6. November 1918: Matrosenaufstand in Wilhemshafen


Revolutionärer Matrose, Bild: Wikipedia

06.09.08
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Wilhelmshaven Stadt des Friedens und der Demokratie

Vortrag von Klaus Dede gehalten am 4. September 2008 auf Einladung der Partei „Die Linke“

6. November 1918
Das war mal ein Novembertag,
Der ewig bleibt im Zeitenlauf!
Und ob such trüber Nebel lag,
Für uns stieghell die Sonne auf
Und ob auch grau der Regen rann
Und scharf der Wind von Westen blies:
Wir zogen jubelnd, Mann für Mann,
Den weg, der in die Freiheit wies.
Der Weg, der in die Freiheit ging!
Zerbrochen lag der Knechtschaft Tor,
Und über unserm Zuge hing
Der Menschengleichheit roter Flor.
Das rote Tuch der neuen Zeit,
Die wir erhofft, erträumt, ersehnt –
Es weht so hoch und hehr, so weit
Die Stadt nur ihre Straßen dehnt.
Und keiner war, der hinten blieb,
Und keiner blieb versteckt im Haus,
Und alle, alle, alle trieb
des Tages Freiheitsruf hinaus.
U-Boot, vom Torpedoboot,
Aus der Kaserne und vom Schiff,
Ein jeder folgte stolz dem Rot,
Das uns hinaus zur Freiheit rief.
Zerschmettert liegt die finstre Macht,
Die lang uns hielt im Fesselkleid.
Nun schreiten wir aus Tod und Nacht
Empor zur wahren Menschlichkeit.
Nun schreiten wir im Sonnenstrahl,
Von frischer Morgenluft umweht
Und schauen in ein lichtes Tal,
Durch welches frei die Menschheit geht.
Kam’raden –Brüder allesamt!
Vergesst den Tag der Tage nicht,
Der alle Finsternis verdammt
Und eisenharte Fesseln bricht.
Vergesst ihn nicht und haltet Wacht
Und seit bereit und todgetreu,
Damit, was dieser tag gebracht,
Auf ewig unser eigen sei.
Hans Dowidat


Herr Vorsitzender,
meine Damen und Herren,
In das Thema des heutigen Abends möchte ich sehr akademisch einführen, indem ich zunächst einmal darlege, was ich beabsichtige, um Sie so auf das vorzubereiten, was Sie erwartet, nämlich, wie sich das gehört, eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss - so haben wir es doch alle einst in der Schule gelernt, oder nicht?
Also los:
   -   Die Einleitung habe ich zur Zeit am Wickel.
   -  In dem Hauptteil werde ich zuerst erzählen, was am 30. Oktober 1918 hier in Wilhelmshaven und auf Schillig Reede geschehen ist, und welche Folgen diese Ereignisse hatten
    - und in dem Schluss möchte ich bemerken, was die Revolution für uns heute bedeutet, denn, nur so viel sei jetzt schon verraten: sie war nicht erfolglos, ja, sie ist nicht einmal vorbei. Insofern möchte ich Professor Appelius widersprechen, dessen Ausstellung im Marine-Museum ansonsten aus meiner Sicht nicht zu kritisieren ist.
Das also möchte ich in den nächsten 40 Minuten abhandeln, wobei ich jetzt schon um Entschuldigung bitte, dass dies nicht in der nötigen Ausführlichkeit geschieht, aber das ist nicht möglich. Vielleicht widmet die Stadt Wilhelmshaven ja in Zukunft diesem einzigen wirklich historischen Ereignis, das an er Jade stattgefunden hat, mehr Aufmerksamkeit, als das bisher geschehen ist, zumal sich so bestätigen würde, dass dieser Ort, der eigentlich Rüstringen heißen müsste – das ist nämlich der historisch richtige Name – sich zu Recht als
Stadt des Friedens und der Demokratie
bezeichnen kann. Doch davon mehr am Ende meines Vortrages. Jetzt wollen wir, wie es sich gehört, mit dem Anfang beginnen.
Die Meuterei
Am 30. Oktober 1918 bot sich den Menschen an den Deichen im Jeverland und in Butjadingen zum letzten Male ein Bild von historischer Bedeutung. Die ganze deutsche Hochseeflotte
-         17 Schlachtschiffe,
-         5 Schlachtkreuzer,
-         10 Kleine Kreuzer,
-         77 Zerstörer und Torpedo-Boote
-         und zwei Schnelle Minenschiffe
lagen klar zum Auslaufen auf Schillig-Reede.
Was war ihr Auftrag?
Die Frage ist berechtigt, denn der Weltkrieg, den der in Wilhelmshaven so hoch verehrte Kaiser Wilhelm II., nächst Hitler der größte politische Verbrecher der deutschen Geschichte, im August 1914 angezettelt hatte, war nach Ansicht der Obersten Heeresleitung verloren. Die Erklärung des Generalstabschefs Hindenburg und seines Generalquartiermeisters Ludendorff, die am 14. August 1918 im Großen Hauptquartier erfolgte, kam für die Beteiligten ziemlich überraschend, denn
-         erst am 7. Mai 1918 hatten die Mittelmächte dem Königreich Rumänien den Frieden diktiert,
-         standen deutsche Truppen in Rostow am schwarzen Meer und am Peipussee, also kurz vor Petrograd,
-         beschossen Langrohrgeschütze des Kaisers die französische Hauptstadt Paris,
und nun war alles ganz Anders?
Wie unerwartet der Zusammenbruch auch für die zivile Reichsleitung erfolgte, mögen zwei Daten zeigen:
-         Am 16. Juli 1918  setzten die deutschen Truppen zur zweiten Marneschlacht an, aber
-         am 18. Juli begann die Offensive der Franzosen, Engländer und vor allem der Amerikaner im Westen, übrigens die erste wirkliche Panzerschlacht der Geschichte, bei der auf deutscher Seite die Oberste Heeresleitung den 400 Tanks der Alliierten nicht einen einzigen Panzer entgegenstellen konnte.
Und dann ging es Schlag auf Schlag zurück. Zunächst militärisch:
-       Am 8. August erleiden die deutschen Truppen bei Amiens unter hohen Verluste eine schwere Niederlage;
-        Am 14. August erklären Hindenburg und Ludendorff, dass ein weiterer Widerstand aussichtslos sei. Daraufhin allgemeine Ratlosigkeit in der Reichsleitung. Zur Vorsicht tut man aber erst mal gar nichts,
-       Am 12. bis 15. September neue Niederlagen des deutschen Feldheeres, diesmal im Raum von Verdun.
-       Am 26. September beginnt die alliierte Offensive zwischen Maas und Argonnen. Die deutschen Truppen befinden sich im kontinuierlichen Rückzug.
-       Am 29. September 1918 fordert die Oberste Heeresleitung die sofortige Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen.
-        Am 3. Oktober 1918 bittet der neue Reichskanzler, Prinz Max von Baden, die USA um die Vermittlung von Verhandlungen und
-       akzeptiert am 12. Oktober 1918 die 14 Punkte des Präsidenten Wilson als Verhandlungsgrundlage.
Diese letzten Schritte erfolgten öffentlich.
Ebenso öffentlich bekannt war natürlich, dass
-       Bulgarien am 29. September die Alliierten um einen Waffenstillstand gebeten hatte, der einen Tag später abgeschlossen wurde,
-        die Engländer am 1. Oktober 1918 Damaskus erobert hatten, was zum Zusammenbruch des mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches führte,
-       seit dem 21. Oktober 1918 die Revolution in Österreich-Ungarn ausgebrochen war,
-       und dass der Kaiser endlich am 26. Oktober 1918 den Generalquartiermeister des Heeres, Generaloberst Erich Ludendorff - nach Hindenburg der übelste Kriegstreiber - entlassen hatte (während Hindenburg blieb).
Bei ruhiger Überlegung hätte die Reichsleitung eigentlich schon im September 1914 zu dem Schluss kommen müssen, dass der Krieg, den sie so leichtsinnig begonnen hatte, nicht zu gewinnen war, was von dem Generalobersten v. Falkenhayn, dem Chef der zweiten Obersten Heeresleitung, auch ausgesprochen wurde, aber Kaiser Wilhelm II., der als Einziger in Deutschland die Kompetenz besaß, Kriege zu erklären und Frieden zu schließen, ließ weiter kämpfen. Und je länger der Krieg dauerte, desto wichtiger wurde die Frage: soll das alles umsonst gewesen sein?
Aber  man drückte sich um eine Antwort, indem man sich an den Siegesmeldungen berauschte, die ja bis zum 17. Juli 1918 auch nicht ausblieben.
Und dann die plötzliche Erkenntnis:
Ja, es war alles umsonst.
Die unendlichen Verluste an Menschen, die Zerstörungen zivilen Eigentums, aber auch unwiederbringlicher kultureller Güter, der Hunger in der Heimat - all das hatte man für nichts und wieder nichts erlitten, nur weil einer, der es sich in irgendwelchen vornehmen Badeorten wie Spa oder Bad Kreuznach bequem machte, sich und der Nation nicht eingestehen wollte, dass er gescheitert war und hier meine ich natürlich den in Wilhelmshaven so hoch verehrten Kaiser Wilhelm II, keinen anderen.
Das war hart und nur schwer zu verdauen.
Aber die katastrophale politische und militärische Lage ließ sich nicht mehr schön reden.
Wir müssen bei allem, was nun folgt, davon ausgehen, dass allen Beteiligten, sofern sie in der Lage waren, Zeitungen zu lesen, bekannt, dass
-       alle Verbündeten Deutschlands zusammengebrochen war und
-        die neue Reichsregierung binnen Kurzem ebenfalls einen Waffenstillstandsvertrag mit den Alliierten schließen würde, denen der Friedensvertrag folgen musste, dessen Bedingungen sehr hart sein würden
Ja, der Krieg war verloren - das wusste jeder.
Und in dieser Situation wurden die Schiffe der Hochseeflotte, die seit anderthalb Jahren untätig in Wilhelmshaven dümpelte, seeklar gemacht und eines nach dem anderen ausgeschleust, damit sich diese gewaltige Streitmacht - immerhin die zweitstärkste Flotte der Welt, wie man sagte - auf Schillig Reede sammle.
Warum?
Der verantwortliche Oberbefehlshaber der Marine war zu dieser Zeit Admiral Scheer - also derjenige Mann, der nach der verlorenen Schlacht vor dem Skagerrak seine Flotte mit viel Glück einigermaßen unbeschädigt nach Hause führen konnte - und er begründete den Befehl in dem Kriegstagebuch der Obersten Seekriegsleitung so: "Es ist unmöglich, dass die Flotte alsdann in dem Endkampf, der einem baldigen oder späteren Waffenstillstand voraus geht, untätig bleibt. Sie muss eingesetzt werden. Wenn auch nicht zu erwarten ist, dass hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung erfährt, so ist es doch aus moralischen Gesichtspunkten Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben."
Der Admiral erwartete also einen Endkampf, wie er dann 1945 tatsächlich stattfand, denn Hindenburg und Ludendorff verlangten am 24. Oktober plötzlich, dass der Kampf, den sie am 13. August für aussichtslos gehalten hatten, nunmehr fortgesetzt werden solle, aber jetzt machte die neue Reichsleitung nicht mehr mit: Ludendorff wurde am 26. Oktober entlassen und durch den General Groener ersetzt, der sich schon immer als einigermaßen vernünftig erwiesen hatte. Die Situation hatte sich also von Grund auf geändert. Trotzdem erhielt Admiral Scheer seinen Befehl aufrecht. Die Schiffe der Hochseeflotte wurden, wenn ich das richtig verstanden habe, vom 28. Oktober an ausgeschleust und lagen, wie gesagt, am 30. Oktober klar zum Auslaufen auf Schillig-Reede. Inzwischen hatte der Flottenchef, Admiral v. Hipper, seinen Kommandeuren auch erklärt, worum es ging: Die Hochseeflotte, der Stolz des Kaisers, sollte in den englischen Kanal - in Richtung Hoofden - vorstoßen und sich hier der britischen Flotte zu einem letzten Kampf stellen, um so die "schwer ringende Westefront", wie es hieß, zu entlasten.
Das war die offizielle Begründung.
Dass sie gelogen war, lehrt ein Blick auf die Landkarte: Wenn Hipper den Plan ausgeführt hätte, wäre er nicht nur auf die etwa doppelt so starke britische Grand Fleet gestoßen, sondern darüber hinaus auf amerikanische Schlachtschiffe, die in Scapa Flow bereit lagen, um in den Kampf einzugreifen. Sie hätten der Hochseeflotte, wenn sie denn siegreich gewesen wäre, den Rückmarsch abgeschnitten mit der Folge, dass die Schiffe gnadenlos zusammen geschossen worden wären – eine im doppelten Sinne glückliche Heimkehr, wie nach der Schlacht am Skagerrak, hätte es nicht gegeben, und das wusste natürlich sowohl Admiral Scheer, der denn auch sicherheitshalber an seinem Berliner Schreibtisch sitzen blieb, als auch Admiral Hipper und die anderen Kommandeure der Flotte, die in den Tod gefahren wären, wenn sie nicht daran gehindert worden wären. Sie hätten offenbar einem offenkundig verbrecherischen Befehl gehorcht, nicht aber die Matrosen auf den Dickschiffen, wie wir noch sehen werden.
Das Verhalten der Kommandeure ist aus heutiger Sicht unverständlich, denn als Hipper und sein Stabschef Trotha am 29. Oktober abends die Geschwaderchefs über das geplante Unternehmen im Detail unterrichteten, war bekannt, dass Ludendorff abberufen und der geplante Endkampf ausfallen würde, trotzdem sagten weder Scheer noch der Chef der Hochseeflotte den Vorstoß ab.
Warum nicht?
-        Der erste Grund mag technischer Natur gewesen sein: Die kaiserliche Marine führte seit jeher ein Eigenleben. Eine Zusammenarbeit mit dem Heer gab es nicht, auch nicht im Kriege. Es ist also möglich, dass Scheer von den Vorgängen in der Obersten Heeresleitung nichts mitbekommen hat.
-       Die Reichsleitung selbst war wahrscheinlich gleichzeitig zu sehr damit beschäftigt, den Putsch der Obersten Heeresleitung, denn nichts Anderes war das, was Hindenburg und Ludendorff am 24. Oktober versucht hatten, abzuwehren als dass sie sich um die Marine hätte kümmern können.
-        Und schließlich kommt ein emotionaler Grund hinzu: Zur Ehre eines Seeoffiziers, ja, der Kernpunkt ihres Berufsethos ist es, dass er mit seinem Schiff nie kapituliert, sondern mit wehender Fahne untergeht. So geschehen in der Schlacht vor den Falkland-Inseln, so das Ende der „Lützow“ in der Schlacht vor dem Skagerrak und so der Untergang der „Bismarck“ im Jahre 1941 im Atlantik.
Mit anderen Worten:
Scheer wusste natürlich, dass der Krieg verloren war, und er konnte sich denken, dass die Briten die Auslieferung der Hochseeflotte verlangen würden und dass die Reichsleitung nach einem Waffenstillstand keine Mittel mehr besaß, ein solches Ansinnen zurückzuweisen. Sollte die Flotte des Kaiserreichs so ruhmlos zugrunde gehen wie seinerzeit diejenige des Deutschen Bundes, deren Schiffe auf der Reede vor Brake verhökert wurden?
Das war mit der Ehre eines deutschen Seeoffiziers nicht zu vereinbaren.
So befahl er trotz allem die politisch wie militärisch sinnlose Kamikazefahrt der Hochseeflotte in den englischen Kanal, damit diese mit den 70.000 Mann, die auf den Schiffen fuhren, mit wehender Flagge im feindlichen Feuer unterginge, wobei man dazu sagen muss, dass der Tod des Seemanns im Gefecht vermutlich das Grausamste ist, was einem Menschen im Krieg geschehen kann, denn bevor er im Meer versinkt stirbt er alle Tode, die zu Lande möglich sind, und das ohne jede Aussicht auf Rettung – was einem Scheer, wie gesagt, egal sein konnte, denn er blieb an Land und erwartete allenfalls seine Pensionierung, die er in allen Ehren genießen konnte, allerdings nur, wenn zuvor 70.000 Männer (die Engländer und Amerikaner, die bei dem Unternehmen auch gestorben wären, zähle ich in böser deutschnationaler Tradition nicht mit) in den Tod geschickt hätte – ohne dies Verbrechen wäre die Marine ehrlos gewesen – wie schrecklich. Admiral Scheer hätte hingegen seine Pension trotzdem verzehren dürfen.
Aber aus dem verbrecherischen Plan sollte nichts werden, denn zwei Stunden nach Beginn der Sitzung, in der Hipper die Geschwaderchefs vergatterte, also am 29. Oktober 1918 gegen 10 Uhr, wurde gemeldet, dass auf drei Linienschiffen der Hochseeflotte Ausschreitungen im Gange seien.
Die Revolution hatte begonnen.
Von der Meuterei zur Revolution
Und um die folgenden Ereignisse zu beschreiben, verlassen wir jetzt die Büros der Marineverwaltungen und die Brücken sowie die Offiziersmessen der Linienschiffe und wenden uns dem einfachen Matrosen zu, also denjenigen Männern, die in den Geschütztürmen und unter Deck ihre Stationen hatten und dort ihr Schicksal erwarteten. Aber das war keine homogene Masse. Wir müssen hier die Situation auf den Torpedobooten unterscheiden von der auf den Dickschiffen – und hier spielt in diesem Oktober 1918 die Musik.
Stellen wir uns vor:
Männer, seit vier Jahren von ihren Familie getrennt, liegen eng gestaut in den Schlachtschiffen Seiner Majestät ohne jeden privaten Raum, ohne die geringste Privatsphäre. Alles geschieht sozusagen öffentlich: Essen, Trinken. Pinkeln, Scheißen, Onanieren – immer sind Kameraden da, die zuhören oder zusehen. Und dann der Druck von oben, der darin besteht, dass sinnlose Befehle ausgeführt werden müssen, weil die Offiziere die Männer beschäftigen wollen und auch das Bedürfnis haben, den eigenen Frust irgendwo loszulassen.
Und hinzu kommt der schleichende Hunger!
Der Matrose ist es gewohnt, dass er auf See sehr gut verpflegt wird, aber das war in der Deutschen Hochseeflotte in den letzten beiden Kriegsjahren nicht mehr der Fall, wobei die Messe der Offiziere besser versorgt wurde als die der Mannschaften, was besonders für Unmut sorgte. Das alles aber wurde überschattet von dem Gefühl, nutzlos seine Zeit zu vertun – kurzum: die ganze kaiserliche Marine war nichts weiter als einbrodelnder Kessel der widersprüchlichsten und widerständigsten Gefühle, die darüber hinaus von den Agenten der USPD keineswegs angestachelt, wohl aber rationalisiert wurden. So also müssen wir uns die Situation unter Deck vorstellen.
Was aber wussten die Mannschaften von dem, was sich in Spa, dem Sitz der Obersten Heeresleitung, und Berlin, wo die Reichsleitung langsam versuchte, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen, die sie zwei Jahre lang hatte schleifen lassen, verhandelt wurde:
Wie ich bereits sagte, immerhin so viel:
Dass der Krieg Wilhelms II. verloren war und der Waffenstillstand unmittelbar bevorstand.
Im übrigen schwirrten unter den Mannschaften die Gerüchte. Die Offiziere sprachen von Manövern in der Deutschen Bucht, aber gleichzeitig ließen sie ihre persönlichen Effekten von Bord bringen, schrieben sie Abschiedsbriefe. Man sagte, der Kaiser sei eingetroffen, um mit der Flotte unterzugehen – ein verständiger Gedanke, denn das Schicksal der Krone war mit dem der Flotte eng verbunden. Außerdem: Wer konnte nach den martialischen  Auftritten des Obersten Kriegsherrn gerade in Wilhelmshaven damit rechnen, dass dieser Mann nach einem solchen, von ihm letzten Endes aus Daffke angezettelten Krieg in Pension gehen würde wie irgendein Hauptmann mit dem Charakter eines Majors? Schließlich muss man wissen, dass im Heer ähnliche Gerüchte kursierten – der Kaiser habe in einem letzten Sturmangriff den Soldatentod suchen wollen.
Alles Unsinn. Natürlich.
Aber stellen wir uns einmal vor, der Kaiser wäre, möglichst gemeinsam mit dem Kronprinzen, an Bord eines seiner Schlachtschiffe im Gefecht mit britischen Einheiten in der Nordsee versunken – eine solche Demonstration hätte vermutlich eine ganze Kette unverzeihlicher Fehler des Obersten Kriegsherren im kollektiven Gedächtnis der Nation ausgelöscht und die Dynastie vielleicht gerettet, jedenfalls eine Restauration nach englischem Vorbild möglich gemacht, wenn Hindenburg bereit gewesen wäre, die Rolle des Generals Monk zu übernehmen, was nicht der Fall war, aber der in Wilhelmshaven so hochverehrte Herrscher dachte natürlich weder an seine Familie noch an das deutsche Volk, sondern nur an sein Allerhöchstes Leben und an das Allerhöchstselbe Vermögen, das er in seiner dreißigjährigen Regentschaft ohne die geringste eigene Arbeit aus Steuermitteln angehäuft hatte – eine solche Leistung verdient sicherlich die Würdigung, die sie an der Jade erfährt, nicht wahr, Herr Oberbürgermeister?
Zurück zum 30. Oktober 1918.
Kaiser Wilhelm II. erschien also nicht. Als jedoch der Befehl kam, die achteren Schornsteine rot anzustreichen war die Situation klar, denn diese Maßnahme diente dazu, im Falle von Nachtgefechten die eigenen Schiffe kenntlich zu machen. Nun wusste jeder, dass die Flotte auslaufen würde, um nicht mehr zurückzukehren. Damit stellte sich für die 70.000 Männer an Bord der Dickschiffe, der Kreuzer und der Torpedoboote die Frage, ob sie wirklich für die Ehre dieser Flotte und dieses Kaisers in den Tod fahren wollten?
Sie mussten sich jetzt entscheiden – aber nur wenige handelten.
Wie viele?
Ich weiß es nicht.
Und wer führte die Entscheidung herbei?
Niemand kennt ihre Namen.
Und es waren vielleicht auch nicht die, sondern nur einige Heizer des Linienschiffs „Thüringen“, welche die Wende, mehr noch: die Revolution auslösten, welche die korrupte und herunter gewirtschaftete Monarchie für alle Zeiten hinwegfegte – denn ich gehe davon aus, dass auch die oldenburgische Landschaft die von ihr herbeigesehnte Restauration der Könige und Großherzöge nicht zustande bringen wird – nein, die Zeit der Herren von Gottes Gnaden war vorbei und stattdessen wurde das möglich, was wir heute haben: der demokratischen Rechtsstaat.
Wollten das die Männer, die, verdreckt und schweißtriefend, vor den riesigen Kesseln im Bauch der „Thüringen“ standen und auf den Befehl „Anker auf!“ warteten? Wenn die Order einmal ergangen war, gab es kein Zurück mehr – dann blieben nur noch Stunden bis zum Todeskampf zwischen brechenden Dampfleitungen und glühenden Stahlplatten ehe dann die See das alles, Todesangst, die Schmerzen, die Verzweiflung der Sterbenden bedeckte - haben die Männer angesichts dieser Perspektive an Demokratie und Menschenrechte gedacht?
Ganz sicher nicht.
Vergegenwärtigen wir uns deren Lage:
Sie arbeiteten mit knurrendem Magen tief im Bauch ihres Schiffes. Diejenigen, die in der Hierarchie an Bord zu allerunterst standen, von denen aber alles an Bord abhing, schleppten in großen Körben die Kohlen vor die riesigen Heizkessel, in denen das Feuer glühte, das die Kolben der Maschinen in Bewegung setzte. Hier arbeiteten, in glühender Hitze die Heizer – schmutzig und schweißtriefend auch sie, aber doch schon etwas besser gestellt. Sie bildeten das Subproletariat der Marine, aber auf sie kam es an, wenn das Schiff mit Voller Kraft voraus lief – sie mussten den Dampfdruck so hoch treiben, wie es eben ging, aber sie bekamen vom Kampfgeschehen oben nichts mit, hörten wohl die eigenen Salven, bekamen auch die Treffer mit, die das Schiff erhielt und erzittern ließen, aber die Lage kannten sie nicht, bis der Dampfer Schlagseite bekam, weil er zu viel Wasser übernommen hatte und das Wasser den Maschinenraum überflutete. Dann war es meist zu spät – die Niedergänge zerstört, die Schotten geschlossen, kurzum: Im Falle einer Katastrophe waren diejenigen, die in der Hierarchie ganz unten standen, auch die Letzten, um die der Kommandant des Schiffes sich kümmerte. Die Kulis, von jeher missachtet und getreten – ausgerechnet sie sollten für die Ehre eines Kaisers sterben, der wenige Tage später fahnenflüchtig werden sollte?
Ich glaube nicht, dass die Kohlentrimmer und Heizer der „Thüringen“ in der Nacht zum 30. Oktober große theoretische Überlegungen angestellt haben – sie wollten, wie alle, überleben, aber während die anderen die Dinge laufen ließen in der Hoffnung, dass sie zu den wenigen gehören würden, die überleben könnten, haben sie gehandelt:
Sie rakten die Feuer aus den Kesseln der Thüringen und machten das Schiff damit bewegungsunfähig.
Und dieser Moment war der Anfang der Revolution, aus der das demokratische Deutschland hervorgehen sollte.
Da es, wie wir gehört haben, auch auf anderen Schiffen Unruhen gegeben hatte, war damit das Kamikaze-Unternehmen des Admirals Scheer unmöglich geworden, was sicherlich nicht nur Admiral Hipper mit Erleichterung feststellte, schließlich galt sicher auch für ihn, was Heinrich Heine von den Polen „Krapülinski und Waschlapski“meinte:
"Leben bleiben wie das Sterben
für das Vaterland ist süß!“
Aber den Vorgang auf der „Thüringen“ konnte man natürlich so nicht stehen lassen, denn Meuterei ist auf See das übelste Verbrechen, dessen sich ein Matrose schuldig machen kann, und um nichts Anderes handelte es sich hier. Dieser Sachverhalt beeinflusst noch heute das Urteil über den Vorgang gerade hier in Wilhelmshaven, wo sich jedem Offizier der Bundesmarine auch jetzt noch die Nackenhaare sträuben, wenn er an diesen Vorgang denkt: 70.000 Männer sinnlos in den Tod zu schicken – nun, das kann ja mal passieren, aber als Seemann an Bord den Befehl zu verweigern – und das im Krieg, fast im Angesicht des Feindes – ist schlechthin unverzeihlich. Ich selbst, ein notorischer Zivilist, der, weil weißer Jahrgang, nie gedient hat, urteile da weniger hart im Gegenteil, aber lassen wir den Standpunkt so stehen.
Betrachten wir vorerst die Konsequenzen des Streiks, so hätten die Heizer und Trimmer wahrscheinlich ihre Aktion genannt, oder der Meuterei, wie die Offiziere sagen würden. Und um die deutlich zu machen, zitiere ich den Soldaten Ernst Lindemann, der sich am 9. November 1932 in der Delmenhorster Zeitung erinnerte, dass die Matrosen des II. Seebataillons – etwa 250 Mann – am 31. Oktober 1918 antreten müssen. Sie erhalten jeder 50 Schuss scharfe Munition und dazu ein halbes Pfund gute Wurst, Büchsenfleisch, Käse und Butter, alles Herrlichkeiten, von denen man in den Hungerjahren sprach, die man aber als normaler Soldat ohne Beziehungen niemals zu sehen bekam. Danach setzte sich die Kolonne in Marsch zur Dritten Einfahrt, wo ein Schiff wartet. Die Matrosen gehen an Bord, wo sie sich zunächst an dem Käse und an der Wurst gütlich tun, aber dann werden sie auf das Achterdeck gerufen. Ein Offizier hält eine Ansprache, dass sie fest zu ihrem Fahneneide stehen sollen, was auch geschehen möge – nun, die Soldaten fragen nicht weiter und widmen sich weiter dem Proviant. Neben ihnen fährt ein U-Boot. Außerdem werden sie von zwei Torpedo-Booten begleitet.
Endlich kommt die Hochseeflotte in Sicht. Ernst Lindenthal bricht in eine begeisterte Schilderung jener Schiffe aus, die hier zum letzten Male in Kriegsformation versammelt sind: „Die Schiffe waren immer deutlicher zu erkennen, unsere Großkampfschiffe mit ihren stolzen Masten und ihren 30-cm-Geschützen, die neuesten Schlachtschiffe mit ihren 38-cm-Geschützen, die großen Panzerkreuzer, das neueste Schiff „Hindenburg“ – sie waren Deutschlands Stolz und der Feinde Furcht. Wir waren in ihren Anblick so vertieft, dass wir gar nicht mehr an unsere nächste Aufgabe dachten. Da rief uns das Kommando unseres Führers in die Wirklichkeit zurück: Alle Mann unter Deck – Seitengewehr pflanzt auf! Er hielt uns nochmals eine Ansprache, in der er uns ermahnte, komme was wolle, unsere Pflicht zu tun!“ Erst jetzt erfahren die Soldaten, um was es geht, nämlich dass die Heizer der Thüringen die Feuer aus den Kesseln gerissen und sich in ihren Räumen verschanzt hatten. Was der Chef der Hochseeflotte geplant hatte, war nun ebenso offensichtlich wie ungeheuerlich:
Ein Admiral kommt an Bord des Hafenschiffes, um die Kommando über die folgende Aktion selbst zu übernehmen. Querab der Thüringen liegen die Torpedoboote „B 97“ und „B112“ bereit, ihre Aale aus nächster Nähe auf das deutsche Linienschiff abzufeuern. Der Admiral stellt nun ein Ultimatum: Wenn die Heizer der „Thüringen“ nicht innerhalb der nächsten zwanzig Minuten an Deck kommen und sich ergeben, wird das Schiff mit Mann und Maus versenkt.
Die Uhr läuft.
Die Seesoldaten befinden sich inzwischen an Deck des Hafenschiffes – und da bemerken sie das, was aus der bisherigen Meuterei, wenn wir die Interpretation der Offiziere übernehmen wollen, eine Revolution macht:
Auf der „Helgoland“, einem anderen Schiff des I. Geschwaders, richten sich die Geschütze der Mittelartillerie auf die Torpedoboote und den Hafendampfer mit den Seesoldaten. Was das bedeuten musste, war klar: Sollte der Admiral den Befehl „Torpedos los“ geben, würden ihn, die übrigen Boote und alle Männer an Bord die Granaten der „Helgoland“ zerfetzen – das wäre der offen Bürgerkrieg gewesen.
Dennoch: Der Admiral wartet unbeweglich ab, die Uhr in der Hand. Da öffnen sich auf der „Thüringen“ die Luken und die Heizer kommen, mit hoch erhobenen Händen, an Deck.
Die Seesoldaten gehen an Bord und durchsuchen alle Winkel des Schiffs – es ist leer.
Dann geht es hinüber zur „Helgoland“.
Hier befindet sich die gesamte Besatzung an Deck. Die Männer schauen gelassen zu, wie die Soldaten des Seebataillons an Bord kommen, und als diese mit ihren Gewehren auf dem Rücken sicherlich etwas ungelenk über die Reling klettern, geschieht etwas, was den Berichterstatter der „Helgoland“ zutiefst verstört:
Die Matrosen der „Helgoland“ lachen!
Und sie lachen auch noch, als Offiziere durch die Reihen gehen, irgendwelche Männer als „Rädelsführer“ bezeichnen und abführen lassen. Als der Hafendampfer mit seinen Gefangenen ablegt, um nach Wilhelmshaven zurückzukehren, dröhnt den Soldaten das Gelächter der zurück gebliebenen Matrosen nach – und in diesem Gelächter der „Helgoland“ ist das deutsche Kaiserreich vergangen – es war zum Schluss - der Herr Oberbürgermeister von Wilhelmshaven möge mir verzeihen – in der Tat nur noch lächerlich.
Die Matrosen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ wurden in das Fort Schaar gebracht, von wo aus sie am 5. November mit einem Sonderzug nach Hannover gebracht werden sollten, immer noch von den Soldaten des II. Seebataillons bewacht, die diesmal nicht nur keine Sonderrationen, vielmehr überhaupt keine Lebensmittel erhielten, und so konnte es denn geschehen, dass Gefangene und Wächter, als der Zug im Oldenburger Hauptbahnhof hielt, gemeinsam auf dem Bahnhofsvorplatz lautstark skandierten „Kohldampf! – Kohldampf!“. In Bremen war dann Endstation. Der inzwischen gegründete Arbeiter- und Soldatenrat befreite sowohl die Gefangenen als auch ihre Bewacher.
Der Flottenchef Hipper hatte inzwischen die Schiffe in ihre Heimatstandorte entlassen (wo die Offiziere wenigstens ihre Familien wiedersehen konnten), und hier nahmen dann die weiteren Ereignisse ihren Lauf, die nicht mehr mein Thema sind.
Die Revolution und ihre Folgen
Die Revolution von 1918 verläuft, wenn ich das richtig verstanden habe, genau nach dem Gesetz, das Rosa Luxemburg vertreten hat. Sie ist nämlich nicht das Ergebnis Planung einiger Berufsrevolutionäre, die durch eine unfehlbare Philosophie angeleitet werden, sondern eine spontane Aktion der Massen, die allerdings nicht nur Opfer einer repressiven Elite sind, sondern auch eine Alternative entwickelt haben, die sie zu verwirklichen trachten. Der Philosoph oder der Soziologe kann diese Utopie formulieren und den Menschen vor Augen führen, um sie zu überzeugen, aber er darf nicht der Versuchung erliegen, die Massen zu bevormunden oder gar zu kommandieren, wie es dann in der Tat geschehen ist und zwar sowohl von Rechts durch Hitler und die Nazis als auch von Links durch Lenin und dann durch Stalin und die Kommunisten. Wie sich die Dinge in Deutschland entwickelt hätten, wenn Rosa Luxemburg nicht ermordet worden wäre, wissen wir nicht, aber wir können sagen, wie es im November 1918 weiter ging.
Die unmittelbare Folge der Revolution war nämlich, dass die nunmehrige Reichsregierung Wahlen zu einer Nationalversammlung ausschrieb, die am 19. Januar 1918 auch tatsächlich stattfanden. Und das so zustande gekommene Parlament trat auch tatsächlich zusammen – und zwar in Weimar, weil dort die Sicherheit der Abgeordneten gewährleistet war – und arbeitete eine Verfassung aus, deren Prinzipien bis heute gelten oder, anders ausgedrückt: Unsere heutige Verfassung ist nichts weiter als die Fortschreibung der Reichsverfassung vom 11. August 1919 unter Berücksichtigung der Erfahrungen des sogenannten Dritten Reiches und der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges, und ist damit direkt zurückzuführen auf die Revolution, die am 30. Oktober 1918 hier in Wilhelmshaven damit ihren Anfang nahm, dass die Heizer der „Thüringen“ die Feuer aus den Kesseln rakten.
Ich sage das im Hinblick auf all diejenigen, die uns sagen, dieser Aufstand sei gescheitert.
Das ist er nicht – ganz im Gegenteil.
Die Revolution von 1918 ist in Deutschland die Einzige, die nachhaltig erfolgreich war – und dies ist ein Ergebnis, das sich die SPD, das Zentrum und die Deutsche Demokratische Partei, also diejenigen Kräfte, die heute jedenfalls in Restbeständen in der SPD, der CDU und der FDP organisiert sind, gutschreiben können. Sie haben, gemeinsam mit der USPD, die dann untergegangen ist, die bis dahin anarchische Revolution, in der mehr und mehr kriminelle Elemente die Oberhand gewannen – ich erinnere hier an die Schulmeister Jörn, der auch in Wilhelmshaven sein Unwesen trieb – in ein ruhigeres Fahrwasser gebracht, indem sie, eigentlich relativ sehr früh, die Wahlen zur Nationalversammlung ausschrieben. Und diese waren bedeutend, weil hier das deutsche Volk, so weit es als deutsche Nation definiert wurde, zum ersten und bisher auch zum letzten Mal sein Recht auf Selbstbestimmung ausübte. Dabei hatten die Stimmbürger drei Möglichkeiten:
-       Sie konnten sich für eine Restaurierung der Monarchie entscheiden, wofür die Deutschnationale Volkspartei eintrat. Der Gedanke wäre so abwegig nicht gewesen, wenn es um die Wittelsbacher in Bayern, die Württemberger oder die Zähringer in Baden gegangen wäre, aber faktisch lautete die Frage, ob man den Kaiser Wilhelm, den Kronprinzen oder einen anderen Hohenzollern aus dem Exil holen wollte und hier konnte die Antwort nur lauten: Nein. Diese Familie hatte für alle Zeiten abgewirtschaftet, was übrigens auch die Deutschnationalen schließlich einsahen.
-       Dann schlugen die Kommunisten eine Republik vor, die nach dem Rätesystem organisiert sein sollte, wie sie in Russland bereits bestand. Sie ist dadurch charakterisiert, dass Basiseinheiten ihre Delegierten auf Zeit in die staatlichen Organe schicken, wo sie jederzeit abrufbar sind. Es gibt also keine Gewaltenteilung, wie sie Montesquieu vorgeschlagen hat und natürlich auch keine unabhängigen Gerichte.
-       Und schließlich vertraten das Zentrum, die Liberalen und vor allem die SPD den demokratischen Rechtsstaat, in dem zum einen die Gewalten – Gesetzgebung, Verwaltung und Justiz – getrennt sind, regelmäßig Wahlen zu Parlamenten stattfinden, deren Mitglieder aber an Weisungen nicht gebunden sind, und schließlich die Souveränität des Volkes begrenzt ist durch die Menschenrechte – ein Prinzip, das im Grundgesetz noch einmal akzentuiert wurde.
Und nun kommt das Wunder:
Das deutsche Volk, soweit es als deutsche Nation definiert wurde, entschied sich trotz intensiver Gegenpropaganda, die im Grunde seit Generationen nicht nur durch die Parteien selbst, sondern auch durch Kirche und Staat betrieben worden war, für den demokratischen Rechtsstaat und hat seither diese Entscheidung in unendlich vielen Wahlen und Abstimmungen immer wieder bestätigt. Nein – die Untertanen dieser Republik wollen, sicherlich zum Kummer des Wilhelmshavener Stadtrates – keine Monarchie und erst recht keine Räterepublik, sondern schlicht das, was wir seit 1919 in der Tat haben, nämlich die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung, wie die Juristen sagen. Die deutschnationalen Feinde der Verfassung, nicht einmal die NSDAP und die mit ihr verbündete Deutschnationale Volkspartei, haben niemals, auch 1933, die Mehrheit im Reichstag gehabt. Dass die Eliten der demokratischen Parteien sich, als Hitler sein verderbliches Regime antrat, unter dem Druck der deutschnationalen Propaganda selbst aufgaben, steht auf einem anderen Blatt und ist hier nicht zu verhandeln.
Kann eine Revolution erfolgreicher sein?
Die Revolution heute
Was aber haben all diese Vorgänge mit uns heute zu tun?
Ich möchte dazu zwei Bemerkungen machen:
1.       Wilhelmshaven ist konzipiert als Kriegshafen, der zwar als solcher von der Marine nicht geliebt wurde, aber dennoch: er war in Friedenszeiten der zweitwichtigste Stützpunkt der Hochseeflotte, im Krieg sogar der wichtigste. Krieg ist aber immer destruktiv, infolgedessen ist es nicht sinnvoll, auf eine Tradition stolz zu sein, die ausschließlich daraus bestand, einen Krieg entweder vorzubereiten oder aber zu führen. Wenn Wilhelmshaven auf etwas stolz sein kann, dann darauf, dass es gelungen ist, diese Stadt nach der Bedingungslosen Kapitulation von 1945 vor dem Untergang zu bewahren und nunmehr zu einem wichtigen Zivilhafen umzugestalten. Deshalb sage ich, dass sich Wilhelmshaven heute vollends als Stadt des Friedens bezeichnen könnte, wenn der Rat sich entschlösse, den Namen wieder anzunehmen. der dieser Kommune aus Gründen der Tradition und der Geographie eigentlich zukommt: Rüstringen.
2.       Wilhelmshaven ist der Ort, an dem namentlich unbekannte Matrosen der „Thüringen“, indem sie die Feuer aus den Kesseln ihres Schiffes rakten und damit die Kamikaze-Fahrt der kaiserlichen Hochseeflotte verhinderten, die Revolution auslösten. Damit hatte das deutsche Volk, soweit es als Nation definiert wurde, dieses einzige Mal die Gelegenheit, über sein Schicksal selbst zu bestimmen, und es entschied sich für den demokratischen Rechtsstaat, der dann zur Konstituierung der heutigen demokratisch strukturierten Bundesrepublik Deutschland führte. Damit ist Wilhelmshaven auch die Stadt der Demokratie.
3.       Und eine letzte Folgerung, die mir die Wichtigste ist: Ausgelöst wurde die Entwicklung, der wir heute unsere Freiheit verdanken, durch eine Handvoll uns unbekannter Kohlentrimmer und Heizer, welche die Feuer aus den Kesseln der „Thüringen“ rakten um selbst zu überleben, sicherlich auch, um ihre Kameraden vor einem schrecklichen und sinnlosen Tod zu bewahren. Sie haben an ihrer Stelle sinnvoll gehandelt – und darauf kommt es an. Sie waren wie die Schmetterlinge im Amazonas-Gebiet, die nach der Chaos-Theorie einen Hurricane in den USA auslösen können. Und daraus lernen wir zu Einen, dass es auf das ankommt, was jeder Einzelne tut und zwar auch dann, wenn die Konsequenzen nicht so gigantisch sind, wie in diesem Falle, und daraus folgt, dass die Demokratie, die wir haben, nur dann überlebt, wenn sie von allen, und zwar vor allem von denen, die sich unten, an der Basis der gesellschaftlichen Pyramide befinden, verteidigt wird, wie das, vergeblich, Georg Elser getan hat, als er sein Attentat auf Hitler im Jahre 1939 plante und ausführte, aber auch Pastor Gerhard Suhren in Seefeld, der 1933 von seinen Konfirmanden zusammengeschlagen wurde, weil er sich weigerte, zum „Tag von Potsdam“ die schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreichs vor seiner Kirche aufzuziehen. Sie und viele andere verteidigten, jeder auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten, die Verfassung von Weimar und traten damit für die Menschenrechte ein, die von den Eliten des Reichs aufgegeben und verraten wurden. Denn, und das ist meine Folgerung, unsere Verfassung ist immer gefährdet durch diejenigen, die oben sind, die Oligarchen oder Aristokraten, wie immer wir sie nennen wollen – nie vom Volk.
Damit bin ich am Schluss meiner Ausführungen angekommen. Jetzt nur noch dieses: Wenn ich berechtigt wäre, dieser Gemeinde einen Ehrentitel zu verleihen, dann wäre das dieser;
Wilhelmshaven – Stadt des Friedens und der Demokratie.
Man kann über den Ort aus meiner Sicht viel Gutes sagen:
-        Sie ist der einzige Tiefwasserhafen dieser Republik und dürfte deshalb in der kommenden Generation der wirtschaftliche Schwerpunkt der Region werden.
-       sie ist ferner ein wichtiger Standort wissenschaftlicher Institute und 
-        sie bietet dem Besucher enorme Freizeitwerte,
aber das alles verblasst völlig vor der Tatsache, dass dieser Ort wie kein anderer in Deutschland verbunden ist mit den höchsten Werten, die wir hoffentlich gemeinsam vertreten:
Frieden und Demokratie.
Ich danke Ihnen.

www.klausdede.de







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