DIE LINKE: Zugpferd Wagenknecht?

28.02.21
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Von Edith Bartelmus-Scholich*

Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, und Jan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, wünschen sich Sahra Wagenknecht als Spitzenkandidatin in NRW. Bartsch und Korte verbinden viele Hoffnungen mit dieser möglichen Listenspitze. Jan Korte bescheinigt Wagenknecht einen großen „Fanclub“ (1) und deshalb müsse sie im Wahlkampf eine Rolle spielen.

Gruselige Fangemeinde

Jan Korte hat zwar Recht, dass Sahra Wagenknecht einen großen „Fanclub“ hat, er sollte sich aber ihre Fans einmal genauer anschauen. Dazu hat er - wie jeder andere - die Gelegenheit auf ihrer Facebook-Seite (2). Wagenknecht hat dort 555000 Abonnenten, von denen sie reichlich Zuspruch erhält. Besonders dann, wenn sie, wie aktuell am 3. Februar, die gesellschaftliche Linke und die Partei DIE LINKE hart angreift. Dieser Frontalangriff Wagenknechts auf DIE LINKE wurde von ihren Abonnenten mehr als 4200 Mal kommentiert und 15980 Mal geteilt. Beispielhaft sind Kommentare wie die folgenden unter dem Beitrag: Frau Wagenknecht, ich bin überzeugter AFD Wähler, aber ich gebe Ihnen in jeder der oben gemachten Aussagen Recht. Sie Sprechen oft wichtige Themen und wahre Probleme an, sind aus meiner Sicht aber leider in der falschen Partei. Dennoch wünsche ich Ihnen alles Gute“ oder Haben Sie mal über eine Kanzlerkandidatur nachgedacht?!? Das sollten Sie wirklich tun… Wobei ich von der Partei nix halte“. Für letzteren Kommentar erhielt der Schreiber 3000 Likes. Seitenweise reihen sich ähnliche Kommentare aneinander. Wagenknechts Facebookseite mutet an wie ein Treffpunkt des rechten Mobs. Die Mehrzahl ihrer Fans bekennt offen, dass sie DIE LINKE nicht wählen wird.

2017 in NRW nur durchschnittliches Ergebnis

Dass der Partei DIE LINKE die große Bekanntheit von Sahra Wagenknecht nicht zu herausragenden Wahlergebnissen verhilft, zeigen auch die Ergebnisse der der Bundestagswahl 2017 in NRW. Wagenknecht kandidierte in Düsseldorf II (Süd) und erhielt 13% Erststimmen, aber nur 9,9% Zweitstimmen bei einem Zuwachs von 2,8%. Viele Menschen wählten schon damals Wagenknecht, aber nicht die Partei DIE LINKE. Sie erreichte von den 12 linken NRW-Abgeordneten nicht etwa das beste Ergebnis. Sechs andere Abgeordnete erzielten in NRW bessere Wahlergebnisse.

Das NRW Ranking führte der Abgeordnete Friedrich Straetmanns aus Bielefeld mit 11,1% der Zweitstimmen an. Es folgten die Abgeordneten Matthias W. Birkwald (Köln II, 10,7%), Andrej Hunko (Aachen, 10,3%), Sevim Dagdelen (Bochum I, 10,2%), Hubertus Zdebel (Münster, 10,1%, Zuwachs von 3,8%), und Ulla Jelpke (Dortmund I, 10%). Das beste Wahlkreisergebnis in NRW erzielte die Kölner Ratsfrau Güldane Tokyürek (Köln III, 12,8%). Der „Promi-Faktor“ spielt offenbar nicht die entscheidende Rolle. **

Von den fünf besten Wahlkreisergebnissen der Bundestagswahl 2017 in NRW wurden drei in Kölner Wahlkreisen erzielt (Köln III, 12,8%; Köln I, 11% und Köln II 10,7%). Bemerkenswert daran ist, dass der Kölner Kreisverband der LINKEN darauf verzichtete mit Sahra Wagenknecht auf Plakaten zu werben. Die Kölner LINKE setzte statt dessen u.a. auf Plakate gegen rechte Hetze und auf ein eigenes Geflüchtetenplakat. Das brachte nicht nur viele Stimmen für DIE LINKE, sondern auch die schlechtesten Ergebnisse für die AfD in NRW.

Alle fortschrittlichen Bewegungen brüskiert

Kaum Fans hat Sahra Wagenknecht bei jüngeren Menschen, die sich gesellschaftlich engagieren. Sie, die noch nie bewegungsaktiv war, hat in den letzten Jahren eine fortschrittliche Bewegung nach der anderen mit ihren Äußerungen verprellt. Bei ‚Seebrücke‘, ‚Black Lives Matter‘, ‚Fridays For Future‘ oder unter Feministinnen kostet sie der LINKEN Sympathien. Wie z.B. ihre Kritik an der Klimabewegung aufgenommen wird, wurde am 24. Februar deutlich. Auf Wagenknechts Spiegel-Interview vom 23.Februar (3), in dem sie u.a. die soziale Frage gegen die Klimafrage ausspielt, antwortete am nächsten Tag der reichweitenstarke Blogger „Der Graslutscher“ (56000 Abonnenten) (4). In einem Beitrag wies er kenntnisreich nach, dass Wagenknechts Auslassungen über den vermeintlich klimaschädlichen Verzehr von Soja, Amaranth und Quinoa durch hiesige Veganer*innen und ihre Verharmlosung massenhaften Fleischverzehrs Stammtischniveau haben. Zitat Graslutscher: Sie hat offenkundig keinen blassen Dunst, was sie da redet und reiht wahllos auswendig gelernte Textbausteine aneinander. So wirkt zumindest dieser lächerliche Versuch, die Schifffahrt den vegan lebenden Menschen anzulasten.(5) Die Replik des Graslutschers auf Wagenknechts Spiegel-Interview erhielt auf Facebook innerhalb von 24 Stunden 2479 Likes und wurde 641 Mal geteilt – und das von Menschen, die der Partei DIE LINKE näher stehen dürften als der rechte Mob, der sich auf Wagenknechts Seite austoben darf.

Ihr Feldzug gegen DIE LINKE geht weiter

Wagenknechts vermeintliche Zugkraft für DIE LINKE löst sich bei näherem Hinsehen in Nichts auf. Ihr Anhang, mag er auch Millionen Menschen zählen, neigt nicht dazu DIE LINKE zu wählen. Das wundert wenig, denn Wagenknecht hat ihre Reichweite in den letzten Jahren aufgebaut, indem sie immer wieder an rechte Diskurse anknüpfte. Sie nimmt auf und verstärkt, wofür sie Zuspruch erhält, so vergrößert sie ihre Reichweite, leistet aber keinen Beitrag zu einer Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses nach links.

Der Wunsch, dass Wagenknecht im Wahlkampf eine positive Rolle spielen könnte, ist von daher eine reine Fantasie. Vielmehr ist zu erwarten, dass sie wie seit Jahren und jetzt im Vorwahlkampf auch während des Bundestagswahlkampfs gegen linke Ideen medial zu Felde ziehen wird.

Am 14. April wird ihr neues Buch „Die Selbstgerechten“ (6) erscheinen und der Klappentext liest sich nicht wie ein Wahlkampfbeitrag, sondern wie eine Kampfansage an die gesellschaftliche Linke und die Partei DIE LINKE. Die Parteimitglieder mögen sich die Frage stellen: wie darf man sich einen Bundestags-Wahlkampf mit Sahra Wagenknecht vorstellen? Montags eine Rede auf dem Marktplatz und dienstags eine Buchlesung mit Verbalattacke auf die Linke?

Edith Bartelmus-Scholich, 28.02.2021


* Die Autorin ist Mitglied im Landesvorstand DIE LINKE. NRW

** Für Wahlerfolge sind viele unterschiedliche Gründe ursächlich. 1. Die politischen und sozialen Rahmenbedingungen: Der Erfolg der Partei DIE LINKE von 2009 (BTW) und auch der Einzug in den NRW-Landtag (2010) folgten z.B. auf die weltweite Finanzkrise. 2. Die öffentlich wahrgenommene Programmatik der Partei: Finden sich ihre Zielgruppen hier wieder, steigt auch die Zustimmung bei Wahlen. 3. Das Zutrauen in die Wirkmächtigkeit der Partei: In wie weit wird sich durch ihre Wahl etwas an den Lebensbedingungen und der Politik verändern? 4. Der Anteil linker Ideen am gesellschaftlichen Diskurs: Geht er zurück, bekommt DIE LINKE ein dürftiges Wahlergebnis. 5. Die Verankerung der Partei in Bewegungen, Betrieben und Gewerkschaften: Je schlechter sie ist, desto schlechter ist auch das Wahlergebnis. 6. Die "Kampfkraft" der Partei nach außen, nicht nur im Wahlkampf: Setzen sich Zehntausende kräftig ein, erreicht die Partei ein besseres Ergebnis. 7. Glaubwürdige PolitikerInnen: Auch Personen können eine positive Rolle spielen. Das ist dann der Fall, wenn sie den Anteil linker Ideen am gesellschaftlichen Diskurs vergrößern, das Programm und die Partei öffentlich gut vertreten.


Quellen:

(1) https://www.rnd.de/politik/linken-politiker-korte-wagenknecht-muss-im-wahlkampf-eine-rolle-spielen-4REYUMAOBZEQTN5OYV4VJPLTKU.html

(2) https://www.facebook.com/sahra.wagenknecht

(3) https://www.spiegel.de/politik/deutschland/sahra-wagenknecht-im-interview-ich-moechte-nicht-dass-wir-enden-wie-die-usa-a-abee7f4a-773d-4c9a-b72a-12fd46f87c49

(4) https://www.facebook.com/graslutscher

(5) https://graslutscher.de/laut-sahra-wagenknecht-sollten-wir-jetzt-alle-zur-klimarettung-mehr-fleisch-essen-weil-soja-so-klimaschaedlich-ist/

(6) https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/die_selbstgerechten-16576.html








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