Forscher warnen vor Heißzeit


Bildmontage: HF

15.08.18
ÖkologiedebatteÖkologiedebatte, Umwelt, Debatte 

 

Von Jürgen Tallig

Ist die Erde auf dem Weg in eine Heißzeit? Der Planet könnte kritische Schwelle überschreiten.

Der Planet könnte durch verschiedene Rückkopplungsprozesse im Klima- und Erdsystem in den anderen Systemzustand einer Heißzeit und in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima abrutschen. In dieser „Hothouse Earth“ gäbe es 4-5 Grad höhere Temperaturen und einen verstärkten Meeresspiegelanstieg von bis zu 60 Metern. Grund dafür sind Kippelemente im Klimasystem, die eine noch stärkere Erwärmung, auch ohne weiteres menschliches Zutun,  bewirken könnten.

Darauf weist ein internationales Team von Wissenschaftlern vom Stockholm Resilience Center, der Universität Kopenhagen, der Australian National University und vom Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in einer neuen Studie hin, die unter dem Titel “Trajectories of the Earth System on the Anthropocene” im amerikanischen Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschien ist.

Die weltweit für Aufsehen sorgende Studie untersucht, wie Veränderungen im Erdsystem die Erderwärmung beeinflussen.

„Industrielle Treibhausgasemissionen sind nicht der einzige Faktor, der die Temperatur auf der Erde beeinflusst. Unsere Arbeit weist darauf hin, dass eine vom Menschen verursachte globale Erwärmung von 2 Grad andere Prozesse des Erdsystems anstoßen könnte (oft als Rückkopplungen bezeichnet). Diese wiederum könnten die Erwärmung weiter vorantreiben, – selbst wenn wir aufhörten, Treibhausgase auszustoßen“, sagt Leitautor Will Steffen von der Australian National University (ANU) und dem Stockholm Resilience Centre (SRC).

Der Übergang zu einer emissionsfreien Weltwirtschaft müsse deshalb deutlich beschleunigt werden, argumentieren die Autoren.

Das heißt: Selbst bei Umsetzung der im Pariser Abkommen festgelegten Pläne zur Minderung von Treibhausgasemissionen, -was ja immer unwahrscheinlicher wird-, bleibt ein beträchtliches Risiko, dass der Planet in einen anderen Zustand kippt.

«Werden empfindliche Elemente des Erdsystems gekippt, könnte sich die Erwärmung durch Rückkoppelungseffekte selbst weiter verstärken“, so Mitautor und PIK-Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber. Die roten Linien für einige der Kippelemente liegen wohl genau im Pariser Korridor zwischen 1,5 und 2 Grad Erwärmung. „ Man könne sich nicht darauf verlassen, dass das Erdsystem bei 2 Grad langfristig sicher «geparkt» werden könne“, so Schellnhuber weiter.

 

Rückkopplungen und Kippelemente

Die Wissenschaftler verweisen in ihrer Studie auf zehn Aspekte des "Erdsystems", die von bislang "neutral" oder "hilfreich" zu "schädlich" kippen könnten. Dabei würden dann mehr CO2 und Methan in die Atmosphäre abgegeben, als durch jegliche menschliche Aktivität zusammengenommen.

Zu diesen Prozessen gehören der Studie zufolge unter anderem das Auftauen der seit Urzeiten gefrorenen Permafrostböden, das teilweise Absterben des riesigen Amazonas-Regenwalds und von Wäldern auf der Nordhalbkugel sowie das Schmelzen von Meereis und Eisschilden an den Polen. Auch die Destabilisierung sogenannter Methanhydrate in der Tiefsee oder die Vermehrung von treibhausgasproduzierenden Bakterien in den Ozeanen gehören zu diesen großen Risikofaktoren. Durch das Überschreiten kritischer Schwellen könnten Kippelemente in fundamental andersartige Zustände versetzt werden. Die Rückkopplungen könnten z.B. Kohlenstoffspeicher in Kohlenstoffquellen verwandeln, die in einer entsprechend wärmeren Welt unkontrolliert Emissionen freisetzen würden. Zu den kritischen Prozessen gehört insbesondere diese Schwächung der Kohlenstoffsenken an Land und in den Ozeanen, durch das teilweise Absterben des Amazonas-Regenwaldes (wurde im letzten Jahrzehnt von mehreren schweren Dürren heimgesucht)  und der borealen Wälder und z.B. durch das schwindende Phytoplankton.

Hinzu kommt eine verändert Wärmerückstrahlung (Albedo) durch die Verringerung der Schneedecke auf der Nordhalbkugel, den Verlust von arktischem und antarktischem Meereis sowie das Schrumpfen der großen Eisschilde.

Der Beitrag der Antarktis zum Anstieg des Meeresspiegels erweist sich überdies bereits als viel höher, als bisher angenommen.  Neuere Messungen und Simulationen zeigen besorgniserregende Ergebnisse. Die dortigen Eismassen reichen aus, um die Ozeane um unvorstellbare 60 Meter ansteigen zu lassen.

Im Erdsystem gebe es eine Reihe von "Dominosteinen", betonte Johan Rockström vom ebenfalls an der Studie beteiligten Stockholm Resilience Center. Falle einer dieser Steine um, könne er das gesamte Erdsystem weiter auf den nächste Kipppunkt zutreiben. Für die Menschheit würde es dann "sehr schwierig oder sogar unmöglich" werden, die komplette Reihe von "Dominosteinen" vor dem Umfallen zu bewahren. Nach PIK-Angaben könnte das bedeuten, dass sich der Klimawandel dann selbst verstärkt - "auf lange Sicht, über Jahrhunderte und vielleicht Jahrtausende".

Angesichts dieser Unsicherheiten fordern die Studienautoren, treibhausgasproduzierende Prozesse schneller zu beenden, etwa in der Industrie und in der Landwirtschaft.

 

Die Reduktion von Treibhausgasen allein reicht nicht aus

 „Die Treibhausgasemissionen aus Industrie und Landwirtschaft bringen unser Klima und letztlich das ganze Erdsystem aus dem Gleichgewicht, das zeigen wir auf.“ Die von den Treibhausgasen verursachte Erwärmung verändert und destabilisiert unsere natürliche Umwelt.  

„…Kippelemente können sich, – sobald ein bestimmtes Belastungsniveau einmal überschritten ist – grundlegend, schnell und möglicherweise irreversibel verändern. Gewisse Kaskaden solcher Ereignisse könnten das gesamte Erdsystem in eine neue Betriebsweise kippen“, sagt Hans Joachim Schellnhuber, amtierender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. „Was wir derzeit noch nicht wissen, ist, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2°C über dem vorindustriellen Niveau ‚geparkt‘ werden kann, wie es das Pariser Abkommen vorsieht. Oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen würde in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima. Die Schwelle hin zu einem deutlich anderen Zustand der Erde könne bei 2 Grad liegen, es sei aber unsicher, wo eine solche Schwelle tatsächlich liege. In diesem Jahr schien es allerdings, als sei die Schwelle bereits überschritten.

Um die Chancen zur Vermeidung einer „Heißzeit“ zu verbessern, braucht es nicht nur eine entschlossene Minderung von Kohlendioxid- und anderen Treibhausgasemissionen. Auch erweiterte biologische Kohlenstoffspeicher, etwa durch ein verbessertes Wald-, Landwirtschafts- und Bodenmanagement, oder die Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie Technologien, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen und unterirdisch zu speichern, können eine wichtige Rolle spielen, so die Autoren. Entscheidend sei, dass diese Maßnahmen durch grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gestützt werden.

 

Zusammengestellt  von Jürgen Tallig       August 2018                             tall.j@web.de

 

https://earthattack-talligsklimablog.jimdofree.com/

Artikel: Will Steffen, Johan Rockström, Katherine Richardson, Timothy M. Lenton, Carl Folke, Diana Liverman, Colin P.Summerhayes, Anthony D. Barnosky, Sarah E. Cornell, Michel Crucifix, Jonathan F. Donges, Ingo Fetzer, Steven J. Lade, Marten Scheffer, Ricarda Winkelmann, Hans Joachim Schellnhuber (2018). Trajectories of the Earth System on the Anthropocene. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). [DOI: 10.1073/pnas.1810141115} Weblink zum Artikel: www.pnas.org/content/early/2018/07/31/1810141115



Der Kapitalismus schließt eine wirksame Umwelt und Klimapolitik aus. - 18-08-18 20:55




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