TITANIC. CO2 - neutral


Bildmontage: HF

25.07.18
ÖkologiedebatteÖkologiedebatte, Umwelt, Debatte 

 

Ökologische Modernisierung als Konjunkturprogramm

Von Jürgen Tallig

Der CO2- Gehalt der Atmosphäre hat längst den natürlichen Schwankungsbereich zwischen 250 und 300 ppm verlassen und ist mit 410 ppm so hoch, wie seit etwa sechshunderttausend Jahren nicht mehr.

Diese Veränderung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Erde bereits in einer Warmzeit befindet und sie erfolgt nach erdgeschichtlichen Maßstäben so schnell, dass sich die Biosphäre nicht an diese sprunghafte Veränderung anpassen kann. Beim bisher schnellsten natürlichen Klimawandel, dem Paläozän-Eozän-Temperatur-Maximum (kurz PETM) vor 56 Millionen Jahren kam zu einer Erderwärmung von 5 Grad  innerhalb von 20000 Jahren und der Übergang von der letzten Eiszeit  ins derzeitige Holozän, als sich die Erde gleichfalls um 5 Grad erwärmte, dauerte immerhin auch 12000 Jahre.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Der menschgemachte Turboklimawandel verläuft viel schneller, als bisherige natürliche Klimaänderungen. Er ist kein normaler Klimawandel, wie es ja in der Erdgeschichte viele gab, sondern aufgrund seiner Geschwindigkeit, ein singuläres Ereignis, nämlich  inzwischen unübersehbar, eine kaum noch zu stoppende Klimakatastrophe.

Biosphäre, Klimasystem und entscheidende Regelkreise des Systems Erde stehen vor dem Kollaps.
Die derzeitige schnelle Freisetzung von gigantischen Mengen an Treibhausgasen ist erdgeschichtlich beispiellos und überfordert das System Erde. Allein unsere CO2-Emissionen von fast 40 Gt jährlich, sind zehnmal so hoch, wie bei vergleichbaren, natürlichen Klimaänderungen.

Die hehren Ziele des zahnlosen und unverbindlichen Pariser Klimavertrags, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei oder gar auf 1.5 Grad zu begrenzen, stehen bisher nur auf dem Papier und der CO2- Gehalt der Atmosphäre erreicht weiter jedes Jahr neue Rekordmarken. Es ist ein sehr hohes Risiko, dem bereits stark destabilisierten Klima- und Erdsystem weiterhin, derartig hohe Emissionen zuzumuten und es, wenn überhaupt, erst in einigen Jahrzehnten zu entlasten. Dann könnte es bereits zu spät sein.

Der ungebremste, globalisierte Turbokapitalismus produziert bereits jetzt, einen nie dagewesenen Turboklimawandel. Um noch Frieden mit der Erde schließen zu können, müssen die Emissionen sofort drastisch reduziert werden und schnellstmöglich gegen Null gehen.

Dagegen gibt es natürlich massive Widerstände in Wirtschaft und Politik, wie der G20-Gipfel in Hamburg und die Diesel- Konferenz in Berlin zeigten. Der fossile Machtkomplex will grundsätzlich weitermachen, wie bisher

und versucht jede Verteuerung und Besteuerung fossiler Brennstoffe zu verhindern. Es zeigt sich, dass die Klimakatastrophe nicht nur eine  technische, sondern vor allem eine politische Herausforderung ist.

Viel weniger CO2 statt immer mehr geht eben nur ohne fossile Brennstoffe und ohne ständiges Wachstum!

Der Kapitalismus ist nicht mehr zeitgemäß und dem Planeten nicht mehr zumutbar

Wir leben allerdings in einer Gesellschaftsstruktur, deren Bedingung und  Hauptziel unendliches Wirtschaftswachstum ist. Ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 2% ist allgemeiner gesellschaftlicher Konsens und 3% sind noch besser. Die immanenten Antriebsstrukturen kapitalistischer Gesellschaften, -Kapitalakkumulation, Geldvermehrung, der Zwang zu Mehrwert- und Profiterwirtschaftung, lassen keinen Stillstand zu und „erzwingen beständig erweiterte Reproduktion, auf immer höherer Stufenleiter“(Marx).

Ein Wachstum von 3% bedeutet aber eine Verdopplung des BIP in 25 Jahren, - und wir überlasten die Erde mit unseren Emissionen jetzt bereits um das Zehnfache.

2009 kam es zu einer Reduzierung des deutschen BIP um 5,4 % und auch die CO2-Emissionen reduzierten sich deutlich und real. Sehr gut für das Klima, möchte man meinen. Allerdings handelte es sich um die schwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik und es herrschte allgemeine Weltuntergangsstimmung. Was das Klima retten könnte, weniger Wachstum und Reduzierung des Wirtschaftsvolumens, bedroht den Kapitalismus in seiner Existenz.

Der Kapitalismus hat seine historische Mission längst übererfüllt und eine ungeheure Entfaltung der Produktivkräfte und von Wissenschaft und Technik bewirkt. Inzwischen sind die Produktivkräfte längst Destruktivkräfte geworden! Wachsende Wirtschaften bedeuten längst wachsende Zerstörung und wachsende Emissionen und damit den Weg in die Klimakatastrophe! Bereits in den 50er Jahren waren die CO2-Emissionen so hoch wie beim PETM. Bald werden sie sich im Vergleich zu damals verzehnfacht haben - ein erdgeschichtlich beispiellos schneller Eintrag riesiger Mengen von Treibhausgasen in die Atmosphäre.

Es besteht ein antagonistischer, also nicht lösbarer Widerspruch zwischen der Begrenztheit des Systems Erde und den kapitalistischen Wachstumsgesellschaften.

Dabei gibt es in den überentwickelten westlichen Industrieländern keine Notwendigkeit und keinen einzigen rationalen Grund für weiteres Wirtschaftswachstum. Der Wohlstand und der Energie- und Rohstoffverbrauch sind viel zu hoch. Bei gerechter Verteilung würde schon viel weniger ein gutes Leben für alle und auch die notwendigen Emissionsminderungen ermöglichen.

Wachstum bis es kracht

Lediglich der systemimmanente Zwang zur Mehrwert- und Profiterwirtschaftung und die Renditeerwartungen der Geld-und Kapitalbesitzer erfordern immer weiteres Wachstum, immer weitere Expansion. Die reichen Weltmarktgewinner zeigen sich deshalb nicht wirklich bereit zu irgendwelchen substanziellen Einschränkungen, nicht beim Profit und also auch nicht bei den Emissionen. Der Kapitalismus ist offenbar nicht fähig oder willens der „größten Gefahr und Herausforderung in der Geschichte der Menschheit“ (UN-Generalsekretär), der Klimakatastrophe, rechtzeitig adäquat zu begegnen und will es darauf ankommen lassen.

Die wahnwitzige Auffassung, man könne immer weiter expandierende ökonomische Systeme trotz Beschädigung und Zerstörung der ökosystemischen Grundlagen aufrechterhalten und vielleicht später noch etwas reparieren, scheint sich durchgesetzt zu haben.

Es stellt sich inzwischen dringlich die Frage, gerade auch für die Umweltbewegung, ob kapitalistische Gesellschaften die nötige Begrenzungsordnung überhaupt herbeiführen können und wollen.

Sie sind zu Expansion und Wachstum verdammt und deshalb unfähig in einen stationären, erdsystemkompatiblen Zustand überzugehen.

Aber das System ist flexibel und  will natürlich die Wachstumschancen, die der Klimawandel, der ökologische Umbau und das  weitverbreitete ökologische Bewusstsein bieten, ausnutzen,- für weiteres  zusätzliches,  Wachstum, versteht sich, einen prosperierenden Grünen Kapitalismus…

Ökologische Modernisierung als Konjunkturprogramm

Nach 25 Jahren „Klimaschutz“, in denen sich die weltweiten CO2- Emissionen und die Zahl der Autos verdoppelt haben, kann und muss man allerdings begründet sagen, dass die derzeitigen Strukturen nicht zukunftsfähig sind. Ihre technische und energetische Modifizierung allein, führt nicht zu den notwendigen Emissionsminderungen.

Weiteres Wachstum und die notwendigen drastischen Emissionsreduzierungen sind offensichtlich nicht zu vereinbaren. Trotz Energiewende, Effizienzsteigerung und teilweiser Verbrauchsenkung verfehlt auch Deutschland deutlich seine Klimaziele, die ja im Wesentlichen nur durch den Zusammenbruch und Umbau der ostdeutschen Wirtschaft überhaupt in greifbarer Nähe sind. Diese Umstände haben auch dazu geführt, dass Deutschland irrtümlich, als Vorreiter beim Klimaschutz wahrgenommen wurde.

Real und gleichzeitig ist der Exportweltmeister und Globalisierungsgewinner Deutschland ein Ausbremser von realem Klimaschutz, der seinen kriminellen Autokonzernen kompromisslos den Rücken freihält, wie der Abgasskandal, aber auch die Verhinderung höherer EU- Abgasnormen deutlich zeigten. Auch die längst überfällige Einführung einer europaweiten CO2- Steuer wird von Deutschland verhindert, obwohl die Klimawissenschaft sich einig ist, dass dies ein effektiver Weg zur Senkung der Emissionen wäre und die Mehrheit der EU- Mitglieder einverstanden wäre. Wenn man weiß, wie sehr sich Deutschland vom Autobau- und Export abhängig gemacht hat und wie hoch die Parteispenden der Autokonzerne sind, wundert man sich darüber auch nicht mehr. Man will die Welt auch weiterhin mit jährlich 12 Millionen Autos „beglücken“,- so hoch ist die weltweite Produktion der deutschen Autokonzerne-, Klimaschutz hin, Klimaschutz her.

Auch die Energiewende, wie alle anderen ökologischen Modernisierungsmaßnahmen erweist sich eher als Markterweiterungsmaßnahme und Zusatzkonjunkturprogramm,- und führt zu einem noch mehr an Angeboten und Möglichkeiten, ohne dass die anderen Wirtschaftssektoren dadurch schrumpfen würden. Das grüne Wachstum wird quasi noch oben drauf gepackt. So haben sich trotz des enormen Ausbaus der erneuerbaren Energien die Gesamtemissionen Deutschlands in den letzten neun Jahren nicht vermindert.

Auch die Ökologische Modernisierung der Autoflotten scheint eher ein abgestuftes Konjunkturankurbelungsprogramm: Drei Wege- Kat, Zweitwagen, Abwrackprämie, Dieselfahrverbote, Hybrid- und Elektroautos und dann das Wasserstoffauto, alles ist recht, damit weiter Autos gebaut werden können und die übersättigten Märkte wieder etwas Nachfrage generieren. Ob nun durch sacht steigende Umweltnormen, angeheizte Debatten über Belastungsgrenzen, eingebauten oder moralischen Verschleiß, -Hauptsache es wird gekauft. Der eigentlich notwendige Abschied vom Auto, die einzig realistische Alternative, bleibt dagegen „undenkbar“. „Es muss ja weitergehen…“, auch wenn dadurch das Klimasystem kollabiert.

 Zur Herstellung eines Elektroautos benötigt man doppelt so viel Energie (wegen der Batterieherstellung) wie für einen Benziner und solange der Strom überwiegend mit fossilen Brennstoffen erzeugt wird, ist mit Strom fahren auch nicht klimafreundlicher. Das technisch längst mögliche 3- Liter- Auto wird allerdings nachwievor nicht gebaut. Ganz im Gegenteil, die Autos werden immer größer und schwerer, statt kleiner und leichter und ihr Verbrauch nimmt zu statt ab, was man mit kriminellen Methoden zu verschleiern sucht. Das Marktsegment der spritschluckenden schweren Luxuslimousinen bleibt ohnehin völlig unangetastet. Die riesigen SUV wurden in den USA sogar steuerlich begünstigt, was diesen, angesichts der Klimakatastrophe, völlig absonderlichen Hype auslöste, der ja auch Europa erreichte. Es geht um Profit, nicht um das Klima.

Die Titanic wird ein wenig umgerüstet und mit Segeln, Windrädern, schweren Batterien und einem zusätzlichen Biogasantrieb versehen und natürlich wird der Müll getrennt und dann in Müllverbrennungsanlagen verfeuert. Doch auch die „grüne“, „CO2- neutrale“ Titanic bleibt mit unveränderter Geschwindigkeit weiter auf Kollisionskurs mit dem Planeten, denn ihr Hauptantrieb bleibt in Betrieb und produziert unverändert viel zu viele Treibhausgase und auch der Kurs in eine Zukunft ewigen Wachstums steht keineswegs in Frage,

- bis es kracht!

 

Jürgen Tallig   2018                                       tall.j@web.de

 

Literatur:

Lee R.Kump, Was lehrt uns die letzte Erderwärmung, Spektrum Spezial 4/2012 www.spektrum.de/artikel/1121040

S. Rahmstorf, Können wir die globale Erwärmung rechtzeitig stoppen?, KlimaLounge,11.04.2017

U.Brand/M.Wissen, Imperiale Lebensweise, 2017

Fred Luks, Die Zukunft des Wachstums, 2001

WBGU, Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation, Hauptgutachten 2011

WBGU, Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken, 2014

WBGU, Klimaschutz als Weltbürgerbewegung, Sondergutachten 2014

WBGU, Entwicklung und Gerechtigkeit durch Transformation, Sondergutachten 2016

Umweltbundesamt, Nachhaltiges Deutschland, 1997

„Zukunftsfähiges Deutschland“, Studien des Wuppertal Instituts 1997 und 2008



Was sind die entscheidenden Faktoren die den Klimawandel ausmachen? - 21-07-18 20:57




<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz