Menschen-Bild und Menschenbildung

26.02.09
NRWNRW, Linksparteidebatte, Debatte 

 

Antwort von Horst Hilse an Uwe Dresner

Lieber Uwe Dresner
Das von dir verwendete Leninzitat bezieht sich auf einen gesellschaftlichen Zustand, nachdem die Macht des Kapitalismus in einem gewaltigen Kraftakt zerbrochen worden war, der als "bolschewistische Revolution" durch die Medien geistert. Es gab damals also die historische Chance, die Lohnarbeit endlich abzuschaffen.
 Damit war erstmals die wesentliche Voraussetzung für die Überwindung der von Dir angeführten Entfremdungserscheinungen gegeben. Als das große Ziel schwebte den historischen Akteuren eine Welt ohne Ausbeutung vor. Wenn Lenin von den vom Kapitalismus geprägten Menschen spricht, so hat er die nach Millionen zählenden, meist leseunkundigen verarmten Bauernmassen vor sich. Wir wissen, dass damals die russische Sozialdemokratie sich keineswegs auf die Forderung beschränkte, dass alle Lesen und Schreiben lernen sollten, um das Parteiprogramm lesen zu können. Sie traten in ihrer Propaganda und in ihren Handlungen für eine Welt ohne die Ausbeuter ein und verbanden diese Vision mit entscheidenden Forderungen, die diametral mit der Eigentumsfrage und der verfolgten Politik der russischen Herrscherkaste kollidieren musste: Landvergabe und Frieden, um Brot zu bekommen...
Gemessen an dieser Aufgabenstellung müsste also eine sozialistische Kraft heute eine adäquate Forderungsstruktur entwickeln, die die Vision der Überwindung der Ausbeutung mit unmittelbaren Tagesforderungen verkoppeln kann. - oder um dich zu zitieren:
 " müssen mit ihnen um ihre grundlegenden Interessen kämpfen."
 Durch die wesentlich verschärfte Situation des Weltkapitalismus stehen wir aktuell zusätzlich vor der Notwendigkeit eine ökologisch verträgliche Lebensalternative zu propagieren.
Die von dir angeführten "Menschen", zu "denen wir gehen" müssen, gibt es in dieser allgemeinen Form nicht und derart allgemein formuliert, drängt sich der Verdacht auf, dass "die Menschen" zu pädagogischen Objekten der "aufgeklärten Erzieher" gemacht werden sollen. Das wäre falsch.
 Die Widersprüche entzünden sich bei bestimmten Menschengruppen an bestimmten voneinander unterschiedenen Bewusstseinsinhalten: Die derzeitige europaweite Rebbellion der Jugendlichen entzündet sich an den Ausgrenzungsmechanismen, den verweigerten Zukunftshorizonten und der staatlichen Repression: In Frankreich und Griechenland waren bekanntlich die Morde der Repressionskräfte ein auslösendes Moment .... Die eruptiven Massenstreiks in Italien, Irland, Island, Frankreich etc. entzünden sich dagegen an der Weigerung, für die Folgen der kapitalistischen Krise in Haft genommen zu werden... Frauen, die sowohl innerhalb der Lohnausbeutung als auch ausserhalb strukturell schlechter gestellt sind, mobilisieren sich nochmals in einer anderen Form...
Wie also müsste eine Forderungsstruktur aussehen, die in der Lage wäre, diese aktuell bereits kampfbereiten gesellschaftlichen Segmente zu einer antikapitalistischen Gegenmacht zusammenzufassen? (Wobei damit dann ja auch eine "Ausstrahlung" der Rebellionsbereitschaft auf andere noch ferner stehende Schichten gegeben wäre) Derartige Rebellionswellen bestimmter Bevölkerungsteile haben eine dynamisch - komplexe Struktur und lassen sich nicht unmittelbar in Wahlarythmetiken umsetzen.
 Daher warf ich Dir im letzten Beitrag vor, die 68er in grandioser Weise fehlzuinterpretieren. Solange "die 68er", konkret- der SDS, sich noch als eine gesamtgesellschaftlich agierende revolutionäre Kraft begriff, wirkte die Ausstrahlung dieser internationalistischen Bewegung selbst in dem stockkonservativen postfaschistischen Westdeutschland tief in gesellschaftliche Bereiche hinein: Schülerbewegung, Lehrlingsbewegung, Gewerkschaftliche Basiskräfte die dann in den "Septemberstreiks 1969" sichtbar wurden, etc.etc. bis hin zu den Wahlerfolgen eines Willy Brand, die mittels der Instrumentalisierung dieser Impulse möglich waren.
Ich vermisse in der heutigen "neuen" Linkspartei ähnlich radikaldemokratische Kräfte, die die Aufgabenstellung einer "Alternative" zum bestehenden Politbetrieb ernst nehmen.
 Du schreibst m. E. völlig richtigerweise.
 " In diesen Kämpfen müssen Erfolge erarbeitet werden"
Nur vermag ich ein Bemühen der Linkspartei um die Erarbeitung solcher Erfolge nicht zu erkennen:
Konkret: Als in Frankreich die Jugendrebellion die Rücknahme des bereits beschlossenen CPE-Gesetzes erzwang, meinte der Parteivorsitzende Lafontaine: "von Frankreich lernen heisst siegen lernen". Aber wo blieben die Anstrengungen der Linkspartei, eine parallele Bewegung gegen den Skandal von Hartz4 anzuführen?  Selbst zu einer "Solikampagne" für die in Frankreich dann einsetzenden Massenverurteilungen konnte sich die Linkspartei nicht aufraffen...
Als Die Belegschaften von nokia und Telekom um ihre Arbeitsplätze in den Kampf traten, war keine Initiative aus der Linkspartei spürbar, die die passive Haltung der kampfbereiten Belegschaften in eine Offensive hätte verwandeln können. Dasselbe gilt für die fast völlige Funkstille der Linkspartei, als die Kollegen der GDL alleine im Kampf gegen den Vorstand eines der größten Weltkonzerne standen.
Statt mit diesen Menschen "gemeinsam um ihre Interessen zu kämpfen" und ihnen jede nur erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen, stand die Linkspartei ebenso vornehm daneben, wie bei den Bauernprotesten, als die Molkereien blockiert wurden... (ebenso wie bei den französischen Jugendlichen auch, erfolgt nun noch nicht einmal eine Solidaritätskampagne mit den angeklagten Bauern)
 Warum war solch ein "wesentlich kleinerer" Haufen, wie der SDS 1968 in der Lage, in alle ablaufenden Kämpfe entschieden zu intervenieren und gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen?
Was also behindert die Linkspartei bei der Organisierung gesellschaftlicher Erfolge?
Ist der Verdacht gerechtfertigt, dass es der "neuen" Linkspartei gar nicht um die Organisierung, sondern ebenso wie früher bei der SPD nur um die Instrumentalisierung gesellschaftlicher Kämpfe geht?

- fragt sich grüßend h. hilse aus Köln



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