer 60-Watt-Lampe produzierte individuelle Neuwert berechnet werden, indem die Stückzeit der neu aufgewandten Arbeitszeit im Unternehmen durch den Geldwert dividiert wird. Es gilt die Beziehung N=tn/wG.

Kennt ein Glühlampenwerk die Produktionsmittelkosten pro Lampe Cc', dann kann die in den gekauften und verbrauchten Produktionsmitteln enthaltenen Arbeitszeit in guter Näherung berechnet werden, indem der Produktionsmittelverbrauch Cc mit dem Geldwert wG multipliziert wird. Zum Beispiel bei Produktionsmittel-Stückkosten von 0,8€/Stck und dem Geldwert wG=0,02h/€ steckt in den verbrauchten Produktionsmitteln die Arbeitszeit tc'=Cc'*wG=0,8€*0,02h/€=0,016 h. Bei einer Neustückzeit von tn'=0,012h/Stck beträgt die pro Lampe insgesamt aufgewandte Arbeitszeit t=tc+tn=0,016h+0,012h=0,028h.

Da durch ein modernes nicht zu kleines, oder mittleres, oder großes Unternehmen eine sehr große Zahl von Produktionsmitteltypen innerhalb des Jahres gekauft und verbraucht werden, gleichen sich nach dem Gesetz der Großen Zahlen mögliche starke Abweichungen der Produktionsmittelpreise der einzelnen Produktionsmitteltypen von arbeitszeitbestimmten Wert großenteils aus. Der nominale Wertbetrag des Gesamt-Produktionsmittelverbrauchs nähert sich dem arbeitszeitbestimmten Wert um so mehr an, um so größer die Zahl der gekauften und verbrauchten Produktionsmitteltypen wird.

Mit Sicherheit ist bekannt, daß der jährlich produzierte Neuwert einer modernen Volkswirtschaft durch die im Jahr insgesamt für die Produktion aller Waren und Dienstleistungen (Verkaufsprodukte) aufgewandte Arbeitszeit bestimmt ist. Wird die Zahl der gekauften Warentypen also so groß, daß alle Typen der Volkswirtschaft erfaßt sind, dann ist die im nominalen Neuwert enthaltene Arbeitszeit mit einer Genauigkeit bestimmbar, die der Genauigkeit der Statistik des volkswirtschaftlichen Arbeitszeitvolumens entspricht. Und der Wert jeder Waren ist durch den Neuwert der aktuellen Periode und die Summe aller Neuwerte die in den gekauften und verbrauchten Produktionsmitteln stecken, festgelegt. Sind also alle Neuwerte arbeitszeitbestimmt, dann sind auch die Gesamtwerte arbeitszeitbestimmt.

Wenn heute in der kapitalistischen Wirtschaft auch einzelne Produktionsmittelpreise stark vom arbeitszeitbestimmten Wert der Produktionsmitteltypen abweichen können, so kann man doch ziemlich sicher sein, daß die Abweichungen im Durchschnitt von vielleicht 100.000 Produktionsmitteltypen vom arbeitszeitbestimmten Wert klein sein werden. Stellt man keine allzu große Forderungen an die Genauigkeit, dann kann die im gesamten Produktionsmittelverbrauch enthaltene Arbeitzeit auch in der heutigen kapitalistischen Wirtschaft ganz einfach durch Multiplikation des Gesamt-Produktionsmittelverbrauchs Cc  mit dem aktuellen Geldwert wG=tn/N der Volkswirtschaft berechnet werden. Zum Beispiel bei einem Produktionsmittelverbrauch zur Herstellung eines Stücks des Erzeugnistyps A im Betrag von Cc'=600€ und dem Geldwert wG=0,02h/€  berechnet sich die darin enthaltene Arbeitszeit zu tc'=Cc'*wG=600€*0,02h/€=12h. Kopfstände mit Supermatrizen und Supercomputern zur Berechnung der im Produktionsmittelverbrauch enthaltenen Arbeitszeit sind völlig überflüssig.

Eventuelle könnte allerdings der Aufwand bei der Ermittlung hinreichend genauer Neu-Stückzeiten pro Erzeugnistyp so hoch werden, daß es in manchen Fällen Aufbegehren der Praktiker gegen diese Preisbildung geben würde. Wenn aber der sozialistische Staat bzw. seine Zentralbank die für Produktkäufe zirkulierende Geldmenge mit der Rate der insgesamt in der Volkswirtschaft aufgewandten Arbeitszeit wachsen lassen würde, so daß ein konstanter Geldwert garantiert wäre, dann wäre auch bei einer  Kostenpreisbildung nach der Beziehung Y=CK+ST ein Bezug zur im einzelnen Produkt enthaltenen Arbeitszeit hergestellt. Und die Anwendung dieser Kostenpreisbildung wäre in der Praxis auf jeden Fall unproblematisch. Die nominalen Wertbeträge wiederum könnten, falls Bedarf besteht, durch Multiplikation mit dem Geldwert näherungsweise in die aufgewandte Arbeitszeit umgerechnet werden. Mehr wäre nicht nötig. Näheres zu dieser Form der Wert- und Preisbildung im Sozialismus findet man im Buch "Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft" von W. Hoss, Norderstedt 2006, Abschnitt 3.4 Neues Prinzip der Wert- und Preisbildung im Sozialismus.
 

 


VON: WOLFGANG HOSS






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