Erich Fromms Verständnis von Arbeit und sein Vorschlag zu einem Grundeinkommen


Bildmontage: HF

15.10.09
Sozialstaatsdebatte 

 

Von Klaus Widerström

Erich Fromms Verständnis von Arbeit und sein Vorschlag für ein Grundeinkommen

Vortrag anlässlich der Tagung der Int. Erich-Fromm-Gesellschaft e.V.

"Arbeit -- Faulheit -- Grundeinkommen" am 18.09.2009

Einleitung

Dieser einleitende Vortrag soll der Darstellung des Fromm'schen Verständnisses von "Arbeit" und seines Vorschlags für ein Grundeinkommen dienen. Erich Fromm hat uns keine größeren abgeschlossenen Abhandlungen zum Thema "Arbeit" hinterlassen. Arbeit spielt dennoch als einer der konstituierenden Faktoren einer Gesellschaft naturgemäß eine bedeutende Rolle in seinem Denken, das sich im Wesentli- chen mit der Rolle des Individuums innerhalb seiner gesellschaftlichen Zusammenhänge beschäftigt, so dass man eine Vielzahl von Bezugnahmen in seinem Werk finden kann. Ich möchte zunächst versuchen, eine systematische Einordnung vorzunehmen, um dann einen seiner praktischen Vorschläge -- den eines garantierten Grundeinkommens -- näher zu beleuchten. Bei dem Versuch, seine Gedanken für unsere heutigen Verhältnisse fruchtbar zu machen, sollten wir bedenken, dass Erich Fromm seine wichtigsten Publikationen zum Thema Arbeit und Arbeitsgesell- schaft bereits Mitte des letzten Jahrhunderts geschrieben hat. Die gravierenden Veränderungen in der Arbeitswelt besonders seit den Achtziger Jahren hat er kaum vorhersehen können. Insbesondere waren die Veränderungen, die sich durch die Mikroelektronik in den letzten drei Jahrzehnten ergaben, noch nicht deutlich erkennbar, und auch nicht die Wirkungen des Wandels von einer Industriegesellschaft früherer Prägung, die er vor Augen hatte, zu einer Dienstleistungsgesellschaft, wie sie sich seither ent- wickelt hat. Dieser Umstand betrifft eher die konkrete Diagnose, die Fromm stellte und die Grundlage seiner praktischen Veränderungsvorschläge war, und weniger seine grundsätzlichen Einsichten zur Funktion und zum Stellenwert von Arbeit, denen wir uns zuerst zuwenden wollen. Wir werden darauf zurück- kommen. Um zu zeigen, wie sich das Thema "Arbeit" in Erich Fromms Denken widerspiegelt, benutze ich die sinnvolle Gliederung seiner Haupterkenntnisse in drei Bereiche, die Rainer Funk in seinem Buch Mut zum Menschen (Funk 1978) verwendet. Diese drei Bereiche sind: seine Überlegungen zur "Natur des Menschen" im Rahmen seiner philosophischen Anthropologie, seine Erkenntnisse zum Gesellschafts-Charakter im Rahmen seiner analytischen Sozialpsychologie und sein Humanismus-Begriff, den er auch in einer humanistischen Gesellschafts-Utopie zum Aus- druck brachte. Klaus Widerström: Erich Fromms Verständnis von Arbeit und sein Vorschlag zu einem Grundeinkommen

Doch bevor wir in das Thema einsteigen, sollten wirzuerst definieren, was wir im Folgenden mit "Arbeit" eigentlichmeinen. Der Begriff "Arbeit" wird heute ganz unterschiedlich verwendet. Man spricht heute nicht nur von "Erwerbsarbeit" im herkömmlichen Sinne, sondern auch von "Beziehungsarbeit", "Sozialarbeit", von "Identitätsarbeit", "Hausarbeit", "Emotionsarbeit", "Friedensarbeit" usw. Somit kann heute alles, was im weitesten Sinne Anstrengung erfordert, auch "Arbeit" sein. Wenn wir im Folgenden über Arbeit aus der Sicht Erich Fromms sprechen und ihn zitieren, so greifen wir das Verständnis des französischen Sozialphilosophen André Gorz auf: "'Arbeit' ist eine gesellschaftliche Konstruktion. ... Warum sagt man von einer Frau, sie habe Arbeit, wenn sie in einer Grundschule unterrichtet, und sie habe keine, wenn sie ihre eigenen Kinder großzieht? ... Weil die ,Arbeit' als soziale Aktivität definiert wird, die sich in den Strom des ge- samtgesellschaftlichen Warenaustausches einfügt. Ihre Entlohnung ist Ausdruck dieser Einfügung, aber dennoch nicht das Wesentliche. Dieses besteht in der gesellschaftlich anerkannten und nor- mierten Funktion, die ,Arbeit' in der Produktion und der Reproduktion der Gesamtgesellschaft in- nehat. ... als Ausübung gesellschaftlich festgelegter Kompetenzen ... Mit anderen Worten, sie muss ein ,Beruf' sein..." (Gorz 1997, S. 11). Es geht uns also im Folgenden um Erwerbsarbeit als Quelle von Lohn und Einkommen.

"Arbeit" im Kontext der philosophischen Anthropologie Erich Fromms

Hinsichtlich des Verständnisses von "Arbeit" im Kontext der philosophischen Anthropologie Erich Fromms geht es uns um seine Überlegungen zur "Natur des Menschen", zur conditio humana , und um Fromms Einordnung von Arbeit als Reaktion auf die speziell menschlichen Bedürfnisse. Überlegungen zur "Natur des Menschen" Nach Fromm ist das Wesen des Menschen darin zu sehen, dass der Mensch ein Produkt der natürlichen Evolution ist, jedoch "mit neuen Eigenschaften [erscheint], die ihn vom Tier unterscheiden. [Mit] Be- wusstsein seiner selbst, Vernunftbegabung und Vorstellungsvermögen ... Ihr Auftreten hat den Menschen zu einer Abnormität gemacht, zu einer Laune des Universums. Er ist ein Teil der Natur, ist ihren physikalischen Gesetzen unterworfen und kann diese Gesetze nicht ändern; dennoch transzendiert er die übrige Natur. ... Nie kann er sich von [dieser] Dichotomie der eigenen Existenz frei machen" (1947a, GA II, S. 30). Der Mensch muss seine naturgegebenen Begrenzungen hinnehmen, die durch seine Endlichkeit und körperliche Unvollkommenheit gesetzt sind. Sein Geist jedoch übersteigt diese Grenzen. Diese Situation bezeichnet Fromm als "Dichotomie", als "existenziellen Widerspruch". Aus diesem existenziellen Konflikt des Menschen entstehen nun nach Erich Fromm ganz bestimmte "existenzielle Bedürfnisse", die allen Menschen von Natur aus gemeinsam sind, weil sie auf die Bedingungen ihrer Existenz zurückzuführen sind. Es gibt physiologische Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Schlafbedürfnis, Sexualität usw., die auch dem Tier zu Eigen sind, und solche, die er "menschliche Be- dürfnisse" oder Leidenschaften nennt, und die sehr stark die psychische Befindlichkeit des Menschen berühren. Er nennt fünf solcher Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Bezogenheit, nach Transzendenz, nach Verwurzelung, nach Identitätserleben und schließlich die Suche nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe (vgl. 1955a, GA IV, S. 25ff.). "Arbeit" als Reaktion auf die existenziellen Bedürfnisse des Menschen Abgeleitet sowohl von den physiologischen als auch von diesen psychischen Bedürfnissen des Men- schen, können wir nun die Frage nach der Bedeutung von "Arbeit" in Fromms Menschenbild stellen. Was die physiologisch bedingten Bedürfnisse betrifft -- Essen, Trinken, Schlafen, sich gegen Feinde schützen usw. --, so liegt für Fromm auf der Hand: "Um all das tun zu können, muss [der Mensch] arbeiten und produzieren" (1941a, GA I, S. 227). Bezüglich der spezifisch menschlichen Bedürfnisse, also der psychischen Bedürfnisse, muss man differenzieren.
Arbeit kann seinen Bedürfnissen entsprechen oder ihnen auch zuwider laufen. Es leuchtet allerdings sofort ein, dass der Grad der Entsprechung je nach Tätigkeit unterschiedlich hoch sein wird. Entspricht die "Arbeit" seinen Bedürfnissen, so ist der Mensch dabei auf andere bezogen; er fühlt sich eingebunden, verwurzelt und kann Individualität und Kreativität zum Ausdruck bringen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass "Arbeit" eine für den Menschen unabweisbare Reaktion auf seine Bedürfnisse ist -- Bedürfnisse, die letztlich aus der Natur des Menschen entspringen. Sie erfüllt ei- nerseits die Funktion der physiologischen Selbsterhaltung und gestattet ihm andererseits auch die Befriedigung psychischer Bedürfnisse. "Arbeit" im Kontext der Fromm'schen analytischen Sozialpsychologie Wenn es uns um "Arbeit" im Kontext der Fromm'schen analytischen Sozialpsychologie geht, sollten zwei Aspekte herausgegriffen werden: seine Feststellung, dass "Arbeit" ein Motor der menschlichen Entwicklung ist und seine Diagnose, was das Neue in der Arbeit der "Modernen Gesellschaft" ist. "Arbeit" als Motor der menschlichen Entwicklung Erich Fromm beschreibt seinen sozialpsychologischen Ansatz schon 1929, wenn er sagt, dass "das, was die Psychoanalyse der Soziologie zu bringen hat, ... die ... Kenntnis des seelischen Apparates des Men- schen [ist], der neben technischen, ökonomischen und wirtschaftlichen Faktoren eine Determinante der gesellschaftlichen Entwicklung darstellt..." (1929a, GA I, S. 3). Von dorther entwickelt Fromm Anfang der Dreißiger Jahre -- auf Freud aufbauend -- seine Theorie vom "Gesellschafts-Charakter" als "Summe der für die Menschen [einer] Gesellschaft typischen Charakterzüge" (1932b, GA I, S. 70). "Charakter" ist "ein System von Strebungen, die das Verhalten bestimmen" (1947a, GA II, S. 39). Der Individual-Charakter ist dabei die Gesamtheit der Wesens- oder Charakterzüge eines Menschen, der Gesellschafts-Charakter sozusagen eine Auswahl aus dieser Ge- samtheit, nämlich diejenigen Charakterzüge, die er mit dem überwiegenden Teil der Mitglieder seiner Gesellschaft teilt (vgl. 1941a, GA I, S. 379). Zwischen dem Charakter des Individuums und dem der Gesellschaft bestehen nach Fromm permanente Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen, die wesentlich beeinflusst werden von sozio- ökonomischen, psychologischen und ideologischen Faktoren. In "Die Furcht vor der Freiheit" beschreibt er die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft so: "Der Charakter im dynamischen Sinn der analytischen Psychologie ist die besondere Form, in wel- che die menschliche Energie durch die dynamische Anpassung menschlicher Bedürfnisse an die besonderen Daseinsformen einer bestimmten Gesellschaft gebracht wird. Der Charakter bestimmt dann seinerseits das Denken, Fühlen und Handeln des einzelnen Menschen, ... dass nämlich der Mensch ... eben jene Charakterzüge entwickelt, aufgrund derer er so handeln möchte , wie er handeln muss.
... Der Gesellschaftscharakter... spannt auf diese Weise die menschliche Energie für die Aufgaben eines bestimmten ökonomischen und gesellschaftlichen Systems ein " (1941a, GA I, S. 380 und 383). Nach Fromm stellt eine Gesellschaftsstruktur mit ihren gegebenen ökonomischen Bedingungen spezielle Anforderungen an die einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaft, um ihre Funktionalität sicher zu stellen. Das existenziell abhängige Individuum seinerseits ist genötigt, diese Anforderungen zu erfüllen, und tut dies, indem es diese als "eigene Wünsche" internalisiert. Dieser Prozess wirkt nach Erich Fromms Theorie aber auch in der Gegenrichtung, also als Einfluss- nahme der Individuen auf die Gesellschaftsstruktur. Es bedarf hierzu jedoch großer individueller Anstrengungen, um eine ausreichende Dynamik zu erzeugen. Arbeit spielt bei der Produktion und Reproduktion einer Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft müssten anhand der Arbeit gut zu beobach- ten sein. Für Fromm gründet "die menschliche Entwicklung auf Arbeit, und diese [wird] weitgehend von der Entwicklung der Fähigkeiten des Menschen begleitet". "So verstanden", sagt Fromm, "kann man von der Arbeit als dem Befreier des Menschen und als dem wichtigsten Faktor bei der Entwicklung des Menschen sprechen ... bei der Entwicklung seiner gesamten Persönlichkeit" (1991e, GA XI, S. 230). Auf der Grundlage dieser Überlegungen diagnostiziert Fromm verschiedene Charakter- Orientierungen, die er idealtypisch beschreibt. Bei den westlichen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts erkennt er zum Beispiel das Prinzip des "Marketing" als dominante Orientierung. Alles sei zur Ware Klaus Widerström: Erich Fromms Verständnis von Arbeit und sein Vorschlag zu einem Grundeinkommen geworden und soll verkaufbar sein, auch der Mensch, auch seine Arbeitskraft. Für alles gibt es einen "Markt". Ohne Markt kein Wert. Diese Tendenz korrespondiert dabei mit dem Prinzip des maximalen Konsums, auf das wir noch zu sprechen kommen.
Die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf dem Gebiet der Mikroelektronik und der digitalen Medien haben im Sinne der beschriebenen Wechselwirkung zu großen Veränderungen geführt, die sowohl die Gesellschaft als auch den Charakter vieler Menschen bereits jetzt deutlich verändert ha- ben. Dies betrifft auch wesentlich die Arbeitswelt. Rainer Funk hat eine Aktualisierung in seinem Buch Ich und Wir (Funk 2005) vorgelegt. Unter Einbeziehung dieser grundsätzlichen Überlegungen zum Gesellschafts-Charakter wollen wir jetzt die Frage stellen, was das Neue an der "Arbeit" der "Modernen Gesellschaft" ist. In welche Richtung hat sie sich entwickelt, insbesondere unter dem sozio-ökonomischen Aspekt? Das Neue in der "Modernen Gesellschaft" Die "Moderne Gesellschaft" beginnt für Fromm mit der Renaissance. Für unser Thema ist seine Beurtei- lung der Veränderungen des Gesellschafts-Charakters, die insbesondere mit der Reformation einsetzten, von besonderem Interesse. Als Student der Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die berühmte Analyse Max Webers zur
"protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus" Einfluss auf seine Überlegungen. Er nimmt den Gedanken der "protestantischen Arbeitsethik" auf und spricht von einer "neuen Einstellung zur Arbeit als Selbstzweck", die er als "die wichtigste psychologische Veränderung ... seit dem Ausgang des Mittelalters" bezeichnet. "Das Neue in der modernen Gesellschaft [sei], dass die Menschen jetzt nicht mehr so sehr durch äußeren Druck zur Arbeit getrieben wurden, sondern durch einen inneren Zwang, ... durch den der Mensch zu seinem eigenen Sklaventreiber wurde" (1941a, GA I, S. 271f.). Natürlich hat sich "Arbeit" seit der Zeit der Reformation in vielfältiger Weise verändert. Fromm be- schreibt die Entwicklungen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts aus sozialpsychologischer Sicht ausführ- lich. Zum 20. Jahrhundert konstatiert er dann, dass der Mensch "Arbeit" nicht mehr als "moralische oder religiöse Verpflichtung" ansieht wie zu Zeiten der Reformation, sondern dass "etwas Neues aufgekom- men" ist, nämlich "die ständig wachsende Produktion, das Bedürfnis, immer größere und bessere Dinge herzustellen" (1955a, GA IV, S. 128). "Die Anbetung der Produktion und ... des Konsums" ist nach sei- nen Worten nun "die neue Religion" geworden (1991e, GA XI, S. 234). Jetzt gelten die Leitprinzipien "der maximalen Effizienz und der maximalen Produktion " (1968a, GA IV, S. 285). Mit diesen neuen Leitprinzipien wurden die ständig gesteigerte Produktion, das Bedürfnis, immer größere und bessere Dinge herzustellen, "zum Selbstzweck, zu den neuen Idealen", wobei "der Arbeitende ... seiner Arbeit entfremdet" wurde (1955a, GA IV, S. 128). War Arbeit früher nur das Mittel zu einem guten Leben -- also Mittel zum Zweck --, so wurde sie jetzt zum Selbstzweck. In diesem Prozess tritt nun immer deutlicher das Phänomen der Entfremdung auf.
Inhaltlich leitet Fromm den Begriff der Entfremdung, d.h. des Sich-Selbst-Fremd-Werdens, von den hebräischen Propheten, von Hegel und von Marx ab. In einem Vortrag aus dem Jahre 1961 versteht Fromm unter Entfremdung, "dass der Mensch sich verliert und aufhört, sich als Zentrum seiner Tätigkeit zu erleben. Der Mensch hat viel und benutzt viel, doch er ist wenig". Fromm bezieht sich auf die Öko- nomisch-philosophischen Manuskripte von Karl Marx, der dort sagt: "Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, um so mehr hast du, um so größer ist dein entäußertes Leben, um so mehr speicherst du auf von deinem entfremdeten Wesen" (1991e, GA XI, S. 279). Fromms Fazit über den Zustand der "Modernen Gesellschaft" lautet: "Entfremdung [wurde] zum Schicksal der großen Mehrzahl der Menschen" (1961b, GA V, S. 375). Allerdings ist auch hier zu differenzieren, wenn man von "entfremdeter Arbeit" spricht: Der Grad der Entfremdung ist je nach Tätigkeit unterschiedlich hoch. Bevor wir auf Fromms Humanismus zu sprechen kommen, lässt sich sagen, dass für Fromm "Arbeit" zweifellos einer der wichtigsten Faktoren bei der Entwicklung des Menschen ist. Seine sozialpsy- chologisch begründete Theorie vom Gesellschafts-Charakter erklärt die besondere Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, die wesentlich ökonomisch bestimmt ist. Als das Neue in der "Modernen Gesellschaft" erkennt er die Entwicklung hin zu einer Entfremdung, die tendenziell immer mehr zunimmt und die auch im Bereich der Erwerbsarbeit dominiert. Erich Fromms Humanismus-Begriff und seine humanistische Gesellschafts- Utopie Erich Fromm knüpfte an den Humanismus der Renaissance und der Aufklärung an und hielt es für überlebenswichtig für die "Moderne Gesellschaft", diesen wieder neu zu beleben. Für ihn ist Humanismus gekennzeichnet "durch einen Glauben an den Menschen und dessen Fähigkeit, sich zu immer höheren Stufen weiterzuentwickeln, ... den Glauben an die Einheit der menschlichen Rasse ... den Glauben an Toleranz und Frieden sowie an Vernunft und Liebe als jene Kräfte, die den Menschen in die Lage ver- setzen, sich selbst zu verwirklichen und das zu werden, was er sein kann" (1963f, GA IX, S. 3). Fromm sah die "Moderne Gesellschaft", insbesondere in den Sechziger und Siebziger Jahren, als in hohem Maße bedroht und weit weg von jenen humanistischen Prinzipien entfernt. Rüstungswettlauf, immer mehr und größere Atomwaffen, Kuba-Krise -- all das machte ihm große Sorgen. Seine Entdeckung des "nekrophilen Charakters" fällt in diese Zeit. All das war eine Bestätigung seiner Beobachtung einer weiter zunehmenden Entfremdung. So sah Fromm unter dem Eindruck dieser bedrohlichen Situation eine "Renaissance des Humanismus" als einzige Lösung für das Überleben an. Dabei schöpfte er ein wenig Hoffnung aus neuen Initiativen humanistisch eingestellter Menschen gerade in den Sechziger und Siebziger Jahren (denken wir an Bürgerrechts-, Studenten-, Hippie-, Frauen-, Friedens- oder Ökologie-Bewegung). Er sah sich ermutigt, sich auch selbst öffentlich zu engagieren. Neben der Fortführung seiner radikalen Gesellschaftskritik in einer Vielzahl von Veröffentlichungen und Vorträgen und seinem Einsatz für die Ächtung von Atomwaffen, unterstützte er aktiv eine sozialistische Partei, deren Mitglied er zeitweise war, sowie auch den Wahlkampf von Eugene McCarthy, einem bekannt humanistisch orientierten Senator der Demokraten in den USA, der jedoch 1968 bei den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur knapp scheiterte. Im Sinne der schon beschriebenen Wechselwirkung hängt für Fromm alles davon ab, dass es gelingt, eine ausreichend große Zahl von Menschen zu verändertem Denken und Handeln zu motivieren durch progressive Lösungsvorschläge und produktive Ideen, die den wirklichen menschlichen Bedürfnissen angemessener sind. Haben sich diese so erst einmal in deren individuellem Charakter manifestiert, so besteht auch die Chance, dass sie sich nach und nach als Charakterzüge bei der Mehrheit -- sprich im Gesellschafts-Charakter -- niederschlagen. Fromm schreibt: "Ideen [besitzen] eine emotionale Matrix. ... So konnte zum Beispiel die Idee, Arbeit und Erfolg seien das Hauptziel des Lebens, eine so mächtige Anziehungskraft auf den modernen Menschen ausüben, weil er sich einsam fühlt und an allem zweifelt. ... [Wenn Ideen] an Bedürfnisse und Ängste appellierten, welche der Charakterstruktur der Menschen entsprachen, an die sie sich richte- ten", dann konnten und können "Ideen ... zu mächtigen Kräften werden, jedoch nur in dem Maße, wie sie Antworten auf besondere menschliche Bedürfnisse eines speziellen Gesellschafts- Charakters sind" (1941a, GA I, S. 380f.). Tatsächlich stellte Fromm umfangreiche Überlegungen darüber an, welche praktischen
Veränderungen eine individuelle und dann auch gesellschaftliche Wirkung entfalten und so zu einer humanistischen Ge- sellschaft führen könnten, in der der Mensch "seelisch gesund" sein kann. Eine humanistisch orientierte Gesellschaft Die humanistische Gesellschaft Fromms ist eine Gesellschaft, in der der Mensch "seelisch gesund" sein kann. Die seelische Gesundheit jedes einzelnen ist das Ziel, und seelisch gesund kann ein Mensch nur sein, wenn er produktiv tätig und nicht entfremdet ist. Um eine solche Gesellschaft herbeizuführen, ist nach Fromm eine grundlegende Neuorganisation des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems unabdingbare Voraussetzung, ohne die die genannten Ziele nicht erreicht werden können. Auf "Arbeit" bezogen meint er: "Eine gesunde Gesellschaft fördert das produktive Tätigsein eines jeden bei seiner Arbeit, sie dient der Entfaltung der Vernunft ..." Er fordert deshalb "eine Organisation der Industrie, in der jeder arbeitende Mensch ein aktiver und verantwortlicher Partner ist, in der die Arbeit attraktiv und sinnvoll ist, und in der nicht das Kapital die Arbeiter in seinen Dienst stellt, sondern die Arbeiter das Kapital" (1955a, GA IV, S. 193 und 198). Die von Erich Fromm beschriebene humanistische Gesellschaft ist zunächst nur eine schöne Vorstellung, ein Ideal in der Tradition der frühen Utopieschreiber, denen sich Fromm so verbunden fühlte (vgl. 1991e, GA XI, S. 275). Er beließ es jedoch nicht bei der Beschreibung einer idealen Utopie. Er erstellte vielmehr einen Katalog von praktischen Vorschlägen, zu denen auch der für ein "Grundeinkommen" gehörte. Praktische Vorschläge Bei seinen praktischen Vorschlägen handelt es sich zum einen um Vorschläge zur politischen und kulturellen Neugestaltung der Gesellschaft, auf die wir hier aus Zeitgründen nicht näher eingehen wollen. Zum anderen geht es ihm um Fragen der Wirtschaft und Arbeitswelt. Für Fromm ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen jedweder Veränderungen entscheidend: Es ist die unabdingbare Notwendigkeit, das heute dominante System des "maximalen Konsums in ein System des optimalen Konsums [zu] vewandeln." Nach Fromm zeigt sich, dass der "Geist unserer heutigen Industriegesellschaft" darin besteht, dass der Mensch sich "in einen homo consumens verwandelt" hat, der sich durch "einen grenzenlosen Hunger nach immer mehr Konsum [auszeichnet]" (1966c, GA V, S. 312f.). So seine Diagnose der Ge- sellschaft der Sechziger Jahre. Seit dieser Zeit lässt sich meines Erachtens eine gewisse Entwicklung weg von einer plumpen Konsumgläubigkeit feststellen. Dass Glück von Besitz und Konsum abhängig ist, würde heute kaum noch jemand öffentlich äußern. Die Anzahl der Menschen, die die Zwänge des Konsumterrors unserer Zeit erkannt und ihr Verhalten in dieser Hinsicht zumindest modifiziert haben, ist nicht zu übersehen und nimmt vermutlich noch zu. Dennoch ist die grundsätzliche Ausrichtung auf maximalen Konsum für weite Teile der Gesellschaft noch immer dominant, denn darauf basiert schließlich das kapitalistische Wirtschaftssystem. Was nun meint Fromm mit "optimalem Konsum"? "Man müsste", so Fromm, "in der Industrie weitgehend von der Produktion von Gütern für den individuellen Verbrauch zur Produktion von Gütern für den öffentlichen Verbrauch übergehen ... Anders gesagt, sollte man den Nachdruck auf die Produk- tion von Dingen legen, die der Entfaltung von innerer Produktivität und Aktivität des einzelnen dienen. ... Ein solcher Übergang ... zum optimalen Konsum würde drastische Veränderungen in den Produktionsmustern und außerdem eine radikale Verminderung der Werbung ... erforderlich machen" (1966c, GA V, S. 313).
Die Anwendung des Prinzips des "optimalen Konsums" würde in der Gestaltung der Arbeitswelt, um die es uns ja vornehmlich geht, vielfältige Veränderungen mit sich bringen. Man könnte ohne weiteres von einer revolutionären Neuausrichtung sprechen, die er hier fordert, und die unser ganzes Leben verändern würde. Nahezu jede Entscheidung, die heute in Politik und Wirtschaft Tag für Tag getroffen wird, würde davon beeinflusst. Eine wirtschaftliche Revolution ist es, die Erich Fromm fordert. Leider müssen wir gut vier Jahrzehnte später konstatieren, dass sie bis heute nicht stattgefunden hat. Wären Effizienz, Produktivitätssteigerung und maximaler Profit nicht mehr die alles entscheiden- den Kriterien, dann wären viele der praktischen Vorschläge Fromms realisierbar. Hier eine Auswahl, die sich auf die Sphäre der Arbeit bezieht. Fromm empfiehlt zum Beispiel: das Arbeiten in kleinen eigenverantwortlichen Gruppen (was in den Sechziger Jahren noch die seltene Ausnahme war)eine wirksame aktive Mitbestimmung aller Arbeitnehmer im Unternehmen eine gemeinsame Betriebsleitung die Veränderung der Besitzrechte an Produktionsmitteln zugunsten der Arbeitnehmer eine deutliche Reduzierung der Arbeitszeit (die übrigens schon 1965 in der BRD bei durchschnittlich 40 Stunden lag), aber auch ein Mitspracherecht der Verbraucher bei der Produktion usw. Diese und andere "Vorschläge zu einer Humanisierung der Arbeit haben", so Fromm, "nur in einer völlig veränderten Gesellschaftsstruktur einen Sinn, in der die wirtschaftliche Tätigkeit nur ein Teil -- und zwar ein untergeordneter -- des gesellschaftlichen Lebens ist" (1955a, GA IV, S. 228). In logischer Verbindung und sozusagen verzahnt mit diesen und anderen Vorschlägen -- also nicht etwa isoliert -- schlägt er dann ein "garantiertes Existenzminimum" vor. An anderen Stellen nennt er es "garantiertes Jahreseinkommen" oder bezeichnet es als "jährliches
Mindesteinkommen". "Garantiertes Existenzminimum" Erstmals unterbreitet Fromm die Idee eines "garantierten Existenzminimums" in seinem Buch "Wege aus einer kranken Gesellschaft" im Jahre 1955. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es bis zu diesem Zeitpunkt nach meinen Recherchen kaum eine öffentliche Diskussion über ein die Existenz sicherndes und dazu bedingungsloses Grundeinkommen. Lediglich 1942 gab es in England, als man im Britischen Parlament ein neues Sozialversicherungssystem diskutierte, einen Vorschlag mit einem vergleichbaren Tenor. Die Engländerin Lady Rhys-Williams schlug darin eine "Sozialdividende" als Teil- habe am wirtschaftlichen Wohlstand des Landes für alle Bürger vor, die steuerfinanziert sein sollte. Ihr Vorschlag geriet jedoch massiv in die Kritik und fand letztlich keinen Eingang in die Gesetzgebung. Fromm hat sich darauf nirgends bezogen, so dass wir davon ausgehen können, dass ihm dieser Vor- schlag nicht bekannt war. Somit dürfen wir Erich Fromm tatsächlich als einen wichtigen Initiator der Diskussion zu einem Grundeinkommen betrachten!
Als einzige Quelle nennt Fromm in Wege aus einer kranken Gesellschaft den Philosophen Bertrand Russell in einer Fußnote, ohne ihn jedoch zu zitieren. Russell hatte in seinem Buch Wege zur Freiheit bereits 1918 Sozialismus und Anarchismus analysiert und dort seinerseits diverse Sozialisten und Anar- chisten zitiert. Am Ende des Buches kommt Russell -- hauptsächlich die Ideen des Anarchisten Petr Kropotkin aufgreifend -- zu folgendem eigenen Vorschlag: "Wir sahen, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, die lebenswichtigen Güter nicht allen kostenlos zu liefern ... Man könnte leicht verordnen, dass alles, was über die (kostenlose) Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse hinausgeht, nur diejenigen
erhalten sollen, die arbeitswillig sind. ...Einfacher formuliert, läuft unser Vorschlag auf folgendes Klaus Widerström: Erich Fromms Verständnis von Arbeit und sein Vorschlag zu einem Grundeinkommen hinaus: Jedem, ob er arbeitet oder nicht, sollte ein kleines, zur Befriedigung der Grundbedürfnisse erforderliches Einkommen sicher sein. ... Dies wäre das Fundament" (Russell 1971, S. 93). Viele der Pro- und Contra-Argumente und deren Einschätzung sind bei Fromm und Russell sehr ähnlich. Mit Beginn der Sechziger Jahre setzte in den USA allerdings eine breite Diskussion ein. Es war ins- besondere der US-Ökonom Robert Theobald, der diese Diskussion in Gang brachte. Ihm ging es vor allem um die Bekämpfung der Armut in den von ihm erwarteten Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit. 1966 gab Theobald eine Aufsatzsammlung mit dem Titel The Guaranteed Income als Buch heraus, in dem neben vielen anderen auch Erich Fromm mit seinem bekannten Aufsatz zu den psychologischen Aspekten eines garantierten Einkommens vertreten ist. Wie nun sieht Erich Fromms Vorschlag zu einem "garantierten Existenzminimum" im Detail aus? Man findet Einzelheiten dazu in Wege aus einer kranken Gesellschaft (1955), in dem Aufsatz "Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens für alle" (1966), in Die Revolution der Hoffnung (1968) sowie in Haben oder Sein (1976). Fromm bringt zwei verschiedene Varianten der Realisierung seines Vorschlags zu einem Existenzmini- mum in die Diskussion:

Die Zahlung eines garantierten und bedingungslosen Mindesteinkommens (in Geld)

Das Angebot einer kostenlosen Zurverfügungstellung von Gebrauchsgütern und Dienstleistungen. Die zweite Variante eines kostenlosen Konsums erwähnt er zuerst in dem genannten Aufsatz zu den psychologischen Aspekten, jedoch noch nicht in "Wege aus einer kranken Gesellschaft" elf Jahre zuvor. Für Fromm war "es sehr wichtig", außer der Idee eines garantierten Einkommens auch "kostenlosen Konsum gewisser Gebrauchsgüter" in Erwägung zu ziehen. Seine Idee wäre, dass man "alles zum Leben Notwendige -- im Sinne eines festgelegten Minimums -- kostenlos bekäme, anstatt es bar bezahlen zu müssen." Diese Variante sei zwar "radikaler und daher weniger akzeptabel", jedoch bereite sie weniger Widerstände, weil sie -- wie er damals meinte -- "innerhalb des gegenwärtigen Systems" durchführbar sei (1966c, GA V, S. 315). Man könne damit beginnen, zunächst die wichtigsten Grundnahrungsmittel kostenlos abzugeben, später dann "sämtliche Gebrauchsgüter, insofern sie zur
minimalen materiellen Grundlage ... gehören." Allerdings sieht er diese Variante als realistische Möglichkeit erst in einem "erheblich weiter fortgeschrittenen Gesellschaftszustand"; dort aber wäre dieser Vorschlag "durchaus vernünftig" (1968a, GA IV, S. 354f.). Die ausführlichen Analysen Fromms beziehen sich allerdings hauptsächlich auf seinen ersten
Vorschlag einer regelmäßigen Geldzahlung. Für die Betrachtung der Details sind folgende Fragen hilfreich:

Was waren Fromms Hauptmotive für ein garantiertes Existenzminimum?

Welche Empfehlungen gibt er zu Einführung und Gestaltung?

Was sagt er zu Höhe und Dauer der Leistung?

Welche Einwände Dritter erwartet er?

Wie ist seine Einschätzung der Kosten für die Gesellschaft?

Welche Probleme sieht er und Wie sind die Realisierungsvoraussetzungen und -chancen?

Was waren Fromms Hauptmotive für ein garantiertes Existenzminimum?

Recht auf Leben

Als erstes Hauptmotiv für seinen Vorschlag nennt Fromm das "Prinzip ... dass der Mensch unter allen Umständen das Recht hat zu leben. Dieses Recht auf Leben" schließt "Nahrung und Unterkunft, ... medizinische Versorgung [und] Bildung" usw.
ein und ist ein "dem Menschen angeborenes Recht, das unter keinen Umständen eingeschränkt werden darf, nicht einmal im Hinblick darauf, ob der Betreffende für die Gesellschaft »von Nutzen ist«" (1966c, GA V, S. 310). Freiheit, auch Vertragsfreiheit Auch "Freiheit" ist ein Motiv; ein garantiertes Existenzminimum wäre seiner Meinung nach "nicht nur der Anfang einer echten Vertragsfreiheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, es würde auch den Freiheitsbereich in den zwischenmenschlichen Beziehungen im täglichen Leben ungemein vergrößern", weil "der fundamentale Zwang wirtschaftlicher Gründe ... in den gesellschaftlichen und privaten Bezie- hungen beseitigt ... und jedem seine Handlungsfreiheit wiedergegeben [wäre]" (1955a, GA IV, S. 235f.). Strukturelle Arbeitslosigkeit Als drittes Motiv spricht Fromm bereits damals von einer zu erwartenden "strukturbedingten Arbeitslosigkeit", die das Gefühl der Unsicherheit der Menschen verstärke und "für die allermeisten nur sehr schwer zu ertragen" sei. Gerade jetzt wieder -- in Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise -- lässt sich diese Beobachtung ohne weiteres bestätigen (vgl. 1941a, GA I, S. 294).

Welche Empfehlungen gibt er zu Einführung und Gestaltung?

Vorhandene Sozialversicherungssysteme ausbauen

Bezüglich der praktischen Einführung schlägt Fromm eine Reform des "bereits vorhandenen Sozialversicherungssystems" vor, das auf die "Garantie eines allgemeinen Existenzminimums" ausgedehnt wer- den solle. Dies wäre "nur einen Schritt weiter", als die bereits vorhandenen Versicherungssysteme für Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter gehen (vgl. 1955a, GA IV, S. 233f.).

Keine Nachweispflichten

Wichtig erscheint ihm, dass "niemand einen "Bedürftigkeitsnachweis" zu erbringen braucht, weil "das ganze Prinzip nichts mehr wert wäre, wenn wir bürokratische Methoden einführten, die den Nachweis verlangten, dass der Betreffende tatsächlich sein Zeit »gut verwendet«". Damit wäre auch vermeidbar, dass Betroffene "gedemütigt" würden. "Demütigung" ist ein Begriff, der seit "Hartz IV" wieder des öf- teren in Gebrauch ist (1976a, GA II, S. 405; 1968a, GA IV, S. 354). Was sagt er zu Höhe und Dauer der Leistung? Höhe der Leistung Zur Höhe des Existenzminimums meint Fromm: Notwendig sei "ein Einkommen, das die Grundlage für eine menschenwürdige Existenz ist." Er nennt keine Beträge, gibt aber doch einen Anhaltspunkt: Es "müsste deutlich unter dem niedrigsten Arbeitslohn liegen, um bei den Arbeitenden nicht Groll und Empörung hervorzurufen." Allerdings "müsste das gegenwärtige Lohnniveau [gleichzeitig] beträchtlich angehoben werden", wenn eine "bescheidene, aber ausreichende materielle Existenz" sichergestellt werden solle (1955a, GA IV, S. 233; 1968a, GA IV, S. 353f.).

Dauer der Leistung

In "Wege aus einer kranken Gesellschaft" sieht Fromm eine zeitliche Begrenzung der Zahlung als erfor- derlich an. Er schreibt dort, dass es "auf zwei Jahre, begrenzt bleiben [solle], um nicht eine neurotische Haltung zu erzeugen, bei der der Betreffende sich sozialen Pflichten jeder Art entzieht." In seinen späteren Texten greift er diesen Punkt meines Wissens nicht mehr auf (1955a, GA IV, S. 234). Welche Einwände Dritter erwartet Fromm? Arbeitsmotivation Als Hauptargument gegen ein Existenzminimum erwartet Fromm den Einwand, "dass niemand mehr arbeiten wollte, wenn jeder einen Anspruch [auf dieses Existenzminimum] hätte", dass also "die Arbeits- motivation beeinträchtigt würde." Er hält dagegen, dass zum einen die Ansicht "von der der menschlichen Natur eigentümlichen Faulheit" falsch sei und zum anderen "der materielle Anreiz keineswegs das einzige Motiv ist, um zu arbeiten und sich anzustrengen." Vielmehr seien "Interesse an der Arbeit ... Stolz auf die eigene Leistung ... und Streben nach Anerkennung" ebenso wichtige Motive. Schließlich ist es außerdem offensichtlich, dass "der Mensch unter den Folgen von Untätigkeit leidet". Das Klischee, dass der Mensch von Natur aus faul sei, ist nichts weiter, als "ein Schlagwort, das zur Rationalisierung der Weigerung dient, auf das Bewusstsein der Macht über die Schwachen und Hilflosen zu verzich- ten" (1976a, GA II, S. 406; 1955a, GA IV, S. 235; 1966c, GA V, S. 311).

Wie ist seine Einschätzung der Kosten für die Gesellschaft?

Anzahl der Nutzer nicht groß

Eine detaillierte volkswirtschaftliche Rechnung legt Fromm nicht vor. Ihm geht es zunächst mehr um die grundsätzliche
Ausrichtung. Fromm erwartet jedenfalls, dass es lediglich eine "Randgruppe" von Menschen sei, die von einer solchen Leistung Gebrauch machen würden. Dies sei allerdings aber nur dann zu erwarten, wenn sein Vorschlag für ein Existenzminimum mit "den anderen [von ihm] angeregten Veränderungen zusammen" gesehen würde. Außerdem gäbe es wohl "nur
sehr wenige ... die nicht mehr verdienen möchten als das Existenzminimum und die lieber nichts tun würden als arbeiten". Hier deutet Fromm die Systematik der Anrechnung eines gewährten Existenzminimums auf Lohn und Gehalt an (vgl. 1955a, GA IV, S. 235f.).

Kosten können gegenfinanziert werden

Fromm meint, dass "die Kosten ... geringer wären, als die Ausgaben für unsere gegenwärtige Wohlfahrt." Die zu erwartende Verringerung der Kosten für eine "verzweigte Sozialhilfebürokratie" sowie "für die Behandlung physischer, insbesondere psychosomatischer Krankheiten" und der "Bekämpfung der Kriminalität und der Drogenabhängigkeit" würden den Aufwand außerdem deutlich relativieren (1976a, GA II, S. 406).

Welche Probleme sieht Erich Fromm?

Psychologische Probleme Die "Hauptschwierigkeit" liegt in den Augen Fromms "nicht in den wirtschaftlichen und technischen Aspekten des Problems ... sondern in seinen politischen und psychologischen Weiterungen", denn "Gewohnheiten und Denkweisen lassen sich nicht ohne weiteres ändern". Außerdem hätten "viele mächtige Interessengruppen ein sehr reales Interesse daran ... die Tretmühle unseres Konsums beizubehalten und noch weiter zu beschleunigen" und würden diesen Plan deshalb massiv bekämpfen. Die Empfänger eines solchen Existenzminimums selbst könnten sich "frustriert und minderwertig" fühlen, wenn sie eben diese Konsumhaltung weiter beibehalten würden, nun aber finanziell deutlich eingeschränkt seien
(vgl. 1968a, GA IV, S. 357; 1966c, GA V, S. 313).

Wie sind die Realisierungsvoraussetzungen und -chancen?

Die Idee muss sich verbreiten

Eine Voraussetzung sei, dass "ein hinreichend großer Teil der Bevölkerung dazu bewegt werden kann, derartige Änderungen zu fordern oder sich Ihnen wenigstens nicht zu widersetzen". Derartige "radikale" Veränderungen würden seiner Meinung nach in jedem Fall einige Zeit erfordern. Fromm spricht an einer Stelle davon, dass es sich bei seinen Vorschlägen um "zwanzig Jahre in die Zukunft hineinprojizierte" Systemveränderungen handele. Es ginge also sicher um Jahrzehnte (vgl. 1968a, GA IV, S. 365f.; 1966a, GA V, S. 315f.).

Existenzminimum nur ein Teil-Aspekt einer notwendigen Gesamtlösung

Die "volle Wirksamkeit des Prinzips eines garantierten Einkommens für alle" sieht Fromm nur gegeben, wenn "es ... gekoppelt ist" an weitere gesellschaftliche Veränderungen, die "gleichzeitig im Bereich der industriellen und politischen Organisation, auf dem Gebiet der geistigen und weltanschaulichen Orientierung, der Charakterstruktur und der kulturellen Betätigung" vorgenommen werden. "Konzentrieren wir dagegen unsere Bemühungen auf einen dieser Bereiche unter Ausschluss oder Vernachlässigung der anderen", so sagt er, "wirkt sich das destruktiv auf alle Veränderungen aus" (1955a, GA IV, S. 190; 1968a, GA V, S. 331). Soviel zu den konkreten Details des "garantierten Existenzminimums" Erich Fromms. Ausblick Wir haben einen Blick auf den Stellenwert von "Arbeit" im Denken Erich Fromms geworfen und erkannt:

Arbeit ist nach Fromm eine natürlich Reaktion auf existenzielle Bedürfnisse, Arbeit ist ein Motor menschlicher Entwicklung und ein wichtiger Faktor bei der Bildung von individuellem und Gesellschafts-Charakter, Arbeit ist sinnvoller Bestandteil einer humanistischen Gesellschaft, in der der Mensch seelisch ge- sund sein kann. Diese grundsätzlichen Überlegungen Erich Fromms machen die Voraussetzungen für mögliche Veränderungen von Gesellschaft und Arbeitswelt deutlich. Sie sind meiner Meinung nach insoweit zeitlos richtig. Zeitlich bedingt war seine Sicht auf die Arbeitsbedingungen, die zu seiner Zeit vorherrschten. Bis in die Siebziger Jahre hinein spiegelte die Industriegesellschaft im Wesentlichen die historischen ökonomischen Theorien eines Adam Smith oder Henry Ford wider: bürokratische Organisation, deterministische Technisierung und systemische Rationalisierung wurden weiter vorangetrieben; der arbei- tende Mensch wurde dabei als winziges Rädchen im Getriebe gesehen, dem nur in bestimmten Schlüsselfunktionen Individualität zugestanden werden konnte; er wurde instrumentalisiert. Persönliche Qualitäten wurden kaum abgefragt; die industrielle Massenproduktion legte vielmehr Wert auf Standardisierung und effiziente Verrichtung. Obwohl es auch diese Tätigkeiten bei uns noch häufig genug gibt, hat sich hier doch in der Zwischenzeit ein Wandel ereignet. Die traditionelle Industriegesellschaft wird zu einer Dienstleistungsgesellschaft. In ihr geht es nicht mehr darum, möglichst viel vom Gleichen zu produzieren, sondern individuelle Kundenwünsche kundennah, flexibel und maßgeschneidert zu erfüllen. Schnelle Anpassung an  veränderte Marktverhältnisse erfordert Flexibilität und Geschwindigkeit. Elektronische Medien und Kommunikation sind Schlüsselfunktionen für wirtschaftlichen Erfolg geworden. Parallel dazu hat sich die Finanzwirtschaft in der Zwischenzeit nahezu völlig verselbständigt. Es wurden und werden ungeheure Vermögen allein damit gemacht, Geld zu bewegen. Geld gebiert mehr und immer mehr Geld. Wird der Bogen überspannt, so hat man willfährige Regierungen, die die gigantischen Lasten der Gesamtbevölkerung aufbürden, während die Verursacher auch dann noch, ohne mit der Wimper zu zucken, Millionen-Bonifikationen einstreichen. Im Zuge dieser neuen Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft wird zunehmend ein ganz anderer Arbeitnehmertypus gewünscht, als noch zu Zeiten Fromms. Die persönlichen Fähigkeiten rücken wieder in der Vordergrund. Liest man heute eine Stellenausschreibung, so sollen ideale Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen nun Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz, Teamfähigkeit besitzen und außerdem eigenverantwortlich arbeiten und entscheiden können. Belastbar müssen sie sein und flexibel auf veränderte Arbeitsanforderungen reagieren können usw. Sie müssen über die so ge- nannten Soft-Skills verfügen. Arbeit und Privatleben gehen dabei oft fließend ineinander über. Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck haben, dass sich hier eine Entwicklung auftut, die in die richtige Richtung geht: Hat man denn den humanistischen Ansatz Erich Fromms beherzigt und stellt den Menschen wieder in den Vordergrund? Ist der Mensch wieder als handelndes Subjekt in die Welt der Arbeit zurückgekehrt? Neue Entwicklungen passieren und brauchen neue Ideen.
Fromm war ein wichtiger Ideengeber und er gab die Hoffnung auf eine humanistische Gesellschaft zeitlebens nicht auf. Darum möchte ich mit einem Zitat von ihm schließen: "Der vielleicht wichtigste Faktor bei den Voraussetzungen für eine reale Möglichkeit zur Änderung ist ... die Macht der Ideen. ... Die Idee bezieht sich auf das, was wirklich ist, sie öffnet die Augen. Sie weckt die Menschen aus ihrem Schlummer. Sie fordert auf, aktiv zu denken und zu fühlen, und etwas zu sehen, was sie zuvor nicht gesehen haben. ... Wenn die Idee den Menschen innerlich berührt, wird sie zu einer der mächtigsten Waffen, weil sie Begeisterung und Hingabe weckt und die menschliche Energie stärkt und in bestimmte Bahnen lenkt. ... Die große Chance für alle, die eine neue Richtung einschlagen wollen, liegt darin, dass sie Ideen haben, während ihre Gegner nur über abgenützte Ideologien verfügen" (1968a, GA IV, S. 366).

Literatur

Alle Fromm-Zitate sind der Erich Fromm Gesamtausgabe in 12 Bänden (GA I-XII), hrsg. von Rainer Funk, Mün- chen 1999, entnommen:
- 1929a: Psychoanalyse und Soziologie, GA I, S. 3-5.
- 1932b: Psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung für die Sozialpsychologie, GA I, S. 59-77 
- 1941a: Die Furcht vor der Freiheit, GA I, S. 215-392. - 1947a: Psychoanalyse und Ethik. Bausteine einer humanistischen Charakterologie, GA II, S. 1-157.
- 1955a: Wege aus einer kranken Gesellschaft, GA IV, S. 1-254.
- 1961b: Das Menschenbild bei Marx, GA V, S. 335-390. - 1963f: Humanismus und Psychoanalyse, GA IX, S. 3-11.
- 1964a: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, GA II, S. 159-268.
- 1966c: Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens für alle, GA V, S. 309-316.
- 1968a: Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik, GA IV, S. 255-377. - 1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität, GA VII, S. 1-444.
- 1976a: Haben oder Sein, GA II, S. 269-414. - 1991e [1953]: Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen, GA XI, S. 211-266.
- 1992d [1961]: Der moderne Mensch und seine Zukunft, GA XI, S. 271-284. Funk, R. (2005): Ich und Wir. Psychoanalyse des postmodernen Menschen, München. Funk, R. (1978): Mut zum Menschen. Erich Fromms Denken und Werk, Stuttgart.
Gorz, A. (1997): Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt.
Russell, B. (1971): Wege zur Freiheit. Sozialismus, Anarchismus, Syndikalismus, Frankfurt.

Copyright © 2010 by Klaus Widerström, Die Kleine Beune 12, D-64319
Pfungstadt E-Mail: info@widerstroem.de.


Dieser Artikel wurde von www.netzwerk-grundeinkommen.de gespiegelt.







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