Ein marxistisches Sozialismusmodell für das 21. Jahrhundert.


29.12.07
TopNewsTopNews, Theorie, Sozialismusdebatte 

 

Ein Überblick von Wolfgang Hoss

Da man in der Sowjetunion und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks die Warenproduktion als Grundlage der sozialistischen Produktion deklariert hatte – die Kennziffer Steigerung der Warenproduktion war z.B. in der DDR eine der wichtigsten Kennziffern für die Jahresendprämie der VEB-Betriebe – kommt man an sich nicht umhin festzustellen, daß die Sozialismustheorie von Marx und Engels in diesen Ländern, nach einigen anfänglichen anderweitigen Versuchen, im grundsätzlichen aufgegeben wurde. Wer aber hat sich in diesem Punkt geirrt, Marx und Engels oder die Theoretiker des letzten Sozialismusversuchs? Jedenfalls stellt die Entscheidung für die Warenproduktion als Grundlage der sozialistischen Wirtschaft eine radikale Revision des Marxismus bzw. eine grundlegende Verfälschung der marxistischen Sozialismustheorie dar. Die Aussagen von Marx und Engels in dieser Hinsicht sind eindeutig:

 

 

"Mit der Besitzergreifung der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt … " (Friedrich Engels, MEW, Bd.19, S.226)

"Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus, …" (Karl Marx, MEW, Bd.19, S.19).

"Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind." (Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 87).

 

Warum aber haben die Versuche im 20. Jahrhundert, insbesondere in der Sowjetunion, die Warenproduktion aufzuheben und durch eine neue produktivere Produktionsweise zu ersetzen letztlich zum Mißerfolg geführt?

 

Zur Annäherung an die Lösung des Problems kann man zunächst die Frage stellen, was die wesentlichen Unterschiede zwischen der Warenproduktion und der sozialistischen Nichtwarenproduktion sind bzw. sein müßten. Es hat sich m.E. gezeigt, daß durch die Antwort, daß die Warenproduktion aufgehoben wird, indem das Privateigentum durch gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln ersetzt wird, noch lange nicht die Frage beantwortet ist, welche ökonomischen Prinzipien der neuen Produktionsweise zugrunde liegen sollen. Es wird damit nur beantwortet, wer Besitzer der Produktionsmittel sein soll, ungeklärt bleiben damit insbesondere die Fragen, wie nach der Aufhebung der Warenproduktion und des Wertgesetzes die Preisbildung im neuen ökonomischen System funktionieren soll, durch welches Ziel das Gewinnziel der Unternehmen ersetzt werden soll, und wie die Verteilung der Güter ohne den Warenaustausch organisiert werden soll. Es müssen meines Erachtens vornehmlich zwei Prinzipien durch die Theorie gesucht und beschrieben werden, erstens, die Wert- und Preisbildung im Sozialismus, und zweitens, die Verteilung der Güter, die sich von der Verteilung in der Warenwirtschaft generell unterscheidet.

 

Eine Lösung für das Wert- und Preisbildungsproblem in der nicht auf Warenproduktion gegründeten sozialistischen Wirtschaft, wäre meines Erachtens die folgende:

Wenn erstens, auf die betrieblichen Kosten CK nur noch ein Steuer- und Abgabenaufschlag ST erhoben wird, so daß für den Wert des Produkts die Formel Y=CK+ST gilt, und wenn zweitens, der Staat den Steuer- und Abgabenaufschlag so festlegt, daß alle Ausgaben der öffentlichen Haushalte und der sozialen Sicherungssysteme ersetzt werden können, wozu benötigt dann eine solidarische, auf Arbeitseinkommen festgelegte Gesellschaft, den Gewinn? Alle gesellschaftlich notwendigen Aufwendungen können in diesem Fall durch den Verkauf der Produkte zum Preis Y=CK+ST regelmäßig ersetzt werden. Waren die Kosten des Unternehmenssektors einer Volkswirtschaft z.B. CK=3000Mrd.DM und die Kosten des öffentlichen Sektors und der sozialen Sicherungssysteme ST=1000Mrd.DM, dann berechnet sich der Aufschlagsatz auf die Kosten zu st'=ST/CK=1000/3000=0,3333=33,33%. Stellt ein Unternehmen ein Produkt mit den betrieblichen Kosten von z.B. CK =9DM/Stck her, dann kann festgelegt werden, daß zur Preisbestimmung ein Kostenaufschlag von 33,33%, also im Beispiel ein Aufschlag von ST=9*0,3333=3DM/Stck angerechnet werden muß. Die individuellen betrieblichen Kosten CK und der administrativ vorgegebene Aufschlag ST bestimmen dann den Preis, und nichts sonst weiter. Steigen die Kosten zum Beispiel auf CK=12DM/Stck, dann steigt der Aufschlag auf ST=12*0,3333=4DM/Stck. Der Steueraufschlag ST steigt also in diesem System, wenn die Kosten steigen. Wäre er Gewinn, dann wäre der Betrieb mit den höchsten Kosten der erfolgreichste, nach dem Motto: um so fauler das Betriebskollektiv um so höher die Kosten und um so höher der Gewinn. Ziel in der sozialistischen Wirtschaft wäre es dann mit möglichst hohen Kosten zu produzieren. Der Widersinn des Profitziels auf Grundlage dieser Preisbildung ist also offensichtlich. Wenn aber kein Profit erwartet wird und prinzipiell im Preis nicht mehr enthalten ist, und wenn der Profit nicht mehr Maß der betrieblichen Leistung ist, dann verschwindet das „Paradoxon“ schlagartig - man verkauft die Produkte dann einfach nur zu ihrem gesellschaftlichen Kostenpreis. Ein Produkt, welches den Hersteller und die Gesellschaft mehr kostet als ein anderes, wird zu einem höheren Preis verkauft. Die Information, die der Preis darstellt, ist dann eine sehr direkte und zweckmäßige. Ein niedrigerer Preis zeigt dann an, daß das Produkt mit geringerem Aufwand hergestellt wurde, und ein höherer Preis zeigt den höheren Aufwand an. Der Käufer wählt das gleiche Produkt mit dem niedrigeren Preis und damit das Produkt, welches mit dem geringsten Aufwand hergestellt wurde.

 

Auf diese Weise wäre also eine Preisbildung ohne Gewinnaufschlag und ohne das Wertgesetz der Warenwirtschaft möglich. Aber durch welche Umstände würden auf Basis des gesellschaftlichen Eigentums der Warenaustausch und die Warenproduktion aufgehoben werden? Allein der Hinweis auf einen Ersatz des Privateigentums durch das gesellschaftliche Eigentum erklärt die Sache noch nicht.

 

Zur Klärung des Problems steht zunächst Marxens Definition zur Verfügung, daß Waren Produkte sind, die für den Austausch produziert werden. Aber was muß sich ändern, damit die Produkte der sozialistischen Unternehmen nicht mehr für den Austausch produziert werden? Die Frage kann meines Erachtens wie folgt beantwortet werden:

 

Wenn alle sozialistischen Unternehmen ihre Produkte vollständig in einen Fonds des Volkes bzw. in einen großen Gemeinschaftsfonds liefern würden, und wenn die Produkte der sozialistischen Unternehmen damit zunächst in Volkseigentum verwandelt werden würden, ebenso die Einnahmen aus dem Verkauf aller Produkte, dann würden die Unternehmen ihre Produkte nicht mehr für den Austausch produzieren, sondern eben für die Lieferung in einen Fonds des Volkes. Nach dem Verkauf der volkseigenen Produkte und der zunächst vollständigen Konzentration der finanziellen Mittel in den Händen einer staatlichen Zentrale könnte jedem sozialistischen Unternehmen oder jedem sozialistischen Konzern nach einem volkswirtschaftlichen Plan jederzeit soviel Geld für Produktionsmittelkäufe und Löhne zugeteilt werden, daß alle nötigen Produktionsmittel gekauft und hinreichende Löhne gezahlt werden können. Es würde damit eine neues Verteilungssystem eingeführt werden, das eine planmäßige, solidarische Verteilung möglich macht, die mit dem Warenaustausch bzw. mit der Verteilung in der Warenwirtschaft und mit dem Profitssystem nichts mehr zu tun hätte. Das Prinzip der Verteilung wäre ein ähnliches wie im Urkommunismus, d.h. alle Produkte der Gemeinschaft würden zunächst in einen großen Topf des Volkes geliefert und danach nach gesellschaftlichen Übereinkünften und damit nach einem gemeinschaftlichen Plan aufgeteilt bzw. zugeteilt werden, nur eben, im Gegensatz zum Urkommunismus, zunächst in Geldform und nicht sofort in Naturalform. Es würde also zunächst Geld zugeteilt werden, und danach würden die Unternehmen und Haushalte dem gesellschaftlichen Fonds Naturalien nach ihrer freien Wahl im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten entnehmen. Ein solches System der Verteilung nach politischen Entscheidungen hätte mit der Verteilung über den Warenaustausch wirklich nichts mehr zu tun. Alle Unternehmen könnten in einem solchen Geldzuteilungssystem aus dem großen Topf des Volkes jederzeit mit den nötigen finanziellen Mitteln versorgt werden, so daß Bankrotte und Massenarbeitslosigkeit jederzeit verhindert werden könnten. Der neu produzierte Reichtum könnte nach gesellschaftlichen Übereinkünften ökonomisch zweckmäßiger und sozial gerechter als im Kapitalismus verteilt werden. In einem solchen System der Produktion der Produkte für die ganze Gemeinschaft anstelle der Produktion für den Austausch durch einzelne Unternehmen, sowie der Verteilung nach gemeinschaftlichen Übereinkünften anstelle der Verteilung über Kapitalbesitz und Gewinn, könnten alle Mitglieder der Gemeinschaft mit den nötigen Existenzmitteln versorgt werden, so daß es Hungernde und Verhungernde auf der einen Seite und Mulimillionäre und Milliardäre auf der anderen Seite, so wie in der heutigen Weltwarenwirtschaft, nicht mehr geben müßte.

 

Das oben kurz beschriebene System der Geldverteilung kann man Globalzuteilungssystem GZS nennen. Nach dem ersten Grundsatz des Systems geben die Produktionsbetriebe ihre gesamten Einnahmen aus Produktverkäufen an den Staat ab. Die Betriebe erhalten ihre finanziellen Mittel für Produktionsmittelkäufe und Löhne damit nicht mehr durch Einnahmen aus Produktverkäufen, sondern durch planmäßige Zuteilungen aus dem Fonds ihrer Unternehmensvereinigung VSU (Vereinigung sozialistischer Unternehmen, Konzerne, Genossenschaften, und die VSU ihrerseits erhält ihre finanziellen Mittel durch Zuteilungen aus einem staatlichen Fonds nach einem volkswirtschaftlichen Plan. Aber, und das ist entscheidend, die Gelder werden den Unternehmensvereinigungen nicht mit staatlichen Planvorgaben zu ihren Produktionsprogrammen zur Verfügung gestellt, sondern nur mit der allgemeinen Maßgabe, daß das Grundziel ihrer Produktion die Befriedigung der zahlungsfähigen Nachfrage auf dem Markt nach eigenständiger Marktforschung und eigenen Entscheidungen sein muß. Die Regelmechanismen des Marktes könnten auf diese Weise auch weiterhin voll genutzt werden, dies allerdings nur im Rahmen der Globalzuteilungen nach dem Volkswirtschaftsplan.

 

Die sozialistischen Konzerne und ihre Betriebe wären damit als freie, sich selbst verwaltende Wirtschaftseinheiten konstituiert, die frei über die Produktionsmittel und die zugeteilten finanziellen Mittel verfügen, und die über ihre Produktionspläne unabhängig vom Staat entscheiden können. Das allgemeine Ziel "Befriedigung der Nachfrage auf dem Markt" wird ihnen allerdings als gesellschaftliche Pflicht vorgegeben, und sie können letztlich nur diejenigen finanziellen Mittel verausgaben, die ihnen als Globalsummen durch den Volkswirtschaftsplan zugeteilt wurden.

 

Im Zuge der Globalzuteilung an die sozialistische Unternehmensvereinigung VSU sollte durch die staatliche Plankommission nur vorgegeben werden, welcher Teil für Löhne und Gehälter und welcher für Produktionsmittelkäufe verwendet werden muß. Über alle anderen Verwendungspositionen sollte die VSU eigenständig und eigenverantwortlich und damit unabhängig vom Staat entscheiden, also z.B. auch über Investitionen in bestimmte Produktionslinien und Projekte. Dem Staat hingegen würde das Recht der Einflußnahme auf die Naturalpläne der Betriebe, auf die Verwendung der finanziellen Mittel der Unternehmensvereinigungen im einzelnen, sowie das Recht der Produktionsleitung prinzipiell entzogen werden. Er würde sich damit vielmehr auf die Planung des Gesamtprodukts der sozialistischen Wirtschaft im reinen Geldbetrag auf Basis der globalen planmäßigen Verteilung der Finanzen spezialisieren (vgl. Wolfgang Hoss, "Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft", Norderstedt 2006, Abschnitte 3.2 und 3.8 und 4.3).

 

Vor der Zuteilung der Globalsumme an das Kombinat ermitteln dessen Betriebe zunächst den zur Befriedigung der prognostizierten Nachfrage voraussichtlich erforderlichen Finanzbedarf für Produktionsmittelkäufe und Löhne, das Kombinat beziffert dann den Gesamtfinanzbedarf und beantragt bei der staatlichen Plankommission eine Zuteilung in dieser Höhe, und die staatliche Plankommission gleicht danach die tatsächlichen Zuteilungen an die Kombinate so ab, daß die geplante volks-wirtschaftliche Gesamtausgabensumme nicht überschritten wird.

 

Die monetären Rahmenbedingungen, insbesondere die Grobverteilung der Finanzen, würden im Globalzuteilungssystem also im volkswirtschaftlichen Maßstab geplant werden, aber die Naturalproduktionspläne würden allein durch die Nachfrage auf dem Markt bestimmt werden. Markt- und Planwirtschaft könnten auf diese Weise in Einklang gebracht werden.

 

Ökonomische Nachteile der Planwirtschaft des Globalzuteilungssystems im Vergleich zur kapitalistischen Marktwirtschaft mit Hinsicht auf die optimale Allokation der Produktionsmittel und der Arbeitskräfte würde es sehr wahrscheinlich nicht geben - die Regelmechanismen des Marktes könnten wahrscheinlich sogar noch besser genutzt werden als in der Warenwirtschaft. Und auch die Aufgabe des Gewinnziels der Unternehmen wäre kein ökonomischer Nachteil, sondern ein Vorteil, wenn es durch das Ziel maximale Steigerung der Arbeitsproduktivität ersetzt werden würde. Im Wert- und Preisbildungssystem der Warenwirtschaft ist zwar die im Produkt enthaltene Arbeitszeit t nicht bekannt, und damit kann die Steigerung der Arbeitsproduktivität in der Warenwirtschaft nur in sehr eingeschränkter Form gemessen werden. Wenn aber in einem sozialistischen Wirtschaftssystem eine Zeitpreisbildung praktiziert werden würde, entweder durch direkte Ermittlung der aufgewandten Arbeitszeit oder nach der Kostenpreisbildung Y=CK+ST (vgl. www.wolfgang-hoss.com/mediapool/43/431891/data/Plan_Markt_Geld_im_Sozialismus_3_.pdf ), dann könnte die Steigerung der Arbeitsproduktivität von einem Jahr zum nächsten Jahr in ihrer Hauptform sehr einfach ermittelt und als universelle ökonomische Leistungskennziffer genutzt werden. Sie würde wahrscheinlich eine stärkere und wirksamere Triebkraft werden als die Steigerung der Arbeitsproduktivität über den Umweg des Profitsystems (vgl. insbesondere Beitrag von W. Hoss in der Zeitschrift "offensiv", Heft 4/2007 zur politischen Ökonomie des Sozialismus, "Zu den Grundprinzipien der sozialistischen Produktionsweise", S.3 ff , oder ausführliche Darstellung im Buch: Wolfgang Hoss, "Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft", Norderstedt 2006, Abschnitt 6.1, S. 152 ff).

 

Wolfgang Hoss


VON: WOLFGANG HOSS






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