Rezension: Die verborgene Geschichte des revolutionaeren Atlantik


01.07.08
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REZENSION/438 von Schattenblick

P. Linebaugh & M. Rediker - Die vielköpfige Hydra

 Peter Linebaugh & Marcus Rediker
 Die vielköpfige Hydra
 Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks

Ein besonders gelungenes Exemplar des Genres "Geschichte von unten" stellt das Buch "Die vielköpfige Hydra - Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks" von Peter Linebaugh und Marcus Rediker dar, das bereits 2000 in den USA erschienen ist. Seit Jahren preisen Alexander Cockburn und Jeffrey St. Clair "The Many-Headed Hydra" in der von ihnen herausgegebenen, vielbeachteten linken US-Zeitschrift Counterpunch sowie auf der gleichnamigen Website als eines ihrer absoluten Lieblingsbücher. Das will was heißen, schließlich sind Cockburn, St. Clair und die zahlreichen Akademiker und Schriftsteller, deren Artikel von Counterpunch veröffentlicht werden und zu denen auch Linebaugh selbst gehört, Vielschreiber und -leser, die sich leidenschaftlich für Politik und Kultur in allen ihren Schattierungen interessieren. Dem kleinen Berliner Verlag Assoziation A haben wir es zu verdanken, dass dieses faszinierende und enorm lehrreiche Buch endlich in deutsch erschienen ist.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Lektüre steht die Entstehung jenes anglo-amerikanischen Wirtschaftssystems, das unsere Welt ökonomisch - Stichwort Globalisierung - und kulturell wie zum Beispiel in Form des großen Einflusses der Filmfabrik Hollywood oder der BBC im Nachrichtengeschäft spätestens seit 1945 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges dominiert. Als Entstehungsperiode dessen, was neokonservative Kommentatoren in den USA inzwischen offen als die "Anglosphäre" bezeichnen, sehen Linebaugh und Rediker die Zeit von Anfang des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, quasi von der Gründung der ersten englischen Kolonien in der Neuen Welt bis zum Beginn der industriellen Revolution und des Dampfmaschinenzeitalters.

Diese beiden Jahrhunderte waren für die Menschen Großbritanniens, Irlands, Westafrikas, der Karibik und des nordamerikanischen Festlands von gigantischen Verwerfungen gekennzeichnet. Auf den Sturz des englischen Königs Karl I. 1649 im Verlauf des englischen Bürgerkrieges folgte die Dezimierung der Bevölkerung Irlands durch den protestantischen Fundamentalisten Oliver Cromwell und die Kolonisierung der grünen Insel. Zusammen mit irischen Katholiken wurden auch arme Engländer, Schotten und Waliser, denen die Regierung in London und die Großgrundbesitzer das gemeinsame Weideland einfach weggenommen hatten, als die ersten Sklaven über den Atlantik verfrachtet. Später waren es verschleppte Schwarze aus Westafrika, welche die Plantagen auf Haiti, North Carolina und anderswo beackern mussten.

Gegen die Zwangsintegrierung größerer Bevölkerungsgruppen in ein riesiges, kapitalistisches Verwertungssystem wehrte sich das bis dahin weitestgehend autonom von der Subsistenzwirtschaft lebende Volk, wo und wann es nur konnte, ob nun mit den häufigen Krawallen in den britischen Hafenstädten gegen die Presstrupps der Königlichen Marine, bei diversen Aufständen wie
beispielsweise dem der Irish Volunteers 1798, dessen Niederschlagung 30.000 Menschen zum Opfer fielen, oder im Kampf gegen die Sklaverei, gegen die Frauendiskriminierung und die Todesstrafe. Linebaugh und Rediker haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte dieser nicht zufällig in Vergessenheit geratenen, in unterschiedlichen Formen immer wiederkehrenden Widerstandsbewegung - daher die Metapher der "vielköpfigen Hydra" - gegen Fremdbestimmung, Rassismus und soziale Ungleichheit im atlantischen Raum neu zu schreiben, die wichtigsten Akteure hervorzuheben und ihre Beweggründe zu erläutern. Auf diese Weise soll das revolutionäre Erbe von Leuten wie Edward Despard, Toussaint L'Ouverture und der englischen Levellers am Leben und an die kommenden Generationen weitergegeben werden.

Die beiden Historiker liefern zahlreiche Beispiele dafür, dass sich die Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Sprache gemeinsam gegen ihre Unterdrücker zur Wehr gesetzt haben, manchmal mit Erfolg, wie die diversen autonomen Piratenkolonien auf beiden Seiten des Atlantiks, manchmal mit weniger Erfolg, wie der Aufstand irischer Matrosen und westafrikanischer Sklaven 1741 in New York oder Tacky's Rebellion 1760 auf Jamaika gezeigt haben. Die Machthaber auf beiden Seiten des Atlantiks haben nichts unterlassen und häufig zu grausamsten Methoden wie Folter, Verstümmelung, öffentliche Hinrichtung gegriffen, um die "schweinische Menge" weiterhin als Sklaven und Diener zu halten. Um die Solidarität unter den Unterdrückten zu brechen, setzte man auf eine Teile-und-herrsche-Strategie und spielte die Geschlechter, Berufs- oder Bevölkerungsgruppen unter anderem durch die Erfindung der Rassenlehre gegeneinander aus. Wie aktuell die Kritik an dieser perfiden Strategie ist, zeigt die derzeitige Debatte in den USA darüber, ob der demokratische Senator Barack Obama genügend Unterstützung von weißen Arbeitern bekommen kann, um im November als erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten gewählt zu werden.

Auch der "globale Antiterrorkrieg", den die Regierung von US-Präsident George W. Bush genutzt hat, um die Folter als staatliches Machtinstrument wieder einzuführen, verleiht "Der vielköpfigen Hydra" Brisanz. Tatsächlich droht an dieser Stelle der Menschheit der Rückfall in die Barbarei, weshalb nicht nur die Bürgerrechtler und Juristen, sondern auch zahlreiche
Geheimdienstleute und Militärs Amerikas Zeter und Mordio schreien. In den USA hat sich Linebaugh, der Geschichte an der Universität von Toledo im Bundesstaat Ohio lehrt, ebenfalls in diese Debatte eingebracht, indem er in Schriften, Lektüren und Interviews auf die Bedeutung der Missachtung der Habeaskorpusakte, eines Grundsteins amerikanischer und britischer
Rechtsstaatlichkeit, durch die Bush-Administration aufmerksam gemacht hat. Die Habeaskorpusakte, die auf die vom englischen König Johann Ohneland 1215 unterzeichnete Magna Charta zurückgeht, schreibt vor, dass der Staat niemanden festhalten kann, ohne ihn vorher einem Richter vorgeführt zu haben, bei welchem Anlass der Beschuldigte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe
erfahren und seinerseits die Gelegenheit, selbst Stellung zu beziehen, erhalten soll. Im Fall sogenannter "Terroristen" hatte die Bush-Regierung dieses Prinzip jahrelang ignoriert, bis 2004 der Oberste Gerichtshof der USA verfügte, dass auch den Gefangenen im Sonderinternierungslager Guantánamo Bay auf Kuba ein ordentlicher Prozess zuteil werden müsse.

Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Ausführungen Linebaughs und Redikers über das Piratenwesen. Sie weisen darauf hin, dass die Piraterie für London lange Zeit kein Problem war, solange Günstlinge des Hofes wie Sir Francis Drake im Auftrag der englischen Admiralität spanische Transportschiffe samt den darin befindlichen Reichtümern an Gold und Silber
kaperten und dem gegnerischen Königshaus in Madrid wirtschaftlichen Schaden zufügten. Als jedoch gegen Ende des 17. Jahrhunderts immer mehr einfache Matrosen, die häufig zum Dienst auf See entführt worden waren, ihrerseits die Schiffe unter das eigene Kommando brachten und dem selbstbestimmten Leben als Bukanier auf hoher See frönten, veränderte sich die Haltung
schlagartig. Plötzlich galt der Pirat als Menschenfeind, vergleichbar dem heutigen "Terroristen". Wegen der ausführlichen und unterhaltsamen Analyse dieser und ähnlicher Entwicklungen dürfte jeder Leser "Der vielköpfigen Hydra" voll auf seine Kosten kommen. (SB)

20. Mai 2008

Peter Linebaugh & Marcus Rediker
Die vielköpfige Hydra
Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks
(Aus dem Englischen "The Many-Headed Hydra - Sailors, Slaves,
Commoners and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic" von
Sabine Bartel)
Verlag Assoziation A, Berlin, 2008
427 Seiten
ISBN: 978-3-935936-65-1


Quelle: www.schattenblick.de







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