Als die Kurden über sich selbst entschieden – die vergessene Republik um Laçin


26.05.08
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Von Dieter Blumenfeld, 25. Mai 2008

Nach der Verhaftung Abdullah Öcalans schien es für kurze Zeit ruhig um das Volk der KurdInnen. Der PKK sei der Kopf abgeschlagen, das Volk von den Staaten des fruchtbaren Halbmond stärker niedergehalten als je zuvor.

Doch damit ist nun schon lange vorbei. Die PKK hat ihren Kampf wieder begonnen, im Norden des Irak regiert eine kleine Fraktion der kurdischen US-FreundInnen als Handlanger des Imperialismus und Öcalan wird langsam aber sicher wie Milosevic im Gefängnis ermordet.

Doch das Volk im Norden Mesopotamiens, der Wiege der menschlichen Zivilisation, zerteilt in mehrere Staaten, hat bis heute keine nationale Unabhängigkeit. Selbst im Norden des Irak wird sie ihnen – so wie dem Osten Boliviens oder den Albanern im Kosovo – nur so weit zugestanden, wie sie dem Imperialismus selbst dient.

Heute lies ich mal wieder einen der immer gleichen Propagandaartikel einer „einzig wahren revolutionären" Organisation über mich ergehen, diesmal eben zu Kurdistan. Zu Anfang wurde wie immer der gleiche nichts sagende Geschichtsüberblick gebracht, gespickt mit Zitaten von Marx und Lenin. Und wie immer fehlte die Zeit, in der ein Teil des kurdischen Volkes besser leben konnte, als im gesamten Rest seiner Geschichte – im Roten Kurdistan.

Nach der Revolution lebte auf dem Gebiet im südlichen Kaukasus, dass später Teil der Sowjetunion werden sollte, ein nicht zu übergehender Teil an KurdInnen. Sie waren in zwei Wellen, einer zur Zeit des osmanisch-russischen Krieges und einer kurz nach der Revolution, sogar bis nach Sowjetrussland gekommen.

Vor allem im heute zu Aserbaidschan gehörenden Gebiet, westlich von Berg-Karabach, um die 10.000-Seelen-Kleinstadt Laçin, sammelten sich KurdInnen. Hier hatten bereits im 18. Jahrhundert kurdische Nomaden gesiedelt. Kurz nach der Bildung der Sowjetrepublik in Aserbaidschan wurde das Gebiet Teil von ihr (1920). Drei Jahre später war es dann soweit, das Gebiet wurde am 23. Mai 1923 zu einer autonomen Provinz, genannt Oblast, mit dem Namen Rotes Kurdistan. Offiziell wurde die Entscheidung am 7. Juli 1923 vom hochrangigen Funktionär und langjährigen Bolschewiki Kirov unterzeichnet.

Laut Aufzeichnungen sollen hier nach der Revolution 60.000 KurdInnen, exklusive den KurdInnen in anderen Teilen des Südkaukasus, gelebt haben. Amtssprache wurde Kurmandschi und das Verwaltungszentrum Laçin. Doch andere kurdisch-dominierte Gebiete durften sich dem Oblast nicht anschließen.

Ziel der Führung in Moskau war eine gemeinsame Heimstätte für die KurdInnen des Kaukasus zu schaffen – ein ähnliches Konzept wie zuvor bei den ArmenierInnen in der Provinz Karabach durchgeführt wurde und mit Birobidschan später für die jüdische Bevölkerung der Sowjetunion angedacht werden sollte.

Lenin hatte selbst ein Entwicklungsbudget von 40 Mill. Rubel für den Ausbau der Infrastruktur und der Bildung für die neue Autonomie angeordnet. Doch von Beginn an sollte die Autonomie ein Spielball in der Hand der sich neu herausbildenden Bürokratie werden.

Die Interessen zwischen Armenien, Aserbaidschan und dem aus Georgien stammenden Stalin sollten an dieser Frage zusammen prallen. Das Budget wurde nach dem Tod Lenins von der stalinistischen Führung in die Kassen der ArmenierInnen gelenkt – um die Aserbaidschanische Republik zu schwächen.

Rasch formierte sich Widerstand der KurdInnen gegen die Behandlung ihrer Autonomie durch die Bürokratie. Dies sollte ihr Ende beschleunigen. Bereits sechs Jahre nach der Etablierung des Roten Kurdistan wurde es 1929 durch Beschluss des sechsten Aserbaidschanischen Sowjetkongresses am 8. April 1929 wieder aufgelöst. Grund war die Intervention des Generalsekretärs der KP Aserbaidschans, Nariman Bagirov, in Moskau.

Vom 30. Mai bis 23. Juli 1930 existierte nochmals für fast drei Monate eine kurdische Autonomie in der Region, die diesmal auch weitere Bezirke umfassen sollte.

Bis in die Zeit der Großen Säuberungen und Stalins Schwenk zum großrussischen Sowjetchauvinismus wurden die KurdInnen als Nation aber weiter gefördert – auch wenn sie kein autonomes Gebiet mehr hatten. Kurdische Schulen wurden eröffnet und Anfang 1937 wurde in Jerewan, der Hauptstaft Armeniens, erstmals die kurdische Zeitung Riya Teze publiziert. (Andere Quellen Sprechen von einer Gründung bereits im Jahr 1931 oder 1932).

Bis dahin wurden nahezu dreißig kurdische Bücher in Aserbaidschan publiziert, nachdem beim nationalen Minderheitenkongress 1931 in Baku die Aserbaidschanische Sowjetrepublik wegen ihrer harten Haltung gegen die KurdInnen gerügt wurde.

Doch bereits 1938 veränderte sich das Bild radikal. KurdInnen wurden deportiert, die Zeitung als sinowjew’sche und trotzkistische Propaganda verfolgt. Viele der ehemaligen politischen Führer der kurdisch-sowjetischen Autonomierepublik wurden in den Schauprozessen verurteilt. Die kurdische Sprache wurde verboten und alle Schulen geschlossen.

Während des Zweiten Weltkrieg ging es den KurdInnen noch schlechter. Als nach dem Hitler-Stalin-Pakt im August und der Zerschlagung Polens im September 1939 eine französische Intervention über Persien drohte, erkannte der Innenminister Lawrenti Beria in den KurdInnen plötzlich überhaupt kollektiv „volksfeindliche Elemente" und ließ nun den Rest von ihnen von der Grenze deportieren.

Doch viele KurdInnen setzten ihren Kampf gegen den Stalinismus und für ein sozialistisches Kurdistan als Teil der Sowjetunion im Exil weiter fort. Aus Kasachstan kam Propagandamaterial in die Region und die kurdische Nationalität wurde dadurch von der Bürokratie noch stärker unterdrückt. „Bergbewohner" und „Bergtürken" waren beliebte Schimpfwörter.

Zwanzig Jahre nach dem ersten Erscheinen der kurdischen Zeitung entstand in Armenien ein kurdisches Radio sowie ein kurdisches Sprachinstitut, dass aber aus Geldmangel zwei Jahre später seine Tore wieder schließen musste.

Vor allem im Exil wurde weiter fieberhaft vom „vergangenen Paradies" geträumt und für seine Wiederkehr gekämpft. Die Hoffnungen wurden nach Stalins Tod in Chrustschow gesetzt und eine Delegation nach Moskau entsandt – ohne Erfolg, aus Moskau kam keine Antwort auf die Forderung der Wiedererrichtung Rot-Kurdistans zum Schutz des Volkes und seiner Kultur.

Bei den Volkszählungen wurden die KurdInnen systematisch nicht erfasst und statt weit über hunderttausend KurdInnen wurden 1959 nur 1.487 gezählt. Auch 1989 waren es offiziell nur 12.226, tatsächlich ein Dreißigstel der größten Minderheit des Landes. (Auch heute wird in Aserbaidschan von staatlicher Seite von 13-14 tausend KurdInnen gesprochen, tatsächlich sind es wohl knapp 500.000, ohne den vollständig assimilierten.)

Unter Gorbatschow wurden die UnterstützerInnen Rot-Kurdistans wieder aktiv. 1989 schien man endlich am Ziel. Kurdische Klassen wurden eingerichtet und die kurdische Sprache in der Öffentlichkeit nicht mehr unterdrückt. Doch dann brach die Sowjetunion auseinander. Im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan gerieten die KurdInnen wieder einmal zwischen die Fronten.

Vor allem die ArmenierInnen, selbst Opfer eines Genozids, machten keinen Unterschied zwischen moslemischen KurdInnen und moslemischen Azeris. Die Bezirke des ehemaligen Rot-Kurdistan gingen an Armenien verloren und diese (bestenfalls) vertrieben die kurdische Bevölkerung. Ein großer Teil wurde misshandelt, vergewaltigt und ermordet. Unzählige von ihnen leben heute noch in provisorischen Flüchtlingslagern, ohne fließendes Wasser und Strom. Wie in den Flüchtlingslagern der PalästinenserInnen und IrakerInnen wartet auch auf sie ein Leben ohne Hoffnung und Zukunft. Das Rote Kurdistan ist nur noch die Geschichte des Paradieses, die ihre Urgroßeltern noch kannten.







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