„Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß" - Peter Chotjewitz hat einen Roman über Klaus Croissant geschrieben


01.01.08
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Ein Buchbesprechung von Stefan Gleser

Im Wettbewerb um Distanzierung von und Reuebekenntnis zu linken Vorschlägen tritt Chotjewitz mit seinem Roman „Mein Freund Klaus" außer Konkurrenz an. Die „Widmerin" heißt es an einer Stelle, und dem Nachnamen die weibliche Form zu geben ist rührend süddeutsch und altfränkisch, und tatsächlich die „Widmerin", eine Wirtin, bringt ihrem Stammgast, dem Dr. jur. Klaus Croissant „geschmälzte Maultaschen" und „Rapunzelsalat" ins Gefängnis. „Geschmälztes" konnten sich schon die armen Leute im „Hessischen Landboten" nicht leisten, und Rapunzel weckt alles Märchenhafte, auch für unmöglich gehaltene Fluchten aus Verliesen, was schnödem Feldsalat nie gelingt. „Bäume stehen", bei Chotjewitz in „angenehmer Entfernung" so als ob Bäume sich in ihren Standort selbst aussuchen könnten und in einen Café beobachtet er „untere Mittelschicht, oberes Prekariat". Vielleicht greift die Politik die Idee auf und entwickelt den Premiumarbeitslosen. Wer so behutsam wie Chotjewitz zu Wörtern ist, kann sich´s erlauben, nicht jedem Modegeschwätz hinter herzuhecheln.

Chotjewitz war wie Croissant Verteidiger in den RAF-Prozessen der siebziger Jahre. Aus dieser Zeit das Bild der Legende in Erinnerung: Der Philosoph im Gefängnis. Sartre besucht Andreas Baader in Stammheim.

Was heute abgestanden, wie mühsam erkämpft, wie avantgardistisch, aussenseiterisch in den fünfziger Jahren. Jazz ist noch Negermusik und Camus noch keine Schullektüre. Croissant ist Türsteher in einem Klub; er entscheidet nicht nach Outfit; reinkommt, wer was von Camus gelesen hat.

Croissant wurde in einem württembergischen mittelständischen Milieu geboren. Es läuft wie geplant: Schule, Studium, Dr. iur. Oder doch nicht so reibungslos: Er stammt aus einer Hugenottenfamilie aus Frankreich. Das scheint ihn beeindruckt zu haben. Das hat was mit Aufstand, Jakobiner, Romantik, Freiheitsbäume pflanzen zu tun. Und dann Musil lesen. Der siecht in der Schweiz dahin; ein anderer protegiert zeitgleich Böhmen und Mähren so, dass es bis heute unvergessen bleibt. Aber der kommt hoch. In seiner Nähe.

In Stuttgart baut er sich seine Existenz als Anwalt auf. Erste Kontakte zu Studenten, die demonstrieren, Wehrdienstverweiger, Drogengeschichten, der Skandal an der Kunstakademie.. Er rutscht allmählich nach links. Keine Heirat. Öfters Partygast. Manchmal hilft er „fer umme". Er wird weiterempfohlen. Aus dem als sanft und ruhig beschriebenen, bricht es zuweilen heraus. In einer Weinstube beschuldigt er lauthals einen Gast, Spitzel zu sein.

Croissant wird Wahlverteidiger von Ulrike Meinhof und Andreas Bader. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Croissant, den Kontakt zwischen den Gefangenen aufrecht zu erhalten. Er wird verhaftet, kommt gegen Kaution wieder frei und flieht nach Frankreich. Er wird ausgeliefert und wegen „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" zu einer Freiheitsstrafe von 21/2 Jahren verurteilt. Der Anwalt Chotjewitz bescheinigt Croissant „Illusionen" über den Rechtsstaat gehabt zu haben. Vielleicht kann die, nur der haben, der sich als Bürgerlicher in einen langen Tradition des Rechtsstaat fühlt, glaubt seine Ideen, die Frankreichliebe, die Hugenotten, Jakobinertum, das kann alles hineingespielt haben, diese ersten politischen Erfahrungen, müssten rein und kompromisslos verteidigt werden. Jetzt Nachgeben, hieße sein Vorleben aufgeben. Ich glaube, nur ein grundgütiger Mensch kann zu solcher singulären Konsequenz fähig sein. Ein bisschen Kohlhaas schimmert durch. Einmal hat sich der Rechtsstaat bedenklich, zweifelhaft benommen und er lässt sich nie wieder versöhnen.

In Stuttgart, so klärt mich das Buch auf, gibt´s nicht nur schwäbische Hausfrauen, die jede Bakterie in ihrem Haushalt persönlich kennen. Der Geschmack des Buchhändlers Wendelin Niedlich lud Artmann, Heissenbüttel und Ror Wolf zu Lesungen ein. Nichts verstanden, anscheinend schon damals nicht, hat unser späterer Außenminister. In extra weiten Mäntel fuhren Fischer und Cohn-Bendit zum stehlen nach Stuttgart. Für die beiden musste Niedlich das Schild aufstellen: „Wer klaut, hat nichts kapiert". Und die Plakatgruppe um Willy Hoss bei Daimler.

Wie bei jedem guten Roman, kann man Seiten überfliegen, ohne viel zu versäumen. Kein Mensch hat bei Melville die Aufzählung der Walarten wirklich je gelesen. Wen´s nicht interessiert, dass die Brigitte Heinrichs, die spätere Lebensgefährtin Croissants und Europaabgeordnete der Grünen ihren Müll nicht ordentlich runtergetragen hat, dies für Treppenhausklatsch hält, kann ja einfach überfliegen. Diese offene Konstruktion des Buches ermöglicht es, dass sich jeder seinen Privatcroissant zu recht basteln kann. Ich habe mir ihn als einen im Irrgarten der Politik taumelnden Schöngeist vorgestellt und war dann ganz überrascht, dass er als Kandidat der Alternativen Liste in Kreuzberg nur denkbar knapp dem SPD-Kandidaten unterlegen war. Also pragmatisch, erfolgreich, bei den Wählern beliebt.

Nach seiner Freilassung zog Croissant nach Berlin . In Stuttgart waren Schleyer, Filbinger, Kissinger ehrenwerte Männer. In Berlin lernt er einen Kollegen kennen, der war Emigrant, KZ-Häftling und Nebenkläger in den Ausschwitz- und Treblinka Prozessen gewesen, den Ostberliner Anwalt Friedrich Kaul. Croissant wird beschuldigt, Mitarbeiter der Stasi gewesen zu sein. Nach Einschätzung des Juristen Chotjewitz, hat er nichts geliefert, was nicht öffentlich zugänglich gewesen wäre. Für Croissants Lebensweise dürfte die DDR erst mal langweilig und preußisch gewesen sein. Was sie attraktiv macht: Die Rückblende an den Emigranten Musil. In welchem Teil Deutschlands haben Antifaschisten Macht und in welchem ehemalige NSDAP-Mitglieder? Vielleicht keine Entscheidung für die DDR, sondern für den Antifaschismus. Croissant verstarb 2002 an einem Schlaganfall.

Tolldreist das Kuddelmuddel, das Chotjewitz auffährt. Dokumente, Gesprächsfetzen, immer wieder Zeitungsausschnitte, daran hält er sich fest, Briefe, Befragungen, Reportagen, große Ansprachen, Dialoge. Chotjewitz besichtigt Kneipen und Wohnungen. Auf der Suche nach dem verlorenen Freund. Die Leute reden immer weniger, über die Erfahrungen, die sie mit Croissant gemacht haben. Die reden eher über das, was sie in den Medien über ihn gelesen haben. Leute, die Croissant aus ganz unterschiedlichen Situationen gekannt haben, erzählen dasselbe. Je scheinbar gleichgültiger der Zuhörer, also ohne Block und Tonband, desto freier das Gespräch. Der Dialog, so sagt Chotjewitz, sei schon bei den Griechen der Kniff gewesen, um sich an die Wahrheit ranzuschleichen. Das dann, was über Croissant geschrieben und gesagt wurde, dem was er über Croissant weiß entgegenläuft. Man kann nie wissen, sagt Chotjewitz und dann gibt es doch, er zitiert Godard „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß".

Croissant aus Sicht der Nachbarn, der Kollegen, der Geliebten, der Mandanten, der Zechbrüder, des „Spiegels", der Franzosen, such dir grad raus was du willst.. Ein paar vergilbte Zeitungsausschnitte kämpfen gegen die Zeit: Sammelsucht, Archivsucht, Aufbewahrungssucht: „Meistens rettet er nur die Erinnerung an das Unrettbare, das es nicht mehr oder bald nicht mehr gibt". Ein Kollege hat davon gesprochen, dass die Radikalität der Form der Radikalität des Inhaltes entspräche. Annäherungsversuche, innere Monologe, das Hineinversetzen, so was läuft eh meistens in Richtung Poesiealbum

Was die Bürgerlichen bei all ihren Verrissen gerne vergessen: Chotjewitz hat das Gelächter Dario Fos, lange bevor dieser den Nobelpreis erhielt, nach Deutschland geschmuggelt

Chotjewitz erzählt lakonisch und schnoddrig. Da arbeitet einer an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule, wie es Nietzsche fordert, wo doch geschwätziger Antikommunismus seinen Mann nährt.

Mein Freund Klaus

Von Peter O. Chotjewitz

Roman

576 Seiten , Hardcover

22,00 € (42,00 SFr)

ISBN : 978-3-935843-89-8


VON: STEFAN GLESER






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