DIE DEUTSCHE NOVEMBERREVOLUTION - IMMER NOCH EIN SPANNENDES THEMA

05.11.08
TopNewsTopNews, Theorie, NRW 

 

Von SALZkreis Köln
 
An dem hohen kirchlichen Feiertag des 1.Nov. (Allerheiligen) versammelten sich im „hilligen Kölle“ bei trübem Wetter viele Menschen auf Einladung des „Linken Dialog Köln“ , „Rosa-Luxemburg Stiftung“,  Denkwerkstatt SALZ , DFV, VVN und anderen, um sich einen ganzen Tag lang mit Sinn und Bedeutung der deutschen Novemberrevolution des Jahres 1918 auseinanderzusetzen.
In zwei hervorragenden sich ergänzenden Eingangsreferaten der Genossen Frank Deppe (Frankf./M) und Christoph Jünke (Bochum) wurde die ganze Dimension dieser historischen Problematik sichtbar.
Frank Deppe wies darauf hin, dass der Charakter dieser Revolution noch immer umstritten sei. War es die endlich nachgeholte bürgerliche Revolution oder die sozialistische? Vom Ergebnis her war es sicherlich eine bürgerliche, aber im Selbstverständnis der handelnden Akteure, der deutschen Linken war es die Einleitung einer sozialistischen Revolution. Nur blieb unklar, was unter „Sozialismus“ zu verstehen war. Die Geister der größten organisierten europäischen Arbeiterbewegung unter sozialdemokratischer Hegemonie waren verwirrt.
Und doch sind die Resultate bis heute gültig:  Anerkennung freier Gewerkschaften, das Verbot „gelber Gewerkschaften“ ,das Frauenwahlrecht, das Betriebsrätegesetz, der Achtstundentag, das Tarifvertragsgesetz oder das Sozialisierungsgesetz.  Frank Deppe vermied es, sich als heutiger „Besserwisser“ und Scharfrichter über einen historischen Prozess zu stellen, thematisierte aber gleichwohl ausführlich die damaligen Fehler, Fehleinschätzungen, Halbherzigkeiten und Feigheiten. Zugleich betonte der Referent:
Wie immer man heute den Ablauf der Ereignisse und die Widersprüche der Revolutionsbewegung selbst bewerten mag, es bleibt die bis heute bewundernswerte humanistische Großtat der deutschen Arbeiterschaft, dass sie das grausame blutige Gemetzel der Schlachtfelder mit einem heroischen „Schluss damit“ beendete.
Anknüpfend an den humanistischen Kern der sozialistischen Aufstandsbewegung  betonte dann Christopf Jünke in seinem Anschlussreferat, dass die dialektische Verbindung von Ziel und Mittel oftmals große Probleme aufwerfe. Die Richtschnur für sozialistische Politik müsse dem Anspruch der sozialistischen Menschenrechtserklärung genügen, alle „Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein ausgebeutetes, erniedrigtes, beleidigtes, Wesen“ sei. Daraus ergebe sich dann auch, dass für eine sozialistische Politik - unabhängig von bürgerlichem Legalitätsdenken- ausdrücklich alle Mittel erlaubt seien, die dieses Ziel beförderten, alle jedoch verboten, die dieses Ziel behinderten. Daher hätten demokratische Partizipation, kollektive Selbstverwaltung und massenhafte Selbsttätigkeit der Menschen für sozialistische Politik einen höheren Stellenwert, als affirmatives technokratisches Effizienzdenken. Unter diesem Gesichtspunkt sei die gewählte Durchsetzungsstrategie solch einer sozialistischen Politik auf parlamentarischer und nichtparlamentarischer Ebene erst einmal zweitrangig und wäre gegebenenfalls jeweils fallweise zu entscheiden.
Die Aktualität der angeschnittenen Fragen zeigte sich dann auch in der anschliessenden spannenden Publikumsdebatte: Fragen der Parteiorganisation, des heute real existierenden Parlamentarismus und des gescheiterten Realsozialismus wurden aufgeworfen und zu vielen Beiträgen wäre es sicher lohnend und wohl auch angebracht, eigene weitere Veranstaltungen zu organisieren.
Natürlich wurden etliche der angeschnittenen Fragen nochmals in den anschliessend stattfindenden Arbeitsgruppen aufgegriffen, die mit Impulsreferaten eingeleitet wurden:  Dr. Elvira Högemann zu „Krieg und Frieden in der Novemberrevolution“, Frank Kühl zu „Räten in der Novemberrevolution“, Klaus Schmidt zu „Unbekannten Kölner Revolutionären von 1918“, Gerd Deumlich zu „Revolution – Konterrevolution – Antikommunismus“, Prof. Dr. Peter Grottian mit „Warum droht ziviler Ungehorsam verloren zu gehen?“ und Dr. Sabine Kebir zu „Rätedemokratie, Zivilgesellschaft und neuer Staat“
Nach der Kaffeepause die Podiumsdiskussion begann dann die Podiumsdiskussion. Unter dem Motto: - Was bedeutet es, heute revolutionär zu sein?-  wurde nach Gestaltungskraft aktueller sozialistischer Politikansätze gefragt.
Kein Podiumsteilnehmer konnte und wollte eine Antwort in Form eines fertigen Konzeptes formulieren.
Sevim Dagdelen dämpfte ausdrücklich diesbezügliche Hoffnungen:
Sie vertrat die Auffassung, dass ein systemtranszendierender Anspruch an die „neue“ Partei  DIE LINKE einen völlig falschen Masstab anlegen würde.
Untermauert wurde ihre Einschätzung von Peter Grottian, der auf die neoliberale Realpolitik der Berliner Linkspartei und auf die 8jährige Mitregierung in Mecklenburg – Vorpommern verwies. Mahnend wies er darauf hin, dass das Band zwischen zivielem Ungehorsam und gesellschaftlicher Veränderung zu zerreissen drohe. Mit einer Politik, die dies hinnehme, sei eine Politikwende nicht machbar. Er machte den Totalausfall linker deutscher Intellektueller ( im Gegensatz zu anderen Ländern) für die hierzulande völlig fehlende Gesellschaftsdiskussion verantwortlich. Sabine Kebir verwies auf historische Erfahrungen, dass Revolution und Konterrevolution oft sehr nahe beieinander lägen.  Es müsse auch im auge behalten werden, werden, dass eine massenhafte Radikalisierung auf einer unpolitischen Basis mit höchster Wahrscheinlichkeit der radikalen Rechten zugute käme.
Leo Mayer bekannte sich als Kommunist und konstatierte ein Verschwinden dessen, was bisher „die Arbeiterbewegung“ genannt wurde. Es müsse ein neuer historischer Anlauf stattfinden, denn nach wie vor sei die Eigentumsfrage das Zentrum linker Politik und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel eine zentrale Forderung. Dies sei nur mit einer Arbeiterbewegung möglich, an deren Seite die Kritiker der Gesellschaft stehen müssten. Für diese Perspektive stehe die DKP ein.
Schnell konzentrierte sich die anschliessende Diskussion im Publikum auf die Frage, vor welchen Aufgaben linke Politik in der kommenden Gesellschaftskrise gestellt ist. Während einerseits die völlige Konzeptionslosigkeit der etablierten Linken konstatiert wurde, wurde doch andererseits ein konzentriertes und einheitliches konzentriertes Vorgehen von Gewerkschaften, Sozialbewegungen und Parteien gefordert.

Personen: Dr. Frank Deppe ist emeritierter Professor für Gesellschaftswissenschaften und Philosophie an der Marburger Universität.
Dr. Christoph Jünke ist Historiker, Publizist und Vorsitzender der Leo Kofler-Gesellschaft
Prof. Dr. Peter Grottian war Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin

Sevim Dagdalen Mitglied der Fraktion DIE.LINKE im Bundestag
Dr. Sabine Kebir  politische Publizistin und Literaturwissenschaftlerin
Leo Mayer ist Wirtschaftswissenschaftler und Stellvertretender Vorsitzender der DKP

Es zeigte sich einmal mehr, dass eine inhaltsreiche, spannende und auch gut besuchte Veranstaltung durch die koordinierte Zusammenarbeit sozialistischer Kräfte ermöglicht werden kann. Dass weder der Regen noch der Eintrittspreis die über 100 Besucher abhielt, betrachten wir vom SALZ-BK Köln als gute Basis für die kommenden Veranstaltungen, an denen wir uns ebenfalls tatkräftig beteiligen werden.







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