Freiheit ist nur im Kampf um Befreiung möglich


20.11.07
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Buchbesprechung von Dieter Braeg

ULRIKE MEINHOF
Die Biografie
von
Jutta Ditfurth

Mit dem Leben ist unsere Gesellschaft noch nie fürsorglich umgegangen. Auch im Tod ist sie noch in der Lage jene abzuwerten, die sie schlecht  und die sich dann nicht mehr wehren können.

"Es war schwer,  einen Friedhof für Ulrike Meinhof in Westberlin zu finden. Nur eine einzige Pfarrei ließ sich erweichen. Am 15. Mai 1976 wurde sie auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche in der Eisenacher Straße 61 im Berliner Stadtteil Alt-Mariendorf in einer nicht kirchlichen Zeremonie beerdigt. Die Bedingung war, dass ihr Grab - Nummer 19, Abteilung A, Reihe 12 - in einigen Metern Abstand lag von den anderen. Noch nach ihrem Tod wurde sie isoliert. Die Friedhofsverwaltung verbot Wienke Zitzlaff , in den Grabstein ihrer Schwester ein Zitat von Lenin eingravieren zu lassen: "Freiheit ist nur im Kampf um Befreiung möglich." Irgendwann schrieb ein Unbekannter den Satz doch noch auf den Stein, die Buchstaben verwittern."

Drei Absätze später endet Jutta Ditfurths bisher wichtigstes und bestes Buch auf der Seite  448. Dann folgen Anmerkungen, Archivquellen und  eine Danksagung an jene,  die der Autorin halfen dieses Buch zu schreiben.

Für mich, im Jahre 1940 geboren mit all dem Nachkriegsmief "erzogen"  war in jungen Jahren Ulrike Meinhof der Lichtblick und die Hoffnung, dass es in dieser Welt der ewig "vonNICHTSgewußtfiguren" auch noch Menschen gibt, die nicht bereit sind mit der Entwicklung der Gesellschaft ihren Frieden zu machen. Ihre Kolumnen im KONKRET waren nicht nur Meinung, es war Hilfe in der Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die unter dem Deckmäntelchen einer Demokratie dem Kapital und seinen Helfershelfern kaum Kritik und Widerstand entgegen setzte.

Für mich, der ich auch einige Jahre in Berlin lebte waren die seltenen Begegnungen mit ihr, so lange sie noch frei war, große Ereignisse.
Jutta Ditfurths Biografie gibt Auskunft über ein ganzes Leben und das war nötig, sehr nötig sogar. Denn jene die sich zu RAF "Spezialisten" in der Medienlandschaft hochdienten, dort ihre Schleimspuren hinterließen und "Urteile" abgaben, sind durch diese Biographie entlarvt!

Die Biografie beginnt nicht, wie üblich mit der Geburt, sondern mit der Schilderung der Gefangenenbefreiung am 14. Mai 1970.Ab diesem Tag war Ulrike Meinhof, damals 36 Jahre alt "flüchtig",  für die Jäger die der Todesfuge von Paul Celan nie entgehen werden, die da lautet: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland".  Schon bei der Schilderung dieser Andreas Baader Befreiungsaktion wird deutlich, dass Jutta Ditfurth erzählt, aufzeigt, beschreibt aber LeserinLeser überlässt,  sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Da wird einem Lebensweg nicht der Mühlstein der Deutung Ver- oder Beurteilung um den Hals gehängt. Es wird geschildert wie es war und das hilft. Denn hier geht es nicht nur um das gelebte Leben der Ulrike Meinhof, es geht auch um deutsche Geschichte und Menschen, die ihr Leben prägten. Das war kein gutes Leben, das der Ulrike in jungen Jahren geboten wurde.
Die Eltern fanatisch christlich evangelisch und Nazitreu boten  das "deutsche Heim" und Jutta Ditfurth schildert diese Jugend nicht aus einer Distanz, sondern so wie diese auf Ulrike Meinhof wirkte. Ihre Opposition in späteren Jahren hat da ihre Wurzeln. Manchen mag erstaunen, dass sogar bei der Pflegemutter Renate Riemeck  ihr Leben eingeschränkt war. Erste Liebeserfahrungen wurden von der Pflegemutter, wenn dies nicht in ihr Welt- und Sittenbild passte, rigoros durch strikte Verbote beendet. 
Viele die bisher sehr wenig über die DFU Frau Renate Riemeck wussten bekommen hier ein erschreckendes Bild einer Frau geboten, die sehr zielbewusst nur das eigene Erfolgsprojekt namens Riemeck  vorantreibt, ohne Rücksicht auf Verluste. Auch hier beschreibt Jutta Ditfurth und bevormundet nicht. Das eigene Urteil ist gefragt und bei mir, der ich dieses Buch in zwei Tagen las, ist es ein schlechtes.  Von der "Gefangenenbefreierin" über "Atomwaffengegnerin", "Grenzgängerin" bis "Tod" sind es insgesamt 34 Lebensabschnitte die Jutta Ditfurth  öffentlich macht. Da erlebt man, oft selbst Beteiligter der etwa Marianne H. kannte, wie sehr eine bürgerliche Medienmafia Ulrike Meinhofs Leben verfälschte.

An diesem Buch aber wird noch etwas deutlich. Ab dem Moment der Verhaftung von Ulrike Meinhof wird  glasklar, dass wir in einem Staat leben der ganz rasch jenes Mäntelchen von Demokratie und Grundgesetz ablegt, wenn es darum geht, Gegnerinnen und Gegner zu vernichten. Was da an Menschenrechtsverletzung bekannt wird, ist manchmal kaum zu ertragen. Noch unverständlicher muss man sich fragen, wie konnte aus dem Verteidiger Schily ein Innenminister werden, der die damaligen Möglichkeiten der Gefangenenvernichtung, die er selbst mit erlebte,  noch verbessert hat und die Freiheitsrechte der Männer und Frauen in diesem Land noch weiter und  erheblicher einschränkte ? Hilflos frage nicht nur ich mich, wieso gibt es nicht eine große Bewegung gegen die Vorratsdatenspeicherung, gegen die Restvernichtung bürgerlicher freiheitsrechte?

Was da an Haftbedingungen beschrieben wird gegen die damals nicht protestiert wurde und die heute wohl genau so möglich sind - schauen wir da nur die inhumane Behandlung von Asylbewerberinnen -  und Bewerbern an und wie sie "abgeschoben" werden. Die Würde des Menschen, garantiert im Grundgesetz,  ist da verschwunden  und sie alle haben dabei mitgemacht. Die Justizangestellten, die Ärzte, Richter und Politiker.

Das Leben und Sterben der Ulrike Meinhof ist in diesem Buch erzählt. Wahr und Klar, es gab und gibt in diesem Land noch immer viel zu wenig Menschen, die für eine andere Gesellschaftsordnung kämpfen, in der so ein Leben wie das von Ulrike Meinhof nicht nötig gewesen wäre.

So bleibt nichts übrig als diese Buchbesprechung mit den Zeilen zu beenden mit denen diese Biografie beginnt:

Dabei wissen wir ja:
Auch der hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züger.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Dass der Mensch dem menschen ein helfer ist
Gedenkt unser
Mit Nachsicht

Aus: Bertold Brecht, "An die Nachgeborenen"

Es wird Zeit auf dem Grabstein der Ulrike Meinhof den Lenin Spruch wieder lesbar zu machen! Er darf nicht verwittern!
Danke Jutta Ditfurth für diese Biografie!

Dieter Braeg

ULRIKE MEINHOF Die Biografie von Jutta Ditfurth. 479 Seiten. Ullstein Buchverlage Berlin 2007.  ISBN 978 -3 550 08728-8.
 22,90 €


VON: DIETER BRAEG

db@scharf-links.de




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