Ilan Pappé - Es spricht der Vertreter der "Neuen Historiker"

01.02.09
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"Israel macht aus Gaza ein Gefängnis, um dafür zu sorgen, dass die Palästinenser flüchten"

Interview von Michelangelo Cocco übersetzt und eingeleitet von * Rosso:

Zum Gaza-Feldzug der Großen Koalition in Tel Aviv und den weiteren Perspektiven brachte die linke, italienische Tageszeitung "il manifesto" am 27.1.2009 ein interessantes Interview mit dem international bekannten und renommierten israelischen Historiker Ilan Pappé.

Ilan Pappé wurde 1954 in Haifa geboren, wohin seine aus Deutschland stammenden Eltern in den 30er Jahren vor dem Naziterror geflohen waren. Pappé arbeitete von 1984 bis 2007 als Professor für politische Wissenschaften an der Universität Haifa. Nachdem die Einschüchterungsmaßnahmen gegen ihn immer weiter zunahmen, entschloss er sich "vorübergehend ins Exil zu gehen" und lehrt nun an der Universität Exeter in England. Politisch ist er seit langem Mitglied der Kommunistischen Partei Israels (Maki).


Ilan Pappé - Es spricht der Vertreter der "Neuen Historiker"

"Israel macht aus Gaza ein Gefängnis, um dafür zu sorgen, dass die Palästinenser flüchten"

Michelangelo Cocco

"Zum Wohle Italiens, Europas und des Mittleren Ostens brauchen wir eine ganz andere europäische Position als die gegenwärtige." So Ilan Pappé als Redner am vergangenen Samstag auf dem überfüllten Seminar "Der westlich-israelische Krieg gegen Gaza", das in Rom von der italienischen Sektion des International Solidarity Movement (ISM) und dem Forum Palestina organisiert wurde. Dem israelischen Wissenschaftler - einem Vertreter der "Neuen Historiker" - und Autor des Buches "Die ethnische Säuberung Palästinas" (erschienen bei Fazi) zufolge "spielt" unser Land "eine bedeutende Rolle bei der Formulierung der Position des Alten Kontinents. Und wenn es mit der aktuellen Position weitermacht, werden sich die kommenden Generationen an die gegenwärtigen Eliten als diejenigen erinnern, die eine sehr negative Rolle gespielt und zur Zerstörung des palästinensischen Volkes sowie zur Destabilisierung der internationalen Sicherheit beigetragen haben."

Die israelische Exekutive behauptet, sie habe den Großteil der Ziele der Operation "Gegossenes Blei" erreicht, aber die Hamas-Regierung kontrolliert Gaza weiterhin und die Palästinenser sind dabei die Tunnel, die Rafah mit Ägypten verbinden, wieder instand zu setzen. Was waren also die Ziele der militärischen Offensive?

"Sich von der Niederlage zu erholen, die man vor zwei Jahren im Libanon erlitten hat und die Abschreckungsmacht der Armee wieder herzustellen. Und die Hamas militärisch zu besiegen, weil sie zusammen mit der Hisbollah die einzige Kraft darstellt, die wirklich gegen Israel opponiert. Außerdem gibt es keine wirkliche Politik gegenüber dem Gaza-Streifen. Die Israelis wollen ihn indirekt kontrollieren, wissen aber nicht wie sie sich zu seinen Bewohnern verhalten sollen. Und wenn die Palästinenser Widerstand leisten, greifen sie zu immer extremeren Kollektivbestrafungen. Die Massaker der letzten drei Wochen haben auch dieses letztere Element zu Tage gefördert."

Welchen Unterschied gibt es zwischen "Gegossenes Blei" und den vorherigen Militärfeldzügen Israels gegen die Palästinenser?

"Die Strategie ist dieselbe, aber dieses Mal gab es eine Eskalation, was die angewandte Gewalt anbelangt, das heißt bei der Lizenz zu töten, die den Truppen ausgestellt wurde. Die nächste Operation könnte noch gravierender sein."

96% der jüdischen Bürger Israels haben diese Militäroperation unterstützt. Wie erklären Sie eine solche Einstellung?

"Wir sprechen von derselben Gesellschaft, die 1948 und 1967 die Palästinenser von ihrem Land vertrieben hat. Nach 60 Jahren der Indoktrination, der Entmenschlichung der Palästinenser und der Dämonisierung der Palästinenser stellte die Tötung von rund tausend von ihnen in drei Wochen kein großes Problem dar. Die Medien und die politische Kultur haben die Gesellschaft darauf vorbereitet, diese Massaker als ‚einen Akt der Selbstverteidigung' zu akzeptieren. Solange die Gesellschaft nicht beginnt, sich von der zionistischen Ideologie zu befreien, wird es keine ernsthafte Opposition gegen Operationen wie ‚Gegossenes Blei' geben können."

Dennoch hagelt es Anklagen wegen "Kriegsverbrechen", während sogar Gruppen israelischer Juden dazu auffordern, den Staat Israel wegen der Art, wie er die Palästinenser behandelt, zu boykottieren. Glauben Sie nicht, dass einer der Effekt der Gemetzel die Isolation des jüdischen Staates sein wird?

"Ich wünsche mir das, aber ich glaube nicht, dass Israel durch derartige Initiativen gestoppt wird. Der Internationale Gerichtshof hat den Apartheidwall verurteilt. An der israelischen Politik hat das allerdings keinen Deut geändert. Vielleicht kommt aber ein Prozess in Gang. Ich will es hoffen."

Sie sind für den Boykott, auch für den kulturellen und akademischen. In welcher Weise kann das, Ihrer Meinung nach, den Friedenprozess fördern?

"Wenn der Boykott Erfolg haben sollte, würde die kulturelle und intellektuelle Elite Israels spüren, dass sie, aufgrund ihrer Komplizenschaft oder ihrer Gleichgültigkeit gegenüber der Regierungspolitik nicht akzeptiert wird. Sie wäre gezwungen zu handeln, weil sie nicht leben kann, ohne Bestandteil der westlichen Welt zu sein. Eine derartige Maßnahme allein würde nicht genügen. Für eine wirkliche Veränderung bräuchte es eine generelle Politik, die auf ihre Umsetzung drängt. Aber es wäre ein guter Anfang, weil diese Intellektuellen in Israel beim Erzeugen des Bildes eines jüdischen Staates, der in seinem Kampf gegen die Palästinenser vom gesamten Westen unterstützt wird, eine zentrale Rolle spielen."

Von der "Nakba" 1948 / 49 bis zur Operation "Gegossenes Blei" 60 Jahre später scheint die palästinensische Nationalbewegung tot zu sein.

"Sie ist nicht tot, aber sie steckt in einer tiefen Krise, was die Einheit, die Ziele und die Strategie anbelangt. Die palästinensische Befreiungsbewegung hat sich nie in einer guten Verfassung befunden. Dennoch glaube ich, dass sie das Potential besitzt, um zu einer besseren Führung und einer besseren Strategie zu gelangen. Viel von der Verantwortung für den Zustand, in dem sie sich befindet, ist allerdings der westlichen Welt geschuldet. Dieses Problem ist nicht von den Palästinensern, sondern von Europa geschaffen worden. Die Tatsache, dass die Palästinenser eine bessere Führung verdient hätten, entbindet uns hier in Europa nicht davon, unser Bestes zu tun, um sie zu unterstützen."

In Ihrem letzten Buch behaupten Sie, dass die zionistische Bewegung seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts an einem Plan gearbeitet hat, um die ethnische Säuberung von den Palästinensern zu verwirklichen. Heute sind solche Operationen jedoch unvorstellbar. Die beiden Völker sind dazu verurteilt, zusammenzuleben. Aber in welcher Form?

"Vor einigen Jahren schien es unmöglich, dass Israel innerhalb weniger Tage 400 palästinensische Kinder tötet. Aber genau das hat es getan, ohne dass die Welt einen Finger gekrümmt hätte. Das bedeutet, dass es zum Beispiel Tausende Menschen vertreiben könnte und in Italien oder in Großbritannien würden die Regierungen nicht dagegen opponieren. Ich glaube jedoch, dass die Israelis keine ethnische Säuberung wie die von 1948 brauchen. Die Strategie ist eine andere: Gaza und die Hälfte des Westjordanlandes ‚im Gefängnis' zu halten, sodass Viele das Land verlassen. Wenn nötig werden sie eine neue ethnische Säuberung starten oder einen Genozid oder wieder zur <vollen> Besatzung zurückkehren. Das sind die Instrumente. Was zählt ist, dass sich die Strategie nicht geändert hat und dass Israel, wenn es sich die internationalen Reaktionen anschaut, das Gefühl hat, bezüglich dessen, was es tun kann (ethnische Säuberung inklusive) mit wirklich wenigen Einschränkungen konfrontiert zu sein."

Sie meinen also, dass die Strategie die der ethnischen Säuberung ist und nicht die Schaffung eines Apartheidregimes?

"Es handelt sich da um zwei Elemente, die - genau wie im Fall des Rassentrennungsregimes in Südafrika - nicht von einander zu trennen sind. Apartheid bedeutet Schaffung von Gebieten, die nur einem Volk vorbehalten sind. Das kannst Du durch Trennung oder durch Vertreibung eines der Völker erreichen oder durch Mord. Das sind nur Mittel, die Bestandteil derselben Ideologie sind."

 

Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügung in eckigen Klammern:   * Rosso

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat.
Weitere Texte: http://www.freewebtown.com/antifauni/
Kontakt: negroamaro@mymail.ch







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