Handelt es sich bei Marx, gelesen durch die Brille der Frankfurter Schule, noch um Marx?

19.11.08
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Von Robert Steigerwald

Das interessante Thema anzugehen ist schwierig. Das hängt zusammen mit dem theoretischen Niveau der Hauptvertreter der Schule, aber auch mit dem geringen Wissen über solche Quellen wie: Schopenhauers im Werk Horkheimers, Nietzsches in jenem Adornos und Marcuses, Heideggers und Freuds in dem von Marcuse . Die Schule wirkt seit drei Genrationen und das auch international. Zu gewissen Zeiten waren selbst die ideologisch-politischen Verteidiger des Kapitalismus an deren Verbreitung interessiert, da sie - die während des KPD-Verbots in unserem Land sich gewisse Verdienst dabei erwarb, marxistisches Gedankengut zu vermitteln - während der antikapitalistischen Aufbruchsstimmungen der sechziger und siebziger Jahre geeignet war, zusammen mit anderen links und rechts neben Marx angesiedelten Personen und Theorien, die Aneignung des originären Marx (und Lenins) zu beeinträchtigen. Es war dies die Periode besonders massenhafter Verbreitung marxismus-revidierender Konzeptionen durch alle Großverlage (in einem Jahr erschienen solcheWerke mehr als in Jahrzehnten zuvor zusammen genommen).

Die Interpretation des Marxismus sei "heute so kontrovers wie nie zuvor. So viele Varianten von Marxismus es gibt, so viele Varianten der Marxismus - Interpretation bestehen in der Gegenwart" schrieb damals (1970) Günter Rohrmoser ("Das Elend der kritischen Theorie", Verlag Rombach, Freiburg, S. 53) Diese Konfusion lag sehr im Interesse der Verteidiger des Kapitalismus, erschwerte sie doch suchendem "Potential" die Orientierung. In der nach 1989 einsetzenden Periode der "Marx-ist-tot-Zeit" ebbte dies alles ab, um jetzt, mit einer Neubelebung des Interesses an Marx wieder verstärkt zu wirken. Dabei ist ein qualitativer Unterschied zu beachten: Damals war die Schule - objektiv! -Waffe im Kalten Krieg. Und das führte zu intensiven Auseinandersetzungen mit ihren Repräsentanten, die teils recht heftig waren. Ich schrieb zu Marcuse eine auch international beachtete Dissertation (Teile davon wurden beispielsweise auch in Griechenland und Argentinien veröffentlicht). Hans Heinz Holz setzte sich, allerdings "moderater" als ich, mit Marcuse und anderen auseinander. Das "Institut für Marxistische Forschungen und Studien" in Frankfurt a. M. organisierte eine Tagung, an der auch Aktivsten der Schule wie Alfred Schmidt,  Oskar Negt, Ernst Theodor Mohl und Alfred Sohn-Rethel teilnahmen. Die Tagung fand ein Echo bis in die Sendungen von BBCLondon und führte zu einem Briefwechsel zwischen mir und Horkheimer. Meine Habil-Arbeit enthielt eine hundert seitige Analyse der Schule. 1
Heute gibt es diesen Kalten Krieg nicht, richtet sich die Wirkung der Schule dennoch wie damals vor allem an junge Menschen, die sich für Marx interessieren und so kann sie - muss das aber nicht! - fehlleiten. Dennoch bedeutet der Unterschied, dass die Auseinandersetzung mit der "kritischen Theorie", so wird sie auch benannt, heute anders als während der Zeit des Kalten Krieges erfolgen sollte . ImWirken der Schule kann man zwei große Etappen unterscheiden, die sich beide aus dem Verhältnis zum Marxismus ergeben. Die erste Etappe reicht von der Gründung 1922/3 bis etwa in das Jahr 1937, die zweite folgt darauf. In der ersten war die Nähe zum originären Marxismus größer, was man beispielsweise aus Horkheimers positiver Rezension zu Lenins "Materialismus und Empiriokritzismus" sehen konnte. Damals arbeitete man mit Moskau an der Herausgabe der MEGA zusammen 2, suchte man beispielsweise, auch durch Genossen der KPD in Frankfurt a. M. unterstützt, nach noch unveröffentlichtem Material von Marx und Engels. Aber darauf will ich jetzt nicht eingehen. Nur darauf sei verwiesen, dass in dieser Periode dasWerk des Mitinitiators der Schule, Georg Lukács "Geschichte und Klassenbewusstsein" (1922/3) eine wesentliche Rolle spielte. Dies ergab sich aus einer bestimmten Situation der sozialistischen Arbeiterbewegung, insbesondere der deutschen Sozialdemokratie.Wesentlich unter dem Einfluss von Kautsky und Hilferding bildete sich die Illusion, wegen der industriellen Entwicklung mit ihrem ständigen Anwachsen der Arbeiterklasse, zugleich mit deren zunehmender sozialistischen Orientierung, brauche nur zuwarten, um den Übergang zum Sozialismus zu erleben. Bebels Wort: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!", war Ausdruck dieser Stimmung. Die Arbeiter-Bewegung, abgesehen etwa von den deutschen Linken, verkam zum Reformismus. Dagegen wandten sich junge, zumeist Intellektuelle wie Max Adler, Karl Liebknecht, Georg Lukács und Gramsci. Der verwechselte damals Kautskys Konzeption mit jener das "Kapital" und erklärte: Der russische Oktober sei eine Revolution gegen "Das Kapital".
Lukács, von der Lebensphilosophie (einem Gemisch aus Neukantianismus und Neuhegelianismus) herkommend, rückte gegen solchen Geschichtsmechanismus die revolutionierende Rolle des Bewusstseins ins Zentrum seines Buches: Dieses werde die Umwälzung des Bestehenden bewirken. Dieser subjektive Idealismus drang über das genannte Buch in die erste Entwicklungsetappe der Schule ein - und wurde Gegenstand heftiger Kritiken, von Lenin über Rudas bis Fogarasi. Dennoch: Die Repräsentanten der Schule bemühten sich in dieser Etappe um den engen Schulterschluss mit der marxistisch-kommunistischen Bewegung. Woraus erklärt sich dann aber die Zäsur um 1937? In diesem Jahr finden sich bei Adorno noch sorgenvolle Äußerungen, Nazi-Deutschland könne die Sowjetunion binnen weniger Jahre angreifen. Doch kam es, im Gefolge der Moskauer Prozesse, zu einem tiefen Einschnitt. Dies wird besonders deutlich sichtbar in dem etwas später erarbeiteten Buch "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer/Adorno . Das Wort ist bekannt: "Wer nicht vom Kapitalismus reden will, soll vom Faschismus schweigen!" Nun aber stellte sich für Horkheimer/Adorno die Sache so dar, dass solche Verbrechen, wie sie der Faschismus beging, auch in der sozialistischen Sowjetunion möglich sind, es folglich nicht genügt, den Kapitalismus in die Anklage zu versetzen. Man müsse tiefer loten:

Wenn die Aufklärung, in deren Gefolge doch der Marxismus steht, derart in die Katastrophe führt, dann muss der Fehler in der Aufklärung selbst liegen. In der "Dialektik der Aufklärung" ist dies die zentrale Frage: Wie konnte es zum Umschlag von Aufklärung in Positivismus, in Mythologisierung des Faktischen kommen ? Das Misslingen der Aufklärung wird auf Mängel in ihr selbst zurück geführt, auf Verstrickung in blinde Herrschaft, in Bejahung des Bestehenden. (M. Horkheimer/Th.W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1947, S. 10)
Dann ist z. B. Stalin-Kritik nicht hinreichend.
Die These hebt den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus ist auf. Faschismus und sowjetische Entwicklung werden zu Parallel-Erscheinungen, darin steckt (objektiv) die Totalitarismus-Mythe (die es damals aber noch nicht gab). DerUrsachen-Komplex liegt in Mängeln Aufklärung, also in Bewusstsein. Wie ist das zu verstehen? Im Kern geht es in allen Varianten der Hauptvertreter der Frankfurter Schule von nun an um das Problem des Zusammenhangs von Herrschaft und Freiheit, das Marx, seiner Abkunft von Hegel wegen, nicht tiefgründig genug geklärt habe und wo folglich revidierend anzusetzen sei. Dies wird in verschiedenen Versionen angegangen.
Untersuchen wir diese Varianten.

In der "Dialektik der Aufklärung" haben wir ein dreigliedrige Struktur: Natur - befreite Menschheit - dazwischen der Geschichtsprozess, der von der Natur zur Freiheit führen sollte aber dies nicht tat.Wir haben am Beginn das Bemühen des Menschen, sich von der Herrschaft der Natur zu befreien. Dazu benutzt er zwei "Instrumente": den "Griff", verlängert als Werkzeug (die Technik) und den Begriff (die Vernunft).
Beide kann er nur organisiert einsetzen. Das Ergebnis ist zwar Befreiung von der Herrschaft der Natur über den Menschen, dies aber führt zur Errichtung der Herrschaft des Menschen zunächst über die Natur, dann aber auch auf ihn selbst.
Wie geschah und geschieht das? Und wie kann der Mensch sich davon befreien?

Hier nun müssen wir uns besonders Adorno zuwenden:

Im Gefolge Nietzsches sieht er im Begriff das Bemühen, unter Außerachtlassen des Einzelnen und Besonderen Identifizierungen herzustellen, also das Einzelne und Besondere der Herrschaft! des Begriffs zu unterordnen, das Einzelne und Besondere zu annullieren! Das begann schon bei den alten Griechen, mit ihrer Entdeckung des Begriffs und seiner Rolle: "Sokrates ist ein Moment der tiefsten Perversität der Geschichte der Menschen." (F. Nietzsche, Werke, Ausgabe Kröner, Band 78, S. 298) Mit der Vernunft als Waffe sei der Pöbel zum Sieg gelangt (ebenda, S. 299). "Die Annahme des Seienden ist nötig, um denken und schließen zu können...Das Seiende gehört zu unserer Optik", (F. Nietzsche, Band 16, S. 30) Subjekt, Objekt, Prädikat seien gemacht, seien Vereinfachungen, um mit ihnen die Kraft, die schaffe, erfinde, denke, irgendwie zu kennzeichnen In Wahrheit gehe es aber nur darum, das Vermögen, das Handeln, das Tun zu umschreiben. (ebenda, S. 275, 61, 52). Auch die Ratio, die Logik seien inWahrheit nur subjektive Setzungen unseres Strebens nach Aneignung der Welt. Genau so werden Adorno und Marcuse unser Verhältnis zur Logik bestimmen, als Instrumente des Herrschaftswissens. Logik diene der Gleichmacherei im Dienste des Herrschaftsstrebens. Die alte Aufklärung sei im Dienste der demokratischen Herde auf Gleichmacherei aller orientiert gewesen.

Die neue wolle den herrschenden Naturen denWeg zeigen (Nietzsche )
Und nun Adorno: "Das Wesen wird durchs Résumé des Wesentlichen verfälscht...Analog hätte Philosophie nicht sich auf Kategorien zu bringen, sondern in gewissem Sinne erst zu komponieren..." (Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a. M., 1961, S. 41 f). Adorno wendet sich gegen die Hegelsche und gegen die Marxsche Dialektik. Der Marxschen wirft er vor, sich nicht wirklich von derjenigen Hegels befreit zu haben. Der Grund: Bei Hegel und Marx vollzögen sich die dialektischen Entwicklungsvorgänge unter der Wirkung eines primären Seins, bei Hegel der Idee, bei Marx der Materie. Beide Male würde das Konkrete einem jeweils herrschenden Allgemeinen unterworfen, worin sich theoretisch die gesellschaftlichen Unterordnungs- und Herrschaftsverhältnisse spiegelten.Wie in der Gesellschaft das Einzelne so wird dieses auch in der Logik dem Allgemeinen unterworfen. Einer geschlossenen Gesellschaft entspreche auch eine geschlossene Philosophie, den gesellschaftlichen entsprächen dann auch philosophische Rangordnungen. Die Grundlage hierfür sei das Gesetz der Identität: A = A. Wie in der Logik, so sollen auch in der Gesellschaft eindeutig bestimmte Verhältnisse herrschen, weil man nur so sie in den "Griff" und auf den Begriff, berechnen , beherrschen könne. Das Positive. D. h. die bestehende Ordnung müsse zerstört werden. Dazu bedarf es der Negation.Wenn diese das Positive nicht bis auf den Grund zerstöre, etwas vom Vergangenen mit ins Neue nehme, es im Sinne Hegels "aufhebe", so bleibt Altes im Neuen erhalten, bleibt es beim alten Zustand. Darum müsse Negation so sein, dass es keiner Negation der Negation mehr bedarf. (ebenda, S. 160) Die Negation der Negation Hegels und Marxens sei schon positiv (ebenda, S. 161, 383) "Die Gleichsetzung der Negation der Negation mit Positivität ist die Quintessenz des Identifizierens, das formale Prinzip auf seine reinste Form gebracht. Mit ihm gewinnt im Innersten von Dialektik das antidialektische Prinzip die Oberhand, jene´traditionelle Logik, welche more arithmetico" (nach At der Arithmetik) "minus mal minus als plus verbucht." (ebenda, S. 159)
Es geht hier nicht darum, ob Adorno Hegel und Marx richtig versteht, sondern darum, dass so Entwicklung überhaupt unmöglich wird. Diese Leugnung der Möglichkeit von geschichtlichem Fortschritt führt notwendig zum Nihilismus: "Aufwertung des Nihilismus" sei eine "Ehrenpflicht" (ebenda, S. 370 f). Negativität bei Adorno wird dann zum konsequenten Denken gegen sich selbst (ebenda, S. 142, 356). Jedoch gilt: Negiert man das "Allgemeine", dann ist alles "offen", nichts gesichert, nichts fest, aber auch nichts falsch! Da sind wir dann wieder bei Nietzsche angelangt: "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt." Heißt es im "Zarathustra".
Nötig sei folglich zur Befreiung eine Theorie, eine Dialektik des Nicht-Identischen, die Bewegung weg vom Begriff, hin zum Komponieren (Rolle der Kunst in Adornos Werk). Es müsse so negiert werden, dass vom Alten nichts mit in die befreite Menschheit hinüber genommen werden kann, denn das würde nur die Verlängerung des alten Herrschaftszustandes bewirken statt zur Freiheit zu führen. Das ist eine "Dialektik" ohne Aufhebung. Eine "Entwicklung", die nur den Bruch, nur die Diskontinuität kennt.Wenn es aber im Alten nicht Ansätze des Neuen gibt, wie soll dann einWeg zum Neuen, wie soll dann Praxis möglich sein? Wenn man das Dialektik nennt, so ist es eine gegen Hegel und Marx.

Zu Herbert Marcuse

Von seinem Lehrer Heidegger herkommend ist bei ihm Technologie das beherrschende, die ganze Gesellschaft prägende Prinzip. Marcuse geht von der Einheit von Produktiv- und Destruktivkraft aus und folgert: Zuwachs von Rationalität im Einzelnen bedeutet Zuwachs der Irrationalität des Ganzen. Je mehr Produktivität und damit je mehr sich die Überflussgesellschaft herausbildet, desto größer wird die Destruktivität des Ganzen. Der Überfluss saugt die negativen Potenzen in der Arbeiterklasse auf, die integriert wird und damit der Fähigkeit verlustig ging, Subjekt der Revolution zu sein. Damit kommt die Dialektik der Negativität zum Stillstand. Marx habe dies nicht gründlich genug gesehen, weil er noch - auch hier die These - zu sehr im Banne Hegels stand.

Die "Geschichte" der Zersetzung und Zerstörung von Klassenbewusstsein und möglichem Klassenhandeln wird allein aus der kapitalistischen Produktion erklärt, der Opportunismus und Reformismus, auch die linksradikalen Fehler, die allesamtnegativ auf das Klassenbewusstsein und Klassenhandeln einwirkten, werden ausgeklammert, damit "entschuldigt"! Das Unvermögen des realen Sozialismus und der realen Arbeiterbewegung zum totalen Bruch mit dem Vergangenen hänge damit zusammen, dass der Marxismus gegenüber der alten Welt nicht genügend kritisch, nicht genügend negativ und hinsichtlich der zukünftigen Ordnung nicht genügend utopisch war bzw. ist (H. Marcuse, Vernunft und Revolution, Nachwort von 1954, Neuwied-Berlin 1962, S. 369ff). Dies hänge mit der Abkunft Marxens, insbesondere seiner Dialektik, von Hegel und mit einem ungenügend ausgebildeten Materialismus zusammen. Die ungenügende Dialektik drücke eine Beziehung zum Bestehenden und damit zur Befreiungsbewegung aus, die eine wirkliche Revolution verhinderten, weil sie ein ganz wesentliches Problem übersäen: dass alle Revolutionen ihren Thermidor hätten, einen Punkt erreichten, da sie in ihr Gegenteil, und dieWiederrichtung der Unterdrückung umschlügen (das wird als eine Art mechanisch wirkender Gesetzmäßigkeit eingeführt - von "negativen Dialektikern"!), weil es keine totale Revolution vor der Revolution gegeben habe, das heißt eine offenbar in jedem Individuum vorhandene Bereitschaft zuvor zerstört hätten; sich weiterhin unterwerfen zu lassen oder zu unterdrücken(H. Marcuse; Psychoanalyse und Politik, Frankfurt a. m. 1968, S. 46 f). Es müsse also eine andere Form von Negation entwickelt werden, ein anderes Verhältnis zur gesellschaftlichen Gesamtheit (zur Totalität) zusammen mit anderen Auffassungen über den dialektischenWiderspruch (H. Marcuse, Kritische Theorie der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1969, S. 185 ff). Es müsse über den historischen Materialismus weiter geschritten werden zu einer Analyse der Triebstruktur des Individuums, zu einer "Ergänzung" Marxens durch Freud. (H. Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1965) . Dies führt zu folgender Konzeption: Aus dem Widerspruch zwischen unseren unersättlichen Trieben und einer kargen, lebensfeindlichen Umwelt ergibt sich notwendig ein Triebverzicht.

Er bewirkt (darin enthalten ist Freuds Definition von Sexualität als Lustgewinn aus Körperzonen), dass der nicht -genitale Bereich unseres Körpers frei wird zur Arbeit, die von Lust getrennt ist. Daraus entspringe unsere Produktivität, unsere Kultur und Technik, die allesamt durch das Merkmal des Triebverzichts, der Unterdrückung geprägt seien. Das erreiche auch unser Denken, das nur in den Dimensionen des verunstalteten Denkens undWirkens stattfinde. "Der Logos kündigt sich als Logik der Herrschaft an. Wenn die Logik dann gedankliche Einheiten zu Zeichen und Symbolen reduziert, sind die Denkgesetze schließlich zu Techniken der Kalkulation und Manipulation geworden." (H. Marcuse, Eros und Kultur, Stuttgart 1957, S. 113).

Hier wirkt Nietzsche, aber auch Horkheimers verwirrender Aufsatz über "Traditionelle und kritische Theorie" nach, in welchem die naturwissenschaftliche Arbeitsmethode und die ganz andere philosophische durcheinander gebracht wurden. Wird, wie bei Adorno, materiell -gesellschaftliche Herrschaft aus der Logik abgeleitet, so haben wir ein klassisch idealistischesVorgehen.
Infolge der triebstrukturellen Deformation könnten wir nur in eindimensionaler Weise denken, was sogar für die Revolutionäre gelte. Das sei der Grund für das Misslingen der Revolution, denn in ihrem Ergebnis entstehe nur, was ebenfalls durch diesen Triebverzicht geprägt sei. Revolution erfordere also Revolution unserer Triebstruktur, Befreiung setze die Bildung eines neuen Menschen voraus.Während der Sommerschule 1968 in Korcula sagte er: "vor der sozialen müsse eine Revolution im Menschen stattfinden, ein ´radikaler`Wandel aller Aspekte des Menschen." Es gehe um eine wirkliche Umwertung allerWerte, (auch da sind wir wieder bei Nietzsche angelangt)eine Rebellion der Instinkte.
Die "Ergänzung" des historischen Materialismus findet also statt in einer biologisch - triebstrukturellen Revision des Marxismus, und diese Revision betrifft alle Grundbestandteile der Dialektik. Sie verlegt die Wurzeln der Aggression aus demGesellschaftlichen ins Individuelle, verwechselt die ohne Zweifel in jedem Individuum vorhandene Fähigkeit und Bereitschaft zur Aggression mit der gesellschaftlichen Aggression, die ganz andere als individuelle Wurzeln hat. Das läuft - objektiv - auf eine Entschuldigung des Kapitalismus hinaus.
In dieser "Dialektik" haben wir Negation ohne Kontinuität zwischen dem Neuen und dem Alten. Totale Zerstörung des Alten bedeutet dann aber auch Hinweg mit den im Kapitalismus entstanden Produktivkräften und anderen Errungenschaften bis hinein in die Kultur. Unter diesen Bedingungen kann die Kraft der Negation nicht mehr innerhalb des Systems wirken, sie muss außerhalb gesucht werden (H. Marcuse, Kritische Theorie der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1969, S. 189). Die Arbeiterklasse ist nicht mehr Subjekt des Fortschritts, sie wird beschuldigt nicht die Arbeiterbewegung, nicht deren "Anteil" in Politik und Ideologie bei der Zerstörung des Klassenbewusstseins. Als ob die an die Stelle der Arbeiterklasse tretende Intelligenz frei wäre von all den entfremdenden Wirkungen des Kapitalismus. Inzwischen hat sich aber doch gezeigt, wohin jenes Personal, auf das Marcuse und and ere setzten, schließlich angekommen ist: Auf verschiedenen direkten oder Umwegen im Schoße des Kapitalismus. Wirke es nun direkt als Stütze des Systems, oder habe es sich darauf beschränkt, grün-alternativ das Ganze zu reformieren - was zwar nicht unwichtig ist, aber doch mit Revolution nichts zu tun hat..

Habermas

Es ist einer der Grundfehler nicht nur von Habermas, sondern der gesamten Frankfurter Schule, dass sie die technische Produktionstätigkeit aus der Praxis ausklammern. Sie verstehen sie nicht als Praxis, sondern als Technik. Aber auch Technik ist Praxis, Produktionspraxis. Bei Habermas wird Praxis immer mehr auf "Interaktion" reduziert. Er bewegte sich in der Revision des Marxismus unter den Frankfurtern wohl am weitesten weg von Marx. Die materialistische Geschichts- und Gesellschaftsauffassung sei überholt, Staat und Gesellschaft nicht mehr getrennt (aber damit meint er nicht, dass es einen Staatsmonopolistischen Kapitalismus gebe), der Klassenbegriff nicht mehr ergiebig, Marx Verständnis des Proletariats unzutreffend, die Ideologie-Konzeption auf die heutige Gesellschaft nicht mehr anwendbar. Die Revision sieht dann so aus: Zu untersuchen sind die Bereiche des Überbaus und zwar insoweit, wie sie zur Steuerung des Gesellschaftlichen nötig undfähig sind. Das drückt sich schon von früh an in seinen Buchtiteln aus: "Strukturwandel der Öffentlichkeit", Erkenntnis und Interesse", "Technik und Wissenschaft als Ideologie". Solche Lenkungs- und Steuerungsmechanismen zu erforschen wurde auch zur Aufgabe seinesWirkens am Max-Planck-Institut. Denn er vermisst im heutigen Kapitalismus die Fähigkeit, die Gesellschaft zu steuern und sieht seit Anfang seinesWirkens die Aufgabe, hier Abhilfe zu schaffen. Dem entsprechend möchte er die zentralen Kategorien der Öffentlichkeit in den Griff bekommen, hält er Aufklärungsarbeit über unverzerrten Markt und freie Konkurrenzsamt Äquivalenten-Austausch für Lösungsansätze. Seine Aufmerksamkeit gilt den Bereichen "technischer" Steuerungsmethoden, des Überbaus, der Ideologie, der Zirkulation. Die Produktionsverhältnisse werden ignoriert oder "neu formuliert". Aus der zunehmenden Rolle und Bedeutung von Wissenschaft und Technik im heutigen Kapitalismus - in dieser Gesellschaft gingen sie eine enge Verbindung ein - folgert er, diese seien die Hauptproduktivkraft und folglich seien die Intelektuellen diewirklichen Träger des gesellschaftlichen Fortschritts. Das führt dann zu der spezifischen Form, wie er sich das Werk der Befreiung vorstellt: Im Grunde trifft er sich da mit dem ansonsten heftig befehdeten Karl Popper, indem nämlich der "herrschaftsfreie Dialog" dazu befähigen soll, die rationalen, erforderlichen Lösungswege für Probleme zu finden. Das Herausfinden von Bedingungen zu Problemlösungen erfolgt im Gespräch derWissenschaftler. Da wird die Gelehrtenrepublik mit der Gesellschaft verwechselt, diese Republik als ein interessenfreier Verein verstanden, der sich außerhalb der realen gesellschaftlichen Widersprüche verständigt, es wird allein auf die Kommunikationsfähigkeit der Wissenschaftler vertraut. Als ob es unter diesen, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht Konkurrenz um "Staastknete" gebe!
Unter Arbeit versteht Habermas das Handeln mittels Instrumenten. Dies wird aus gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgelöst. Instrumentelles Handeln hat es nur mit Körpern zu tun, die Interaktion zwischen den Menschen, ihr kommunikatives Wirken ist davon abgetrennt. Dies habe Marx nicht gesehen, woraus sich ein heimlicher Positivismus im Marxismus ergebe. Wir sind wieder bei der mythischen Redensart angekommen: Marx habe deshalb den wirklichen Zusammenhang von Herrschaft und Ideologie nicht wahrgenommen, der nicht dem instrumentellen Handeln, sondern der Interaktion entstamme. Das ist eher ein Zeugnis dafür, dass Habermas sich nicht wirklich in die Arbeiten von Marx hineingewagt hat. Schon sehr früh ist bei Marx zu lesen: "Denn erstens erscheint die Arbeit dem Menschen als Lebenstätigkeit, das produktive Leben selbst als Mittel zur Befriedigung eines Bedürfnisses, des Bedürfnisses nach Erhaltung der physischen Existenz. Das produktive Leben ist aber das Gattungsleben. Es ist das Leben erzeugende Leben." ((K. Marx/F. Engels, Ergänzungsband, Teil 1, S. 516). Wo ist da Arbeit auf das Behandeln von Körpern mittels Instrumenten beschränkt? Wo fehlt da die Kommunikation? Die Gattung, die Lebenserzeugung - das ist hier und an anderen Stellen bei Marx und Engels auch im Sinne der Nachkommen - Reproduktion gemeint. Das alles ohne Kommunikation? Die "Ökonomischphilosophischen Manuskripte" entwickeln einen den Bereich des

Ökonomischen begründenden, anthropologischen Arbeitsbegriff - wie kann man dann Marxens Arbeitsbegriff so zerreißen, wie dies Habermas tut, hat er diese hoch bedeutenden Manuskripte, sie stellen doch Gründungsdokumente des Marxismus dar, etwa gar nicht gelesen?
Schlussbemerkung: Ungeachtet ihrer in Einzelforschungen durchaus vorliegenden Verdienste, sofern es um ihren Anspruch geht, Marxisten zu sein, musste ihr Wirken nicht an den Einzelergebnissen geprüft werden. Die Repräsentanten der Frankfurter Schule verstanden und verstehen sich alle als Marxisten. Also musste man ihr Wirken am Marxismus messen. Das Ergebnis lässt sich dabei so zusammenfassen: Marx ist in wesentlichen Belangen zu korrigieren. Der Hauptsache nach ist sein Verständnis von Herrschaft und Freiheit, weil im Gefolge Hegels verstanden, unzureichend. Der Kern ist sein nicht in die Tiefe des Problems vordringendes Verständnis des Problems der Negation, also der Dialektik. Seine Auffassung vom sozialen Träger des Emanzipationskampfes hat sich nicht bewahrheitert, muss also korrigiert werden. Das Subjekt des Emanzipationskampfes ist die Intelligenz.
Dem Wesen nach ist das eine solche Absage an Kernbestandteile des Marxismus, dass hier nicht mehr von Marxismus die Rede sein kann!

Anmerkungen:
1. Darüber und über die Verbreitung marxismus-revidierender Schriften durch Großerlage, über die Reaktion dazu in den Medien - etwa der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" - über die erstaunliche Tatsache, dass selbst Industrieellen- Verbände sich gezwungen sahen, zur Schulung ihrer Manager marxismus -kritisches Material verbreitete, sodann über den Umfang marxistischer Auseinandersetzung en mit solchen Bemühungen, darunter auch der Frankfurter Schule, habe ich in meinem kleinen Büchlein "Kommunistische Stand- und Streitpunkt" (Schkeuditz 2002) ausführlicher geschrieben
2. Es ist ein Kuriosum: Die "Sammelstellte" solchen Materials befand sich damals in der Frankfurter Meisengasse 11. Als in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die "Marxistischen Blätter" ein Domizil suchten, fanden sie es, ohne dass die Redaktion noch der Vermieter wussten: Das Haus, in das die Redaktion nun einzog, lag in der Meisengasse 11!!







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