Seit wann ist der Verrat eine geschichtsbildende Kraft?


31.12.07
TopNewsTopNews, Theorie, Sozialismusdebatte 

 

Von Herbert Steeg

"Die Vorstellung, als wären die politischen Haupt- und Staatsaktionen das Entscheidende in der Geschichte, ist so alt wie die Geschichtsschreibung selbst."(1)
"Die komische Erscheinung, dass hier wie in Amerika die sich für die orthodoxen Marxisten ausgebenden Leute, die unsere Bewegungsgedanken in ein starres, auswendig zu lernendes Dogma verwandelt haben, dass diese hier wie bei Euch als pure Sekte figurieren, ist sehr bezeichnend."(2)

Gruselgeschichten erzählen von den Untoten, die, wenn die Nacht kommt, aus ihren Gräbern steigen um Macht über die Lebenden zu erlangen. Wieso hab ich so oft dieses Bild im Kopf, wenn ich auf die Theorieseite der "jungen Welt" sehe? Weil sie mich an "untote Theorien" erinnert, an Vorstellungen und Konzepte die bereits x-mal gestorben und begraben sind, die aber aus den unterschiedlichsten Gründen immer noch umgehen und Anhänger/innen finden. Dazu gehört vor allem die "Revisionismus-Diskussion", die davon ausgeht, dass bis zu Stalins Tod der Sozialismus großartig war, er dann aber durch Verschwörung und Verrat böswilliger Menschen
zersetzt wurde. Warum hat das Konjunktur?

Trotzki schrieb zu Stalin folgendes: "Lenin schätzte an Stalin dessen Härte, Ausdauer, Beharrlichkeit, teils auch die Schlauheit, als eine im Kampf erforderliche Eigenschaft. Selbstständige Gedanken, politische Initiative, schöpferische Phantasie erwartete und verlangte Lenin von ihm nicht." Etwas weiter charakterisiert er: "Jeder Satz seiner Rede verfolgt irgendeinen praktischen Zweck, aber die Rede erhebt sich niemals zu einem logischen Aufbau. In dieser Schwäche liegt Stalins Stärke. Es gibt historische Aufgaben, die man nur durch Verzicht auf Verallgemeinerungen lösen kann; es gibt Epochen, wo Verallgemeinerungen und Voraussicht unmittelbare Erfolge ausschließen: das sind Epochen des Hinabgleitens, des Abstieges, der Reaktion."(3) Irgendwie ähnlich scheint mir auch das Milieu der Antirevisionisten, die sich wohlfühlen im Zeitalter mühseliger Abwehrkämpfe, wo die Verallgemeinerungen von vorgestern, wie die von gestern, und die von gestern, wie die von heute zu sein scheinen. Da genügt zur Welterklärung eine Instandtheorie: Aufbrühen und fertig. Anstelle geschichtlicher
Erkenntnis werden Schuldige geboten, und anstelle gesellschaftlicher Analysen schlichte Lehrsätze. Keiner muß seine (falschen oder begrenzten) Einsichten von einst infrage stellen (lassen), er/sie kann beruhigt zur Tagesordnung und zur praktischen Kleinarbeit übergehen.

Wie ist die Revisionismus-These einzuordnen? Zu der Grundannahme, Chruschtschow war sowas wie die Gabriele Pauli der KPdSU, nur eben erfolgreicher, argumentiere ich nicht. Zu der Idee, die Abweichung von der wahren Lehre habe als falsche Politik das Gesellschaftssystem zersetzt, ist zu sagen: Theorien setzen sich nie ohne gesellschaftliche Grundlage durch. So dachte auch Lenin in der Revisionismus-Debatte um 1900. Er meinte, "daß sich diese Abweichungen weder aus Zufälligkeiten noch aus Irrtümern einzelner Personen oder Gruppen, noch selbst aus dem Einfluß nationaler Besonderheiten oder Traditionen usw. erklären lassen. Es muß tiefer liegende Ursachen geben, die in der Wirtschaftsordnung und im Charakter der Entwicklung aller kapitalistischen Länder wurzeln und diese Abweichungen ständig erzeugen."(4) Die ökonomische Grundlage des Revisionismus sah er in der zu dieser Zeit entstehenden Arbeiteraristokratie. Wäre Mitte der 50er eine neuartiger Revisionismus entstanden und gleich zur Macht gekommen, müßte zunächst erläutert werden, welche neue gesellschaftliche Schicht damals in den sozialistischen Staaten plötzlich entstanden ist. Eine Schicht, die Träger dieser Theorie wäre und zudem so bedeutend, dass sie gleich den Staat erobern könnte.

Dogmatismus kann nur mit Wissenschaft bekämpft werden. Doch es gibt mehrere Arten dogmatischen Denkens: Die schlimmste ist die, die meint, jedes abweichen von Denkgebäude der Stalin-Zeit habe Folgen wie "Teufelswerk". Die zweit schlimmste will beweisen, dass nach Stalin sein Denkgebäude nie verlassen wurde. Beide sind unhistorisch, erkenntnisfrei und nützlich allein für Sonntagspredigten und Wehklagen.

Zu untersuchen wäre, unter welchen Voraussetzungen der erste sozialistische Aufbruch begann, wie reif die Länder wirklich für eine neue Gesellschaft waren, welche Rahmenbedingungen wo gewirkt haben, ob der historische Entwicklungsstand richtig gesehen wurde und wo es analytische Fehler gab, wie neue Technik die Gesellschaften unvorhergesehen umgeformt haben und was sich daraus ergab und ergibt, ...

Mögen geschlagene Generäle über Verrat und Disziplinlosigkeit jammern und Möchte-gern-Parteiführer über Revisionismus. Mögen sozialistische Schriftgelehrte sich einbilden, dass Lehrsätze behütet und immer wieder aufgesagt werden müssen, da sonst die Geschichte den Rückwärtsgang einlegt, bis schließlich die Lungenfische ins Urmeer zurückspringen. Ich halte zu sowas in Zukunft den Mund, denn gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.
Herbert Steeg

 

1  F. Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 148.
2  F. Engels, Brief an Sorge (1891), MEW 38, 112.
3  Leo Trotzki, Stalins Verbrechen, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 95 ff.
4  W.I. Lenin, Die Differenzen in der europäischen Arbeiterbewegung, LW 16, 353.

 







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