Offener Brief an die KollegInnen bei Nokia in Bochum:

02.02.08
TopNewsTopNews, Wirtschaft, Debatte 

 
Etwas Besseres als Hartz IV findet Ihr allemal!
Euren Laden selber übernehmen - wollt Ihr es nicht versuchen, KollegInnen?

Von Susanna von Oertzen

Derzeit wird mit Nokia über die Erhaltung des Standorts in Bochum verhandelt. Aber niemand wird sich ernsthaft Illusionen machen. Zum einen ist das Projekt in Rumänien bereits so weit entwickelt, dass  Nokia es eigentlich gar nicht mehr stoppen kann. Aber selbst wenn Nokia erst einmal in Bochum bleibt, wird es so gehen wie immer: Den ArbeitnehmerInnen werden Zugeständnisse bei Löhnen und Arbeitszeit abgepresst, der Arbeitsplatzabbau findet nach der Salamitaktik scheibchenweise statt, und nach kurzer Zeit heißt es "April, April, wir gehen doch!." Es wäre ja wirklich nicht das erste Mal, hunderttausende von "abgebauten" ArbeitnehmerInnen können ein trauriges Lied davon singen. Und ganz am Schluss steht dann doch Hartz IV - ausweglose Armut plus schikanöse Kontrollen und Zwangsarbeit.

Aber - wenn man das unter diesen Umständen sagen darf - Ihr habt Glück im Unglück. Euer Fall ist bekannt, Empörung und Solidarität sind groß, selbst CDU-PolitikerInnen sehen sich genötigt, mit bebender Stimme Entrüstung zu heucheln. Durch alle Wirtschaftsteile bürgerlicher Zeitungen gehen die Berichte, dass Euer Werk offenbar hoch rentabel arbeitet.
Wollt Ihr die Gunst der Stunde nicht nutzen und Euer Werk besetzen, ehe sie die Maschinen raustragen? Und dann Druck auf die Landes- und Bundesregierung machen, dass sie Euch die Subventionen geben, die sie sonst Nokia oder irgendeinem anderen Investor in den Rachen geworfen hätten - nur um zu erleben, dass nach Ablauf der Schamfrist der Wanderzirkus wieder losgeht ? Schließlich kann man sich bei Euch darauf verlassen, dass Ihr ganz sicherlich die Arbeitsplätze in Bochum halten wollt - es sind ja schließlich Eure.

Es ist ja nicht so, als ob es solche Versuche der Selbsthilfe und Selbstverwaltung nicht schon gegeben hätte, und so manches davon hat überlebt. In Argentinien halten sich schon seit einigen Jahren mehr als 150 ehemals besetzte Betriebe aus dem Metallbereich und anderen Branchen als selbstverwaltete Unternehmen im Besitz ihrer Belegschaften. Es gibt sogar mitten in unserem deutschen Rechtssystem eine Betriebsform, mit der man so etwas gut machen kann: die Genossenschaft. Das klingt für viele erst einmal etwas angestaubt und muffig, aber immerhin erhält sich die taz schon bald 30 Jahre lang als Genossenschaft ihre journalistische Unabhängigkeit auf dem gnadenlos umkämpften Zeitungsmarkt. Und das Genossenschaftsrecht hat etliche Sicherheitsleinen aufgespannt, die verhindern, dass die Genossenschaft von außen aufgekauft werden kann oder die Geschäftsführung sich verselbstständigt, mit riskanten Manövern den Betrieb gefährdet oder mit der Kasse durchbrennt. Nicht  umsonst sind unter den mehr als 40.000 Unternehmen, die jedes Jahr in Deutschland pleite gehen, weniger als 5 Genossenschaften - die insolvenz-sicherste Betriebsform, die wir haben. Eine Genossenschaft ist einfach gegründet und jede(r) kann  Mitglied werde, ob Personen (also Ihr, Eure Familien und Nachbarn), Unternehmen (z.B. Eure Zulieferbetriebe, was den zusätzlichen Charme hat, dass für wirtschaftliche Leistungen der Mitglieder untereinander keine Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer anfällt), Gruppen und Institutionen aller Art (von den Gewerkschaften, der Stadt Bochum oder dem Land NRW bis zu Sport- oder Schrebergartenvereinen, Schulklassen, Kirchen ...). Jedes Mitglied hat eine Stimme, unabhängig von der Höhe seines eingezahlten Anteils. In Eurer Satzung könntet Ihr alle möglichen sozialen Ziele und demokratischen Strukturen festlegen, die Euch wichtig sind.
Angela Klein (in der SoZ vom Februar 2008) hat ganz Recht: Holt Euch ein pfiffiges Ingenieurbüro, und ich würde ergänzen: Holt Euch den technischen und kritischen wirtschaftlichen Sachverstand der jungen Leute und der ProfessorInnen von den umliegenden Hochschulen, von den Genossenschaftsverbänden, von der Hans-Böckler-Stiftung und anderen gewerkschaftsnahen Thinktanks, von attac, von labournet, fragt die argentinischen KollegInnen ... und macht Euer eigenes Ding. Und setzt auch für andere ArbeitnehmerInnen  in eurer Situation ein Zeichen: Es geht, auch ohne Großkapital und Chefs! Oder, um die Bremer Stadtmusikanten etwas abzuwandeln: Etwas Besseres als Hartz IV findet Ihr allemal!


VON: SUSANNA VON OERTZEN






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