Deutsche Mutter oder Führerin im Reichsarbeitsdienst: Frauenrollen im Nationalsozialismus

12.04.08
TopNewsTopNews, Antifaschismus, Feminismus 

 

Von Edith Bartelmus-Scholich

Das Frauenbild der Nazis war nicht einheitlich. Es war bewusst unscharf formuliert,  flexibel auf zukünftige Entwicklungen und knüpfte an tradierte Frauenbilder an. Untersucht man Schulbuchtexte und Reden der Parteifunktionäre oder betrachtet man das Frauenbild faschistischer, weiblicher Erziehungsinstitutionen, so lässt sich ein ,,offiziöses" Frauenbild feststellen (vgl. Wittrock).
Die wichtigsten Organisationen der bürgerlichen Frauenbewegung in der Weimarer Republik brachten dem faschistischen Staat wenig Widerstand entgegen. Dies lag daran, dass bei den meisten Frauen in Deutschland in den 20er Jahren keine tatsächliche Emanzipation stattgefunden hat. Die Gleichberechtigung der Frau wurde in der Weimarer Verfassung zwar formal postuliert, aber nicht eingelöst. Stattdessen wurden die wesentlichen Bestandteile patriarchalischer Tradition, die auch im Faschismus eine große Rolle spielten, in der bürgerlichen Frauenbewegung propagiert und von deren konservativer Mehrheit vertreten.
Diese bestand zum einen aus dem ,,Dogma der geschlechtlichen Polarität", d.h. man vertrat aufgrund der ,,Andersartigkeit" der Frau eine scharfe Geschlechtertrennung. Zum anderen bestand diese aus der ,,Propagierung der patriarchalisch-monogamen Kleinfamilie" als wichtigste gesellschaftliche Institution und Sicherung der weiblichen Existenz und der ,,Idee der neuen Mütterlichkeit" dar. Mit der Rückbesinnung auf die mütterliche Frau, die zu einer ,,Vermenschlichung" der Gesellschaft beitragen sollte, hoffte man die Verhältnissen der Weimarer Republik wieder in den Griff zu bekommen. Die Geschlechterrollen waren idealistische Konstruktionen, biologistisch unterfüttert, die mit sozialem Druck durchgesetzt werden mussten, da sie nicht mehr der gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprachen.
Es gab aber durchaus auch in der Weimarer Republik Gegenbewegungen zum Faschismus, sowie viele nicht völkisch denkende Frauen, die für eine Gleichberechtigung eintraten. Die ersten frauenfeindlichen NS-Schlagworte wie z.B. ,,die Welt der Frau ist klein, verglichen mit der des Mannes" löste bei ihnen Empörung aus. Aufgrund der Wählerinnenstimmen modifizierten die NS ihre radikalen Ansichten. Die Frau galt nun vorerst als ,,Geschlechts- und Arbeitsgenossin des Mannes". Tatsächlich hatten die Nazis allerdings nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie mit den Zielen und Ergebnissen der Frauenemanzipation überhaupt nicht übereinstimmten.
Was man dort über die Frau, ihr Wesen und ihre Aufgaben sagte, wurde größtenteils von traditionellen patriarchalischen Auffassungen übernommen. Im Mittelpunkt aller auf Frauen bezogenen Themen stand die deutsche Mutter. Die Nationalsozialisten propagierten die ,,totale Mutterschaft" im Rahmen der Familie: ,,In meinem Staat ist die Mutter die wichtigste Staatsbürgerin" (Hitler), die Welt der Frau sei ,,die Familie, ihre Kinder, ihr Heim" (Hitler), die Frau habe die Aufgabe ,,schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen" (Goebbels), sowie ,,Gebärin und Hüterin der Rasse" zu sein. Die Ehe wurde nicht mehr als Selbstzweck betrachtet, sondern als ,,Mittel zur Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse" gesehen. Eine unverheiratete Frau, die diese Rolle nicht erfüllte, galt als minderwertig. Als Konsequenz solcher Vorstellungen sprach sich Hitler in ,,Mein Kampf" dafür aus, den weiblichen Staatsangehörigen die volle deutsche Staatsbürgerschaft erst mit der Eheschließung zuzusprechen.
Der Mutterkult fand seinen Höhepunkt in der Vergabe des ,,Ehrenkreuzes der deutschen Mutter", ein Orden für die Gebärfreudigkeit (ab 4 Kindern) der deutschen Frau, der seit  1939 jährlich am Muttertag verliehen wurde.
Das Frauenideal war eine blonde, blauäugige und breithüftige deutsche Mutter mit ,,nordischem Stil"(ungeschminkt, geflochtene Haartracht, weiblich-schlichte Kleidung). Diesem Ideal entsprach die "Reichsfrauenführerin" Gertrud Scholtz-Klink mit hochgeschlossener Hemdbluse, Haarkranzfrisur und 11 Kindern. Sie fasste die Rolle der Frau 1939 in einer Rede wie folgt zusammen:
"Wenn es das Ziel nationalsozialistischer Männergemeinschaften ist, Männer zu soldatischer und ritterlicher Haltung zu erziehen, so wollen wir versuchen, Frauen mit mütterlichen Herzen heranzubilden. Beide gehören zusammen und brauchen einander. Denn der Ritter und die Mutter haben zu allen Zeiten in der Geschichte eins gemeinsam gehabt, nämlich das Beschützen alles dessen, was schutzbedürftig ist.
Es ist immer Aufgabe des Ritters gewesen, Schutzloses mit seinem Schild zu decken. Die Frau aber folgt ihrem Lebensgesetz, als Hüterin alles Lebendigen und alles Wachsens wird sie zur Mutter ihres Volkes. Nicht nur die Frau, die leibliche Mutter wird, hat daran teil, sondern jede Frau, die geistige Weite, praktische Lebensgestaltung und eine mütterliche Seele mit absoluter Lebensbejahung in sich vereint.
So wie im Leben von ihrer göttlichen Sendung her der Ritter und die Mutter in unaussprechbarer Übereinkunft sich die Hände reichen, so stehen auch heute die deutschen Frauen in jeder Situation bei den deutschen Männern. Denn beide haben das Kostbarste zu schützen, was es für uns gibt, die deutsche Nation. Der Einzelne ist vergänglich, das Volk aber trägt den Ewigkeitsgedanken in sich. Diesen Glauben an die Ewigkeit unseres Volkes hat uns Adolf Hitler geschenkt und wer könnte ihn besser verstehen als die deutsche Frau und Mutter, die selbst eine Repräsentantin des Zukunftsgedankens und Zukunftswillens ist? Wenn wir sprechen von Vaterland und Muttersprache, so sagt uns das, daß, wo Männer Heimat schaffen, Frauen dieser Heimat ihren Klang geben und diesen Klang den Kindern lieb und zu eigen machen. Dienst tun für die Heimat ist das Schönste für einen deutschen Menschen, sei er Mann oder Frau, jeder an seinem Platz und seiner Kraft entsprechend. Jeder von uns ist bereit für den Dienst am Volk und all unsere Arbeit soll der Dank sein an unsere genesende Mutter Deutschland und ihren treuesten Sohn, Adolf Hitler." (Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv)
Die ideale Frau äußerte keine eigenen Wünsche, ihr Lebensinhalt war die Familie, sie litt, opferte, diente und erhielt erst durch ihre Lebensaufgabe, Kinder zu gebären, ihre Identität.
Die Frau sollte aus allen Bereichen der Öffentlichkeit verdrängt werden, um sich als Mutter und sorgende Hausfrau zu bewähren. Neben Haus und Herd standen ihr allenfalls sog. weibliche Berufe oder Engagements auf sozialem Gebiet offen. Hitler nutzte als Propaganda dafür nicht nur das angebliche mangelnde Bewusstsein der Frauen, sondern auch bewusst psychische Charakterstrukturen, wie Schwäche oder Emotionalität. Er musste diese Argumentation nicht erfinden, sondern konnte an eine ungebrochene deutsche Tradition anknüpfen.

Neben der deutschen Mutter wurde noch ein zweiter Frauentyp, ,,Typ der neuen deutschen Jugend/ die Führerin", propagiert, der jedoch nicht so sehr im Vordergrund stand wie die ,,deutsche Mutter". Dieser verkörperte eine selbstständige, häufig alleinstehende Frau, die zum politischen Geschehen in engerer Verbindung stand als zur Funktion der Mutterschaft. Sie war immer im Dienst, besaß Tatkraft und Durchsetzungsvermögen. An das zweite Frauenbild knüpfte die Propaganda in der Zeit des 2. Weltkriegs an, um die Frau für Kriegszwecke zu mobilisieren.
Mädchen wurden ab ihrem 10. Lebensjahr organisatorisch erfasst und politisch kontrolliert, so dass der Übergang vom ,,BDM-Mädel" zur künftigen Hausfrau und Mutter problemlos ablief. Die Mädchenerziehung war nicht darauf ausgerichtet, selbstständig zu denken und zu handeln, sondern sich auf die Rolle der kommenden Mutter vorzubereiten. Auf geistige Fähigkeiten, abgesehen von kulturellen Grundtechniken zur Haushaltsführung, wurde wenig Wert gelegt. Stattdessen standen Leibesertüchtigung, Sauberkeit und Gesundheit im Vordergrund, denn ,,nur eine gesunde Mutter, kann gesunde Kinder zur Welt bringen".
Die NS-Ideologie hinsichtlich der Frauenrolle war oft widersprüchlich und entsprach nicht der Realität. So gingen beispielsweise trotz aller propagandistischer Appelle immer mehr Frauen einer Erwerbstätigkeit nach. Da die Löhne 40% unter denen der männlichen Arbeitern lagen, verzichte der Arbeitgeber nicht auf billige, weibliche Arbeitskräfte. Außerdem konnten viele Familien auf das Einkommen der Ehefrauen nicht verzichten. Es kam zu einer deutlichen Doppelbelastung der Frau, die sich vor allem bei den Landfrauen widerspiegelte, deren Männer zum Arbeiten in die Stadt gingen oder später in den Krieg zogen. Den Großteil der Verantwortung trug nun die Frau. Diese ständige Arbeitslast der Bäuerinnen hatte sich schon Anfang der 30er Jahre unter den Bedingungen des ,,Dritten Reichs" vergrößert, da die ,,Nahrungsfreiheit" Deutschlands als ,,unentbehrliche Ergänzung einer starken Wehrmacht" propagiert wurde. Man hob die Bedeutung der Bäuerin hervor und motivierte sie zur Produktionssteigerung durch verschiedene Werbekampagnen, (als Dank für die ,,Adolf-Hitler-Flachsspende" gab es eine Urkunde).
In den Städten entstand spätestens 1935/36 ein großer Arbeitskräftemangel. Man benötigte Frauen in der Rüstungsindustrie und in der Wissenschaft, so dass auch wieder zum Studium ermutigt wurde. Größtenteils wurde die Frauenarbeit aber auf ungeistige Tätigkeiten festgelegt. Goebbels, der immer wieder die Rückkehr der Frau in den Haushalt gefordert hatte, erklärte nun, dass kinderlose, unverheiratete Frauen die letzte Reserve an Arbeitskräften darstellen würden. Entsprechend wurde 1937 das Ehestandsdarlehen auch Frauen gewährt, die einer Beschäftigung nachgingen. 1938 wurde das Pflichtjahr für alle schulentlassenen Mädchen angeordnet, das dazu zwang, ein Jahr lang in Land- und Hauswirtschaft zu arbeiten.
1939 wurde die Reichsarbeitsdienstpflicht eingeführt, die zu einer sechsmonatigen Arbeit aller Frauen zwischen 17 und 25 Jahren verpflichtete. Dieser Pflichtdienst ist ein Beispiel für die widerstrebende Zielsetzung der NS-Frauenpolitik. Während Hitler darauf beharrte, der Dienst müsse vorwiegend politisch-pädagogischen Charakter tragen, kam es den Interessensvertretern der Rüstungsindustrie darauf an, so viele Frauen wie möglich für die kriegswichtige Produktion zu mobilisieren. Einer allgemeinen Dienstpflicht zwischen 14 und 60 Jahren, wie Göring sie vorschlug, widersetzte sich Hitler jedoch vehement. Ideologische, bevölkerungspolitische und machtstrategische Erwägungen sprachen dagegen. Während des Krieges wurde 1943 eine umfassende Meldepflicht zur Überprüfung der Arbeitsfähigkeit eingeführt, die jedoch sehr viele Ausnahmebestimmungen enthielt. Während sich die Frauen aus den bürgerlichen Schichten dem Arbeitseinsatz entzogen, wurden die Arbeiterinnen in der Industrie durch Fließbandarbeit und schwere, ungewohnte Maschinenarbeit, die mehr als achtstündige Arbeitszeiten beinhaltete und mangelhafte Schutzbedingungen aufwies, ausgebeutet. Die extremste Form der Verwertung weiblicher Arbeitskräfte stellte der Einsatz weiblicher Häftlinge in der Rüstungsindustrie dar, die 1942 zwangsverpflichtet wurden. 1944 gab es eine Meldepflicht für die Reichsverteidigung, so dass man zu Hilfsdiensten für den Volkssturm gezwungen werden konnte. Dort wurden die sog. ,,Blitzmädel" als Nachrichtenhelferin, Telefonistin o.ä. eingesetzt. Auch leisteten zuletzt Frauen Dienst an der Waffe.
Der Wechsel vom Mutterkult zur Arbeiterin stellte keinen ideologischen Gesinnungswechsel der Nationalsozialisten dar. Selbstverständlich sollte die Frau nach dem ,,Endsieg" wieder in ihre vorhergesehen Rolle als Hausfrau und Mutter zurückfinden.

Quellen und Literatur:
Christine Wittrock, Weiblichkeitsmythen, Das Frauenbild im Faschismus und seine Vorläufer in der Frauenbewegung der 20er Jahre, Sendler Verlag, Frankfurt/Main, 1983
Anna Maria Siegmund, Die Frauen der Nazis, Verlag Carl Ueberreuter, Wien, 1998
Anna Maria Siegmund, Die Frauen der Nazis II, Heyne Verlag, München, 2002
Christine Bernd, Frauenbild und Frauenkleidung im Nationalsozialismus, 2002, http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/tex/21322.html

 







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