Sagels Desaster

07.11.13
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Kommentar von Edith Bartelmus-Scholich

DIE LINKE. NRW hat es in den letzten beiden Tagen mit dem Vorschlag ihres Landessprechers Rüdiger Sagel, die Martinszug durch „ein Sonne, Mond und Sterne-Fest, bei dem nicht St. Martin voranreiten müsse“ zu ersetzen (1), auf die Titelseiten der bürgerlichen Zeitungen und in die Nachrichtensendungen von Rundfunk und Fernsehen geschafft. Leider hält sich die Freude darüber innerhalb der Partei durchaus in Grenzen. Die Resonanz ist nämlich verheerend. Und auch das rasche Zurückrudern von Partei und Landesprecher kann den Schaden nicht begrenzen.

Unverständnis in der Bevölkerung

Sagel hat mit seinem Schnellschuss seiner Partei und allen Linken einen Bärendienst erwiesen. Kaum jemand aus der Bevölkerung und nicht einmal die Vertreter der muslimischen Religionsgemeinschaften stimmen ihm zu. Vielmehr taugt der Vorschlag dazu, Stimmung gegen die Partei DIE LINKE und gegen berechtigte Interessen Staat und Religion zu trennen zu machen. Viele Menschen fühlen sich erinnert an den untauglichen Umgang vergangener realsozialistischer Staaten mit Religionsausübung und kultureller Tradition. Sauer stößt vielen auch auf, dass nicht sie selbst bestimmen wie sie leben und feiern wollen, sondern dass für sie entschieden werden soll. Derartige Fremdbestimmungsfantasien, ein Erbe der autoritären Tradition der Arbeiterbewegung, bringen heute die Mehrzahl der Menschen gegen die Linke auf.

Kritik und Parteiaustritte

Nicht wenige Mitglieder der Landespartei sind über den Vorstoß des Landessprechers so empört, dass sie gegenüber der Landesgeschäftsstelle ihren Parteiaustritt erklären. Und auch diejenigen, die Mitglied bleiben wollen, üben oft harsche Kritik an Sagels Position und Vorgehensweise. Auch der Rücktritt des Landessprechers wird bereits gefordert.

Angelastet wird Rüdiger Sagel, dass ihm im säkularen Eifer offenbar entgangen ist, dass die letzten Reste einer einzuübenden Kultur des Teilens und der Solidarität mit dem Armen in der Gesellschaft bei seinem Konzept eines „Sonne-, Mond- und Sternefestes“ verloren gehen würden. Zu Gunsten eines hübschen aber sinnentleerten Lichterzuges. Eine fundierte linke Position sieht anders aus.

Sehr zu Recht wird auch kritisiert, dass Rüdiger Sagel keine Position der Partei DIE LINKE. NRW vertreten hat, sondern seiner privaten Meinung Ausdruck verliehen hat. Dies kann ein Landessprecher jederzeit tun. Unannehmbar ist jedoch, dass er diese private Position in einem Fernsehinterview mit den Worten „…wir sind der Meinung…“ als Position der Landespartei ausgibt. Vollkommen unverständlich bleibt auch, weshalb die dabei neben ihm stehende Landessprecherin, Gunhild Böth, bei diesen Ausführungen nicht unverzüglich einschreitet. Sagel und Böth illustrieren hier einmal in der Öffentlichkeit, dass sie vom Wesen der Demokratie nicht viel verstanden haben.

Der anschließende Eiertanz, bei dem sich Rüdiger Sagel zunächst über die Medien, die ihn angeblich sinnentstellend zitiert hätten, beschwert um dann einen Tag später in einer Pressemitteilung das faktische Gegenteil seines Vorschlags zu bekräftigen (2), ist nur noch peinlich.

Unangebrachter Martinshype

Es ist zwar richtig, dass der historische Martin von Tours in einer Zeit, als das Christentum sich anschickte römische Staatsreligion zu werden und an der weltlichen Macht und dem Prunk der Herrschaft Teil zu haben, mit seiner Person für eine Kirche stand, die asketisch, demütig, und den Armen zugewandt sein sollte. Die überlieferte Mantelteilung mit dem Bettler erinnert an diese Strömung, die es in der Kirche immer gegeben hat, und die gesellschaftlich akzeptiert wurde und wird. Dennoch ist die Vereinnahme des Kirchenmanns Martin, mit den Worten „St. Martin wäre heute Mitglied der LINKEN“ plump und unangemessen. Barmherzigkeit, wie der heilige Martin sie vorgelebt hat, ist eine religiös motivierte Tugend und macht den, der sie übt noch nicht zum Mitglied einer Befreiungsbewegung.

Edith Bartelmus-Scholich, 7.11.13

(1)    http://www.ardmediathek.de/wdr-fernsehen/aktuelle-stunde/linke-will-st-martinsfest-verbieten?documentId=17977240

(2)    http://www.scharf-links.de/92.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=40157&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=2c809be904



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