Immerhin - ich bin!


04.01.08
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Buchbesprechung von Dietmar Sievers

Der Weißenfelser Autor Erhard Eller veröffentlichte seit 2004 mittlerweile fünf Bücher und als Sammler besitze ich sie natürlich alle. Angefangen mit dem Erzählband "Auf der Schattenseite", über das satirische "Im Brennpunkt Traugott Berschtenbinder" und das fantastisch-düstere "Endzeit", die alle drei im Halleschen Kleinverlag Solar-X erschienen sind. Nach dem vorläufigen Ende von Solar-X fand Eller im Engelsdorfer Verlag bei Leipzig eine neue Autorenheimat, wo nun auch schon wieder zwei Bücher heraus gekommen sind: Der Erzählband "Splitter und Balken" und der Gedichtband "Risse - Abrisse - Aufrisse".

Erhard Eller ist ein Künstlername, mit bürgerlichem Namen heißt er Lutz Reichelt, abgekürzt L. R. - L-R ist Eller und Eller ist Reichelt. Was nichts weiter zu bedeuten hat, Reichelt wohnt ganz normal mit seiner behinderten Frau in einem Weißenfelser Plattenbau. Bemerkenswert sind nur seine Texte. In der gerade erschienenen Gedichtsammlung "Risse - Abrisse - Aufrisse" verlässt der Autor sich ganz auf seine lange Schreiberfahrung, die den Texten einen bodenständigen und robusten Sound verleiht.

Ich, von Sturm gezaust, wie manches Mal zuvor,

geriet mit Glück ins Auge des Orkans.

Rings wüsteten die Wirbel. Ich, Atem schöpfend,

übte Selbstbetrachtung am stillen Wasser, das,

jetzt und hier, ein Spiegel war.

„Verwüstet!" - so mein bittres Urteil über mich. Und heftig

verlangte mir nach einem Angesicht, so glatt

wie dieses Wasser jetzt und hier. Schon aber

eroberte der Sturm auch diesen Ort, entsetzlich tosend.

Ich Geprüfter, mich an die Erde krallend, dachte:

gefällig schaue ich nicht aus. Immerhin, ich bin.

Der freche Binnenreim: "Immerhin - ich bin." klingt wie "Rumpeldipumpel - hier schreibt ein Kumpel!" Und wirklich kann Eller seine Vergangenheit als organisierter schreibender Arbeiter nicht verleugnen. Da steht das in Fachkreisen berühmte "Nachtschicht-Sonett" neben Antikriegs-Liedern, Urlaubsimpressionen aus Prag und von der Rudelsburg neben einem fast kompletten Bestiarium mittelostdeutschen Aberglaubens, dazu Reime über Senioren-Sex. Unbekümmert und vom Pseudonym beschützt zelebriert er sein Außenseitertum, reimt Hammerherz auf bodenwärts und bekennt sein anhaltendes Staunen darüber, dass es Österreich wirklich gibt: die bimmelnden Kühe ins Sattgrün gefasst, die Almbäche, Schuhplattler, Jodler. Dann wieder unvermittelt eine kritische Betrachtung zum Thema Medienkonsum:

Hertzens Vermächtnis: ein geduldiges Tragtier,

das sich nicht um die Lasten schert,

welches es über die Menschen bringt.

Es kann wie Schlamm sein, das Ätherische,

erstickende Hülle, die, da ungreifbar, gar schwer

zu durchstoßen ist. Klaren Kopf braucht's,

sich wählend zu befreien...

So is' es, nicht nur im Radio! Ein Nachkomme des unsterblichen Kurt Schramm lässt es wieder rumpeln und die Botschaft ist: die Kumpel sind quicklebendig. Was übrigens auch für Erhart Eller gilt, der gerade an einem Kinderbuch arbeitet. Der Gedichtband "Risse - Abrisse - Aufrisse" hat 68 Seiten, kostet 7,30 Euro und ist unter der ISBN 3-86703-417-6 überall im Buchhandel bestellbar.


VON: DIETMAR SIEVERS






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