Von Orten und Regionen, dem Leben und Leiden und dem Kampf um Freiheit


17.11.07
TopNewsTopNews, Kultur 

 

Egon Günther
"Bayerische Enziane"
Ein Heimatbuch

Buchbesprechung von Dieter Braeg

Es beginnt:

"Nicht jeder hat Enziane im Haus
im weichen September, Am stillen, traurigen Michaelitag.
Bayerische Enziane groß und dunkel, dunkel vor allem,
sie verdunkeln den Tag wie Fackeln mit dem qualmenden
Blau auf Plutos Glut, gerippte, aufrechte Höllenblumen
mit ihren Dunkelflammen aus Blau,
zu flachen Spitzen gebogen vom
schweren weißen Lufthauch des Tages..."

So fängt das Gedicht an das der vom Tod gezeichnete D.H. Lawrence im September 1929 in Rottach am Tegernsee schrieb. So beginnt das von Egon Günther herausgegebene, recherchierte und geschriebene Heimatbuch. Im Buch wird nicht gejodelt und auch die trachtigen Heimatvereine samt krachlederner Hollahieholdrihomusik finden nicht statt.  Kein Kufsteinlied weit und breit. Dafür trifft man zum Beispiel auf Erich Mühsam. Diesen kompromisslosen Anarchisten den die Staatsanwälte des Wilhelminischen Kaiserreiches genau so haßten, wie die der ersten deutschen Republik. Aber auch kommunistische Parteifunktionäre, Burschenschafter und Antisemiten, dazu Sozialdemokraten und Gewerkschafter waren nicht seine Freunde. Mühsams kompromisslose Kritik gehört genau so in dieses Heimatbuch, wie all das was in Jahrzehnten verdrängt wurde, weil Geschichte "aufbereitet" wird, zu jenen öffentlich rechtlichen Fernsehstückchen, die das Hirn erweichen.
Die einem vorsagen, dass man von nichts gewusst hat und Hitler an allem schuld ist.
Das Volk nicht, zumindest wenn es ein deutsches ist. 

So gibt es in diesem Buch keine Reise zu den Dichtern und Künstlern die sich in bairischen Landschaften niederließen, auch Herrn "Das U-Boot" -Buchheim Museum ist nicht Reiseziel, sondern eher Ärgernis. Stätten des Widerstands werden wieder sichtbar. Das wilde Leben kommt zurück, weil es noch nicht ganz gelungen ist, alles zum Wirtschaftsstandort "umzuwidmen" und verkommen zu lassen.

Weil es so viele Bücher gibt in denen durch die Landschaft und Kultur geführt wird, ist Günthers Buch doppelt wichtig und im Vorwort stellt der Autor fest: "Ein ähnlicher Leitfaden (bezogen auf die erwähnten Landschafts- und Kulturführer D.B.) fehlt allerdings denjenigen, die in denselben Orten und Regionen dem Leben und Leiden von mehr oder weniger ungewöhnlichen Menschen nachgehen möchten, die ebenfalls gegen den beharrlichen Widerstand und oft tiefen Hass ihres Umfeld humane und soziale Utopien vertraten und manchmal gar zu verwirklichen trachteten, dabei aber meist unter die Räder gerieten. Diesen aufständischen und unbequemen Menschen, deren Herkunft im übrigen bedeutungslos ist, sind nachstehende Notizen und Kolportagen gewidmet. Wichtig ist nur, dass sie dem Verfasser ob ihrer freiheitlichen Bestrebungen sympathisch sind."

Was wissen wir denn noch über das kurze Stück Zeit in dem es in München eine Räterepublik gab? Wieso wurde dieses viel zu kurze Experiment den Kapitalismus zu überwinden, so rasch beendet? Es gibt in diesem Buch kostbare Sätze: "Geschichte wird als willkürlich empfunden. Die Sieger fälschen sie. Damit man nicht vor der Ungeheuerlichkeit aus Bestimmung und Zufall in Lähmung verfällt, damit man nicht buchstäblich am Boden kleben bleibt und wieder zu sich selbst kommt, muß zuweilen eine andere Geschichte aufgetan werden."

Diese Geschichte wird zum Beispiel von Egon Günther geschrieben.  Irgendwo im Buch erwähnt er den Monte Verita und Ascona. In der Nähe von Ascona in Ronco ist Erich Marie Remarque  begraben. Als ich sein Grab besuchte, bin ich von dort aus über bergige Wege in Richtung Italien gewandert und fand die letzten Reste der Siedlung von Fontana Martina. Auf die hat mich, ich bin dankbar ihn persönlich  kennen gelernt zu haben, Theodor Pinkus aufmerksam gemacht. Es wäre schön, wenn man die Geschichte dieser sozialistischen Siedlung, die zwischen 1928 und 1933 existierte ( es wurde in der Zeit auch die Zeitschrift FONTANA MARTIN herausgegeben - von Fritz Jordi und Heinrich Vogeler) auch wieder entdecken könnte. Sie würde an das lesensnotwendige Buch von Egon Günther anknüpfen. Lesensnotwendigkeit gehört auch und immer zum täglichen Leben. Da findet man viel was notwendig ist um leben zu können!

 


VON: DIETER BRAEG






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