Die Marx'sche Lehre vom Extramehrwert und das Desaster der Dritten Welt.


08.01.08
TopNewsTopNews, Theorie 

 

Von Wolfgang Hoss

Der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus stellt sich heute, in der Weltsicht, auch das Problem, mit welcher ökonomischen Methode die Grundprobleme der Dritten Welt gelöst werden können, wie es möglich werden kann, die Verelendung in vielen Ländern der Erde und die Hungersnöte und den Hungertod von jährlich Millionen Menschen zukünftig zu verhindern. Zunächst kann man die Frage stellen, ob die Benachteiligung der Entwicklungsländer bereits durch das fundamentale Ordnungsprinzip der kapitalistischen Produktionsweise, also durch die Wert- und Preisbildung auf dem Warenmarkt bedingt und daher in diesem System unvermeidbar ist. In ihrem Buch "Vorwärts und vergessenen?" vertritt Sahra Wagenknecht, im Disput mit Jürgen Elsässer, unter anderem folgende Ansicht:

Die Verarmung der Peripherien hat indessen mit der Wertlogik als solcher wenig zu tun. ... Daß die übergroße Mehrheit der Menschen in den Drittweltstaaten unter elenden Bedingungen vegetiert, anstatt zu produzieren, und daß, sofern sie produziert, sie dies für Hungerlöhne tun muß, ist nicht Folge des Wertgesetzes als solchem, sondern seiner kapitalistischen Existenzform als Profitmechanismus. ... Die Hungerlöhne der Dritten Welt sind ebenso wenig Folge des Wertgesetzes als solchem." 1

Diese Aussagen von Sahra Wagenknecht stehen meines Erachtens im Gegensatz zur Marx'schen Lehre vom Extramehrwert, der sich bei unterschiedlicher Arbeitsproduktivität der Warenproduzenten ergibt, was seinen Texten allerdings nicht direkt zu entnehmen ist, weil er dauerhafte Unterschiede zwischen der Arbeitsproduktivität von Entwicklungsländern und Industrieländern nicht behandelt hat - zu seiner Zeit waren solche Entwicklungsdifferenzen in nur sehr viel geringerem Umfang gegeben, und sie waren kein Hauptthema der öffentlichen Diskussion.

Auch das Äquivalenzprinzip nach Peters und Dieterich, steht im Gegensatz zu dieser Marx'schen Lehre vom Extramehrwert. Hierzu mehr im Abschnitt  1.2.

Bekanntlich besagt das Wertgesetz, daß sich die Waren zu ihrem Wert tauschen, der durch die gesellschaftlich durchschnittlich nötige Arbeitszeit bestimmt ist, und genau auf dieser Basis, also auf Basis des Tauschs der Waren zu ihrem Wert, hat Marx nachgewiesen, daß die Produzenten mit der höheren Arbeitsproduktivität einen Extramehrwert realisieren. 2 Marx setzte voraus, daß die Produzenten mit der niedrigeren Arbeitsproduktivität im Laufe der Zeit die produktiveren Produktionsmethoden der Konkurrenz übernehmen, daß sie die Unterschiede ausgleichen können, und daß damit der Extramehrwert wieder verloren geht. Dauerhafte Differenzen in der Arbeitsproduktivität zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern waren, wie gesagt, nicht Gegenstand seiner Wertanalysen.

Wenn sich aber ein dauerhafter Unterschied in der Arbeitsproduktivität zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern den Tatsachen entsprechend eingestellt hat, dann realisieren die höherentwickelten Industrieländer einen dauerhaften Extramehrwert, und die Entwicklungsländer realisieren umgekehrt einen dauerhaften Mindermehrwert. Es wird auf dieser Basis Einkommen von den Entwicklungsländern in die Industrieländer umverteilt. Im folgenden möchte ich den Vorgang der Einkommensumverteilung infolge unterschiedlicher Arbeitsproduktivität an Hand des Marx'schen Beispiels im Kapital Erster Band, S.335 ff, erläutern. Im Ausgangszustand setzt Marx folgendes voraus:

Eine bestimmte Warenart werde zunächst durch alle Produzenten des gemeinsamen Marktes mit der gleichen Arbeitsproduktivität hergestellt, und zwar sowohl mit Hinsicht auf die neu aufgewandte Arbeitszeit, als auch mit Hinsicht auf die in den gekauften und verbrauchten Produktionsmitteln enthaltene und daher früher aufgewandte Arbeitszeit. In Marxens Beispiel wird zunächst durch einen Arbeiter des Produzenten 1 innerhalb der Arbeitszeit von tn1=12h die Menge q1=12Stck produziert, so daß die Produktivität der neu aufgewandten Arbeit fn=q/tn=12Stck/12h=1Stck/h beträgt. Der Wert der verbrauchten Produktionsmittel pro Stück beträgt in seinem Beispiel  c^=6d/Stck, so daß sich bei der Herstellung von 12 Stück der Warenart ein Produktionsmittelverbrauch von c=6d/Stck*12Stck=72d=6sh ergibt (für die Umrechnung der Geldeinheiten gilt 12d=1 sh und hierin bezeichnet sh den Schilling und d den Penny). In den verbrauchten Produktionsmitteln im Wert von c=72d=6sh steckt die Alt-Arbeitszeit tc=12h, und damit hat die Produktivität der Alt-Arbeit fc den gleichen Betrag  wie die Produktivität der neu aufgewandten Arbeit fn, nämlich den Betrag fc=q/tc=12Stck/12h=1Stck/h. Die insgesamt zur Herstellung von 12 Stück der neuen Ware aufgewandte Arbeitszeit ist t=tc+tn=12h+12h=24h.

Marx setzt ferner voraus, daß eine Arbeitstunde einen Neuwert von n^=n/tn=6d/h=0,5sh/h erzeugt. Damit beträgt der marxistisch bestimmte Geldwert Wg=1/n^=tn/n=0,1666h/d=2h/sh. Das Produkt der 12-stündigen Arbeit eines Arbeiters hat damit einen Wert von w=(tc1+tn1)/Wg=(12h+12h)/(2h/sh)=12sh. Zum gleichen Ergebnis führt die Summierung des Produktionsmittelverbrauchs c und des Neuwerts n an einem Arbeitstag, also die Summe w=c+n=6sh+6sh=12sh.

Setzen wir im folgenden voraus, daß die betrachtete Ware im wirtschaftlichen Gesamtsystem durch insgesamt zwei Produzenten 1 und 2 (oder zwei Gruppen von Produzenten) hergestellt wird, und zwar jeweils in der gleichen Menge von q1=q2=12Stck und in der gleichen Arbeitszeit von tn1=tn2=12h. (Marx betrachtet hier nur die Produktion eines Arbeiters an einem Arbeitstag, eine größere Zahl von Arbeitern oder Tagen würde jedoch nur die aufgewandte Arbeitszeit und die produzierten Mengen quantitativ ändern, man müßte mit größeren Zahlen rechnen, qualitativ hingegen würden sich die Aussagen und Resultate nicht ändern).

Auch die in den gekauften und verbrauchten Produktionsmitteln enthaltene Arbeitszeit sei bei beiden Produzenten mit tc1=tc2=12h die gleiche. Die gesellschaftliche Durchschnitts-Stückzeit zur der Herstellung der oben genannten Ware berechnet sich  damit zu t^=(tc1+tc2+tn1+tn2)/(q1+q2)=2h/Stck. Und bei dieser durchschnittlich pro Stück aufgewandten Arbeitszeit und dem Geldwert Wg=2h/sh ergibt sich der äquivalente Preis pe=t^/Wg=(2h/Stck)/(2h/sh)=1sh/Stck.

Marx sagt anschließend:

"Es gelinge nun einem Kapitalisten, die Produktivkraft der Arbeit zu verdoppeln und daher 24 statt 12 Stück dieser Warenart in dem zwölfstündigen Arbeitstag zu produzieren. Bei unverändertem Wert der Produktionsmittel ... " (Das Kapital, Erster Band, S.335).

Damit steigt die Produktivität der neu aufgewandten Arbeit des Produzenten 1 auf fn1=q1/tn1=24Stck/12h=2Stck/h. Also der Produzent 1 stellt dann die doppelte Menge in der gleichen Zeit her und verdoppelt damit die Produktivität der eigenen Arbeit.

Ferner verdoppelt sich beim Produzenten 1 auch die Produktivität der zur Herstellung der verbrauchten Produktionsmittel aufgewandten Arbeit, denn bei unverändertem Wert der verbrauchten Produktionsmittel von c1=6sh (so wie dies durch Marx vorausgesetzt wurde), zu deren Herstellung die Arbeitszeit tc1=12h aufgewandt wurde, und bei Verdoppelung der produzierten Warenmenge von q1=12Stck auf q1=24Stck steigt die Produktivität der Alt-Arbeit von  fc1=q1/tc1=12Stck/12h=1Stck/h auf fc1=24Stck/12h=2Stck/h  steigt. Damit sinken die Produktionsmittel-Stückkosten von c^=c1/q1=6sh/12Stck=0,5sh/Stck=6d/Stck auf c^=6sh/24Stck=0,25sh/Stck=3d/Stck. Also die Steigerung der Produktivität der Alt-Arbeit um das doppelte hat die Produktionsmittel-Stückkosten halbiert.

Beim Produzenten 2 hingegen bleibt nach unserer Annahme alles wie gehabt, also er produziert nach wie vor q2=12Stck der gleichen Warenart in tn2=12h, und in seinen verbrauchten Produktionsmitteln steckt die Arbeitszeit tc2=12h, so daß der Wert der verbrauchten Produktionsmittel nach wie vor c2=6sh beträgt.

Infolge der Steigerung der Arbeitsproduktivität durch den Produzenten 1, bei gleicher Arbeitsproduktivität des Produzenten 2, ergibt sich eine kleinere gesellschaftliche Durchschnittsstückzeit für diese Ware, und zwar die Durchschnittsstückzeit t^=(tc1+tc2+tn1+tn2)/(q1+q2)=(12h+12h+12h+12h)/(24Stck+12Stck)=1,333h/Stck. Damit sinkt, beim gleichen Geldwert von Wg=2h/sh, der äquivalente Preis von pe=1sh/Stck auf pe=t^/Wg=(1,333h/Stck)/(2h/sh)=0,666sh/Stck.

Wenn nun die Ware beider Produzenten zu ihrem Wert verkauft wird, also die Ware des Produzenten 1 zum Wert von w1=q1*pe=24Stck*0,666sh/Stck=16sh und die Ware des Produzenten 2 zum Wert von w2=q2*pe=12Stck*0,666sh/Stck=8sh, dann ergibt sich folgendes Einkommen für die beiden Produzenten:

n1=w1-c1=16sh-6sh=10sh
n2=w2-c2=8sh-6sh=2sh

Vor der Steigerung der Arbeitsproduktivität betrug das produzierte und realisierte Einkommen beider Produzenten n=w-c=12sh-6sh=6sh, nach der der Steigerung der Arbeitsproduktivität aber realisiert der  Produzenten 1 das Einkommen n1=10sh, d.h. er vergrößert sein Einkommen um 66,66%. Und das Einkommen des Produzenten 2 sinkt, bei gleicher Arbeitsproduktivität wie bisher, auf n2=2h und damit auf 33,33% des ursprünglichen Betrags. Das Einkommen des Produzenten 1 ist also um 4 sh vergrößert, und das Einkommen des Produzenten 2 um 4 sh verkleinert worden, d.h. 4 sh Einkommen sind dem Produzenten 2 genommen dem Produzenten 1 gegeben worden, obwohl der Produzent 1 den gleichen Reichtum in der gleichen Zeit produziert hat wie vorher.

Wenn sich die Gesamtheit aller Produzenten des Wirtschaftssystems aus zwei Gruppen zusammensetzt von denen jede sowohl Produktionsmittel als Konsumtionsmittel herstellt, und wenn die Arbeitsproduktivität der einen Gruppe doppelt so hoch steigt wie die der anderen, und wenn alle Produzenten ihren Waren auf einem gemeinsamen Markt zu ihrem Wert verkaufen müssen, dann wird nicht nur Einkommen nominal, sondern auch Einkommen real umverteilt. Infolge der Verdoppelung der Arbeitsproduktivität der Gruppe 1, steigt, bei gleichen Zahlen wie oben, das nominale Einkommen der Gruppe 1 auf n1=10sh und das der Gruppe 2 sinkt auf n2=2sh. Beide Gruppen sollen, wie gesagt, sowohl Produktionsmittel als auch Konsumtionsmittel mit gleicher Arbeitsproduktivität pro Gruppe hergestellt haben, d.h. die Gruppe 1 produziert die Produktionsmittel und Konsumtionsmittel mit doppelter Produktivität wie Gruppe 2. Damit sinken sowohl die Produktionsmittel- als auch die Konsumtionsmittelpreise im Gesamtsystem von 100% auf 66,66% und damit sinkt der Preisindex für Produktionsmittel und Konsumtionsmittel auf Ip1=0,6666. Und damit steigt das Realeinkommen der Gruppe 1 von nr1^=n1/Ip0=6sh/1=6sh vorher auf nr1=n1/Ip1=10sh/0,6666=15sh nachher, und das Realeinkommen der Gruppe 2 sinkt von nr2=n2/Ip0=6sh/1=6sh vorher auf nr2=2sh/0,6666=3sh nachher. Die Gruppe 1 hat infolge der Verdoppelung der Arbeitsproduktivität doppelt so viele Produktionsmittel und Konsumtionsmittel und damit auch ein doppelt so hohes Realeinkommen, d.h. ein Realeinkommen von 12 sh produziert, aber sie realisiert ein Realeinkommen von nr1=15sh. Die Gruppe 2 hingegen hat das gleiche Realeinkommen produziert wie vorher (6sh), aber sie realisiert nachher nur ein Realeinkommen von nr2=3sh. Die Gruppe 2 mußte also vom selbst produzierten Realeinkommen die Hälfte an die Gruppe 1 abgegeben, und die Gruppe 1 konnte sich ein Realeinkommen von 3sh über das selbst produzierte Realeinkommen von 12 sh hinaus aneignen. Durch den Unterschied in der Arbeitsproduktivität wird also Einkommen nominal und real zu Gunsten der Gruppe mit der höheren Arbeitsproduktivität umverteilt. Der Tausch der Waren zu ihren Wert macht es möglich und zum Normalfall, daß die Gruppe mit der niedrigeren Arbeitsproduktivität durch die Gruppe mit der höheren Arbeitsproduktivität ausgebeutet wird, falls die Waren auf einem gemeinsamen Markt angeboten und verkauft werden. Auf einen isolierten Markt für jede Gruppe hingegen wäre dies nicht möglich.

Der Mehrwert, den beide Produzenten 1 und 2 im obigen Ausgangzustand, beim gleichen Lohn von v1=v2=3sh,  realisiert haben, war m1=m2=w-c-v=12sh-6sh-3sh=3sh. Aber nach der Steigerung der Arbeitsproduktivität durch den Produzenten 1 realisiert dieser, beim gleichen Lohn, den Mehrwert
M1=w1-c1-v1=16sh-6sh-3sh=7sh und der Produzent 2 den Mehrwert m2=8sh-6sh-3sh=-1sh. Also die Steigerung der Arbeitsproduktivität des Produzenten 1 würde bei gleichem Lohn dazu führen, daß der Produzent 2 keinen Gewinn, sondern Verlust realisieren würde. Wird der Lohn des Produzenten 2 auf v2=1sh, also auf 33,33% des vorherigen Betrags gedrückt, dann kann noch ein Gewinn von m2=w2-c2-v2=8sh-6sh-1sh=1sh realisiert werden.

Wäre der Produzent 2 ein kapitalistisches Unternehmen aus einem Entwicklungsland und der Produzent 1 ein Unternehmen aus einem Industrieland, dann müßte der Lohn im Entwicklungsland unbedingt weit unter den Lohn im Unternehmen des Industrielandes gedrückt werden, wenn Warenproduktion mit Gewinn im Unternehmen des Entwicklungslandes überhaupt noch möglich sein soll.

Wird der Unterschied in der Arbeitsproduktivität immer größer, dann kann der Produzent des Entwicklungslandes schließlich auf Basis der Warenproduktion und des Wertgesetzes überhaupt kein Einkommen mehr produzieren. Wenn sich ähnlich große Unterschiede bei einem Großteil der Produzenten der Dritten Welt eingestellt haben, dann können diese in der Warenwirtschaft nicht mehr existieren, die Unternehmen werden ökonomisch ruiniert und ehemalige Unternehmer und Arbeiter werden marginalisiert, die Lohnarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze und das Entwicklungsland kann nur noch ein kümmerliches Einkommen realisieren. Massenarbeitslosigkeit (industrielle Reservearmee nach Marxens Worten) und Verelendung (Pauperismus nach Marxens Worten) breiten sich aus. Die ökonomische Zerrüttung führt die Drittweltländer in Hungersnöte, soziales Chaos und blutige Aufstände, und zwar infolge der normalen Gesetze des freien Warenmarkts bzw. infolge der Wirkungen des Wertgesetzes.

Durch den Bau von Fabriken der Industrieländer in Entwicklungsländern entstehen zwar Inseln modernster Produktion mit höchster Arbeitsproduktivität in den unterentwickelten Regionen, die im langfristigen Mittel auch größer werden und allgemein wachsen können, aber auf Grund der sehr viel höheren Arbeitsproduktivität und den niedrigeren Stückkosten in diesen Fabriken werden rückständige Produzenten im Konkurrenzkampf auf dem Warenmarkt um so massenhafter ruiniert, um so mehr Waren der modernen Fabriken auf den Markt des Entwicklungslandes gelangen. Und mit jedem Arbeitsplatz, der in der modernen Fabrik entsteht, werden mehrere Arbeitsplätze in der rückständigen Produktion mit der niedrigeren Arbeitsproduktivität vernichtet (durch Bankrotte), denn eine niedrigere Arbeitsproduktivität bedeutet ja, daß die gleiche Ware mit mehr Arbeitskräften bzw. mit einem größeren Aufwand an Arbeitszeit hergestellt wird. Bei z.B. doppelt so hoher Arbeitsproduktivität in der modernen Fabrik werden, unter sonst gleichen Umständen, durch einen gewonnen Arbeitsplatz zwei andere Arbeitsplätze in rückständigen Produktionen vernichtet, falls die Arbeitszeit pro Arbeitskraft die gleiche ist.

Auch im Westen der Erde, z.B. in Polen, Ostdeutschland, Süditalien, gibt es noch rückständige Regionen und Produktionen, und man kann fragen, wie lange es noch dauert, bis die Produktionen mit großem Rückstand im Süden, Osten, Norden und Westen der Erde durch die höherentwickelte Konkurrenz ruiniert sind, und damit durch diesen Verdrängungsprozeß nicht mehr ständig mehr Arbeitsplätze verloren gehen als durch die überlegene Produktion mit der höheren Arbeitsproduktivität gewonnen werden?

Große Entwicklungsrückstände können nur durch einen kleinen Teil der Produzenten unter besonders günstigen Umständen aufgeholt werden. In der Regel lagen in solchen Fällen bereits in der Vergangenheit ungünstigere Bedingungen im Vergleich zu den am höchsten entwickelten Produzenten in den reichsten Ländern vor, schlechtere Bedingungen z.B. mit Hinsicht auf das Forschungs- und Entwicklungspotential und auf das Eigenkapital. Wie soll z.B. eine kleinbäuerliche Familie in einem Entwicklungsland mit kleiner landwirtschaftlicher und handwerklicher Produktion einen großen Entwicklungsrückstand gegenüber großen Agrar- und Industriekonzernen aus Japan, Deutschland und den USA aufholen können, denen große Teams für die komplexe Forschungs- und Entwicklungsarbeit und ein großes wissenschaftliches Potential des reichen Staates und ein sehr viel größeres eigenes Geldkapital für Groß- und Hightech-Forschungen und für Großversuche zur Verfügung steht. Ein solches Ziel zu erreichen, ist meines Erachtens hoffnungslos.

Das Weltkapital und die Weltproduktion können zwar (begrenzt durch die Möglichkeiten der Mehrwertkapitalisierung) im langfristigen Mittel um vielleicht 2% oder 3% im echten Wertmaß (nominales Wachstum bei konstantem Durchschnittseinkommen pro Stunde) wachsen (abgesehen von langwelligen Abschwungphasen der Weltwirtschaft wie z.B. in den letzten drei Jahrzehnten), und damit kann die Welt-Gesamtarbeitszeit um jährlich 2% bis 3% wachsen, so daß, bei gleicher Arbeitszeit pro Arbeitskraft und krisenfreiem Produktionswachstum, jährlich 2% bis 3% zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Wenn aber die Zahl der Arbeitsplätze in der Welt insgesamt erst dann steigen kann, wenn der Vorgang der Ruinierung der rückständigen Produzenten und den damit einhergehenden Arbeitsplatzverlusten im großen und ganzen abgeschlossen ist, dann kann die Arbeitslosigkeit zuvor vielleicht noch 100 Jahre und mehr ansteigen, trotz krisenfreiem und hohem Wachstum der Weltproduktion.

Und wie wird die Umwelt reagieren, wenn die Produktion in der ganzen Welt exponentiell weiterwächst, z.B. auch in den ostasiatischen Staaten mit Milliardenbevölkerung China und Indien, oder insgesamt in den bevölkerungsreichen Entwicklungsländern, zusätzlich zum weiteren exponentiellen Wachstum in den heutigen Industrieländern? Bei 2% bis 3% Wachstum der Gesamtarbeitszeit und bei jährlicher Steigerung der Arbeitsproduktivität um 3% ergäbe sich ein Wachstum der Weltproduktion real um etwa 5% bis 6%.

Wenn die Weltproduktion real Wr=f*t hingegen nicht mehr wachsen würde (Nullwachstum real), was dem Grundziel der kapitalistischen Produktion, dem Ziel des maximalen Wachstums von Kapital und Profit widersprechen würde, und wenn weiter kapitalistisch produziert werden würde, dann würde die Welt-Arbeitszeit t=Wr/f jährlich um etwa 3% sinken, wenn die Arbeitsproduktivität f um etwa 3% steigt. Nur eine jährliche Verkürzung der Gesamtarbeitszeit um 3% könnte, bei Nullwachstum real und einer Steigerung der Arbeitsproduktivität um etwa 3%, den bisherigen Stand der Arbeitslosigkeit halten, was aber die Durchschnittsprofitrate stark senken würde, und was im kapitalistischen System, also auf Basis des Ziels der Profitmaximierung, ebenfalls nicht durchsetzbar wäre.

Auch der ökonomisch unsinnige Versuch, die Arbeitsproduktivität nicht mehr zu steigern, müßte scheitern, weil die kapitalistischen Unternehmen durch den Konkurrenzkampf zur schnellstmöglichen Steigerung der Arbeitsproduktivität gezwungen werden. Andernfalls droht in kurzer Zeit der Bankrott.

Die Entwicklung in der realen Welt in der Zeit nach dem Tod von Karl Marx hat meines Erachtens sein allgemeines Gesetz der Kapitalakkumulation, nach welchen die industrielle Reservearmee (Arbeitslosigkeit) und die Lazarusschichte und der Pauperismus (verelende Bevölkerung) in der Weltsicht, also nicht nur aus Sicht der reichen Industrieländer, tendenziell wächst 3, bestätigt. Zwar ist der Wohlstand der Massen, auch der Arbeiter und Angestellten, in den reichen kapitalistischen Ländern in den langwelligen Konjunkturphasen und auch im langfristigen Mittel größer geworden seit Marxens Tod, aber zu seinen Lebzeiten gab es etwa eine Milliarde Arbeitslose und etwa 50 Millionen Hungertode pro Jahr in der Welt noch nicht.

Eine Lösung für das globale Arbeitslosenproblem und für das Entwicklungsproblem gibt es meines Erachtens auf kapitalistischer Grundlage nicht. Die Suche nach einem neuen, nichtkapitalistischen System, nach einem ökonomischen System ohne Profitziel und ohne Wertgesetz, ist daher dringender nötig, als je zuvor. Einen Entwurf eines auf einer Non-Profit-Preisbildung aufgebauten sozialistischen Wirtschaftssystems, in welches progressive Elemente der Marktwirtschaft und der zentralstaatlichen Wirtschaftsplanung übernommen wurden, findet man in "Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft". 4


1 Wagenknecht/Elsässer, Vorwärts und vergessen?, Hamburg 1996, S. 67/68
2 Marx, Karl, Das Kapital, Erster Band, S. 336
3 Marx, Karl, Das Kapital, Erster Band, S. 673/674
4 Wolfgang Hoss, Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft, Norderstedt 2006


VON: WOLFGANG HOSS






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