Klassen und Klassenkampf

02.10.12
NRWNRW, News 

 

von Heiner Orth

Diskussion bei SALZ Hamm:
Heiner Orth, Kamen: 29.09.2012; Klassen und Klassenkampf - Überholte Kampfbegriffe oder Grundbegriffe der (marxistischen) Soziologie?


Die Bildungsgemeinschaft SALZ e.V. lädt für Donnerstag, 04.10.2012, 19:00 Uhr in den Tagungsraum der Gaststätte Alt Hamm, Nordstr. 16, 59065 Hamm zur Diskussion über "Klassen und Klassenkampf – Überholte Kampfbegriffe oder Grundbegriffe der (marxistischen) Soziologie?" ein. Wer an der Diskussion teilnehmen möchte, sollte es vorher gelesen haben.

SALZ Wegbeschreibung: Vom Bahnhof Hamm nach links gehen zur Gustav-Heinemann-Straße, geradeaus weiter bis zur Ampel am Allee-Center (Richard-Matthaei-Platz), die Straße überqueren und geradeaus den Westwall bis zum Ende gehen, dort befindet sich dann an der Ecke die Nordstraße 16 mit der Gaststätte Alt Hamm. Der Eingang befindet sich hinter dem Haus (ca. 11 Minuten Fußweg / geschätzt 900m).

Überholte Kampfbegriffe oder Grundbegriffe der (marxistischen) Soziologie? 

Der erste Satz im Kommunistischen Manifest nach der Einleitung lautet: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“. War dieser Satz da-mals richtig? Sind die Klassenkämpfe heute passé? Gibt es überhaupt noch Klassen? Wel-che Bedeutung haben die Begriffe „Klasse“ und „Klassenkampf“ in den Gesellschaften des globalisierten Kapitalismus heute? Diese Fragen möchte ich in diesem Aufsatz erörtern.

In Deutschland wird der Begriff „Klasse“ nicht mehr im ökonomischen bzw. soziologischen Sinn benutzt, sondern höchstens noch verschwommen für die „politische Klasse“. In seiner alten Bedeutung ist er hier eher negativ aufgeladen, während er im angelsächsischen Raum ganz selbstverständlich benutzt wird und die Existenz einer Klassengesellschaft bejaht wird. „Lebten wir in den USA oder in Großbritannien, würden wir selbstverständlich mit Ja antwor-ten, „wir leben in einer Klassengesellschaft“. Gegenstimmen gäbe es keine, überrascht wäre niemand. Working-class und upper class sind dort akzeptierte Begriffe.“1

Doch was sind objektive Merkmale zur Bestimmung von Klassen? Nach Marx ist das für die kapitalistische Gesellschaft der Besitz bzw. Nicht-Besitz von Produktionsmitteln. Ist dies aber heute noch ein hinreichendes Kriterium der Bestimmung von Klassenzugehörigkeit? Dann ist der Manager eines großen Konzerns immer noch ein Lohnarbeiter und der Landwirt grund-sätzlich ein Kapitalist. Die (bürgerliche) Soziologin Jutta Allmendinger nennt drei Kriterien für die Identifizierung von Klassen:

 Die soziale Lage ist keine Einzelschicksal, sondern ein Massenphänomen

 Die soziale Lage ist dauerhaft, d. h. im Regelfall verbleibt man in seiner Klasse

 Sie wird an die Kinder vererbt, also definiert die Klassenzugehörigkeit der Eltern die der Kinder

In empirischen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass alle drei Merkmale bei der über-großen Mehrheit der Menschen in Deutschland wiederzufinden sind. Allmendinger kommt jedoch trotzdem zu einem widersprüchlichen Ergebnis in der Frage, ob es immer noch eine Klassengesellschaft gibt: „Nein und ja. Nein, wenn man Klassen im Marxschen Sinne fasst, denn es existieren nicht nur zwei bestimmende Großklassen – Kapitalisten und Arbeiter. Ja indes, wenn man die drei Kriterien gemeinsame soziale Lage, Dauerhaftigkeit und Vererbung anlegt.“2

Max Koch kommt jedoch in seiner theoretischen Diskussion der Marxschen Klassentheorie und Auswertung der sich darauf beziehenden empirischen Analysen zu einer anderen Einschätzung: Zwar ist klar, dass durch den Produktionsprozess im Kapitalismus „die Scheidung von Arbeit und Eigentum als ein Verhältnis gegensätzlicher Klassen reproduziert“ wird. Je-doch: „Den Klassenbegriff ausschließlich auf der Ebene ökonomischer Kernbestimmungen zu konzipieren, ist in jedem Falle problematisch, … da Marx‘ Forschungsinteresse immer auch konkreten Klassenhandlungen galt und seine „Methode“ darauf hinausläuft, mehrere Klassenbegriffe zu definieren, die jeweils verschiedenen Abstraktionsniveaus der bürgerlichen Gesellschaft entsprechen.“3

Koch kommt schließlich zu folgendem Ergebnis: „Mithilfe der Differenzierungsmerkmale „An-zahl der Beschäftigten“ sowie der Kombination aus „Stellung im Arbeitsprozess“ und „Bildungsgrad“ sind aus den beiden großen Klassen der kapitalistischen Produktionsweise – Produktionsmittelbesitzer und Lohnarbeiter – fünf soziale Klassen einer modernen bürgerlichen Gesellschaftsformation geworden, die sich wiederum aus verschiedenen Berufsgruppen zusammensetzen.“4 In der folgenden Übersicht sind die sozialen Klassen zusammengefasst:5

Für den praktischen Wert dieser Klassentheorie ist allerdings von entscheidender Bedeutung, ob sich diese Klassenzuweisung der Menschen auch in ihrem Bewusstsein und damit auch in einem ganz bestimmten Verhalten und einer bestimmten Lebensweise niederschlägt. Daher kommt Koch zu dem Schluss: „Sollten bei den als Kapitalisten bezeichneten Selbständigen nicht die ausgeprägtesten pro-Kapital-Einstellungen und bei der Kernbelegschaft der Arbeiter nicht die tiefgreifendsten Zweifel an dieser Ordnung messbar sein, wäre die Aussagefähigkeit der Klassentheorie in der Tat in Frage gestellt.“6 Letztendlich muss sich also die Klassenlage im Bewusstsein und in der Lebensführung der Klassenangehörigen niederschlagen.

Nach der Auswertung der bisher vorliegenden empirischen Ergebnisse zu dieser These fasst Koch die Fakten so zusammen: „Generell ergab sich das Resultat, dass die Klassenlage in allen betrachteten Dimensionen von prägender Wirksamkeit ist, zugleich sind aber auch – variierend mit dem Untersuchungsgegenstand – verschiedene „sekundäre Faktoren“ von Bedeutung. Im Einzelnen zeigte sich eine relativ direkte Prägung der Einkommenshöhe durch die Klassenlage. … Die empirischen Ergebnisse lassen somit alles andere als den Schluss einer „Entkoppelung“ von Klassenlage und Lebensführung zu. Es kann lediglich von einer Lockerung dieses Zusammenhangs in Bezug auf einzelne Lebensbereiche gesprochen werden.“7

Etwas pointiert könnte man somit schlussfolgern, dass die Marxsche These „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ auch im globalisierten Spätkapitalismus zumindest für die industriellen Kernländer noch seine empirische Relevanz bewiesen hat. Daraus ergibt sich, dass der Analyse der herrschenden sozialen Verhältnisse und einer Einschätzung der zu erwartenden Entwicklungstendenzen und Klassenkämpfe eines jeden Landes die Analyse der Klassenlage desselben Landes vorausgehen muss.

Aber nun fangen die Probleme und ungelösten Fragen erst an:

 Wie lässt sich eine Klassenanalyse in den zwar dem kapitalistischen Weltmarkt an-gehörenden, aber nicht oder noch nicht industrialisierten Ländern der 3. Welt oder den Schwellenländern durchführen?

 Reicht für diese Länder die Marxsche Unterscheidung des Klassengegensatzes der Produktionsweise (Besitzer von Produktionsmitteln und Lohnarbeiter) aus bzw. lässt sie sich hier überhaupt anwenden?

 Welche Klassen gibt es z. B. aktuell in dem Bürgerkriegsland Syrien? Wie ist es erklärbar, dass große Teile des Volkes trotz des brutalen Unterdrückungsapparates sich dem in dutzenden Gruppen und Grüppchen gespaltenen bewaffneten Wider-stand angeschlossen haben? Usw.

Grundsätzlichere Fragen, die aber von nicht minderer praktischer Relevanz im Klassenkampf sind, hat schon Georg Lukács in seinem Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“ im Ab-schnitt „Klassenbewusstsein“ aufgeworfen. Er beginnt den Abschnitt mit einem – wie ich meine – bemerkenswerten Zitat von Karl Marx:

„Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat, als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist, und was diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Marx: Die heilige Familie“.

Dann fährt Georg Lukács fort:

„In einer für Theorie und Praxis des Proletariats gleich verhängnisvollen Weise bricht das Hauptwerk Marx' gerade dort ab, wo es auf das Bestimmen der Klassen losgeht. Die spätere Bewegung war also an diesem entscheidenden Punkte auf Interpretationen, auf Zusammenstellungen gelegentlicher Äußerungen von Marx und Engels, auf selbständiges Herausarbeiten und Anwenden der Methode angewiesen. Im Sinne des Marxismus muss die Gliederung der Gesellschaft in Klassen nach der Stellung im Produktionsprozess bestimmt werden. Was bedeutet dann aber das Klassenbewusstsein? Die Frage verzweigt sich sogleich in eine Reihe von miteinander eng zusammenhängenden Teilfragen. Erstens: was ist unter Klassenbewusstsein (theoretisch) zu verstehen? Zweitens: was ist die Funktion des so verstandenen Klassenbewusstseins (praktisch) im Klassenkampfe selbst? Daran schließt sich die weitere Frage an: ob es sich in der Frage des Klassenbewusstseins um eine »allgemeine« soziologische Frage handelt, oder ob diese Frage für das Proletariat etwas ganz anderes bedeutet, wie für jede andere in der Geschichte bisher aufgetretene Klasse? Und endlich: sind Wesen und Funktion des Klassenbewusstseins etwas Einheitliches, oder lassen sich auch darin Abstufungen und Schichten unterscheiden? Wenn Ja: was ist ihre praktische Bedeutung im Klassenkampfe des Proletariats?“8

Ich würde aus heutiger Sicht noch folgende Fragen ergänzen:

 Wie entstehen im Marxschen Sinne falsche Vorstellungen in den unterdrückten Klassen von ihren historischen Aufgaben?

 Welche Rolle können die „Bildungsspitzen“ im Koch‘schen Sinne oder Teile davon für den Bewusstwerdungsprozess der unterdrückten Klassen übernehmen?

Ich habe leider das oben zitierte Buch von Lukács noch nicht gelesen, kann also deshalb nicht sagen, ob er in seinem Buch die von ihm selbst gestellten Fragen ansatzweise oder hinreichend beantwortet hat. Jedenfalls sind das für mich zu lösende Aufgaben einer sich marxistisch bezeichnenden öko-sozialistischen Bewegung.

1 Jutta Allmendinger: Deutschland, eine Klassengesellschaft? Zeit Online 18.07.2012
2 ebenda
3 Max Koch: Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft – Theoretische Diskussion und empirische Analyse, Münster 1998, S. 108
4 ebenda, S. 116
5 ebenda, S. 117
6 ebenda, S. 117
7 ebenda, S. 190
8 Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewusstsein, S. 119, Neuwied und Berlin 1970 


VON: HEINER ORTH






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