Buchbesprechung: Naziakademikerwäsche in Österreich


15.11.07
TopNewsTopNews, Kultur 

 

Von Dieter Braeg

Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz "Der Wille zum aufrechten Gang"

60-50-10. Das ist kein Modelmaße, auch keine Telefonnummer, nein dahinter verbergen sich drei österreichische Feiergründe.
Ösiland hat sich 365 Tage JubelTrubelHeiterkeit verordnet. Ein wahrer Erinnerungs- und Feiertsunami überschwemmt das Land. 60 Jahre Befreiung vom Faschismus, 50 Jahre Republik und 10 Jahre EUmitgliedschaft. Der Schwarzblaubraune Kanzler Schüssel erhebt sein  Glas mit glykolfreiem Heurigen und singt "Mia wean so frei sein, dös Voik wird bled sein..."  Eine Ganzjahresjubiläumsfeier, das Volk torkelt wie immer von einem Pallawatsch zur nächsten Palatschinke, die ihm die Regierung serviert.
Wie das so war vor der Machtergreifung in Österreich die keine war, ist bei dem "Herr Karl" von Helmut Qualtinger nachzulesen: "Bis Vieradreißig war i Sozialist. Das war aa ka Beruf, hat ma a net davon leben können...Später bin i demonstrieren gangan für die Schwarzen...Hab i fünf Schilling krieagt. Dann bin i umme zu de Nazi. Da hab i aa fünf Schiling kriegt. Naja, Österreich war immer unpolitisch, aber a bissl Geld is  z'ammkummen, net."
So musste der Chor ewig Gestriger  wegen Überfüllung geschlossen werden, wie früher der Zugang zur Mitgliedschaft in der NSDAP,  nach dem Einmarsch im Jahre 1938 in Österreich.  "Zusammenbruch" nannten es auch die Österreicher, die  mit dem Wort " Befreiung"  schon immer hatten. Irgendwie hat man sich immer durchgeschwindelt. Österreich war "Opfer" , das erklärte man auch in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 - Hitler habe "das macht- und willenlos gemachte Volks Österreichs in seinen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt...den kein Österreicher jemals gewollt hat."  Gewollt haben sie den Sieg, als der nicht kam, wurde man plötzlich "befreit". Aber man sah nur verbitterte Verlierererwachsenengesichter und für die Kinder gab es Prügel.  Es müsste viele Fragen geben, noch mehr Antworten. Doch die bleiben in diesem Land aus. Ein Mitglied es österr. Bundesrates, der Herr  Siegfried Kampl, erklärte der Öffentlichkeit, dass es nach Kriegsdende im Jahre 1945 "Naziverfolgung" gab und der Bundesrat John Gudenus bestritt die Existenz  von Gaskammern. Kampl und Gudenus sind Mitglieder jener Partei,  oder deren Absplitterung  denen Jörg Haider die Richtung weist und der neuerdings ständig orangene Schals und Krawatten trägt! Aber sie hätten auch Mitglied jeder anderen österr. Partei sein können. Das beweist eine Studie von Wolfgang Neugebauer und Peter Schwarz mit dem Titel "Der Wille zum aufrechten Gang". Die Untersuchung wurde  vom SPÖ -  Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen (BSA) in Auftrag gegebenen und Ziel der Untersuchung war es,  die Haltung des BSA und vor allem der BSA-Bundesgremien zu den ehemaligen Nationalsozialisten nach 1945 kritisch zu hinterfragen.
Die Untersuchung wurde wahrscheinlich auch möglich, weil nun langsam die letzten "Belasteten" nicht mehr am Leben sind. Geklärt werden sollte  nicht nur die "Freundfreunderlwirtschaft"  und "Integration" des Psychiaters und ehemaligen NS-Euthanasiearztes Heinrich Gross (Spiegelgrund), dem der BSA jahrelang Schutz und Unterstützung angedeihen ließ. Der BSA und die SPÖ (Sozialistische Partei Österreichs) hatten gemeinsame Interessen, sich politisch auch in Akademikerkreisen abzusichern. Man nutze als Partei und Verband die  neuen Einflusssphären, und bot den  Nationalsozialisten nach 1945 mit der BSA Mitgliedschaft Schutz  und die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Wiedereinstieg. Das förderte auch die berufliche Karriere, wie die zahlreichen Beispiele in diesem Buch zeigen. Ein besonders übler Fall war der  des Salzburger Polizeidirektors Johann Biringer (SA und SS Mitglied, SS Division "Das Reich") der an die Spitze der Bundespolizeidirektion Salzburg aufstieg und in Pension aus BSA und SPÖ austrat und in der Kameradschaft IV, einem rechtsextremen Veteranenverein ehemaliger SS-Angehöriger, aktiv wurde. Die "Braunen Flecken" gibt es noch in Österreich und Deutschland. Kampl und Gudenus pflegen ihren Erhalt. Eine ähnliche Untersuchung wäre auch in Deutschland fällig. Sie beantwortet die Frage: Wie ging man grundsätzlich mit jenen um, die nach dem Wechsel von einem verbrecherischen Regime zu einem demokratisch-rechtsstaatlichen vom vorigen belastet sind. Es ist Mahnung und Aufforderung zugleich, für einen anderen Umgang mit politischen Verbrechern und verbrechen in der Zukunft.

Dieter Braeg
Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz "Der Wille zum aufrechten Gang" Czernin Verlag, Wien 2005, 335 Seiten, 19.--€ ISBN 3-7076-0196-X


VON: DIETER BRAEG

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