Bericht von der Kölner SALZ-Veranstaltung am Freitag dem 13.November 09

15.11.09
NRWNRW, Köln, Netzwerk 

 

Von Horst Hilse

Es scheint etwas dran zu sein, an der Datenmystik:  ein Freitag, ein 13. war es,  und hatte uns 50 Jahre zuvor das "Godesberger Programm" der SPD mit seiner absurden Absage an die Existenz von Klassen beschert. 
Der Zeithorizont auf der Veranstaltung des S A L Z - Bildungskreises in Köln war weiter gespannt und ging über diese Zäsur hinaus. Und doch wurde den 20 Anwesenden klar, dass die Tradition eines parteiförmig verordneten Denkens schon älter ist, als das Godesberger Programm. Dieses wurde ihnen von Helmut Dahmer in einer spannenden Weise anhand der Aufnahme der Psychoanalyse in marxistischen Kreisen erläutert.
Dahmer führte einen politischen und einen  theoretischen Grund für diesen Umstand an:  Die Vertreibung und Vernichtung  der Freudianer aus Wien, Budapest und Berlin durch die Nazis führte zu einer Atomisierung eines filigranen Diskussionsnetzes und oftmals auch zur Vernichtung der Menschen, die dieses Netz gesponnen hatten. Nachweislich wurden allein in Deutschland 15 Ärzte und Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung von den Nazis ermordet.
Im theoretischen Bereich hat sich das Selbstmissverständnis von Freud (der aus der neurologischen Medizin kam) von seiner "Naturwissenschaft" der Seelenkräfte verhängnisvoll ausgewirkt. Denn in ihrem Kern ist die Freudsche Theorie eine Kritik  repressiver Kulturzusammenhänge und der in ihnen erfolgenden Sozialisationsformen. Diese Kritik geht weit über eine Kritik am Kapitalismus hinaus und umfasst, ähnlich wie das marxsche Werk auch, alle Klassenverhältnisse. Beispielhaft deutlich werde dieser Charakter der freudschen Arbeit an der oftmals unterschätzten Schrift   "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", die Freud als letzte vor seinem Tode verfasste.
Als Kulturkritik wäre die Adaption durch marxistische Denker wahrscheinlich wesentlich leichter erfolgt.  Alle Marxisten, die sich politisch in linken Organisationen betätigten und zugleich das freudsche Werk verteidigten, wurden diskriminiert und ausgeschlossen.
 Als prominentestem Beispiel verwies der Referent neben den anderen  auf Wilhelm Reich, dessen Schrift: "Die Massenpsychologie des Faschismus"  bis heute für Antifaschisten einen herausragenden Rang einnehmen sollte.
Freud ging es jedoch nur in zweiter Linie um eine Kulturkritik. Der Ausgangspunkt seiner theoretischen Bemühungen ergab sich aus der  Beobachtung, dass es eine Gruppe manifester Krankheiten gab, die bei Untersuchungen keinen somatischen Befund erbrachten. Damit reichten die Erklärungsmuster der Medizin nicht mehr aus. Freud suchte nun nach anderen Erklärungen und wandte sich Heilern zu, die Erfolge verzeichnen konnten, ohne von der Medizin anerkannt zu sein.
Er untersuchte Magnetismus und Rauschmittel auf ihre  potentiell heilende Auswirkung,  suchte aber zugleich ständig nach weiteren Erklärungen  für diese Krankheitsbilder. Wie tief sich gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung im Seelenleben niederschlagen konnten, hatte er aus eigener Familienerfahrung als Spross einer  armen jüdischen Familie selbst zu spüren bekommen.  Dieser  Umstand liess ihm den Gedanken garnicht abwegig erscheinen, dass man  die gesellschaftlichen Beziehungsformen auch als ein Gewaltzusammenhang mit körperlichen Folgen begreifen konnte.
Dem Versuch, einer aktuell  erneuerten Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse steht H. Dahmer ausgesprochen skeptisch gegenüber, da alle Voraussetzungen dazu fehlen:  Es gibt von - Ausnahmen abgesehen -  weder eine ernsthafte marxistische Theoriearbeit, noch gibt es auf Seiten der Analytiker ein Verständnis für radikale Gesellschaftskritik. Die weiter fortgeschrittene kapitalistische Arbeitsteilung und die damit erfolgte Festlegung auf bestimmte Teildisziplinen im Wissenschaftsbetrieb  machen eine derartige Renaissance ausgesprochen unwahrscheinlich.  
Die Fülle des Materials wurde von Dahmer in einer sehr verständlichen und sehr spannenden Form vorgestellt und warf eine Fülle aktueller Fragen auf.
So war es nicht verwunderlich, dass auch nach dem Ende der Veranstaltung das Gesprächsbedürfnis bei Bier und Kaffee noch weiter befriedigt wurde.  
h.hilse

 

  

 







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