Die Ankunft des großen Unordentlichen


27.05.08
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Thomas Pynchons Roman „Gegen den Tag" liegt jetzt auf Deutsch vor

Eine Buchbesprechung von Stefan Gleser

Dann Leinen los und her mit den Kalauern!

Harryfährtquerschi= arrivederci = Tschüss

Pfote miau = faute de mieux= in Ermangelung eines besseren.

Die Übersetzer Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl sind erst mal viel und lauthals zu preisen. Wer so gut Witze von einer Sprache in die andere schmuggelt, muss beide sehr gut beherrschen.

Selbst einem wie mir ist einsichtig, dass er auf die Frage, um was es in den 1600 Seiten starken neuen Buch „Gegen den Tag" von Thomas Pynchon denn gehe, schlecht antworten kann: na, ja, belgische Mayonnaise, die in einer Slapstick-Szene mitspielt, kommt auch drin vor.

Aus dem Gewusel und Gewimmel der Personen und Erzählungen, die den Zeitraum von 1893 bis kurz nach dem ersten Weltkrieg umfasst, ragt die Familie Traverse hervor. Webb Traverse ist Bergmann und Gewerkschaftler. Nachts kämpfte er „Dynamitarde", als anarchistischer Bombenleger gegen das Kapital. Das kostbarste was er seinen Kinder zeigen kann, ist sein Gewerkschaftsausweis. Lehrreich seine Übertragungen aus dem Rotwelsch der Bürgerlichen: „´Reform`? Noch mehr neue Schnauzen am Trog. `Mitgefühl`heißt, das die Schar der Hungernden , Obdachlosen und Toten demnächst wieder sprunghaft ansteigen wird." Webb klingt wie Web vom Internet her und Traverse heißt überschreiten. Traverse überschritt die bestgeschütztste aller Grenzen, die des Eigentums. Scorsdale Vibe, ein Leistungsträger, ein Sozialpartner von der anderen Seite, delegiert zwei Auftragskiller für den Mord an Webb Travers. Dessen Kinder machen sich auf eine ganz vertrackt-verschlungene Art auf Tätersuche. Die Tochter Lake heiratet den einen Mörder und schläft mit den anderen. Ihr Bruder Frank, der früh genug das durch Arbeit und Armut demolierte Leben seines Vaters hinter dem biederen Familienernährer erkannt hat, steigt auf, wird Bergwerksingenieur und gerät in die Mexikanische Revolution. Kits Mathematikstudium finanziert Vibsdale. Kit schreibt sich in Yale und Göttingen ein; über einen Mathematiker-Kongress gelangt er bis ins Innere Sibiriens. Reef, betätigt sich anfangs als Bombenbauer wie sein Vater, begegnet beim Tunnelbauen einem eidgnössischen Tatzelwurm, spielt Glück in Venedig und spioniert auf dem Balkan.

Die Weltausstellung von Chicago im Jahre 1893 ruht auf den Knochen der in Haymarket erschlagenen. Über der Stadt kreist das Luftschiff „Inconvenience", entsprungen einer Fortsetzungsreihe, einem Groschenroman und die Insassen wissen selbst nicht so recht: sind sie nun schlichte Romanfiguren oder Romanfiguren innerhalb eines Romans in einem Roman? Ein Portier jedenfalls hat die Abenteuer „Der Freunde der Fährnis" gelesen. Der Ballon treibt über alle Herren Länder und begegnet am Pol der russischen Konkurrenz. Neben fünf Jungen findet sich noch der Hund Pugnax an Bord. Seine Lektüregewohnheiten und seine Nahrungsaufnahme lassen den eingebildeten Schnösel, den durchaus geckenhafte Züge eignen, durchschimmern. Ehrlich gesagt, wenn es um vierbeinige Luftschiffer geht, die sprechen können , erscheint mir H.C. Artmanns Bär Rufus aus dem „Aeronautischen Sindbad", der schwerst leidet, als er eine Kunsthonigfabrik unter sich liegen sieht, dann doch ein wesentlich sympathischerer Reisebegleiter zu sein. .

Pynchon, so die Übersetzer, verwende für jedes Genre den passenden Stil. Für Wildwestszenen, Abenteuerroman, unflätige Lieder, aufständische Reden, sexuelle Ausschweifungen, Science Fiction, Zoten oder wissentschaftliche Erörterungen, all dies sei in eigner unverwechselbarer Diktion gehalten, der sich an Vorbilder anlehne. Für einen deutschsprachigen Leser sind zumindest die us-amerikanischen Muster, ich habe noch nie einen Westerroman gelesen, schwer erkennbar. Die Gebildeten unter uns können beispielsweise Clara Zetkins Bellamy-Übersetzung und Jack London zur Hand nehmen und vergleichen.

Selbst für ausdauernde Anarchisten dürften 1600 Seiten Agitation schwer verdaulich sein. Pynchon hat reichlich mit komischen Szenen aufgelockert. Ein Liedchen zur Aufmunterung

„Bäume sind hoch,

Die Erde ist platt,

Nichts als Arschlöcher

In dieser Stadt"

Pynchon Konstruktion ist der Versandhauskatalog. Er bietet alles an. Komm, blättere durch lieber Leser, irgendwas gefällt dir bestimmt. Selbst wer sich für Spezialthemen wie Wölfe, die altslawische Kirchenlieder singen, Passagierdampfer, die sich in Kriegsschiffe verwandeln Finnen, die Schnaps in 8-Liter Flaschen transportieren oder Kartoffelsalatrezepte aus dem Mittleren Westen der USA interessiert, wird hier fündig werden. Aber dieses Chaos ist sorgsamst aufgebaut. Zwischen den Experimenten des Nikola Tesla in den USA und dem Tunguska-Ereignis in der Taiga, wo eine ganze Region verwüstet wird, oder dem prächtig saufenden Erzherzog Franz Ferdinand und der Krise auf dem Balkan sind Zusammenhänge. Es spricht für Pynchons Kunst, spannend zu erzählen, dass man selbst höchst eigenartige Wörter wie „Quaternionisten" und „Vektoristen" in Kauf nimmt, nur um etwas über die schönen, vielfach kommentierten Beine der Mathematikerin Yashmeen Halfcourt, an dessen Hingabe man gar nicht denken darf, zu erfahren.

Verstehen dürfte diesen Roman eh nur eine makedonische Hirtenhündin, die an der Göttinger Universität Mathematik lehrt, verdammt gut Karten spielt und im Untergrund für die Anarchisten arbeitet.

„Gegen den Tag" endet kurz nach den ersten Weltkrieg. Pynchon kreiste Oberitalien ein. In Turin werden Kriegsflugzeuge produziert, in Wien taucht der Antisemitismus auf, in Venedig streiten sich Italiener, Slawen und Österreicher. Dort in der Poebene wird entstehen, was die Greuel im Kongo, das Gemetzel an Bergarbeiter in Ludlow, das Regime des Porfirio Diaz` übertreffen wird, woran sich selbst Pynchons Sprachkraft nicht heran wagt, und worüber er folgerichtig schweigt: Der Faschismus.

Und zwischen all den Abschweifungen und Verästelungen, den Unterabschweifungen und Verzweigungen, den Irrgängen und Nebenhandlungen findet sich ein Gesprächsfetzen, so bedeutend und wahrhaftig wie sonst nur ein weggeworfenes Flugblatt oder eine verwaiste Website:

„Wir sind hier unter Ihnen, weil wir Zuflucht vor unserer Gegenwart – Ihrer Zukunft – suchen – einer Zeit weltweiten Hungers, erschöpfter Brennstoffvorräte, hoffnungsloser Armut – dem Ende des kapitalistischen Experiments. Sobald wir die schlichte thermodynamische Wahrheit begriffen hatten, dass die Ressourcen der Erde begrenzt waren, ja sogar bald zur Neige gehen würden, fiel die ganze kapitalistische Illusion in sich zusammen."

Thomas Pynchon: Gegen den Tag. Übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl.

Rowohlt Verlag. 1596 Seiten.

29.90Euro. ISBN 9783498053062.







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