Eine Welt ohne Profit


23.02.08
TopNewsTopNews, Theorie, Sozialismusdebatte 

 

Von Wolfgang Hoss

Hans Thie fragt in seinem Beitrag zur Freitag-Debatte: "Gibt es in Marx' und Gottes Namen nirgends brauchbare Ideen, die nicht nur die Politik, sondern auch die ökonomische Welt verändern?" Man kann weiter fragen: Müssen wir ein ökonomisches System, das Profitsystem, akzeptieren, welches in dieser Welt an jedem Tag 100000 Menschen verhungern läßt, und gleichzeitig das Vermögen der Reichsten über Nacht um Millionen Dollar anwachsen läßt? Meines Erachtens ist die Antwort eine eindeutige - wir müssen es nicht - jedenfalls nicht für alle Zeiten - eine Welt ohne Profit ist möglich. Das heißt aber natürlich nicht, daß wir das Geld vernichten und alle rezenten Organisationsformen der kapitalistischen Wirtschaft über den Haufen werfen müssen. Die progressiven Elemente der hochentwickelten kapitalistischen Marktwirtschaft müssen bewahrt werden, und nur die historisch veralteten Prinzipien können und müssen durch neue ersetzt werden.

Im Zentrum der modernen Ökonomie steht die Wert- und Preisbildung, und immanenter Bestandteil der alten Wertbildung ist der Mehrwert oder Profit als Einkommen des Kapitalbesitzers. Und dieses Einkommen ist in großen kapitalistischen Unternehmen ganz oder zum großen Teil das Produkt fremder Arbeit - es ist das Mehrprodukt der Lohnarbeiter in Geldform. In diesem Kontext liegt die Frage nahe, ob eine solidarische Zukunftsgesellschaft nicht einfach auf dieses nicht durch Arbeit, sondern durch Kapitalbesitz erworbene Einkommen und damit in der Preisbildung auf den Gewinnaufschlag verzichten kann.

Preisbildung ohne Gewinnaufschlag erscheint auf den ersten Blick als etwas Absurdes und daher nicht Bedenkenswertes. Denken wir das  "Undenkbare" aber dennoch.

Wenn erstens, auf die betrieblichen Kosten CK nur noch ein Steuer- und Abgabenaufschlag ST erhoben wird, so daß für den Wert des Produkts die Formel Y=CK+ST gilt, statt, wie im kapitalistischen System, W=CK+ST+M, (M = Gewinn bzw. Profit), und wenn zweitens, der Staat den Steuer- und Abgabenaufschlag so festlegt, daß alle Ausgaben der öffentlichen Haushalte und der sozialen Sicherungssysteme ersetzt werden können, wozu benötigt dann eine solidarische, auf Arbeitseinkommen festgelegt Gesellschaft, den Gewinn? Alle gesellschaftlich notwendigen Aufwendungen können in diesem Fall durch den Verkauf der Produkte regelmäßig ersetzt werden.

Waren die Kosten des Unternehmenssektors einer Volkswirtschaft z.B. CK=3000Mrd.€ und die Kosten des öffentlichen Sektors und der sozialen Sicherungssysteme ST=1000Mrd.€, dann kann ein Aufschlagsatz auf die Kosten von st'=ST/CK=1000/3000=0,3333=33,33% berechnet und allen Unternehmen verbindlich vorgeschrieben werden. Stellt ein Unternehmen ein Produkt mit den betrieblichen Kosten von z.B. CK=9€/Stck her, dann kann festgelegt werden, daß zur Preisbestimmung ein Kostenaufschlag von 33,33%, also im Beispiel im Betrag von ST=9*0,3333=3€/Stck angerechnet werden muß. Individuelle betriebliche Kosten und administrativ vorgegebener Aufschlagsatz bestimmen dann den Preis, und nichts sonst weiter. Steigen die Kosten auf CK=10€/Stck, dann steigt der Aufschlag auf ST=12*0,3333=4€/Stck. Der Aufschlag steigt also in diesem System, wenn die Kosten steigen. Wäre er Gewinn, dann wäre der Betrieb mit den höchsten Kosten der erfolgreichste, nach dem Motto: um so fauler das Betriebskollektiv um so höher die Kosten und um so höher der Gewinn. Ziel in der sozialistischen Wirtschaft wäre es dann mit möglichst hohen Kosten zu produzieren. Der Widersinn des Profitziels auf Grundlage dieser Preisbildung ist also offensichtlich. Wenn aber kein Profit erwartet wird und prinzipiell im Preis nicht mehr enthalten ist, und wenn der Profit nicht mehr Maß der betrieblichen Leistung ist, dann verschwindet das "Paradoxon" schlagartig - man verkauft die Produkte dann einfach nur zu ihrem gesellschaftlichen Kostenpreis. Ein Produkt, welches den Hersteller und die Gesellschaft mehr kostet als ein anderes, wird zu einem höheren Preis verkauft. Die Information, die der Preis darstellt, ist dann eine sehr direkte und zweckmäßige. Ein niedrigerer Preis zeigt dann an, daß das Produkt mit geringerem Aufwand hergestellt wurde, und ein höherer Preis zeigt den höheren Aufwand an. Der Käufer wählt das gleiche Produkt mit dem niedrigeren Preis und damit das Produkt, welches mit dem geringsten Aufwand hergestellt wurde.

Wenn aber der Gewinn als Maß der wirtschaftlichen Effizienz entfällt, wie soll dann die ökonomische Leistung der Unternehmen gemessen werden? Meines Erachtens kann in der sozialistischen Wirtschaft der Zukunft das Ziel Profitmaximierung durch das Ziel maximale Steigerung der Arbeitsproduktivität ersetzt werden. Die Arbeiter und Angestellten wollen ihren Lohn durch gute Leistungen maximieren, und als Maß der Leistung des sozialistischen Betriebs kann direkt die wichtigste Kennziffer jedes ökonomischen Systems, nämlich die Steigerung der Arbeitsproduktivität benutzt werden. Und demjenigen Betrieb, welcher die Arbeitsproduktivität am schnellsten steigert, sollte aus einem gesellschaftlichen Fonds die höchste Prämie pro Beschäftigtem garantiert werden. Selbstverständlich ist das letzte Wort noch nicht gesprochen - natürlich geht es zunächst darum, Diskussionen anzuregen. Zum Beispiel die Messung der Steigerung Arbeitsproduktivität zum allgemeinen Vergleich zwischen den Betrieben ist ein Problem, oder andere Vorschläge zur Zielsetzung und Motivation könnten unterbreitet werden.

Setzt man die Steigerung der Arbeitsproduktivität zum Grundziel der sozialistischen Produktion, dann erhält man meines Erachtens einen stärkeren Leistungsanreiz für die Arbeiter und Angestellten, als bei Steigerungen der Arbeitsproduktivität zunächst für die Maximierung des Profits des Kapitalbesitzers. Haben die Arbeiter und Angestellten eines Unternehmens eine hervorragende Gemeinschaftsleistung bei der Rationalisierung und Automatisierung der Produktion im Vergleich zur Konkurrenz erbracht, dann steigt mit der schnelleren Steigerung der Arbeitsproduktivität der Profit der Kapitalbesitzer, aber noch lange nicht der Lohn des Betriebskollektivs. Lohnerhöhungen müssen sich die Arbeiter und Angestellten erst erkämpfen. Der Profit kann steigen, ohne daß der Lohn steigt. Insbesondere im produktivsten Profitsystem, dem privatkapitalistischen System, kann der gewerkschaftliche Kampf die Löhne wirkungsvoller beeinflussen, als der Kampf der Arbeiter und Angestellten um Steigerungen der Arbeitsproduktivität. Und es ist ein gewaltiger Unterschied, ob die eigenen Arbeitsanstrengungen und schöpferischen Initiativen unmittelbar der Steigerung des eigenen Reichtums dienen, oder zunächst der Steigerung des Reichtums des Kapitalbesitzers, dessen ureigenes Interesse es ist, möglichst wenig des produzierten Einkommens an die Arbeiter und Angestellten abzugeben.

Der Profit kann steigen, ohne daß die Arbeitsproduktivität steigt, z.B. durch drücken der Löhne, oder durch Preisabsprachen in Kartellen. Durch solche Methoden kann der Kapitalbesitzer seinen Reichtum steigern ohne schwierige, langwierige und risikovolle Änderungen der Erzeugniskonstruktionen, der Technologien und der Produktionsanlagen. Das direkte Ziel "Steigerung der Arbeitsproduktivität" und die unmittelbare Belohnung der Arbeiter und Angestellten für diese Leistung dürfte daher in der komplizierten modernen Groß- und Massenproduktion auf Basis neuer Eigentumsverhältnisse dem Ziel "Steigerung des Profits" als Triebkraft überlegen sein.

Die ehemaligen leninistischen Länder sind meines Erachtens in erster Linie ökonomisch gescheitert. Wäre die Arbeitsproduktivität und das Realeinkommen der Arbeiter und Ange-stellten in der DDR deutlich höher gewesen als in der BRD, wer hätte dann die Mauer bauen müssen? Einer der wichtigsten Gründe für das ökonomische Scheitern der leninistischen Länder war meines Erachtens die Beibehaltung der Preisbildung mit Profitaufschlag. Die Rückkehr zum natürlichen Profitsystem, dem privatkapitalistischen System, war damit vorprogrammiert. Die falschen Leistungsanreize für die Arbeiter und Angestellten, entweder Belohnung der Betriebe für Profitmaximierung und damit zusätzlich verstärkter Druck zur Rückkehr zum natürlichen Profitsystem, oder Belohnung für Erfüllung einer großen Zahl von Plankennziffern und damit Belohnung für Erfüllung von staatlichen Vorschriften, was zwangsläufig Bürokratisierung und sinkende Arbeitsproduktivität zur Folge haben mußte, kamen noch hinzu. Und nicht die Nachfrage auf dem Markt sollte befriedigt werden, sondern der Plan der Staatsfunktionäre sollte erfüllt werden. Das ökonomische Scheitern war damit, wie gesagt, vorprogrammiert. Und ein ökonomisch unproduktives und unvernünftiges System findet natürlich keine breite Unterstützung des Volkes, sondern erzeugt Kritik und Aufbegehren, die durch Repressionen des Staates unterdrückt werden müssen, wenn das unproduktive System erhalten werden soll.







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